Leben retten mit Abbiegeassistenten für Lkw

Mercedes hat System seit 2016 im Einsatz

Der Abbiegeassistent von Mercedes soll Unfälle mit Radfahrern verhindern. © Ramazani/Daimler

Immer wieder kommt es beim Abbiegen zu Unfällen mit Lkws und Radfahrern. Doch das wäre mit einem Abbiegeassistenten vermeidbar. Doch bis der Pflicht wird, wird es noch dauern.

Entsprechend wird es Szenen wie diese noch länger geben: Ein Radfahrer fährt auf dem Radweg an einem an der Kreuzung stehenden Lkw heran. Der Fahrer will rechts abbiegen. Er schaut kurz in den Seitenspiegel, doch den herannahenden Radfahrer kann er im toten Winkel nicht sehen. Schon ist es geschehen: der Lkw hat den Radfahrer erfasst.


Im Jahr 2017 gab es 3100 Unfälle zwischen Fahrradfahrern und Lkw. Das sind zwar deutlich weniger als zwischen Rad- und Autofahrern (46.200 Unfälle). Doch wenn es zwischen Lkws und Radfahrern kracht, sind die Folgen meist schwerwiegend.

37 Radfahrer starben 2017

Während bei den Crashs zwischen Pkws und Radfahrern 137 Fahrradfahrer ums Leben kamen, starben bei Unfällen mit Lkws 137 Radler, davon allein 37 Fahrradfahrer und Fahrradfahrerinnen bei Abbiegeunfällen.

Es sind Unfälle, die nicht hätten stattfinden müssen, wenn alle Lkws mit einem Abbiegeassistenten unterwegs gewesen wären. Doch die sind seitens der EU noch nicht verpflichtend.

Einbau von wird erst 2024 Pflicht

Der Fahrer wird erst optisch, dann auch akustisch vor einem Radfahrer neben dem Lkw gewarnt. Foto: Daimler

Dazu wird es für Neutypen wohl erst 2022 und für Neuwagen erst ab 2024 kommen, wie Dieter Schoch berichtet. Er ist bei Daimler für die Nutzfahrzeugsicherheit im Bereich Politik und Außenbeziehungen verantwortlich. Er erwartet, dass das Gesetzgebungsverfahren nach den EU-Wahlen im Mai anläuft und es von den Europa-Parlamentariern in Brüssel zeitnah auf den Weg gebracht wird.

Eine Verabschiedung des Gesetzesentwurfs zur Einführung eines Abbiegeassistenten wird noch in 2019 erwartet, sagt Schoch am Rande einer Veranstaltung von Daimler in Berlin, bei der Mercedes Lkw seinen Abbiegeassistenten vorstellte.

Mercedes war übrigens der erste Hersteller, der ein vollintegriertes System Ende 2016 auf den Markt brachte, wie Carsten Barth berichtet, der bei der Daimler-Lkw-Sparte die Entwicklung der Fahrassistenzassistenten verantwortet.

System in Vielzahl von Fahrzeugen verbaut

Mittlerweile ist das System für eine Vielzahl von Fahrzeugen erhältlich. Dazu gehören beispielsweise der Actros, Antos, Arocs oder auch die Stadt- als auch Setra-Reisebusse der Stuttgarter. „Mittlerweile bestellen ein Drittel unserer Kunden den Abbiegeassistenten“; so Barth. Ein Zugewinn für die Verkehrssicherheit und die Vermeidung von Abbiegeunfällen mit Radfahren und Fußgängern.

Dass System ist so konzipiert, dass zwei an der Beifahrer-Seite des Lkws angebrachte Radarsensoren vor der Hinterachse das Umfeld in einem Kegel von fast 170 Grad abscannen und entsprechend Objekte erkennen.

Der Fahrer bekommt diese Informationen im Zusammenspiel mit einer Kamera an der A-Säule auf einen Monitor ins Fahrerhaus übertragen. Diese Kamera bietet dem Lkw-Fahrer ein deutlich besseres Sichtfeld als es die bislang bekannten Spiegel ermöglicht haben.

Optische und akustische Warnung

Sobald das System einen Radfahrer erkennt, wird der Fahrer darüber mit einem gelben Warnsymbol im Kamerabild informiert, reagiert der Fahrer darauf nicht und die Situation wird kritisch, erscheint ein rotes Warnsymbol mit einem Signalton.
Lkws, die mit einem Abbiegeassistenten unterwegs sind, dürften die Unfallzahlen und in Folge auch die der bei Abbiegeunfällen getöteten Radfahrer deutlich reduzieren.

Doch das System bietet auch einen Zugewinn an Sicherheit beim Spurwechsel. So, wie es Radfahrer oder Fußgänger erkennt, erkennt es auch den nachfolgenden Verkehr. Entsprechend trägt es auch zur Kollisionsvermeidung beim Spurwechsel bei.

Fördertopf für 2019 bereits leer

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer geht die Umsetzung des Gesetzes in Brüssel unterdessen nicht schnell genug. Er wollte Abbiegeassistenten eigentlich schon 2019 als Pflicht in neuen Lkws sehen.

Nachdem dies politisch nicht umsetzbar war und der verpflichtende Einbau von Abbiegeassistenten für Neuwagen erst 2024 kommen wird, hat Scheuer einen Fördertopf in Höhe von jährlich fünf Millionen Euro ausgelobt. Er soll über fünf Jahre andauern. Eine Initiative, die in der Branche auf großen Zuspruch stieß. Denn bereits Ende Januar war der Fördertopf für 2019 ausgeschöpft. Dabei startete das Förderprogramm, das an die „Aktion Abbiegassistent“ anknüpfte, erst am 21. Januar.

DVR fordert Erhöhung

Radfahrer werden häufig von Lkws beim Abbiegen übersehen. Foto: Ramazani/Daimler

„Für die Sicherheit von Radfahrern und Fußgängern ist die große Nachfrage nach den Fördermitteln eine tolle Neuigkeit“, sagte Christian Kellner, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR). Um deren Sicherheit weiter zu erhöhen, müssten jetzt schnell zusätzliche Fördermittel freigegeben werden, forderte Keller.
„Ziel muss es sein, so viele Lkw, Busse und Nutzfahrzeuge wie möglich mit Abbiegeassistenzsystemen auszurüsten“.

Je höher die Durchdringung mit Abbiegeassistenten, desto sicherer seien der Rad- und Fußverkehr, so Kellner. Das sieht man auch bei Daimler so. Mit dem Abbiegeassistenten haben die Schwaben ein System im Portfolio, das Leben retten kann.