«Die Dieselfrage ist für Porsche kein Tabu»

Interview Porsche-Entwicklungschef Wolfgang Dürheimer

Wolfgang Dürheimer © Porsche

Porsche rechnet nicht damit, dass sich beim C02-Ausstoß ein herstellerbezogener Grenzwert durchsetzen lässt. «Damit würden einige Unternehmen deutlich benachteiligt und andere bevorzugt werden», sagte Porsche-Entwicklungs-Vorstand Wolfgang Dürheimer der Autogazette.

Der Stuttgarter Sportwagenhersteller Porsche geht davon aus, die C02-Emissionen seiner Flotte bis zum Jahr 2012 um bis zu 25 Prozent zu reduzieren. «Und das wird sicher noch nicht das Ende der Fahnenstange sein. Wir sehen das Potenzial, sogar 30 Prozent Reduzierung zu erreichen», sagte Forschungs- und Entwicklungs-Vorstand Wolfgang Dürheimer im Interview mit der Autogazette. Derzeit emittiert die Porsche-Flotte 285 Gramm C02 pro Kilometer.

«Kann Cayenne nicht mit Smart vergleichen»

«Sollte tatsächlich jeder einzelne Hersteller verpflichtet werden, den Durchschnittswert seiner Flotte auf 130 Gramm zu senken, könnte Porsche dicht machen. Das schaffen nur Volumenhersteller mit einem hohen Kleinwagen-Anteil», sagte Dürheimer mit Blick auf eine entsprechende Forderung der EU-Kommission. «Man kann einen Smart eben nicht mit einem Cayenne vergleichen. Deshalb fordern wir ja auch eine Segmentbetrachtung. Ich glaube übrigens nicht, dass sich ein herstellerbezogener Grenzwert durchsetzen lässt. Damit würden einige Unternehmen deutlich benachteiligt und andere bevorzugt werden», fügte der Porsche-Manager hinzu. «In diesem Fall müsste also der Wettbewerbskommissar eingreifen. Was wir brauchen, ist eine wettbewerbsneutrale Lösung, die allen Herstellern gleiche Anstrengungen abverlangt.»

«Marginaler Anteil am CO2-Ausstoß»

Greenpeace-Protest bei Porsche in Stuttgart Foto: dpa

Autogazette: Herr Dürheimer, wie fühlt man sich in diesen Tagen, wenn man von Greenpeace als Produzent von Klimaschweinen bezeichnet wird?

Wolfgang Dürheimer: Den Vorwurf, wir seien Klimaschweine, weise ich ganz entschieden zurück. Nicht nur, weil das gegenüber der intelligenten Spezies der Schweine nicht fair ist. Auch die Fakten sprechen eindeutig dagegen. Wegen unserer geringen Stückzahlen hat Porsche nur einen marginalen Anteil am CO2-Gesamtausstoß. In Deutschland liegt er unter einem Promille.

Autogazette: Derzeit emittiert die Porsche-Flotte rund 300 Gramm CO2 pro Kilometer. Welchen Wert werden Sie bis zum Jahr 2012 erreichen? Denn dann fordert die EU-Kommission einen Durchschnittswert von 130 Gramm.

Dürheimer: Sorry, aber die 300 Gramm sind falsch. Aktuell liegt der Wert der Porsche-Flotte bei 285 Gramm pro Kilometer. Darüber hinaus sind wir dabei, die Emissionen bis 2012 weiter um bis zu 25 Prozent zu senken. Und das wird sicher noch nicht das Ende der Fahnenstange sein. Wir sehen das Potenzial, sogar 30 Prozent Reduzierung zu erreichen.

«Brauchen wettbewerbsneutrale Lösung»

Designstudie Porsche Panamera Foto: Porsche

Autogazette: Erwarten Sie als Sportwagenhersteller von der EU-Kommission eine Ausnahmeregelung, beispielsweise eine Bemessung nach Hubraum?

Dürheimer: Sollte tatsächlich jeder einzelne Hersteller verpflichtet werden, den Durchschnittswert seiner Flotte auf 130 Gramm zu senken, könnte Porsche dicht machen. Das schaffen nur Volumenhersteller mit einem hohen Kleinwagen-Anteil. Man kann einen Smart eben nicht mit einem Cayenne vergleichen. Deshalb fordern wir ja auch eine Segmentbetrachtung. Ich glaube übrigens nicht, dass sich ein herstellerbezogener Grenzwert durchsetzen lässt. Damit würden einige Unternehmen deutlich benachteiligt und andere bevorzugt werden. In diesem Fall müsste also der Wettbewerbskommissar eingreifen. Was wir brauchen, ist eine wettbewerbsneutrale Lösung, die allen Herstellern gleiche Anstrengungen abverlangt.

Autogazette: Würden Sie sich eine Bemessung des CO2-Werts nach Hubraum wünschen?

Dürheimer: Wenn der CO2-Ausstoß des Pkw-Verkehrs wirklich nachhaltig gesenkt werden soll, macht es keinen Sinn, allein die Premium-Anbieter in die Pflicht zu nehmen. Schließlich fahren nur wenige Oberklasse-Fahrzeuge auf den Straßen, dafür aber Millionen Klein- und Kompaktwagen. Und die weisen im Verhältnis zu ihrem geringen Gewicht und kleinen Hubraum häufig recht stolze Emissionswerte auf. Vor allem hier, in der breiten Masse, müssen wir also ansetzen, um im Sinne des Klimaschutzes zu einer positiven Gesamtbilanz zu kommen. Die gesetzliche Bemessungsgrundlage ist dabei zweifellos ein entscheidender Punkt. Als fairen Vergleichswert könnte man beispielsweise die CO2-Emissionen pro PS oder pro Kubikzentimeter Hubraum heranziehen.

Autogazette: Porsche hat eben den neuen Cayenne Hybrid gezeigt. Wann wird er auf den Markt kommen, 2009 oder 2010?

Dürheimer: Auf jeden Fall noch in diesem Jahrzehnt.

«Die Zeit ist reif»

Porsche Cayenne Hybrid Foto: Porsche

Autogazette: Porsche stellt diese neue Spar-Technologie zweieinhalb Jahre vor einer Markteinführung vor. Warum so früh? Muss Porsche Signale für Umwelt und Kundschaft setzen?

Dürheimer: Die Zeit ist reif, um Kunden und Öffentlichkeit zu demonstrieren, welche enormen Fortschritte Porsche bei der Entwicklung des Hybrid-Antriebs gemacht hat. Und das wollen wir natürlich nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis belegen. Anhand unserer ersten Cayenne-Prototypen mit Hybrid-Technik zeigen wir, dass es uns gelungen ist, innovative Technologien zur Verbrauchsminderung mit Porsche-typischem Fahrspaß zu verbinden. Manche sind sicher überrascht, wie weit wir hier schon sind.

«Hybrid vorerst nicht für alle Motorvarianten»

Autogazette: Wenn wir dieses Hybrid-Konzept begutachten, stellen wir fest, dass es auf alle Motorisierungen übertragbar wäre. Wird es 2010 den Porsche-Hybrid-Antrieb für alle sportlichen Cayenne-Modelle geben?

Dürheimer: Momentan ist nicht geplant, den Hybrid für alle Motorvarianten anzubieten. Wir konzentrieren uns jetzt erst einmal auf die Version mit dem größten Einsparpotenzial - und das ist der Cayenne V6 mit 3,6 Liter Hubraum und 290 PS. Sollten unsere Kunden diese Technologie später auch in den höher motorisierten Varianten nachfragen, werden wir uns natürlich auch darüber Gedanken machen.

Autogazette: Wann wird denn der Panamera Gran Turismo als Hybrid auf den Markt kommen?

Dürheimer: Schauen wir mal. Der Panamera befindet sich ja noch mitten in der Entwicklungsphase und wird erst 2009 auf den Markt kommen. Doch eines ist klar: Wir beschäftigen uns auch bei diesem Modell intensiv mit dem Thema Hybrid. Wann der Panamera als Hybrid-Variante in Serie gehen wird, ist aber noch nicht entschieden.

«Fokus liegt auf Cayenne Hybrid»

Der Porsche 911 Carrera 4S Foto: AG/Mertens

Autogazette: Gibt es Überlegungen, auch den 911 oder den Boxster mit einem Hybrid anzubieten?

Dürheimer: Natürlich befassen wir uns auch mit dieser möglichen Option. Eine Entscheidung gibt es dazu aber noch nicht. Im Moment fokussieren wir uns ausschließlich auf den Cayenne Hybrid.

Autogazette: Der Cayenne Hybrid verfügt über Komponenten wie die Bremsenergie-Rückgewinnung, die sich auch in anderen Modellen darstellen ließen. Wird es so etwas oder beispielsweise eine Start-Stopp-Funktion in anderen Porsche-Fahrzeugen geben?

Dürheimer: Unsere Sportwagen sind schon heute hoch effizient. Das Gewicht haben wir durch ultimativen Leichtbau auf ein Minimum reduziert. Sie weisen exzellente cw-Werte auf. Und die Motoren stellen ein Optimum aus Leistung und Kraftstoffverbrauch dar. Deswegen sehen wir bei den Sportwagen aktuell keine Dringlichkeit. Die Betonung liegt hier aber auf aktuell.

«Hoher Stellenwert von Biokraftstoffen»

Autogazette: Sie sprechen die Effizienz an: Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang für Sie alternative Kraftstoffe wie Bioethanol?

Dürheimer: Eine bedeutende. Bereits heute können unsere Sportwagen mit Kraftstoffen betrieben werden, die einen Bioethanol-Anteil von bis zu 10 Prozent aufweisen. Unser Cayenne verträgt sogar 25 Prozent. In dieser Größenordnung reduziert sich dann auch der CO2-Ausstoß. Derzeit arbeiten wir an der Entwicklung von Motoren, die sogar mit einer Beimischung von 85 Prozent fahren. Unsere Rennmotoren im RS Spyder zum Beispiel, die in der American Le Mans-Serie sogar den Diesel besiegen, laufen bereits mit 30 Prozent Bioethanol.

Autogazette: Wann wird es einen Porsche geben, der zu 100 Prozent mit E85 oder E100 betankt werden kann?

Dürheimer: Das hängt von der Bereitstellung dieser Kraftstoffe über das Tankstellennetz ab und kann deshalb nur Zug um Zug erfolgen. Hier hat die Mineralölindustrie sicher noch die eine oder andere Hausaufgabe zu erledigen. Zur Zeit wird ja noch nicht einmal E10 flächendeckend angeboten.

Dieselfrage für Porsche kein Tabu«

Autogazette: Bleibt der Diesel ein Tabuthema bei Porsche?

Dürheimer: Die Dieselfrage ist für Porsche kein Tabu. Sie wird bei uns kontinuierlich überprüft. Bisher sind wir allerdings der Meinung, dass der Diesel nicht zu unserer Produktphilosophie passt - vor allem wegen der Motorcharakteristik und des zusätzlichen Gewichts, aber auch wegen seines Emissionsverhaltens.

Das Interview mit Wolfgang Dürheimer führte Frank Mertens