«Unsere Firma schafft Trends und folgt ihnen nicht»

LEVC-Chef Jörg Hofmann

LEVC-Chef Jörg Hofmann sieht großes Potenzial im Logistikbereich. © LEVC/Richard Grange

Die London Electric Vehicle Company hat gerade das 2500. Elektro-Taxi gebaut. Im Interview mit der Autogazette spricht LEVC-Chef Jörg Hofmann über den Brexit und die Wachstumsstrategie des Unternehmens.

Die London Electric Vehicle Company (LEVC) setzt nach einer Phase der Restrukturierung auf einen deutlichen Wachstumskurs. Dabei liegt das Hauptaugenmerk des Unternehmens auf der Expansion im Logistik-Bereich mit seinem neuen Elektro-Transporter. «Wir planen für das erste volle Produktionsjahr in 2021 mit mindestens 12.000 Fahrzeugen», sagte LEVC-Chef Jörg Hofmann im Interview mit der Autogazette.


Die Produktion des neuen E-Transporters im Werk in Coventry soll im dritten Quartal, spätestens im vierten Quartal nächsten Jahres beginnen, so Hofmann. Wie der ehemalige Audi-Manager sagte, werden sich die drei Produktsäulen des Unternehmens dann aus dem klassischen Taxi-Geschäft, Shuttle-Fahrzeugen und den Elektro-Transportern zusammensetzen. «Unser zukünftiger Volumenplan sieht dann so aus: 3500 Taxen, 4500 Shuttles und 12.000 Electric-Vans, damit wäre wir an der Kapazitätsgrenze.»

«Glaube nicht, dass ein No-Deal-Brexit kommt»

Das London Taxi von LEVC vor der Tower Bridge. Foto: LEVC

Autogazette: Herr Hofmann, nach dem Amtsantritt von Boris Johnson als britischer Premier läuft alles auf einen No-Deal-Brexit hinaus. Welche Auswirkungen hätte das für Ihr Unternehmen?

Jörg Hofmann: Ich glaube nicht, dass es zu einem No-Deal Brexit kommen wird, auch deshalb, weil das Oberhaus ein Anti-No-Deal-Gesetz verabschiedet hat. Niemand wird die politische Verantwortung dafür übernehmen wollen, weder ein britischer Premierminister, noch das Parlament, noch die europäische Union. Wenn es wider Erwarten zu einem No-Deal Brexit käme, würde es die ganze Wirtschaft und das ganze Land in extreme Schwierigkeiten bringen.

Autogazette: Würden Sie einen Standortwechsel im Falle eines No-Deal-Brexit erwägen?

Hofmann: Wie gesagt: Ich glaube nicht, dass es dazu kommt. Aber selbst wenn, würden wir keinen Standortwechsel erwägen. Die London Electric Vehicle Company ist eine britische Ikone – und das wird sie bleiben. Ein solcher Schritt – so er kommt – würde am Ende dazu führen, dass wir nach einigen Wochen unsere Produktion stoppen und wir uns Gedanken darüber machen müssten, welche Auswirkungen es auf unsere Beschäftigten hat.

Autogazette: Aber Sie gehen davon aus, dass der Brexit kommt?

Hofmann: Wer sich jetzt mit den Menschen unterhält, der merkt, wie besorgt sie sind und sich dessen bewusst sind, was ein Brexit bedeutet. Zu Zeiten des Referendums war dies in diesem Maße nicht der Fall. Die Menschen erkennen, dass die EU für sie wichtig ist. Mit Blick auf mögliche Neuwahlen kann ich mir vorstellen, dass sich eine Mehrheit für ein zweites Referendum bildet, was ich begrüßen würde. Ich sage aber auch: Mit einem Brexit könnten wir leben, mit einem No-Deal-Brexit nicht.

«Es ist eine große Erfolgsgeschichte»

LEVC-Chef Jörg Hofmann setzt auf Wachstum. Foto: LEVC/Richard Grange

Autogazette: Vor einigen Wochen haben Sie nach eineinhalb Jahren das 2500. London Taxi produziert. Sehen so Erfolgsgeschichten aus?

Hofmann: Ja, es ist eine große Erfolgsgeschichte. Sie müssen sich vor Augen führen, dass wir eine Fabrik neu aufgebaut haben und einen Hersteller traditioneller Autos mit Verbrennungsmotor zu einem von Elektrofahrzeugen gemacht haben. Dass es dabei Anlaufschwierigkeiten gibt, ist doch klar. Doch die haben wir mittlerweile im Griff und produzieren nun im Schnitt 300 Fahrzeuge pro Monat und im nächsten Jahr fahren wir die Produktion noch weiter hoch.

Autogazette: Sie bringen damit pro Jahr 3600 Fahrzeuge auf den Markt, doch Sie haben eine deutlich höhere Produktionskapazität….

Hofmann: … richtig, wir haben eine Fabrikkapazität von maximal 20.000 Fahrzeugen im Jahr. Vor diesem Hintergrund liegt es auf der Hand, dass der Business Case langfristig nicht aufgeht. Deshalb sitze ich hier und habe eine Strategie erarbeitet, die Fabrik auszulasten. Phase eins ist abgeschlossen: Wir haben unsere Kostensituation deutlich verbessert und die Produktion effizienter gestaltet. Nun geht es in Phase zwei – und das bedeutet weiteres Wachstum und neue Märkte mit neuen Produkten zu erschließen. Gerade haben wir unser neues Büro in Frankfurt eröffnet; es wird unser Zentrum für den europäischen Export sein. In den vergangenen 70 Jahren war das Unternehmen fokussiert auf die Produktion von Taxen – und das mit dem Fokus auf die City of London. Damit hat die Firma über Jahrzehnte in einer extremen Nische fungiert. Diese Nische ist aus heutiger Sicht deutlich zu klein.

«Bieten Lösung für die grüne Logistik an»

Autogazette: Es war also ein Fehler, dass man sich zu lange auf Taxen konzentriert hat?

Hofmann: Es steht mir nicht zu, dies als Fehler zu bezeichnen, doch es war kein nachhaltiges Businessmodell. Mein Auftrag ist es, die Firma profitabel zu machen und das geht nur, indem wir expandieren.

Autogazette: Sie zielen darauf ab, dass Sie nun auch Transporter anbieten werden. Doch warum sollten sich Kunden für ihr Produkt entscheiden und nicht für das etablierter Konkurrenten?

Hofmann: Weil wir mit unserem E-Transporter eine Antwort auf die veränderten Umweltanforderungen haben. Mehr und mehr Güter werden online bestellt, doch zugleich sperren immer mehr Städte Verbrenner aus. In Paris werden in absehbarer Zeit wie in London Zufahrtsbeschränkungen eingeführt, andere Städte folgen. Wir sind entsprechend mit Städten wie Kopenhagen im Gespräch und auch in Berlin wird man nicht umhin können, hier zu reagieren. Mit unserem E-Transporter bieten wir eine Lösung für diese grüne Logistik an.

Autogazette: Das tun auch andere Hersteller wie beispielsweise Daimler mit dem eVito oder auch Streetscooter…

Hofmann: Ich will mich hier nicht über Wettbewerber äußern. Doch die Anbieter, die gerade auf dem Markt sind, sind längst nicht auf dem technischen Stand unserer Fahrzeuge. Die derzeit auf dem Markt befindlichen Modelle bieten nicht die Reichweiten, die benötigt werden. Wir tun das mit unserem Modell, das über einen Range Extender verfügt und eine elektrische Reichweite von 130 Kilometern bietet. Ist die Batterie leer, lädt ein Dreizylindermotor die Batterie auf, sodass wir auf eine Gesamtreichweite von 600 Kilometern kommen. Mit unserem Fahrzeug kreieren wir für einen riesigen Markt ein neues Segment. Hier bietet sich für uns ein riesiges Absatzpotenzial.

«Planen 2021 mit mindestens 12.000 Fahrzeugen»

Der E-Transporter von LEVC. Foto: LEVC

Autogazette: Wann wird Ihr E-Transporter kommen?

Hofmann: Wir gehen von einem Produktionsstart im dritten Quartal, spätestens im vierten Quartal nächsten Jahres aus. Doch bereits heute laden wir Großkunden wie die Britisch Telecom und Logistikfirmen ein, sich unser Auto anzuschauen und so generieren wir bereits ein großes Kundeninteresse.

Autogazette: Bei den Taxen produzieren Sie derzeit jährlich 3600 Einheiten, wie viele sollen es bei den Transportern werden?

Hofmann: Wir planen für das erste volle Produktionsjahr in 2021 mit mindestens 12.000 Fahrzeugen. Unsere drei Produktsäulen werden sich dann aus den klassischen Taxen, aus Shuttle-Fahrzeugen und den Transportern zusammensetzen.

Autogazette: Welche Bedeutung wird den Shuttlefahrzeugen zukommen?

Hofmann: Eine große. Es wird bereits von Mobilitätsdienstleistern wie ioki oder CleverShuttle bestellt. Von denen gibt es immer mehr und die Nachfrage nach unseren Fahrzeugen steigt. Wir erfüllen nicht nur die Zero-Emission-Ansprüche, sondern bieten Platz für sechs Leute. Entsprechend wird dieser Bereich noch wichtiger als das Geschäft mit den Taxen. Unser zukünftiger Volumenplan sieht dann so aus: 3500 Taxen, 4500 Shuttles und 12.000 Electric-Vans, damit wären wir an der Kapazitätsgrenze.

«Deutschland wird ein Schlüsselmarkt»

Autogazette: Welche Märkte sind für Ihre Expansion die wichtigsten?

Hofmann: Sicherlich wird England immer ein Kernmarkt bleiben, auch aufgrund der Tatsache, dass es in London 20.000 Taxen gibt, von denen wir ca. 10 Prozent mit Elektrotaxen ersetzt haben. Daneben ist Deutschland ein Schlüsselmarkt und das ist auch der Grund, warum wir nach dem Produktionsstart des Vans damit gleich nach Deutschland wollen. Daneben sind die skandinavischen Länder und auch Frankreich und die Niederlande wichtig

Autogazette: Stimmt es Sie mit Blick auf Ihre Wachstumsstrategie zuversichtlich, dass in immer mehr Ländern Fahrverbote diskutiert oder verhängt werden?

Hofmann: Das ist genau der Grund, weshalb ich mit meiner Mannschaft äußerst optimistisch bin. Unsere Firma schafft Trends und folgt ihnen nicht. Unsere Mutterfirma Geely hat früh auf die Elektrifizierung gesetzt. Hier hatte man die Vision von der Elektromobilität bereits schon, bevor sie Zeitgeist wurden. Wir bieten für die Mobilität der Zukunft die richtige Antwort.

Das Interview mit Jörg Hofmann führte Frank Mertens