«Skoda ist Vorbild für Dacia»

Renault-Vertriebsvorstand Holger Böhme

Renault-Vertriebsvorstand Holger Böhme © Foto: Renault

Renault hat sich mit Dacia große Ziele gesetzt. In Deutschland soll die Marke so wachsen wie die VW-Tochter Skoda, sagt Renault-Vertriebsvorstand Holger Böhme der Autogazette.

Renault nimmt sich mit Dacia in Deutschland die VW-Tochter Skoda zum Vorbild. «Wir möchten eine Marke gründen, die eine gute Akzeptanz hat und die im Preis-Leistungs-Verhältnis zu den Top Drei gehört. Wenn die Marke Dacia - wie wir es beim Sandero zeigen - den Design-Wandel schafft, kann sie eine zweite Marke a la Skoda werden», sagte Renault-Vertriebsvorstand Holger Böhme der Autogazette.

Showrooms in den neuen Bundesländern

Um den Erfolg der Marke weiter zu forcieren, werden ausgewählte Renault-Händler in Zukunft die Modelle der rumänischen Renault-Tochter in ihren Schauräumen prominenter als bisher platzieren. «Im nächsten Jahr rechnen wir mit 30 bis 40 Händlern, die über einen eigenen Dacia-Showroom verfügen. Ein Großteil wird in den neuen Bundesländern sein, weil wir da eine Riesenchance sehen, die Marke weiter zu stabilisieren», so Böhme.

Neben der Platzierung der Dacia-Modelle setzt der deutsche Ableger auch auf mehr Sportlichkeit. Mit dem Megane, Twingo und Clio hat Renault schon eine eigene sportliche Palette wie Opel mit den OPC-Modellen oder Abarth bei Fiat, die laut Böhme demnächst mit neuen Modellen erweitert wird. «Wir wollen Spezialisten ausbilden, die sich dem Thema widmen und Renault Sport eine ganz neue Dimension verleihen.»

Dabei hofft Böhme, dass die dem «Vertrag 2009» geschuldeten Einsparungen von weltweit 5000 Stellen die deutsche Filiale nur peripher berühren werden und über Modelle wie Altersteilzeit oder Ruheständler regeln lasse. «Wir gehen davon aus, dass wir gegebenenfalls das Ziel mit Einstellungsstopp und natürlicher Fluktuation erreichen können.» Trotz Einsparungen soll natürlich der Marktanteil weiter gesteigert werden. «Unser mittelfristiges Ziel lautet, in den nächsten drei Jahren mit Renault und Dacia - lassen wir die LKW mal weg -auf ungefähr 5,5 Prozent zu kommen. Dacia soll sich bei einem Prozent einpendeln, Renault bei 4,5 Prozent. Wenn wir das schaffen, sind wir sehr, sehr gut unterwegs.»

Nummer zwei hinter Frankreich

Renault- und Nissan-Chef Carlos Ghosn Foto: dpa

Autogazette: Carlos Ghosn hat den Allianz-Partner Nissan in Deutschland zur Halbjahresbilanz stark kritisiert und bessere Ergebnisse gefordert. Ist er mit Renault Deutschland zufrieden?

Holger Böhme: Ich denke schon. Wir unterteilen in Frankreich und die großen vier europäischen Länder. Dabei ist Deutschland von den großen Vieren das mit Abstand erfolgreichste Land. Im letzten Jahr waren wir die Nummer fünf, jetzt sind wir bei den Absatzzahlen die klare Nummer zwei hinter Frankreich. Wir haben mit Renault ein Wachstum von zehn Prozent, Dacia sogar 33 Prozent. Also eine sehr positive Story. Zudem haben wir in Deutschland die Erträge deutlich gesteigert.

Autogazette: Dieser Erfolg hängt aber hauptsächlich mit dem Erfolg von Dacia zusammen?

Böhme: Das würde ich angesichts des zehnprozentigen Wachstums von Renault so nicht sagen - und das in einem sehr schwachen deutschen Privatmarkt. Dacia hilft uns sehr, aber wir haben auch bei Renault eine absolute Wachstumsstory, bedingt durch die fünf neuen Modelle, die wir seit Anfang des Jahres herausgebracht haben. Sicher hatten manche noch bessere Ergebnisse erwartet, aber bei diesem schwachen Markt sind die zehn Prozent schon eine tolle Leistung.

Autogazette: Trotzdem sollen bei Renault 5000 Stellen gestrichen werden. In wie weit ist der «Vertrag 2009» durch die Einsparungen gefährdet?

Böhme: Diese Einsparungen sind dem Vertrag 2009 geschuldet. Eigentlich sollten bis 2009 zusätzlich 800.000 Autos weltweit pro Jahr verkauft werden. Aber durch das weltweit schwierige Marktumfeld waren die 800.000 Einheiten nicht mehr realistisch. Deshalb haben wir uns auf 500.000 Fahrzeuge festgelegt. In Spanien, Italien und Großbritannien sind die Märkte zum Teil so stark zusammengefallen, dass andere Märkte das nicht mehr ausgleichen können.

Autogazette: Was bedeuten diese Einsparungen für Renault?

Böhme: Neben den Wachstumszielen, die wir nicht erreichen werden, enthält der Vertrag 2009 noch die Qualitätsziele, die wir extrem nach vorn gebracht haben, und das Profitabilitätsziel. Und dieses Ziel wollen wir trotz der schlechten Marktsituation schaffen. Deshalb müssen wir die Personalsituation an die veränderten Bedingungen anpassen.

Autogazette: Was bedeutet das konkret für Deutschland?

Böhme: Was das konkret für Deutschland bedeutet, können wir im Moment nicht sagen. Wir gehen aber davon aus, dass wir gegebenenfalls das Ziel mit Einstellungsstopp und natürlicher Fluktuation erreichen können.

Fortschritte bei Qualität

Der neue Renault Laguna Foto: AG/Flehmer

Autogazette: Carlos Ghosn hat gefordert, bei der Qualität unter die ersten Drei vorzudringen. Der neue Laguna zeigt bereits Fortschritte, doch das Image hinkt hinterher. Wie kann das abgewendet werden?

Böhme: Wir haben Riesen-Fortschritte gemacht im Vergleich zu der Zeit, als wir sehr schlecht waren. Das belegt die ADAC-Pannenstatistik, die ja immer die letzten fünf Jahre betrachtet. Vor allem der neue Twingo ist auf einem phänomenalen Niveau. Beim Laguna wollen wir zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind, darum haben wir uns auch entschieden, den Namen weiter beizubehalten. Wir haben einen Riesensprung gemacht, den es bei Renault selten gegeben hat.

Autogazette: Das heißt, Sie erwarten keine Kunden, die Ihre elektrischen Fensterheber reparieren lassen müssen?

Böhme: Seien es die Fensterheber oder die Schlüsselkarten. Wir haben alle Schritte unternommen, um beim Laguna die nötige Qualität zu erreichen. Der Laguna hat Millionen von realen Testkilometern hinter sich, zuvor war er immer nur am Computer getestet worden.

Autogazette: Wie schaut es beim Dacia aus?

Böhme: Wir erwarten bald die ersten Ergebnisse der Langzeittestfahrten. Dacia basiert auf Renault-Technik und teilweise der Clio II-Plattform. Mit Dacia sind wir extrem gut aufgestellt. Die Marke ist für Schwellenländer entwickelt worden, das heißt für Umgebungen mit extremsten Bedingungen wie Feuchtigkeit, Hitze und schlechte Straßen. Wir haben ein Armaturenbrett, das aus einem Guss ist - da kann nicht viel passieren. Ich denke, dass wir mit Dacia ganz weit vorne sein werden. Nicht umsonst gibt es drei Jahre Garantie. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir die Qualität mit jedem Fahrzeug erreichen werden.

5,5 Prozent Marktanteil als Ziel

Erfolg mit dem Dacia Logan MCV Foto: AG/Flehmer

Autogazette: Trotzdem sollen aufgrund der Sparmaßnahmen nicht ganz so wichtige Projekte verschoben oder ganz vernachlässigt werden. Um welche Projekte handelt es sich?

Böhme: Die ganze Automobil-Industrie ist einem sehr schwierigen Umfeld, das sieht man auch an den anderen großen Wettbewerbern. Renault bringt trotzdem ein Milliardenergebnis mit Nissan und Dacia zustande. Trotzdem werden wir im Hinblick auf die Zukunft des Unternehmens das ein oder andere Projekt verschieben müssen. Auch der Espace-Bereich, ein Segment, das sich derzeit nach unten bewegt, ist davon betroffen. Im IT-Bereich werden wir Verschiebungen bewirken. Aber in der heutigen Zeit ist es wichtiger, die Rentabilität abzusichern.

Autogazette: Sie haben in Deutschland derzeit einen Marktanteil von 4,1 Prozent...

Böhme:...nur für Renault. In der Summe mit Dacia und der LKW-Sparte sind wir deutlich über fünf Prozent, bei circa 5,2 Prozent...

Autogazette: ...wie sehen Ihre langfristigen Ziele aus?

Böhme: Unser mittelfristiges Ziel lautet, in den nächsten drei Jahren mit Renault und Dacia - lassen wir die LKW mal weg - auf ungefähr 5,5 Prozent zu kommen. Dacia soll sich bei einem Prozent einpendeln, Renault bei 4,5 Prozent. Wenn wir das schaffen, sind wir sehr, sehr gut unterwegs.

Autogazette: Wie lange wird Dacia dabei noch das Alleinstellungsmerkmal des Billigautos verkörpern?

Böhme: Die Marke Dacia ist sehr intelligent konstruiert worden, was die Preiskalkulation, die Modellpalette, die Kosten oder auch die Produktion anbelangt. Wir haben wenige Versionen, Renault-Technik als Basis und ein sehr effizientes Vertriebsnetz mit geringen Margen. Die Summe dieser Dinge führt dazu, dass die Hersteller, die jetzt nachkommen, sich schwer tun werden, in der Kürze der Zeit ein ähnliches Geschäftsmodell aufzubauen. Und wir werden uns weiter entwickeln. Im nächsten Jahr kommt ein leichtes Nutzfahrzeug, ein Pickup, im Jahr danach werden wir noch einen 4x4 mit einem sehr wettbewerbsfähigen Preis bringen. Wir werden also versuchen, unseren Vorsprung immer weiter tendenziell auszubauen. Dieses Jahr vermarkten wir 25.000 Dacia, für nächstes Jahr streben wir 30.000 Fahrzeuge an. Dabei hilft uns unser sehr gutes Vertriebsnetz. Ein indischer oder chinesischer Hersteller würde sich sicher schwer tun, ein vergleichbares Netz aufzubauen.

Dacia a la Skoda

Das Dacia-Sondermodell "Graf Dracula" Foto: Renault

Autogazette: Besteht in Ostdeutschland noch ein Solidargefühl aus alten Tagen, werden also dort mehr Dacia verkauft als im Westteil der Republik?

Böhme: Ja, die Dacia Modelle werden in Ostdeutschland mehr verkauft, obwohl ich nicht glaube, dass das an einer gemeinsamen politischen Vergangenheit liegt. Aufgrund der Struktur in den neuen Bundesländern hinkt die Kaufkraft noch um gut ein Drittel hinterher und dadurch ist die Preissensibilität sehr ausgeprägt. Deshalb haben wir dort mit Dacia einen deutlich nachhaltigeren Erfolg als im Westen, d.h. ein Drittel mehr Verkäufe als in den alten Bundesländern. Das wird auch in Zukunft so bleiben, weil die Käuferschicht dort sehr preisbewusst ist und aus dem Gebrauchtwagenmarkt kommt. Wir werden die Marke Dacia dort generell mehr fördern und eigene Showrooms installieren.

Autogazette:...Sie meinen jeder Renault-Händler kann einen eigenen Dacia-Showroom aufbauen...

Böhme: Richtig, ausgewählte Renault Händler, die Dacia vertreiben - das sind derzeit ca. 300 Standorte. Im nächsten Jahr rechnen wir mit 30 bis 40 Händlern, die über einen eigenen Dacia-Showroom verfügen. Ein Großteil wird in den neuen Bundesländern sein, weil wir da eine Riesenchance sehen, die Marke weiter zu stabilisieren - vielleicht so ein bisschen a la Skoda. Wir möchten eine Marke gründen, die eine gute Akzeptanz hat und die im Preis-Leistungs-Verhältnis zu den Top Drei gehört.

Autogazette: Ist Skoda-VW ein Vorbild für die Zusammenarbeit Dacia-Renault?

Böhme: Ja, das kann man durchaus sagen, weil die Marke Skoda einen guten Ruf genießt, der aufgrund der Marke Volkswagen entstanden ist. Es hat ebenso ein Technologie-Transfer stattgefunden wie bei Renault und Dacia, und das auf kostengünstiger und vernunftorientierter Basis. Wenn die Marke Dacia - wie wir es beim Sandero zeigen - den Design-Wandel schafft, kann sie eine zweite Marke a la Skoda werden.

Ungerechte Behandlung

Der neue Renault Megane fährt ab 2011 auch elektrisch Foto: Renault

Autogazette: Renault hat im letzten Jahr das Umweltlabel Renault eco2 eingeführt. Ein Umweltimage hat sich Renault aber noch nicht erarbeitet…

Böhme: ...wir werden ein wenig ungerecht behandelt. Renault gehört international zu den Top Drei im Schadstoffausstoß. Fiat, PSA und Renault sind die drei Hersteller mit dem geringsten Ausstoß...

Autogazette: ...wegen der großen Kleinwagen-Palette...

Böhme: ...das sei dahingestellt. Wir müssen das Label Renault eco2 stärker verkörpern. Demnächst kommt auch ein Twingo eco2, der um die 120 Gramm CO2 ausstoßen wird. Bei Hybrid-Konzepten finden Sie zum Beispiel immer noch ganz gewaltige Preisunterschiede. Selbst der Toyota Prius liegt bei rund 5000 Euro Aufpreis. Das sind einfach Summen, die sehr hoch sind, um eine solche Technik nach vorne zu bringen, gerade im Hinblick auf Preissensibilität und die Hinwendung zum Kleinwagensegment. Das sehen wir ja auch in Deutschland.

Autogazette: Elektro-Autos werden demnächst aber nur in Israel, Portugal oder Dänemark angeboten, dafür nicht in den Kernmärkten. Hat der derzeitige Elektro-Hype Renault ein wenig überrollt?

Böhme: Beim Thema Elektro-Auto sind wir sehr stark engagiert. Neben Israel, Portugal und Dänemark sind wir mit Nissan in den USA und Japan vertreten. Wir werden mehrere Fahrzeuge herausbringen, darunter ein Fahrzeug auf Megane-Basis mit Stufenheck. Auch ein Elektrofahrzeug mit Leichtbau und Lithium-Ionen-Batterien und ein Fahrzeug im Nutzfahrzeugbereich auf Kangoo-Basis sind in der Überlegung. Für große Versorger wie Deutsche Post, EON oder RWE könnte das sicher interessant sein.

Autogazette: 2011 soll es in Israel losgehen?

Böhme: Ja, 2011 werden wir spätestens mit unseren Projekten auf dem Markt sein.

Autogazette: 2011 will Chevrolet den Volt nach Deutschland bringen, wann wäre Renault für den deutschen Markt bereit?

Böhme: Das hängt davon ab, ob eine geeignete Infrastruktur entsteht ...

Sportlichen Ableger aufbauen

Der neue Twingo Renault Sport Foto: Renault

Autogazette: Umweltbewusstsein auf der einen Seite, auf der anderen Seite hat Renault nun auch einen sportlichen Twingo im Programm. Ist so ein Auto dann noch zeitgemäß?

Böhme: Automobil ist immer auch Leidenschaft. Und Renault verkörpert dies durch den Einsatz in der Formel 1, auch wenn sich diese Saison etwas schwierig gestaltet, und vielen Cup-Serien. Wir haben in diesem Bereich eine gewisse Glaubwürdigkeit. Deshalb werden wir in Zukunft eine ganze Palette in diesem Bereich anbieten, angefangen mit dem Twingo Renault Sport. Dann kommen Clio Renault Sport und der Megane Renault Sport mit 250 PS, der Mitte kommenden Jahres den alten Megane ersetzen wird. Hinzu kommen weitere sportliche Varianten wie Laguna Grandtour GT und Laguna Coupe GT. Ich hoffe, dass wir die Händler begeistern können und im kommenden Jahr zwischen 1000 und 2000 Fahrzeugen der Sport-Serien verkaufen werden.

Autogazette: Wie soll das Konzept aussehen?

Böhme: Wir werden mit interessierten Händlern, die eine Affinität zu Renault Sport haben, eine entsprechende Struktur in Deutschland aufbauen. Wir wollen im kommenden Jahr mit 15 Renault Partnern starten und perspektivisch in kurzer Zeit auf 25 Renault Sport-Partner zählen, die das Thema nachhaltig in ihrem Programm besetzen und vorantreiben.

Autogazette: Wollen Sie eine Art Abarth-Ableger auf Französisch aufbauen?

Böhme: Abarth plant das Thema sehr extrem, sowohl im Neuwagen- als auch im After Sales Bereich. Im Gegensatz dazu kann bei uns im After Sales Bereich jeder Renault-Partner die Autos warten. Wir sehen das Thema besonders im Neuwagenbereich. Die Händler sollen sich im Verkauf engagieren und erhalten spezielle Zahlungsziele und Vorteile im Zubehörbereich. Wir wollen Spezialisten ausbilden, die sich dem Thema widmen und Renault Sport eine ganz neue Dimension verleihen.

Autogazette: Die Leute kennen OPC von Opel oder MPS von Mazda als sportliche Ausrichtungen. Renault Sport scheint da noch etwas in der Nische zu stecken.

Böhme: Renault hat ein sehr gutes Know How in diesem Bereich. Wir werden die Bekanntheit mit den kommenden Sport-Modellen weiter steigern. Wir müssen die Händler begeistern und diese Begeisterung zum Kunden transportieren.

Das Interview mit Holger Böhme führte Thomas Flehmer