«Idee von Offsets hat sich in Art Monster verwandelt»

Fredrika Klarén, Head of Sustainability Polestar

«Idee von Offsets hat sich in Art Monster verwandelt»
Fredrika Klarén ist Head of Sustainability bei Polestar. © Polestar

Es gibt kaum noch einen Hersteller, der sich nicht zur Klimaneutralität bekennt. Polestar will bis 2030 sogar ein klimaneutrales Fahrzeug bauen. Darüber sprach die Autogazette mit Fredrika Klarén, dem Head of Sustainability bei dem Autobauer.

Der schwedische Elektroautobauer Polestar will bis 2030 ein komplett klimaneutrales Auto bauen. Dabei hat sich die Volvo-Tochter zum Ziel gesetzt, dass dieses Modell nicht nur rein bilanziell klimaneutral ist.


„Wir beziehen alles in die Rechnung mit ein. Die Lieferströme, die unser Unternehmen erreichen, die Prozesse innerhalb des Unternehmens und danach auch die Faktoren, die mit der Benutzung unserer Produkte einhergehen“, sagte Fredrika Klarén, der Head of Sustainability bei Polestar, im Interview mit der Autogazette.

«Versuche in Sachen Emissionen pragmatisch zu sein»

Polestar will ein klimaneutrales Auto bauen. Foto: Polestar

Autogazette: Frau Klarén, Polestar hat das Ziel ausgegeben, bis 2030 ein komplett klimaneutrales Auto zu bauen. Was ist Ihre Definition von Klimaneutralität?

Fredrika Klarén: Wir sprechen von Klimaneutralität, wenn es uns gelingt, alle Emissionen zu vermeiden, die einen Einfluss auf das Klima haben können. Dabei rechnen wir nicht nur Kohlendioxid mit ein, sondern auch alle anderen Gase, die das Potenzial haben, die Erderwärmung zu beeinflussen.

Autogazette: Das bedeutet also, dass Sie nicht nur bilanziell klimaneutral sein wollen, sondern auch in der kompletten Produktion auf die Vermeidung von Treibhausgasen setzen?

Klarén: Ja, wir beziehen alles in die Rechnung mit ein. Die Lieferströme, die unser Unternehmen erreichen, die Prozesse innerhalb des Unternehmens und danach auch die Faktoren, die mit der Benutzung unserer Produkte einhergehen.

Autogazette: Kommen für Sie auch Kompensationsgeschäfte wie etwa der Kauf von Wäldern, so genannte Offsets, in Frage, um in der Schlussabrechnung das gewünschte Ergebnis von „Zero Emission“ zu erzielen?

Klarén: Unglücklicherweise müssen wir erkennen, dass die Idee von Offsets, die schon in den späten 90er Jahren von der UN angestoßen wurde, sich in eine Art Monster verwandelt hat, das es Menschen erlaubt, weiterhin zu verschmutzen. Sie kaufen sich praktisch frei von der Verpflichtung, Emissionen zu reduzieren. Wir haben nicht erkennen können, dass die Offset-Praxis einen tatsächlichen Einfluss im Sinne der Verringerung von Emissionen hat. Ich versuche, in Sachen Emissionen pragmatisch zu sein. In einem Unternehmen kann ich genau kalkulieren, was erzeugt Klima-Gase und was vermeidet sie. Bäume zu pflanzen ist etwas, was ich als Berechnungsfaktor in die Kalkulation aufnehmen kann, aber in der Realität verringert es nicht die Abgabe von Triebhausgasen in die Umwelt.

«Es ist, als ob man eine Mondlandung plante»

Nachhaltigkeit steht bei Polestar im Fokus. Foto: Polestar

Autogazette: Wie können Sie in der Autoproduktion vor dem Hintergrund der großen Zuliefererkette überhaupt garantieren, klimaneutral zu sein? Zum Beispiel mit Blick auf die Rohstoffe für die Batterien.

Klarén: Das ist eine große Herausforderung. Gegenwärtig kann ich praktisch nichts garantieren. Es ist, als ob man eine Mondlandung plante. Wir wissen noch nicht genau, wie wir damit umgehen, wir wissen nur, dass wir dieses Ziel erreichen müssen. Wir als Industrie-Unternehmen haben uns die Verpflichtung auferlegt, bis 2030 ein klimaneutrales Auto liefern zu können. Nur, wenn wir es uns vornehmen, können wir dies auch erreichen. Aber jetzt geht die Arbeit richtig los, vor allem, in dem wir die Transparenz auf allen Gebieten erhöhen und in der Zulieferkette glaubwürdige Prozesse schaffen.

Autogazette: Welche Rolle spielt auf dem Weg in die Klimaneutralität die Blockchain? Lässt sich mit ihr prüfen, ob wirklich die nötigen Standards eingehalten werden?

Klarén: Sie ist der effizienteste Weg, die Standards zu überprüfen. Wir müssen die Transparenz verbessern und die Blockchain gibt uns die Chance dazu, Lieferketten nachvollziehbar zu machen. In vielen Bereichen des Handels sehen wir schon, dass es funktioniert. Es können Daten zu allen möglichen Einzelschritten isoliert und ausgewertet werden. Und die Blockchain ist fälschungssicher.

«Müssen jetzt entscheiden, was wir schaffen wollen»

Autogazette: Mittlerweile überbieten sich Hersteller in Ankündigungen darüber, bis zum Jahr 2050 klimaneutral sein zu wollen. Ist eine solche Ankündigung mit Blick auf das Paris-Abkommen nicht eine Selbstverständlichkeit?

Klarén: Ja, das ist es und ich bin sehr glücklich, dass diese Frage so viele beschäftigt. Es ist wichtig, dass sich viele auf das Ziel „Null“ verständigen, aber auch darauf, wie schnell wir die Emissionen reduzieren wollen. Würden wir zum Beispiel bis 2038 so weitermachen wie bisher und dann sehr plötzlich und stark reduzieren, wäre es trotzdem nicht mehr möglich, das gemeinsame Ziel zu erreichen. Ich sehe es deshalb als sehr positiv an, dass zwischen den Unternehmen viel Bereitschaft und Einigkeit herrscht, welche Aufgaben gelöst werden müssen. Aber wir müssen jetzt entscheiden, was wir in dieser Dekade schaffen wollen.

Autogazette: Der Weg in eine nachhaltige Mobilität ist wie ein Marathon-Lauf. Auf welchem Kilometer vor dem Ziel befindet sich Polestar derzeit?

Klarén: In unseren Ambitionen sind wir schon sehr weit, aber als ziemlich junges Unternehmen haben wir auch einen langen Weg vor uns. Wir sind gut aus den Startlöchern gekommen, das haben wir unseren Mutter-Gesellschaften zu verdanken. Bei Volvo und auch bei Geely sind die Voraussetzungen für unser ambitioniertes Ziel gut, deshalb würde ich sagen: es ist noch gut 40 Kilometer weit weg, aber wir haben enormes Tempo drauf.

«Größtmögliche Transparenz erforderlich»

Autogazette: Polestar war einer der ersten Hersteller, die eine Ökobilanz für den Polestar 2 präsentiert hat. Wie wichtig ist für Sie eine solche Transparenz und wie können Sie andere Hersteller dazu bewegen, es Ihnen gleich zu tun?

Klarén: Als ich vor einem Jahr bei Polestar anfing, gab es in Schweden eine große öffentliche Debatte um den Nutzen von Elektro-Autos und diese Diskussion hält noch an. Doch inzwischen ist vielfach nachgewiesen, dass ein E-Auto wie der Polestar 2 Fahrzeuge wie etwa als der XC-Reihe von Volvo in der Umweltbilanz schlägt, egal mit welcher Art von Strom er betankt wird. Wir möchten diese Vergleichsdiskussionen beenden und den Blick darauf richten, wie können wir die Produktion der Autos nachhaltiger gestalten. Und dafür ist die größtmögliche Transparenz erforderlich.

Autogazette: E-Autos sind nur dann ökologisch, wenn Sie nicht nur klimaneutral produziert, sondern auch mit Ökostrom geladen werden. Müsste man nicht Zweifel an der Realisierbarkeit des Ziels bekommen, wenn man sich das Tempo des Ausbaus erneuerbarer Energien ansieht?

Klarén: Ich bin da sehr zuversichtlich. Wir sehen große Investitionen in diesem Bereich, Erzeugungs-Kapazitäten werden ausgebaut, Verteilungsnetze, Ladestationen. Und wir sehen auch, dass sich der ökologische Fußabdruck zum Beispiel eines Polestar 2 halbiert, wenn wir ihn mit erneuerbarer Energie laden, anstatt mit dem normalen Strommix. Es hat also einen großen Effekt, mit grünem Strom zu laden. Es kommt nicht zuletzt auch auf die Kunden an, sie müssen Transparenz von ihren Versorgern und grünen Strom nachfragen. Wir möchten ihnen bei diesem Prozess helfen.

Autogazette: Es kommt aber nicht nur auf die Transparenz an, welchen Strom ich aus meiner Ladesäule bekomme, sondern auch auf Preistransparenz. Im Moment ist die Lage noch sehr unübersichtlich. Der Polestar 2 wird in China produziert. Das Land ist beim Klimaschutz kein Vorreiter. Ist das für Sie eine Frage der Glaubwürdigkeit?

Klarén: Wir werden das oft gefragt, denn viele Menschen sind besorgt darüber. Aber ich sehe das aus einer anderen Perspektive. In China ist ein erstaunlicher Trend zu beobachten, dass sich viele Menschen für einen nachhaltigen Lebensstil interessieren. Wir betreiben Marktforschung zu diesem Thema. Einerseits investiert China zwar noch immer in Kohlegewinnung, andererseits ist da der parallele Trend zur Nachhaltigkeit. Das ist übrigens auch in vielen anderen Ländern so, zum Beispiel in Schweden, dass es Bewegungen in unterschiedliche Richtungen gibt. Es handelt sich also um ein globales Thema. Wir wollen auf der richtigen Seite stehen. Wenn wir Geschäfte in China betreiben, verlangen wir erneuerbare Energie, in unserem Werk haben wir sie zu 100 Prozent. Wir wollen ein Vorbild in der Autoindustrie sein.

«Keine Frage nach entweder oder»

Autogazette: Wie wollen Sie die Kunden dazu bringen, sich mehr für Nachhaltigkeit zu interessieren, anstatt ihre Kaufentscheidung nach Design, Nutzen oder Preis zu treffen?

Klarén: Wir denken, dass Design, Technik und Nachhaltigkeit zusammengehören. Es ist keine Frage nach entweder oder. Meiner Ansicht nach ist unsere Formensprache eine Stärke, wenn es um unser Nachhaltigkeits-Konzept geht. Wenn Kunden sich durch ein schönes Auto angezogen fühlen, das außerdem eine gute Leistung bietet und auch noch nachhaltig produziert ist, dann können wir damit das Kundeninteresse fördern. Bislang war es oft so, dass Kunden Opfer bringen mussten, wenn sie ein nachhaltiges Auto fahren wollten. Ich habe das selbst erlebt mit meinen Autos in den letzten acht Jahren. Sie waren zwar elektrisch, aber hässlich. Ich glaube, dass solche Kompromisse nicht mehr sein müssen, weil wir alles zusammen in einem Paket anbieten können.

Autogazette: Nachhaltig hergestellte Produkte, nicht nur Autos, sind teurer als konventionell erzeugte und das wird wohl auch noch eine Weile so bleiben. Wie können Kunden überzeugt werden, mehr Geld auszugeben.

Klarén: Man muss ihnen ein attraktives Angebot machen. Deshalb müssen wir stärker kommunizieren, was uns und unsere Produkte ausmacht. Wir können nicht erwarten, dass Kunden sich dafür entscheiden, wenn wir ihnen nicht erklären, was gut an Nachhaltigkeit ist. Ich glaube, wir können ein Unternehmen sein, dass Menschen inspiriert und in ihnen den Wunsch weckt, einen mehr auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Lebensstil zu entwickeln. Selbst wenn es bedeutet, etwas mehr für dieses oder jenes Produkt zu zahlen. Wie Sie wissen, war ich früher bei Ikea. Ich denke deshalb, dass Nachhaltigkeit auch demokratisch sein muss.

«Nachhaltigkeit bedeutet nicht zwangsläufig steigende Kosten»

Das Polestar-Werk im chinesischen Chengdu. Foto: Polestar

Autogazette: Aber es sieht so aus, als werde Nachhaltigkeit auf lange Sicht etwas für wohlhabende Menschen bleiben.

Klarén: Nein, keinesfalls. Absolut nicht. Dazu wollen wir vermitteln, dass Nachhaltigkeit nicht zwangsläufig steigende Kosten bedeutet, sondern dass sie auch hilft, Kosten zu sparen. Als Premiummarke haben wir die Möglichkeit, nach Wegen zu suchen, ein Auto auf bessere Weise herzustellen als es bisher üblich war, innovative Fertigungsmethoden anzuwenden, neue Materialien zu verarbeiten und damit letztlich einen Nutzen für die ganze Industrie zu erzielen.

Das Interview mit Fredrika Klarén führte Axel. F. Busse

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