«Wir sind das Netflix der Autoindustrie»

Lynk & Co-Chef Alain Visser

Alain Visser ist Chef von Lynk & Co. © Lynk

Lynk & Co will kein Auto- sondern ein Mobilitätsunternehmen sein. Im Interview mit der Autogazette spricht Lynk-Chef Alain Visser unter anderem darüber, weshalb man sich als Gegenentwurf zur Autoindustrie sieht.

Die Geely-Tochter Lynk & Co. hat vor ein paar Wochen den Marktstart in Europa gefeiert. In Amsterdam hat das Unternehmen seinen ersten Club eröffnet. Wer monatlich 500 Euro zahlt, kann nicht nur den Kompakt-SUV 01 nutzen, sondern wird auch Clubmitglied. Teilt man sich das Auto mit anderen Mitgliedern, kann der Monatsbeitrag reduziert werden.


«Ich glaube, dass das Auto-Abo in der von uns betriebenen Form die Zukunft ist. Dessen Anteil wird auch in Deutschland weiter wachsen», sagte Lynk-Chef Alain Visser im Video-Interview mit der Autogazette. Mit dieser neuen Form des Auto-Abos will Lynk & Co den Markt für sich erobern. Heutige am Markt angebotene Auto-Abos seien eher klassische Leasingangebote.

Abo und Sharing ideale Kombination

Für Visser ist Abo und Sharing die ideale Kombination. Damit könne der Kunde nicht nur seine Kosten reduzieren, sondern auch den Nachhaltigkeitsaspekt verfolgen. Seinen ersten Club in Deutschland wird Lynk & Co Mitte des kommenden Jahres in Berlin eröffnen. Online sei man in Deutschland aber längst präsent, so der Manager. «Die ersten Fahrzeugauslieferungen sind für Anfang kommenden Jahres geplant.»

Dass der europäische Marktstart in der niederländischen Metropole stattfand, habe einen einfachen Grund gehabt. Amsterdam gelte als «Anti-Auto-Stadt», so Visser. «Genau hier wollen wir uns als Unternehmen positionieren, welches sich als Gegenentwurf zur Autoindustrie sieht.»

«Corona hat wenig Einfluss auf Zeitplan des Launches»

Derzeit noch nicht rein elektrisch: das Kompakt-SUV 01 von Lynk & Co. Foto: Lynk

Autogazette: Wo erreiche ich Sie, Herr Visser?

Alain Visser: In Göteborg, ich bin zu Hause bei uns in der Küche.

Autogazette: Die Corona Pandemie hält die Welt in Atem. Wie gehen Sie in ihrem Alltag damit um?

Visser: In Schweden ist die Situation im Vergleich zu anderen Teilen Europas radikal anders. Hier merkt man das viel weniger. Das Leben geht hier im Allgemeinen normal weiter. Der einzige Unterschied ist, dass wir in der Mehrzahl zu Hause arbeiten. Dabei hat es mich überrascht, dass der Arbeitsprozess sich nicht verlangsamt hat. Es funktioniert alles sehr effizient. Allerdings nimmt es viel vom Charme des direkten Zusammenarbeitens mit den Kollegen.

Autogazette: Hat die Corona-Pandemie Einfluss auf den geplanten Start von Lynk & Co im kommenden Jahr in Deutschland?

Visser: Es hat wenig Einfluss auf den Zeitplan des Launches an sich, aber sehr große Einflüsse auf den Launch selbst.

Autogazette: Was heißt das?

Visser: Wir haben unseren Kommunikationsplan geändert. Wir haben vor ein paar Wochen den ersten Club in Amsterdam geöffnet. Ursprünglich war geplant, dass wir hierzu 200 Menschen einladen, also eine richtig große Veranstaltung machen. Daraus wurde nichts, wir haben nur zwölf Journalisten eingeladen, die ich einzeln durch unseren Club geführt habe. Auch unsere Einführungsaktivitäten werden ausschließlich online stattfinden.

«Verstehen uns als Gegenentwurf zur Autoindustrie»

Autogazette: Sie sind in den Niederlanden gestartet, wie geht es weiter?

Visser: Nach der Eröffnung des Clubs in Amsterdam geht es jetzt mit anderen Ländern in Europa weiter. In Deutschland werden wir den Club in Berlin eröffnen, das ist für Mitte nächsten Jahres geplant. Online sind wir in Deutschland aber längst präsent, dort können sich die Leute auch schon anmelden. Die ersten Fahrzeugauslieferungen sind für Anfang kommenden Jahres geplant.

Autogazette: Warum sind Sie in den Niederlanden gestartet? Gibt es da eine besondere Affinität für diese Art des Vertriebs?

Visser: Ja, dem ist so. Mit Berlin und Amsterdam standen zwei Städte für den Start in der engeren Wahl. Es sind zwei Städte, die nach unseren Analysen sehr offen sind für solche modernen Mobilitätskonzepte und auch für Sharing. Wir haben uns dann für Amsterdam entschieden, weil es eine Anti-Auto Stadt ist. Genau hier wollen wir uns als Unternehmen positionieren, welches sich als Gegenentwurf zur Autoindustrie sieht.

«Heutige Auto-Abos eher klassische Leasingangebote»

Das Kompakt-SUV 01 ist das erste Fahrzeug von Lynk & Co. Foto: Lynk

Autogazette: Sehen Sie in Sharing und dem Konzept eines Auto-Abos die Zukunft der Autoindustrie?

Visser: Ich glaube, dass das Auto-Abo in der von uns betriebenen Form die Zukunft ist. Dessen Anteil wird auch in Deutschland weiter wachsen. Wir sehen in der Kombination aus Abo und Sharing eine ideale Kombination. Dadurch ist es möglich, dass der Kunde nicht nur seine Kosten reduzieren kann, sondern auch den Nachhaltigkeitsaspekt verfolgen kann. Die heutigen Auto-Abos sind häufig indes doch eher klassische Leasingangebote. Das sieht man daran, dass ich das Auto-Abo monatlich bezahle und es mindestens über 12 Monate geht. Deshalb nennen wir unser Angebot auch nicht Abo, sondern Membership.

Autogazette: Wer sich bei Lynk & Co ein Auto besorgt, der bezahlt dafür monatlich 500 Euro. Durch Sharing lassen sich die Kosten reduzieren. Doch ist Sharing in Zeiten von Corona nicht problematisch?

Visser: Sicherlich ist Sharing seit der Corona-Pandemie viel kritischer zu betrachten. Unser Business Modell setzt aber auf das Membership, nicht auf das klassische Sharing. Es ist ein gutes Mittel, um die Kosten zu reduzieren. Bei uns kann ich mir das Auto mit irgendeinem fremden Menschen, einem Freund oder mit Mitarbeitern eines Unternehmens teilen, wo das Fahrzeug Teil der Flotte ist. Aus einem Pool von beispielsweise 20 Fahrzeugen kann sich jeder bedienen.

«Unsere Mitglieder werden Teil einer Community»

Autogazette: Was machen Sie anders als die Konkurrenz? Das Angebot Membership statt Auto-Abo zu nennen wird es ja allein nicht sein…

Visser: …da ist zum einen die kurze Laufzeit von einem Monat, zum anderen der Umstand, dass unsere Mitglieder Teil einer Community werden. Wir organisieren in unseren Clubs eine Vielzahl von Events wie beispielsweise Musik-Festivals. Daneben werden unsere Mitglieder auch eingeladen zu Galerie- oder Restauranteröffnungen. Wer Erfolg haben will, der muss eine Loyalität zu seiner Marke aufbauen. Wir versuchen dies über ein Gemeinschaftsgefühl unserer Mitglieder.

Autogazette: Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit für Sie innerhalb des Angebots?

Visser: Eine absolut wichtige. Hätten wir nicht ein glaubwürdiges Nachhaltigkeitskonzept, dann hätte ich das Gros unserer Mitarbeiter nicht einstellen können, denen dieser Aspekt sehr wichtig ist. Ohne ein Nachhaltigkeitskonzept wären die nie an Bord gekommen. 80 Prozent unserer Mitarbeiter kommen nicht aus der Autoindustrie. Ohne ein glaubwürdiges Nachhaltigkeitskonzept würden wir uns auch keine Kunden verdienen.

«Unser nächstes Auto wird ein rein elektrisches sein»

Autogazette: Doch was ist an Ihrem Konzept nachhaltig? Derzeit bieten Sie SUVs an, zum Start auch nur Plug-in-Hybride.

Visser: Tatsächlich bieten wir am Anfang nur einen Plug-in-Hybriden an. Der Grund dafür ist der, dass wir damit eine große Kundengruppe erreichen. Wenn wir ein Fahrzeug anbieten, dann muss es den gesamten Markt abdecken. Das heißt: er darf nicht zu klein sein für Familien, aber nicht zu groß für die Stadt. Deshalb ist unser Kompakt-SUV das perfekte Auto. Mit einem rein elektrischen Fahrzeug zu starten erscheint uns aufgrund der Infrastruktur als noch zu früh. Doch eines ist klar: unser nächstes Auto wir ein rein elektrisches sein.

Autogazette: Welches jährliche Volumen in Europa peilen Sie an?

Visser: Wenn wir von Volumen sprechen, sprechen wir nicht von Autos, sondern Mitgliedern. Wir glauben daran, dass wir in zwei Jahren in Europa 100.000 Mitglieder haben.

Autogazette: Wer Ihre Webseite besucht, findet dort die Option des Autokaufs nur versteckt. Wollen Sie gar keine Autos verkaufen?

Visser: So weit würde ich nicht gehen. Doch es stimmt, dass wir vor uns allem am Anfang als Mobilitätsunternehmen positionieren wollten, nicht als Autounternehmen. Von daher haben wir die Option des Autokaufs auch etwas versteckt. Wir haben immer gesagt, dass der Vergleich mit Netflix uns eigentlich ganz gut steht, Netflix ist kein Sender, macht aber auch eigene Serien und Filme.

«Autoindustrie denkt weiter so wie vor 100 Jahren»

Autogazette: Sie sehen sich also als das Netflix der Autoindustrie?

Visser: Ja, wenn Sie so wollen sind wir das Netflix der Autoindustrie.

Autogazette: Hat sich die Autoindustrie aus Ihrer Sicht zu spät auf das veränderte Mobilitätsverhalten eingelassen?

Visser: Absolut. Das Kundenprofil hat sich in den zurückliegenden zehn Jahren radikal geändert. Doch die Autoindustrie denkt weiter so wie in den 100 Jahren zuvor. Das finde ich erschreckend. Der einzige Grund dafür ist, dass das Geschäft der Autoindustrie bislang profitabel ist – noch. Nach unseren Daten sind etwa 10 Prozent der Europäer offen für etwas Neues. Sie können jetzt sagen: Nur 10 Prozent, aber 10 Prozent von der gesamten Autoindustrie ist eine Zahl, die für uns ganz schön ist.

Autogazette: Woran liegt es denn, dass die Branche diesen Wandel bisher noch nicht konsequent mitgegangen ist?

Visser: Es ist immer noch eine technologisch geprägte Industrie. Sie wissen, dass ich schon für viele Marken tätig war, aber derzeit dreht sich in der Branche alles ums Auto, nicht um den Kunden.

«Kunden sind offen für neue Konzepte»

Alain Visser will Lynk & Co. zu einer Lifestylemarke machen. Foto: Lynk

Autogazette: Wie sieht der typische Kunde von Lynk & Co aus?

Visser: Für mich sind es keine Auto Freaks. Es sind Leute, die offen sind für neue Konzepte. Es sind Leute mit einer offenen Einstellung: Sie können 20 sein, aber auch 75.

Autogazette: Wie wollen Sie sich als Marke positionieren? Ihr Webauftritt kommt sehr lifestylig daher.

Visser: Ich traue mich nicht zu sagen, dass wir eine Lifestyle-Marke sind, weil man sich das erst verdienen muss. Doch es ist schon unser Ziel als eine Marke gesehen zu werden, die genau Richtung Lifestyle geht. Doch bei allem muss die Qualität des Autos stimmen. Wir wollen nicht nur schönes Marketing machen, sondern auch ein verdammt gutes Auto.

Das Interview mit Alain Visser führte Frank Mertens

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein
Bitte geben Sie Ihren Namen ein