Zetsche: Zuwanderung als Chance betrachten

Appell vom Daimler-Chef

Dieter Zetsche bleibt bis 2019 Daimler-Chef
Dieter Zetsche bleibt bis 2019 Daimler-Chef © AG/Mertens

Am Vorabend der IAA geht es in der Regel um die Vorstellung neuer Autos. Darum ging es auch bei Mercedes, aber nicht nur. Daimler-Chef Dieter Zetsche sprach sich angesichts der Flüchtlingskrise für eine Zuwanderung aus.

Von Frank Mertens

Einen Tag nachdem die Bundesregierung angesichts der Flüchtlingskrise wieder Grenzkontrollen eingeführt hat, hat sich Daimler-Chef Dieter Zetsche am Montagabend im Vorfeld der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt/Main für eine Zuwanderung ausgesprochen und damit einen wichtigen Kontrapunkt zu der sonst üblichen PS-Huberei an solchen Abenden gesetzt.

„Manche glauben, Zuwanderung gefährde die Zukunftsperspektiven eines Landes. Ich bin davon überzeugt: das Gegenteil ist der Fall“, sagte Zetsche. Natürlich sei es eine Herkulesaufgabe mehr als 800.000 Menschen in Deutschland aufzunehmen – Vizekanzler Sigmar Gabriel geht mittlerweile sogar von einer Million Flüchtlingen aus - „aber im besten Fall kann es auch Grundlage für das nächste deutsche Wirtschaftswachstum werden“, betonte Zetsche. Er verwies darauf, dass die „Millionen von Gastarbeitern in den 50er und 60er Jahren ganz wesentlich zum Aufschwung der Bundesrepublik beigetragen haben“.

Flüchtlinge würden bei Mercedes gebraucht

Zetsche zog dabei am Vorabend des ersten Pressetages der IAA, die ganz im Sinne der Digitalisierung steht (Motto „Mobilität verbindet“) Analogien zu einer geglückten Integration im Silicon Valley, wo IT-Giganten wie Google ihren Sitz haben. So seien die Vorfahren von Google-Gründer Sergej Brin, Tesla-Gründer Elon Musk und Yahoo-Gründer Jerry Yang nicht schon auf der Mayflower nach Amerika gesegelt, so der Daimler-Chef. „Neulich habe ich sogar gelesen: Ein Viertel der wachstumsstärksten US-Unternehmen der letzten Jahre wurde von Immigranten gegründet. Das gilt gerade auch für IT-Unternehmen.“

Wie der Daimler-Chef sagte hinzufügte, sei nicht gleich jeder nach Deutschland kommende Flüchtling ein brillianter Ingenieur oder Unternehmer. Aber viele dieser Menschen, die in diesen Tagen nach Deutschland kommen, seien top ausgebildet. „Ich glaube: Wer sein komplettes altes Leben zurücklässt, ist hoch motiviert, hier zu lernen und zu arbeiten, um sich bei uns ein neues Leben aufzubauen“, sagte Zetsche. Und genau solche Menschen würde man bei Mercedes und in Deutschland brauchen „Laut aktuellen Studien drohen in Deutschland fast 40.000 Lehrstellen unbesetzt zu bleiben. Deshalb ist mein Fazit: wer die Vergangenheit kennt, darf Flüchtlinge nicht abweisen.“

Spende von einer Million Euro

Mercedes Concept Intelligent Aerodynamic Automobile
Ein Auto wurde auch gezeigt, der IAA, der Intelligent Aerodynamic Automobile AG/Mertens

Doch Zetsche beließ es am Montagabend in Frankfurt nicht bei warmen Worten, sondern kündigte auch Hilfe für Gemeinden in Baden-Württemberg bei der Unterbringung von Flüchtlingen an. „Und wir engagieren uns auch finanziell: Daimler spendet eine Million Euro an die Bild-Aktion Wir helfen.“ Zugleich wird Daimler eine Mitarbeiter-Spendenaktion starten und jeden von den Beschäftigten gespendeten Euro verdoppeln.

Angesichts des Flüchtlingsstroms hatte Bundesinnenminster Thomas de Maiziere (CDU) am Sonntag bekannt gegeben, dass Deutschland wieder Grenzkontrollen einführt. Damit wird das Schengener Abkommen aus dem Jahre 1985 außer Kraft gesetzt, mit dem der Grundstein für die Reisefreiheit in Europa gelegt wurde. Dem Schengener Abkommen gehören heute 26 Länder mit 400 Millionen Menschen an. Neben 22 EU-Staaten sind dies auch Norwegen, Island, die Schweiz und Liechtenstein. Doch in der Flüchtlingskrise wird das Schengen-Abkommen bis auf weiteres aufgehoben, bis die EU sich über eine Verteilungsschlüssel für Flüchtlinge verständigt hat.



Ein Auto hatten die Stuttgarter übrigens am Montagabend auch noch präsentiert: es war das Showcar Concept Intelligent Automobile. Es ist ein Fahrzeug, das die Vorzüge der Digitalisierung zeigen soll. Das reicht von einer vollständigen Car-to-X-Kommunikation bis zu einer optimierten Aerodynamik, die sich je nach Fahrmodus sogar verändert. Der cW-Wert verändert sich von 0,25 auf bis zu 0,19. Weltrekord für ein viertüriges Coupé, wie Mercedes selbstbewusst feststellt. Zu einem derart hervorragenden Wert trägt unter anderem bei, dass sich die Frontlippe nach außen schiebt, die Lamelle unter den vorderen Stoßfängern nach hinten und sich das Heck um 40 Zentimeter verlängert. Mit Blick auf die immer strenger werdenden CO2-Grenzwerte kommt einem solchen Showcar dann ohne Frage eine besondere Bedeutung zu.