Jaguar XJ Supersport: Edel und schnell

Auf 250 km/h begrenzt

Der Jaguar XJ Supersport hat 510 PS unter der Haube © Jaguar

Jaguar hat die Palette des XJ aufgestockt. Die Luxuslimousine des britischen Autoherstellers erhält nun auch das Topaggregat mit 510 PS.

Von Axel F. Busse

Wer im Luxussegment keinen Wagen mit 500 PS oder mehr anzubieten hat, gilt fast schon als nicht gesellschaftsfähig. Das weiß man auch bei Jaguar und wartete deshalb nicht allzu lange, das bisher aus einem Sechszylinder-Diesel und einem V8-Sauger bestehende Motorenangebot für den XJ aufzustocken. Traditionell bedient sich die Katzenmarke dabei zur Leistungssteigerung eines Kompressors. Statt wie bisher 283 kW/385 PS können die Insassen nun auf die Kraft von 375 kW/510 PS zurückgreifen, was die Spurtfähigkeit unter fünf Sekunden drückt.

Mut wurde belohnt

Obwohl die Leistung fraglos für deutlich mehr als 250 km/h ausreichen würde, ist das Spitzentempo elektronisch begrenzt. Die 300 km/h zu erreichen, bleibt bis auf weiteres dem jüngst vorgestellten Modell XK-RS vorbehalten, der damit der schnellste je gebaute Serien-Jaguar ist. Beim XJ-Spitzenmodell geht es weniger um Top-Tempo, als um eine Offerte an leistungshungrige Kunden, denen erlesener Komfort wichtiger ist als herausgeholte Zehntel auf dem Rundkurs.

Nicht ohne Bauchschmerzen hatten die Jaguar-Verantwortlichen vor gut einem Jahr die neue große Baureihe der Öffentlichkeit vorgestellt. Der von Chefzeichner Ian Callum mit coupéhafter Dachlinie und bumerangförmigen Heckleuchten gestylte Viertürer dokumentierte die vollständige Abkehr vom gewohnten 3-Box-Design, das Jahrzehnte lang den Auftritt der Groß-Katzen bestimmt hatte. Doch der Mut wurde belohnt, nur wenige alte Kunden wandten sich ab, viele neue wurden gewonnen, so dass der XJ in Deutschland das Jahr 2010 mit mehr als 540 neu zugelassenen Exemplaren abschloss - mehr als ein Viertel dessen, was das kleinere Modell XF schaffte.

Kurzversion die bessere Wahl

Ein Turboloch ist beim Jaguar XJ Supersport nicht bemerkbar Jaguar

Der aufgeladene Achtzylinder des XJ Supersport bewegt einen Luxusschlitten, der wahlweise mit 3,03 oder 3,16 Metern Radstand zu haben ist. Die Langversion einer Limousine im Portfolio zu haben, ist für Mitspieler im automobilen Oberhaus fast ebenso wichtig wie ein 500-PS-Motor. Für Performance-orientierte Kundschaft dürfte allerdings die etwas handlichere "Kurz"-Version die bessere Wahl sein. 12,5 Zentimeter mehr Außenlänge werden zu 0,4 Meter mehr Wendekreis. Britische Zurückhaltung regiert bei der Optik: Außer serienmäßigen 20-Zoll-Leichtmetallfelgen und dem Schriftzug "Supercharged" in der seitlichen Spange am vorderen Kotflügel deutet nichts auf den Zuwachs von 125 Pferdestärken hin.

Die enorme Schubkraft ist allerdings kaum zu kaschieren, weshalb subtiler Umgang mit dem Gaspedal angeraten ist. Anders als bei manchen per Turbolader befeuerten Motoren, denen die kleine Denkpause zum Aufbau des Abgasstroms nie ganz abgewöhnt werden konnte, drückt der Jaguar seine maximal 625 Newtonmeter Drehmoment kaum einen Wimpernschlag nach Senkung des rechten Fußes auf die hinteren Räder. Kein Wunder, dass zuweilen die Traktionskontrolle spürbar in Aktion tritt, denn nicht jeder Gummi und nicht jeder Straßenbelag können dies ohne Haftungsverlust verkraften.

Geschmeidige Sechsgang-Schaltung

Querrillen mag der Jaguar XJ Supersport nicht Jaguar

Die sechsgängige ZF-Automatik ist allerdings mühelos in der Lage, das zunehmende Tempo geschmeidig in abnehmende Drehzahlen umzusetzen. Schaltpaddel lassen dem Schumi-Fan die Option, die Gangwahl persönlich zu gestalten und es gibt keinen Grund, die achtgängige Automatik herbeizusehnen, die ZF derzeit schon verschiedenen deutschen Herstellern liefert. Bei den Federungs- und Dämpfungseigenschaften freilich ist noch am ehesten der Konflikt sportlicher Leistungsbereitschaft mit dem Ziel des sänftenartigen Dahingleitens zu erkennen.

Querrillen mag der Supersport nicht und die polternden Schläge von der Straßenoberfläche sind die akustische Erinnerung daran, dass 20-Zoll-Felgen zwar unverschämt gut aussehen, aber in Sachen Fahrkomfort wohl kaum als Ultima Ratio taugen. Mehr PS vertragen sich immer gut mit leistungsfähigeren Bremsen, weshalb der XJ-Athlet vorn 25 Millimeter und hinten 50 Millimeter größere Bremsscheiben bekommen hat. Gute Dosierbarkeit zeichnen die Bremsanlage ebenso aus wie energische Verzögerung.

Verbesserungswürdiges Navigationssystem

Viel Echtholz, Hochglanzlack und handschuhweiches Leder sind dem XJ auch im Topmodell erhalten geblieben. Die bekannte hochklassige Wohnlichkeit des Innenraums hat Jaguar mit einer Fond-orientierten Aufwertung verfeinert. Nunmehr sind auch die hinteren Lehnen in der Neigung verstellbar und verfügen über eine Massagefunktion. Der Beifahrersitz kann bei Nichtbelegung nach vorn weggeklappt werden, und auch nicht immer Sichtbares wird vornehm umsäumt: Das Handschuhfach ist mit Seide ausgeschlagen. Trotz allen Komforts sind Ingenieurs-Aufgaben für die Zukunft zu identifizieren: Bedienungsfreundlichkeit und Grafikqualität des Navigationssystems, das mittels Touchscreen bedient wird, lassen Verbesserungspotenzial erkennen.

Wer schon mehr als 130.000 Euro für ein exklusives Fahrvergnügen ausgibt, soll wenigstens an der Tankstelle nicht mehr als nötig zur Ader gelassen werden. Die im EU-Normtest ermittelten 12,1 Liter Verbrauch je 100 Kilometer Fahrstrecke, erscheinen leistungs- und gewichtsangemessen (1892 kg bei kurzem Radstand). Da jedoch der wohltönende V8-Sound als Spurt-Untermalung zu häufigerer Wiederholung verleitet, sind 14 bis 16 Liter eine in der Realität wahrscheinlichere Größe. (mid)