Daimler und der dritte Lebens-Raum

Future Talk Going Virtual

Virtuelle Realität: Daimler schaut in Zukunft des Automobils.
Virtuelle Realität: Daimler schaut in Zukunft des Automobils. © Daimler

Neben der Wohnung und dem Büro ist das Auto für viele Menschen der dritte Lebensraum. Doch wie sieht er im Auto der Zukunft aus? Diese Frage stellt sich auch Daimler beim seinem Future Talk „Going Virtual“ und lotet dabei auch Extreme aus.

Von Frank Mertens

Sie sind mit dem Auto auf Städtereise. Sagen wir nach Berlin. Sie waren, so etwas soll es durchaus geben, noch nie in der deutschen Hauptstadt. Entsprechend brauchen sie Informationen über die Sehenswürdigkeiten dieser hippen Millionenstadt. Während sie sich dafür früher einen Reiseführer besorgt oder sich in Zeiten des Smartphones eine App herunter geladen haben, überlassen sie diese Aufgabe in Zukunft ihrem Auto.

Dem Auto? Ja, dem Auto! Das ist noch Fiktion. Doch eine, deren Realität nicht in allzu ferner Zukunft liegt. Im Auto der Zukunft werden Ihnen die Sehenswürdigkeiten wie beispielsweise die Siegessäule oder das Brandenburger Tor virtuell ins Auto gespielt. Wenn Sie in Dortmund losfahren, können sie sich so die Hotspots der Stadt bereits ins dann autonom fahrende Auto holen und sich vorab informieren, welche Stationen man anfährt oder nicht.

Mit Gesten Infos abrufen

Ist man dann in Berlin angekommen und fährt beispielsweise an der Siegessäule vorbei, wird ihnen – wenn sie mit der Hand auf die Goldelse zeigen - angezeigt, wann sie beispielsweise gebaut wurde oder wie hoch sie ist. Oder man erlebt das Brandenburger Tor nicht in der Jetztzeit, sondern am 9. November 1989 am Tag des Mauerfalls. Mit dieser Art der Digitalisierung wird das Auto quasi zur fahrenden Volkshochschule.

„Das Auto der Zukunft wird zum Third Place. Also zum dritten Ort neben Arbeitsplatz und Wohnung“, wie Anke Kleinschmit beim Future Talk "Going Virtual" in Berlin sagte. Kleinschmit ist beim Autobauer Daimler Leiterin der Konzernforschung und damit verantwortlich dafür, wie bei den Schwaben die Mobilität der Zukunft ausschaut.

Anke Kleinschmit
Anke Kleinschmit Daimler

Dazu gehört neben dem autonomen Fahren, den alternativen Antrieben auch die User Interaction, also der Umstand, wie Passagiere mit dem Fahrzeug interagieren. Damit ist man bei der Digitalisierung angekommen. Sie hat längst Einzug beim Autobauer gehalten und verändert mit Industrie 4.0 nicht nur signifikant die Produktion des Autos, sondern auch deren Entwicklung. Während man früher für ein Showcar wie das auf der Internationalen Automobilausstellung gezeigte Intelligent Aerodynamic Automobile (IAA) eineinhalb Jahre brauchte, sind es dank der Digitalisierung nur noch zehn Monate. Derzeit probiert man bei Daimler aus, was man mit dieser Digitalisierung alles machen kann. „Wir loten aus, was machbar ist, auch die Extreme“, so Kleinschmit.

Meer statt Arbeiterviertel

Virtuelle Realität
Virtuelle Realität mit der Datenbrille erleben Daimler

Ob es wirklich notwendig ist, dass der Fahrer sich bei der Fahrt durch ein tristes Arbeiterviertel stattdessen die Bilder vom letzten Urlaub am Mittelmeer ins Auto holt, sei dahin gestellt. Doch in der schönen neuen Datenwelt bestimmt letztlich der Fahrer, was er sehen will oder auch nicht. „Das Auto soll die Welt mit Daten anreichern, die ich mit dem normalen Auge nicht sehe“, betont Vera Schmidt, Leiterin Advanced Digital Design bei Daimler.

Im Idealfall sollen diese Daten dem Fahrer einen Mehrwert bieten – sei es nun durch zusätzliche Informationen, die Vermeidung von Staus oder einfach dadurch, dass ich mich entspanne. Sei es nun durch beruhigende Bilder, entspannende Musik oder dadurch, dass ich mir einen Film anschaue. So wird das Auto zu einem mobilen Erlebnisraum, wie Kleinschmit sagt. Für Jörg Schöls vom Steinbeis Forschungszentrum fungiert „das Auto als Hülle, dessen Inhalt ich mitbringe“.

Realität und Virtualität verschmelzen

Virtuelle Realität
Fahren durch die virtuelle Stadt Daimler

Dabei kann auch die Realität mit der Virtualität verschmelzen. So ermöglicht es die Digitalisierung dem Fahrer beispielsweise, sich eine Straße, die er tagsüber befährt, auch bei Dunkelheit einblenden zu lassen. Oder er klinkt sich über die Vernetzung in das Kamerasystem eines anderen Autos ein, dass sich bereits dort befindet, wo der Fahrer erst in zwei oder drei Stunden ankommen will.

„Ich möchte eine Stadt, durch die der Fahrer durchschauen kann“, sagt Daimler-Zukunftsforscher Alexander Mankowsky. Wer sich in einer Großstadt durch Häuserschluchten bewegt, dem ermöglicht die Virtualität dennoch eine Weitsicht – und eröffnet so gänzlich neue Perspektiven. Perspektiven, an die manch einer heute vielleicht gar nicht denken mag, weil sie in seiner Gedankenwelt nicht vorkommt, weil sie schlicht unrealistisch wirkt.

Doch was heute unrealistisch ist, kann morgen schon Realität sein. Während manche virtuelle Spielerei noch die Vorstellungskraft übersteigt und einen an irgendein hippes Computerspiel der eigenen Kinder erinnert, haben manche Ansätze viel Charme. So präsentierte Mankowsky während seiner Präsentation ein digitales Verkehrsschild, auf dem nicht nur ein Städtename samt Entfernungsangabe zu lesen ist, sondern eines mit dem Bild der Tochter und der Aufschrift: Nur noch 110 Kilometer bis Emma. „So etwas erzeugt beim Fahrer Wohlbefinden.“ Und das nicht nur bei Digital Natives.