Tabubruch: Familienkutsche von Ferrari

Sportlichkeit trifft Bequemlichkeit

Der Ferrari FF, sogar bequeme Sitze gibt es © dpa

Ein Trend hat nun auch die Luxusklasse erreicht: Einst ausschließlich auf Sportlichkeit fixierte Hersteller wie Ferrari oder Porsche wenden sich einst verpönten Familienkutschen zu.

Eines der letzten Tabus in der Autowelt ist gebrochen: Aston Martin und Porsche tasten sich mit Rapide und Panamera in die Welt der Luxuslimousinen vor. Und sogar Ferrari baut jetzt eine Familienkutsche. Auch wenn dem gerade auf dem Genfer Autosalon enthüllten Ferrari FF streng genommen zwei Türen fehlen, ist das neue Flaggschiff aus Maranello nichts anderes als ein besonders sportlicher Kombi.

Trend erreicht Luxusklasse

Damit erreicht ein Trend die Luxusklasse, der ein paar Segmente weiter unten mit Autos wie dem Audi A4 Avant, Alfa 156 Sportwagon oder Opel Insignia Sports Tourer schon seit Jahren erkennbar ist. Nicht die Last, sondern die Lust steht bei der Entwicklung im Vordergrund - und der frühere Lademeister wird zum Lifestyle-Objekt.

Für den Designkritiker Paolo Tumminelli von der Kölner International School of Design ist das eine logische Folge des gesellschaftlichen Wandels: «Zusammen mit dem traditionellen Familienbild ist auch der klassische, geräumige Kombi untergegangen. Jetzt sind, wenn überhaupt, Kleinfamilien in Großraumfahrzeugen angesagt», erklärt er. So wie aus der Limousine das viertürige Coupé und aus dem Stadtwagen ein «City-Flitzer» geworden sei, bekomme nun auch der Kombi ein sportliches Image verliehen.

Ferrari FF mit SItzkomfort

Ein Porsche mit vier Türen, der Panamera Porsche

Kein Auto zeigt das besser als der Ferrari FF. Stolz sprechen die Italiener vom mittlerweile 485 kW/660 PS starken V12-Motor, einer Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 3,7 Sekunden und 335 km/h Spitzentempo. Und im gleichen Atemzug reden sie über den Sitzkomfort im Fond, die umklappbare Rückbank und bis zu 800 Liter Kofferraumvolumen - als hätten solche Werte bis dato je bei einem Ferrari interessiert.

Die Fiat-Tochter steht mit ihrem Hochgeschwindigkeits-Kombi nicht alleine da: Vor den Toren von Mailand hat zum Beispiel der Karosseriebauer Touring Superleggera aus der Erinnerung an die einst vor allem von den Engländern gepflegte Fahrzeuggattung des Shooting Brakes ein Geschäft gemacht. Für rund 600 000 Euro baut das Unternehmen seit gut einem Jahr den Bentley Continental zum Luxus-Lademeister Flying Star um. In jeweils rund 4000 Stunden Handarbeit sollen insgesamt 20 zweitürige Lifestyle-Laster mit 400 bis 1200 Litern Ladevolumen entstehen. Der 6,0 Liter großen W12-Motor mit 449 kW/610 PS bringt das Auto auf eine Höchstgeschwindigkeit von 322 km/h.

Dass die Lust am Lastenwagen kein Vermögen kosten muss, will im kommenden Jahr Mercedes beweisen. Nachdem die Schwaben mit der ersten Generation des CLS den Trend zur viertürigen Limousine losgetreten hatten, wollen sie mit der zweiten Auflage die nächsten Nische öffnen: «Ab 2012 verkaufen wir das Auto auch als Shooting Brake», bestätigt Designchef Gorden Wagener. Dabei verweist er auf die gleichnamige Studie eines Viertürers mit Coupé-Silhouette und Kombi-Heck, die bereits 2010 enthüllt wurde.

Aber auch in einem Kombi nach konventionellem Strickmuster steckt mitunter ein Sportwagen. Das beweist zum Beispiel der Tuner G-Power in Aresing (Bayern). Auf Basis des BMW M5 Touring entsteht dort für 288 000 Euro der Hurricane RS, den das Unternehmen als schnellsten und stärksten Lademeister der Welt feiert. Dafür haben die Bayern die Leistung des 5,0 Liter großen V10-Motors aus dem Serienmodell mit zwei Kompressoren um etwa 50 Prozent auf 551 kW/750 PS gesteigert. Damit erreicht der Wagen 360 km/h.

Neues Konzept

Mit solchen Fahrzeugen nimmt in den Augen Tumminellis ein neues Automobilkonzept Gestalt an: der «Ikea-Express». «Weil Frau mittlerweile selber fährt, versucht Mann sie zu beeindrucken, indem er Billy-Regale in Tiefflieger mit Turbo-Look zulädt», sagt der Experte. Man dürfe aber nicht alles in einen Topf werfen und schnelle Lastenträger nicht mit praktischen Shooting-Brake-Sportwagen verwechseln: «Dazwischen liegen Welten - und zwei Türen.»

Denn der wahre Shooting Brake sei kein tiefer gelegter Kombi, sondern eher ein «Huckepack-Coupé», also ein Sportwagen mit Heckklappe. Und der müsse nicht unbedingt einen höheren Nutzwert haben. Im Vergleich zum reinen Sportwagen wirke ein Shooting Brake aber vernünftiger und stehe deshalb nicht so sehr in der Kritik.
Die Idee vom Shooting Brake, wie sie jetzt auch Ferrari beim FF umgesetzt hat, ist nicht neu. Sie konnte sich bislang nur nicht so richtig durchsetzen, sagt Tumminelli mit Blick auf Modelle wie den raren Sportkombi des Jaguar E-Type, den Reliant Scimitar GTe oder den Porsche 928: «Preis und Leistung lagen auf dem Niveau echter Sportwagen, doch waren die Autos für einen nachhaltigen Erfolg offenbar zu vernünftig und zu funktional», stellt der Designer fest. Wer das nicht glaubt, dem empfiehlt er die James-Bond-Filme. «Eine Analyse seiner Dienstwagen beweist: Ein echter Held braucht keinen Kofferraum.» (dpa/tmn)