Die Schattenseite der Aerodynamik

Stiefkind Rundumsicht

Der VW XL1 wird in Mini-Serie gebaut.
Geringer Fahrwiderstand, aber auch wenig Orientierung - der VW XL1 © VW

Die Orientierung im Straßenraum aus betont aerodynamischen Fahrzeugen wird von Autotestern häufig kritisiert. Stehen sich Rundumsicht und ein guter cW-Wert unversöhnlich gegenüber?

Von Martin Woldt

Luftwiderstandswerte moderner Fahrzeuge pegeln sich zunehmend unterhalb der cW-Wert-Marke von 30 ein. Denn je geringer der Luftwiderstand, um so weniger Antriebskraft muss erzeugt werden, um insbesondere mit höheren Geschwindigkeiten unterwegs zu sein. Ab etwa 70 km/h wird die Luft zum dominierenden Fahrwiderstandsfaktor. Mit einem niedrigeren cW-Wert ließe sich Kraftstoff sparen. Woraus sich die Frage ableitet, warum nicht längst ein spürbarer Wettbewerb zwischen den Herstellern um den niedrigsten cW-Wert eingesetzt hat?

Widerstrebende Entwicklungsziele

Auf der Suche nach einer Erklärung drängt sich die Vermutung auf, die beinahe jegliche Entwicklungsarbeit begleitet. Dass sich zwar häufig einzelne Produkteigenschaften deutlich verbessern lassen, andere dadurch aber gleichzeitig an Qualität einbüßen. Auch die Aerodynamik eines Fahrzeuges ist keine beliebig drehbare Stellschraube. Einen Hinweis darauf ergibt schon aus der Berechnung des Luftwiderstandes. Dabei wird auch die Stirnfläche eines Fahrzeuges berücksichtigt. Autos, die dem Fahrtwind weniger Angriffsfläche bieten, schneiden besser ab, als solche, die sich mit steilem Kühlgrill, wuchtigen Scheinwerfern oder fast aufrecht stehender Frontscheibe gegen den Luftstrom stemmen.

Kritik am Cw-Wert-Champion

Der neue Mercedes CLA.
Mercedes CLA: cW-Wert 22 Mercedes

Doch je mehr sich ein Modell wegduckt, desto weniger kann es die Straße überblicken. Mit Folgen zum Beispiel für die Rundumsicht oder den Innenraum. Schaut man sich etwa den aktuellen cW-Wert-Champion, den Mercedes CLA (Cw-Wert 22) an, scheint sich die These zu bestätigen. Mit nur 1,43 Metern hält er sich insgesamt sportlich flach. Und tatsächlich, während der CLA im aktuellen ADAC-Test in den meisten Kategorien gute und sehr gute Noten bekommt, werden der Platz auf der Rückbank und erst recht die Rundumsicht für den Fahrer kritisiert.

Während sich das Raumangebot im Fond kaum verändern lässt, kann man bei der Sicht immerhin etwas machen. Die gegen Aufpreis erhältlich Parksensoren wie die ausklappbare Rückfahrkamera des CLA halten die Tester des ADAC angesichts der "unübersichtlichen Karosserie für sehr empfehlenswert".

Die Orientierung im Toyota Prius

Der Toyota Prius Plugin Hybrid schafft bis zu 25 Kilometer rein elektrisch.
Toyota Prius: Cw-Wert 25 Toyota

Für erklärte Sparfahrzeuge wie den Toyota Prius ist ein geringer Fahrwiderstand mithin ein niedriger Luftwiderstandswert von besonderer Bedeutung. Die aktuelle dritte Version glänzt mit einem cW-Wert von 25 und ist in dieser Kategorie ganz vorn mit dabei. Indes in puncto Rundumsicht vermag auch er die ADAC-Tester nicht so recht zu überzeugen. Im Protokoll heißt es: "Bei der ADAC Rundumsichtmessung schneidet der Prius nur ausreichend ab. Die A-Säulen beeinträchtigen trotz der kleinen Dreiecksfenster den Blick nach schräg vorn. Nach schräg hinten fällt die Sicht ebenfalls nicht besonders gut aus. Den Blick nach hinten behindert der Spoiler, welcher mittig in der Heckscheibe platziert ist und genau im Blickfeld des Fahrers liegt."

Veränderte Prioritäten in Frankreich

Peugeot 508 RXH: cW-Wert 27 Peugeot

Auch die französischen Hersteller arbeiten intensiv an einer Absenkung des cW-Wertes. Eines der jüngsten Beispiele ist der Peugeot 508 RXH mit einem cW-Wert von 27. Der Hybride mit Diesel und Elektromotor weist sich mit dem Verbrauchslabel A+ als besonders sparsam aus. Doch auch er findet in den Augen der ADAC-Tester ein nur bedingt mildes Urteil. In puncto Sicht lautet ihre Einschätzung: "Der 508 RXH besitzt zwar eine sehr schlechte Rundumsicht, ist aber aufgrund der etwas höher gelegten Karosserie noch relativ übersichtlich. Auf die serienmäßigen Einparksensoren vorne und hinten wird man beim Einparken aber nicht verzichten wollen."

Breite Säulen, nicht versenkbare Kopfstützen im Fond sind wie bei anderen aerodynamischen Modellen immer wieder auftauchende Kritikpunkte. Den Platz auf der Rückbank im 508 bewerten die Tester allerdings mit "gut" und auch für Großgewachsene geeignet.

Maßstäbe gesetzt

Französischen Autos ging in der Vergangenheit häufig der Ruf einer ausgezeichneten Rundumsicht voraus. In der jüngsten ADAC-Untersuchung dieser Kategorie kamen sechs der zehn Besten aus Frankreich. Schräge Säulen werden schmal gehalten, Frontscheiben weit ins Blickfeld gezogen. Testsieger war der Renault Clio II Campus, die bis Ende letzten Jahres gebaute Version des französischen Bestsellers. Er bekam die Bestnote 2,1, vor Autos wie dem VW up! (2,3) oder dem Smart (2,4).

Ein Kompromisskandidat

Citroen DS3: Gute Übersicht, passabler Cw-Wert Citroen

Schaut man aber auf die cW-Werte dieser Autos, liegen sie alle jenseits von 30. Besonderer aerodynamischer Ehrgeiz der Entwickler ist nicht erkennbar. Wo aber könnte der Kompromiss zwischen einer aerodynamischen Form und einer guten Rundumsicht liegen? Die Antwort gibt unter Umständen der Citroen DS3. In der ADAC-Wertung kam er nach dem Renault Clio auf den zweiten Platz. Die Rundumsicht-Note 2,3 bei einem Cw-Wert von 31 dürften eine sehr seltene Kombination im aktuellen Modellangebot des Automarktes darstellen.

Immerhin ein Fingerzeig, dass modernes, aerodynamisches Design und gute Rundum-Orientierung für den Fahrer sich nicht prinzipiell ausschließen.