Crashtest verscheucht Zweifel am Motorrad-Airbag

Motorrad-Airbag beim Crashtest © Foto: ADAC

Airbags für Motorräder wurden lange Zeit hinterfragt. Crashtestergebnisse überraschten nun selbst die Experten.

Von Felix Rehwald

Im Auto gehören Airbags zur unverzichtbaren Sicherheitsausstattung. Kaum ein Hersteller bringt heute mehr ein Modell auf den Markt, das nicht zumindest über einen Fahrer-Airbag verfügt. Beim Motorrad ist das anders: Seit Jahrzehnten wird an vergleichbaren Systemen geforscht, doch nur Honda bietet bislang einen Airbag für den Luxus-Tourer Goldwing an. Grund dafür ist neben der komplizierten Umsetzung der Technik für Zweiräder, dass der Schutz durch Motorrad-Airbags generell in Frage gestellt wurde.

Sicherheit erheblich verbessert

Diese Zweifel dürfte ein Vergleichs-Crashtest des ADAC mit zwei Honda Goldwing jetzt ausgeräumt haben: Er belegt, dass Motorrad-Airbags die Sicherheit erheblich verbessern können. Sie verringern insbesondere bei Frontalzusammenstößen mit Autos das tödliche Verletzungsrisiko der in diesen Situationen kaum geschützten Fahrer: Während im Test mit Airbag am Dummy keine lebensbedrohlichen Werte gemessen wurden, waren die Werte ohne Airbag absolut tödlich.

Für den Versuch hatte der ADAC eine Goldwing GL 1800 mit und eine ohne Airbag jeweils mit 72 Stundenkilometern (km/h) im rechten Winkel gegen einen VW Sharan krachen lassen. Dieses Szenario entspricht nach Angaben des ADAC in München der schlimmsten Unfallkonstellation, ist aber prinzipiell mit der eines Kreuzungsunfalls vergleichbar.

Erwartungen übertroffen

Das Testergebnis übertrifft nach Angaben des ADAC-Motorradexperten Ruprecht Müller die Erwartungen: Der sich blitzschnell entfaltende Airbag halte Kopf und Oberkörper des Dummy so effektiv zurück, dass ein direkter Kontakt mit dem Pkw nicht oder nur in geringem Maß stattfindet. Ein Motorradfahrer bliebe in diesem Bereich völlig unverletzt. Die ADAC-Experten sprechen von einem «bisher nicht erreichten Sicherheitsniveau» bei Motorrädern. Beim Versuch ohne Airbag prallte der Dummykopf dagegen so heftig gegen das Fahrzeugdach, dass ein Mensch den Aufschlag nicht überlebt hätte.

«Der Airbag entscheidet in solchen Situationen über Leben undTod», sagt Müller. Er hält das Schutzsystem gerade in den Momenten für eine sinnvolle Ergänzung des Sicherheitskonzepts bei Motorrädern, die vom Fahrer nicht mehr zu beherrschen und in denen auch Assistenzsysteme wie ABS machtlos sind: «Es schließt eine Lücke.»
Hersteller lehnen ab
Der ADAC geht davon aus, dass Airbags bei mindestens einem Drittel der Motorradunfälle gegen Pkw oder Lkw eine erhebliche Verringerung des Verletzungsrisikos bewirkten. Die Zahl der bei Unfällen getöteten Motorradfahrer lag im Jahr 2005 bei 875 - das ist ein Anstieg um zwei Prozent gegenüber 2004. Es sei wünschenswert, dass nun auch andere Hersteller die «empfehlenswerte Ausstattungsoption» anbieten.

Doch das ist vorerst nicht zu erwarten. Motorrad-Airbags seien zurzeit kein Thema, sagt etwa Kawasaki-Sprecher Andreas Seiler in Friedrichsdorf (Baden-Württemberg). Auch BMW in München will kein passives Schutzsystem anbieten. «Wir sind zu der Überzeugung gelangt, dass eine Serieneinführung derzeit nicht sinnvoll ist», heißt es. BMW wolle sich auf die Verbesserung der aktiven Sicherheit konzentrieren.

Technologie nicht etabliert

Achim Kuschefski, Leiter des Instituts für Zweiradsicherheit (ifz) in Essen, geht jedoch davon aus, dass es andere Firmen früher oder später Honda nachmachen werden: «Es wird mit Sicherheit weitere Entwicklungen geben. Wir sind gerade erst am Anfang.» Es dürfte jedoch noch Jahre dauern, bis sich die Technologie etabliert hat - das sei bei der Airbag-Technik im Auto nicht anders gewesen.

Alexander Berg, Leiter der Dekra-Unfallforschung in Stuttgart, rechnet auch aus einem anderen Grund mit einer langsamen Entwicklung. So sei die Airbag-Technologie bei Motorrädern weitaus komplizierter umzusetzen als im Auto. Dort sitzen die Insassen meist in ähnlichen Positionen. Ein Motorradfahrer sitze jedoch mal mehr, mal weniger aufrecht auf seiner Maschine. Die Airbag-Entwickler müssten zum Beispiel ausschließen, dass ein vornüber gebeugter Fahrer vom Airbag «angeschossen» und vom Motorrad geworfen wird. Berg hält die Technologie daher vor allem bei Tourenmotorrädern für geeignet: «Man braucht Platz zwischen den Armen und eine aufrechte Sitzhaltung. Für Rennmaschinen wird es wahrscheinlich nie einen Airbag geben.»

Rampe übers Dach

Ifz-Leiter Kuschefski verweist auf ähnliche Probleme bei den so genannten Naked Bikes ohne Verkleidung: «Ein Airbag entfaltet sich nur im oberen Bereich des Lenkers. Bei einem Crash würde sich der Fahrer unten regelrecht um den Lenker wickeln.» Zudem müssten die Tanks vieler Motorräder anders konstruiert werden, damit sich der Airbag unterbringen lässt. Nicht alle Maschinen böten ähnlich gute Voraussetzungen wie der große Luxus-Tourer von Honda. Möglicherweise ließen sich diese Probleme mit anderen Airbag-Konstruktionen umgehen.

Die Dekra hatte das bereits mit einem Airbag-Prototypen für kleine Motorräder versucht. Anders als beim Honda-System, das den Fahrer mit einem großen Luftkissen zurückhält, wählten die Unfallforscher laut Alexander Berg einen anderen Ansatz: Ein kleineres Luftkissen sollte beim Aufprall zwar auch möglichst viel Energie abbauen. Gleichzeitig sollte es aber wie eine Rampe dienen, über die der Fahrer über das Autodach geleitet wird. «Gewisse Belastungen haben Sie dabei zwar immer noch», sagt Berg. «Sie haben aber gute Chancen, das zu überleben.» Schließlich wird damit vermieden, dass der Motorradfahrer mit dem Kopf gegen die verletzungskritische Dachkante prallt.

Nicht Maß aller Dinge

Neben dem Sicherheitsvorteil ziehen die Forscher aus den Airbag-Tests daher laut Berg auch folgende Erkenntnis: «Ein solches System ist nicht für jedes Motorrad das Maß aller Dinge. Daher tun sich die Hersteller auch so schwer, das in Serie zu bringen.»

Airbag-Vorreiter Honda will die Technologie jedenfalls weiter verfolgen - mache die Vorgehensweise aber auch von der Marktakzeptanz abhängig, sagt Honda-Sprecherin Kerstin Martens in Offenbach. Damit dürfte es laut ifz-Leiter Kuschefski kein Problem geben: «Ich glaube schon, dass das angenommen wird. Wenn es auf dem Markt ist, dann wird es gekauft.» (dpa)