«Laden muss zu etwas Alltäglichem werden»

Andreas Zygan, Mercedes-Entwicklungsleiter SUV

Baureihenchef Andreas Zygan (l.) im Gespräch mit Redakteur Frank Mertens. © Daimler

Mercedes bietet mit dem GLE 350 de einen SUV mit einer elektrischen Reichweite von über 100 Kilometer an. Baureihenleiter Andreas Zygan spricht im Interview mit der Autogazette darüber, weshalb die Plug-in-Technologie sinnvoll ist.

Mercedes erweitert mit dem GLE 350 de sein Angebot an SUVs mit Plugin-Hybrid. Das Coupé der Stuttgarter bringt es dabei auf eine Reichweite von über 100 Kilometer. «Mit dieser Reichweite bauen wir das Vertrauen in die Technologie aus», sagte der Leiter Entwicklung SUV Andreas Zygan im Interview mit der Autogazette.


Wie Zygan hinzufügte, sei dies «eine Reichweite, die dem Kunden Sicherheit» gibt. Wie er sagte, sei es das Ziel der Entwicklung gewesen, einen «zertifizierten Wert von über 100 Kilometer zu erreichen. Damit lässt sich auch unter winterlichen Bedingungen elektrisch fahren», so Zygan «Der Kunde will weiter die Freiheit haben, ohne Einschränkungen überall hin zu fahren. Mit dem Plug-in-Hybrid sind sie jederzeit mobil.»

«Bauen Vertrauen in diese Technologie aus»

Das Cockpit des Mercedes-Benz GLE 350 de zeigt natürlich auch die Reichweite der Batterie an. Foto: Daimler

Autogazette: Der Mercedes GLE 350 de Coupé kommt auf eine elektrische Reichweite von 106 Kilometer. Glauben Sie, dass eine solche Reichweite die Akzeptanz der Plug-in-Hybrid-Technologie steigern kann?

Andreas Zygan: Es ist eine Reichweite, die dem Kunden Sicherheit gibt. Damit kann man lokal emissionsfrei fahren. Unser Ziel war es, den zertifizierten Wert von über 100 Kilometer zu erreichen. Damit lässt sich auch unter winterlichen Bedingungen elektrisch fahren. Mit dieser Reichweite bauen wir das Vertrauen in die Technologie aus.

Autogazette: Können Sie mit dem Begriff eines Volks-Hybriden für Fahrzeuge mit Reichweiten von 70 bis 100 Kilometer etwas anfangen?

Zygan: Ich kann mit einem solchen Begriff weniger anfangen. Ich bin geprägt vom Real-Life-Verhalten eines solchen Fahrzeuges. Wir haben das Fahrzeug so konzipiert, dass der Kunden keinen Nachteil kauft.

«Dieser Wert gibt eine Vergleichsmöglichkeit»

Der Mercedes GLE 350 de Coupé bietet hervorragende Fahreigenschaften. Foto: Daimler

Autogazette: Der Mercedes GLE 350 de wird mit einem Verbrauch von gerade einmal 1,1 Liter auf 100 Kilometer angepriesen. Doch was hat dieser Wert mit der Realität zu tun?

Zygan: Dieser Wert gibt den Kunden eine Vergleichsmöglichkeit bei der Gegenüberstellung von Produkten. Und hier richten wir uns an die Vorgaben des Gesetzgebers mit den WLTP- und NEFZ-Werten. Mit diesem Auto können sie lokal emissionsfrei zur Arbeit fahren – und das bis zu 106 Kilometer. Doch eines ist mir wichtig zu betonen: Elektromobilität funktioniert nur dann, wenn ich bereit bin, das Auto regelmäßig wieder aufzuladen.

Autogazette: Glauben Sie, dass Sie mit dieser Reichweite Menschen dazu bringen, Elektromobilität auszuprobieren?

Zygan: Ja, das glaube ich. Denn mit diesem Auto können sie das Gros ihrer täglichen Strecken elektrisch fahren. Und wenn ich dann auch noch jeden Tag das Auto in der heimischen Garage oder am Arbeitsplatz wieder an der Wallbox auflade, dann bestehen kaum Einschränkungen bei der Nutzbarkheit.

«Erwarte eine hohe Durchdringungsquote»

Der Mercedes GLE 350 de steht für Effizienz, trotz seines Gewichts. Foto: Daimler

Autogazette: Welchen prozentualen Anteil von Plug-in-Hybriden innerhalb der Baureihe erwarten Sie?

Zygan: Ich erwarte eine hohe Durchdringungsquote, weil das Fahrzeug für eine Vielzahl unserer Flottenkunden hoch attraktiv ist.

Autogazette: Wo fängt für Sie eine hohe Durchdringung an?

Zygan: Sie fängt in der Größenordnung zwischen 15 und 20 Prozent an.

Autogazette: Auf welchen Verbrauch komme ich mit diesem Auto, wenn ich mit ihm auch mal auf der Autobahn unterwegs bin?

Zygan: Dann sind Sie mit diesem Auto mit einem Verbrauch unterwegs, den man auch von einem unserer effizienten Vierzylinder-Diesel kennt. Ich spreche hier von sechs bis sieben Liter.

Autogazette: War dieser Verbrauchswert auch der Grund dafür, weshalb Sie sich für eine Kombination aus Diesel und Hybrid entschieden haben?

Zygan: Die Kombinatorik von Diesel und Hybrid ergibt sich aus den verbrauchstechnisch günstigsten Technologien. Mit Blick auf den CO2-Ausstoß sind es nun einmal diese beiden Technologien.

«Es ist das, was in der Plug-in-Welt derzeit das Beste ist »

Autogazette: Gerne spricht man davon, dass Plug-in-Hybride dem Kunden das Beste aus zwei Welten bieten. Doch ist es wirklich sinnvoll, zwei teure Technologien zusammen zu führen?

Zygan: Es ist das, was in der Plug-in-Welt derzeit das Beste ist.

Autogazette: Müssen Sie nicht deshalb auf die PHEV-Technologie setzen, weil Sie sonst die strengen CO2-Grenzwerte nicht erfüllen können?

Zygan: Wir müssen unsere Kunden auf dem Weg zur E-Mobilität begleiten. Es gibt bereits heute eine große Bandbreite an Elektroautos, doch der Kunde kauft sie bisher nicht in dem Maße, wie man das erhofft. Der Kunde will weiter die Freiheit haben, ohne Einschränkungen überall hin zu fahren. Mit dem Plug-in-Hybrid sind sie jederzeit mobil. Doch es muss uns gelingen, das Laden zu etwas Alltäglichen werden zu lassen.

Autogazette: Liegt nicht das Problem eines PHEVs genau darin, dass viele Fahrerinnen und Fahrer ihr Auto schlicht nicht aufladen, also damit auch nicht elektrisch fahren? Braucht man also ein Geofencing?

Zygan: Ich kann Ihre Frage nachvollziehen, doch sie hat ihren Hintergrund in Plug-in-Hybriden, die bislang eine deutlich geringere Reichweite als diese 100 Kilometer hatten. Früher kamen Sie mit PHEVs vielleicht auf eine Reichweite von 20 bis 30 Kilometern. Damit waren sie ständig genötigt zu laden. Doch jetzt kommen wir auf bis zu 100 Kilometer. Ich denke deshalb, dass die Kunden jetzt auch regelmäßig zu Hause die Wallbox nutzen.

«Verbrauche auf meiner täglichen Strecke 4,6 Liter»

Natürlich ist der Mercedes GLE 350 de Coupé auch mit Allrad ausgestattet. Foto: Daimler

Autogazette: Was sagen Sie Menschen, die sagen: So ein Auto mit einem Gewicht von fast 2,5 Tonnen kann man unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten nicht fahren?

Zygan: Ich frage Sie, was sie fahren und was sie mit ihrem Auto verbrauchen. Dann höre ich häufig einen Verbrauch von sechs Litern. Ich verbrauche auf meiner täglichen Strecke über 84 Kilometer von Karlsruhe nach Stuttgart im Hybridmodus 4,6 Liter. Wenn ich dann abends wieder zu Hause ankomme, zeigt mir der Bordcomputer immer noch eine Restreichweite von 30 Kilometer an. Ich fahre über die Landstraße, durch die Berge und die Autobahn. Es ist ein hervorragendes Profil, um die Rekuperationsleistung dieses Fahrzeuges auszuspielen.

Autogazette: Würden Sie mir beipflichten, dass man sich ein GLE Coupé unter Nachhaltigkeitsaspekten nur mit einem Plug-in-Hybrid zulegen kann?

Zygan: Wir müssen als Hersteller das Angebot schaffen, damit die Menschen umsteigen. Dieses Autos ist kein Auto für Laternenparker, unsere Kunden laden zu Hause.

Autogazette: Auf der einen Seite erleben SUVs einen Boom, auf der anderen Seite werden sie verteufelt. Wie erklären Sie sich das?

Zygan: Es gibt kein Auto, wo das Thema Nutzwert und Sicherheitsempfinden so hoch ist wie bei einem SUV. Mit dem jetzigen Angebot eines nachhaltigen Antriebs können wir diesem nicht gerechtfertigten Image entgegen wirken. Wir erleben hier allerdings ein deutsches Phänomen, denn diese Diskussion wird nur bei uns so geführt. Unsere Aufgabe als Ingenieure muss es sein, ein entsprechendes nachhaltiges Angebot zu bieten. Angebote, wo der Mensch Verzicht üben muss, werden sich nicht durchsetzen.

Das Interview mit Andreas Zygan führte Frank Mertens

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