Daimler-Chef Källenius: Auch wir sind ungeduldig

Forderung nach Verkehrswende

Daimler-Chef Ola Källenius mit dem Vision EQS. © Daimler

Mercedes schreitet bei der Elektrifizierung seiner Modelle voran. „Mercedes-Benz wird elektrisch“, sagte Daimler-Chef Källenius auf der IAA. Doch Umweltschützern geht der Weg in die E-Mobilität bei den Autobauern nicht schnell genug.

Vor einem Eingang des Frankfurter Messegeländes haben Aktivisten der Umweltschutzorganisation Greenpeace am Dienstag gegen die aus ihrer Sicht verfehlte Modellpolitik der Hersteller protestiert.


Hinter einem Monstertruck wehte ein 1400 Kubikmeter großer Ballon mit der Aufschrift CO2. Davor stehen Klimaschützer mit einem Banner „Verkehrswende ohne Klimakiller“. Gemeint sind damit die SUVs, die mittlerweile je nach Hersteller mehr als die Hälfte ihres Gesamtabsatzes ausmachen.

Keine 200 Meter von der Greenpeace-Aktion entfernt findet unterdessen die Pressekonferenz des Autobauers Daimlers statt. Dort steht der neue Vorstandschef Ola Källenius auf der Bühne und lässt eine Flotte von Plug-in-Hybriden auf die Bühne fahren. Die Botschaft ist eindeutig: „Mercedes-Benz ist elektrisch“, sagt Källenius. Vielen gehe der Wandel hin zu einer nachhaltigen Mobilität nicht schnell genug, „auch wir sind ungeduldig“, entgegnet der Daimler-Chef den Kritikern. Doch beim Autobauer arbeite man mit Hochdruck an der Elektrifizierung seines Angebots. „Mercedes-Benz wird Ende 2020 20 elektrifizierte Modelle im Angebot haben“, sagt Källenius. Bereits 2030 soll jedes zweite verkaufte Auto von Daimler elektrifiziert sein.

Elektroantrieb vom Kleinwagen bis zum Lkw

Darunter befinden sich dann beispielsweise Autos wie der reine elektrische Mercedes EQC, der Kleinstwagen Smart, ein Lkw wie der eCascadia oder auch SUVs wie der GLB oder der GLE, ein fast 2,5 Tonnen schweres SUV. Auch wenn zum Angebot der Schwaben elektrifizierte Kleinwagen wie der Smart oder die A-Klasse gehören, sind es gerade SUVs wie der GLE, die den Unmut der Umweltschützer auf sich ziehen. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass der GLE mit Plug-in-Hybrid über eine elektrische Reichweite von 100 Kilometer aufweist.

Deshalb fordert Greenpeace, besonders klimaschädliche Autos mit einer höheren Steuer zu belegen. „Wenn das Klima unumkehrbar zu kippen droht, dürfen Autokonzerne nicht ungerührt weiter Millionen zusätzlicher Diesel und Benziner verkaufen“, sagt Greenpeace-Verkehrsexperte Benjamin Stephan und fügt hinzu: „Dieses verantwortungslose Treiben der Konzerne muss aufhören. Wir brauchen eine schmerzhaft hohe Zulassungssteuer für Klimakiller, damit die Verkehrswende endlich vorankommt.“ Für Stephan würden die Autokonzerne viel zu langsam auf E-Autos umstellen und auf die falschen Modelle setzen.

CO2-Emissionen reduzieren

Protest von Greenpeace vor dem Eingang der IAA. Foto: Mertens

Die Autoindustrie, die sich im Vorfeld bereits mit ihren Kritikern in Berlin getroffen hat und auch auf der IAA die Diskussion fortführt, kennt diese Vorbehalte und weist wie Källenius am Dienstag darauf hin, „dass die Transformation im vollen Gange ist“. Eine Reduktion der Emissionen hänge aber auch immer vom technologischen Fortschritt ab. Källenius jedenfalls betont, dass man bei Daimler bestrebt sei, etwas gegen den Klimawandel und die Reduktion der Treibhausgasemissionen zu unternehmen.

„Mit der Ambition 2039 haben wir die Weichen für nachhaltige Mobilität gestellt. Bei der Umsetzung unseres langfristigen Ziels der Klimaneutralität setzen wir neben der konsequenten Elektrifizierung unserer Produktpalette auch in der Lieferkette an“, so der Daimler-Chef. So solle bereits für die nächste Fahrzeuggeneration der Marke EQ ein Teil der Batteriezellen zu 100 Prozent mit Strom aus erneuerbaren Energien produziert werden. Dadurch solle der CO2-Fußabdruck der Gesamtbatterie deutlich reduziert werden. Daimler hat sich für das Jahr 2039 zum Ziel gesetzt, über eine CO2-freie Neuwagenflotte zu verfügen.

Bei den Umweltschützern hört man solche Ankündigungen, doch man zeigt sich gerade auch Hybridmodellen gegenüber kritisch. Gerade sie würden notwendige Fortschritte beim Klimaschutz bremsen. Denn diese Modelle würden bei unabhängigen Messungen fast doppelt so viel CO2 ausstoßen wie von den Autobauern angegeben. „Mit ihren tonnenschweren Steroid-Modellen blockieren Hersteller wie VW, Daimler und BMW weiterhin dringend nötige Fortschritte im Klimaschutz. Klimaverträglichen Verkehr kann es nur ohne Diesel und Benzin und mit deutlich weniger und kleineren Autos geben.“

Branche verteidigt Plug-in-Hybride

ZF-Chef Wolf-Henning Scheider auf der IAA. Foto: Mertens

Dass die Branche derart stark Plug-in-Hybride zum Einsatz bringt, hängt auch mit den strenger werdenden CO2-Grenzwerten der EU zusammen. Sie sehen bis 2021 einen Flottenverbrauch von 95 g/km vor. Erreichbar sind solche Werte nur dadurch, dass die besonders schweren Modelle elektrifiziert werden.

Zulieferer wie ZF aus Friedrichhafen reden dem Plug-in-Hybrid das Wort. Mit ihm lassen sich Kunden an die Elektromobilität heranführen, wie ZF-Chef Wolf-Henning Scheider am Dienstag auf einer Pressekonferenz sagte.

Für Scheider zeige das Potenzial von Plug-in-Hybriden, dass sie als vollwertige E-Fahrzeuge gelten können. Scheider verweist dabei auf das Konzeptfahrzeug ZF EVplus. Es weist eine Reichweite von über 100 Kilometer auf. „Damit kann der Mobilitätsbedarf einer Familie gedeckt werden“, sagt Scheider und und fügt hinzu, dass 90 Prozent der täglichen Fahrten nur 50 Kilometer lang seien.

Anreize statt Verbote

„Anreize setzen, und die Kunden in die Elektromobilität zu begleiten, bietet vor allem kurzfristig ein größeres Lösungspotenzial als Verbote, Regulierungen oder ein Mobilitätsverzicht vermögen“; so Scheider. Plug-in-Hybride böten den Vorteil, dass Kunden keine Reichweitenangst mehr hätten und so an die E-Mobilität herangeführt würden.

Es sind Argumente, die schlüssig erscheinen. Angesichts der aufgeheizten Diskussion zwischen Autobranche und Umweltverbänden finden sie derzeit wenig Gehör. Doch beide Seiten setzen auf weitere Diskussionen. So spricht Daimler-Chef Källenius am Donnerstag auf der MeConvention mit dem Grünen-Chef Robert Habeck über die Mobilität der Zukunft. Für genügend Diskussionsstoff ist gesorgt.