«Rohölpreis richtet sich nicht nach Ferienzeit»

MWV-Geschäftsführer Klaus Picard

«Rohölpreis richtet sich nicht nach Ferienzeit»
Klaus Picard © Foto: MWV

Klaus Picard hält Voraussagen über die Entwicklung des Kraftstoffpreises für unseriös. Zugleich rechnet der Geschäftsführer des Mineralölwirtschaftverbandes in diesem Jahr nicht mit steigenden Preisen zu Ostern, sagte er der Autogazette.

Angebot und Nachfrage sind die wichtigsten Faktoren für die Entwicklung des Preises für Mineralölprodukte. Denn trotz der Verknappung der Förderung durch die OPEC zu Beginn des Jahres sind die Preise nur leicht angestiegen. «Wir müssen auch die Nachfrageseite berücksichtigen. Hier verschärft sich der Rückgang. Als Folge sind die Rohölpreise zwar angestiegen, haben sich aber nicht so stark nach oben entwickelt, wie es sich die OPEC vielleicht erwünscht hätte», sagte Klaus Picard, Geschäftsführer des Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV), der Autogazette.

Unseriöse Vorhersagen

Trotzdem hält sich Picard mit Prognosen für die Entwicklung der Kraftstoffpreise zurück: «Es gibt bestimmte Auguren im Markt, die Vorhersagen machen und auch kein Problem damit haben, eine Woche später von der Realität überführt zu werden. Es ist nicht seriös, eine Vorhersage zu machen, weil die zahlreichen Einflussfaktoren gar nicht bestimmt werden können.»

Allerdings rechnet der Geschäftsführer in diesem Jahr nicht damit, dass die Preise vor Ostern signifikant ansteigen werden. In den vergangenen Jahren haben die USA zu dieser Zeit immer ihre Lager gefüllt und in Europa Benzin eingekauft. Mit der angestiegenen Nachfrage wurden auch die Preise in die Höhe getrieben. Dieses Jahr dagegen scheint das Defizit nicht so groß zu sein. «Die Raffineriekapazität ist ausgebaut worden, gleichzeitig ist der Verbrauch im letzten Jahr um rund drei Prozent zurückgegangen und Ethanol wird als Biokraftstoffersatz stärker eingesetzt. Dies könnte dazu führen, dass es dieses Jahr aufgeht und die USA sich nicht auf Europatournee begeben müssen», so Picard. Dann wäre auch die Nachfrage nicht so hoch und die Preise könnten stabil bleiben.

Allerdings halten selbst hohe Kraftstoffpreise die Verbraucher nicht vom Fahren ab. Trotz des teuersten Jahres 2008 kann Picard keinen Rückgang des Absatzes feststellen. «Das Auto ist ein notwendiges Verkehrsmittel. Allerdings ist der Benzinabsatz durch den Trend zum Diesel-PKW in den letzten Jahren jährlich um rund fünf Prozent zurückgegangen. Das Minus bei Benzin wurde wegen der effizienten Dieselfahrzeuge nur teilweise durch einen steigenden Dieselabsatz kompensiert.»

«Keiner kann Preise bestimmen»

Ein Ölraffinerie in Dhahran im Osten Saudi-Arabiens Foto: dpa

Autogazette: Um die Jahreswende hatten wir sehr günstige Kraftstoffpreise. Ist diese Zeit jetzt wieder vorbei?

Klaus Picard: Die Preise der Mineralölprodukte, sprich das Rohöl, aber auch die Produkte, die aus dem Rohöl hergestellt werden, richten sich nach Angebot und Nachfrage. Die Wirtschaftskrise, die letztendlich bewirkt, dass die Finanzkrise auch auf die Realwirtschaft durchgeschlagen ist, hat zu einer rückgängigen Nachfrage geführt - in der ganzen Breite. Darauf hat die OPEC versucht zu reagieren und hat zum zweiten Mal eine Einschränkung des Angebots angekündigt, die zum 1. Januar 2009 in Kraft trat. So haben wir eigentlich über die Jahreswende den Tiefpunkt erreicht. Durch die Kürzung der Förderung kommen wieder leicht steigende Preise.

Autogazette: Müsste diese Steigerung nicht viel höher ausfallen?

Picard: Wir müssen aber auch die Nachfrageseite berücksichtigen. Hier verschärft sich der Rückgang. Als Folge sind die Rohölpreise zwar angestiegen, haben sich aber nicht so stark nach oben entwickelt, wie es sich die OPEC vielleicht erwünscht hätte. Wir sehen momentan eher ein Plateau. Man sieht also, dass Angebot und Nachfrage der entscheidende Punkt sind und keiner die Preise in diesem Markt unmittelbar bestimmen kann, auch die OPEC nicht.

Kontinuierlicher Anstieg seit 1998

Im Sommer vergangenen Jahres hatte der Benzinpreis eine absolute Hochphase Foto: dpa

Autogazette: Erwartet den Verbraucher auch in diesem Jahr eine Achterbahnfahrt der Preise oder bleiben die Preise jetzt stabil?

Picard: In einem Wettbewerbsmarkt kann man einen Preis nicht vorhersagen, sondern es gibt sehr viele Faktoren, die den Preis bestimmen - letztendlich halt Angebot und Nachfrage. Wir sind auch nicht in der Lage festzustellen, wie sich in der Zukunft das Angebot beziehungsweise wirtschaftlich bedingt die Nachfrage entwickeln wird. Deshalb müssen wir sehen, was diese beiden Faktoren bringen. Fakt ist aber, dass wir einen harten Wettbewerb im deutschen Markt haben, der dazu führt, dass die Preise für Benzin und Diesel - vor Steuern leider nur - zu den niedrigsten in ganz Europa gehören.

Autogazette: Im vergangenen Sommer wurde ein kontinuierlicher Anstieg der Preise prognostiziert. Gelten diese Aussagen ein halbes Jahr später nicht mehr?

Picard: Man muss immer sehen, wer was sagt und warum. Manchmal sind Partikularinteressen vorrangig. Was wir gesehen haben ist, dass der Ölpreis nach einem Höchststand Mitte der achtziger Jahre über 15 Jahre unter 20 Dollar pro Fass lag. Der niedrigste Stand war 1998 mit rund zehn Dollar pro Barrel erreicht. Zu einem Überangebot kam eine Asienkrise hinzu, die zu einem weiter rückläufigen Verbrauch geführt hat. Seit 1998 ist der Ölpreis kontinuierlich angestiegen, mit einem sehr starken Anstieg ab 2004.

Autogazette: Wieso kam es ab 2004 zu einem starken Anstieg?

Picard: Rasantes Wirtschaftswachstum hat zu stark steigendem Bedarf geführt, der im Wesentlichen durch die Schwellenländer ausgelöst wurde. Hinzu kam, dass in Ländern wie Indien, China oder Indonesien, die 25 Prozent des täglichen Ölbedarfs ausmachen, der Ölpreis staatlich subventioniert wurde. Der Verbraucher in diesen Ländern hat gar nicht gemerkt, dass der Preis für Rohöl nach oben gegangen ist, weil die Staaten den Preis künstlich auf einem niedrigen Niveau gehalten haben...

Seriöse Vorhersagen nicht möglich

Vorhersagen über die Preisentwicklung nicht möglich Foto: dpa

Autogazette: ...und die Verbraucher freuten sich...

Picard: ...das hat dazu geführt, dass die Nachfrage ungebremst gestiegen ist und Effizienzverbesserungen nicht die notwendige Priorität beigemessen wurde, obwohl der Preis in sehr große Höhen gestiegen ist. Diese rapide Nachfrageentwicklung hat dazu geführt, dass zwar die Nachfrage gedeckt wurde, aber kurzfristig die Reservekapazitäten ausgeschöpft werden mussten. Die Preisspirale galt übrigens für alle Rohstoffe wie Eisen oder Nickel und sogar Nahrungsmittel, die ebenso in die Höhe gesprungen sind, weil das Angebot so schnell gar nicht der Nachfrage folgen konnte. Jetzt sehen wir das Gegenteil. Der Markt bricht zusammen, weil die Nachfrage urplötzlich zusammenbricht und das Angebot nur langsam zurückgefahren wird. Darum hat die OPEC nun Fördereinschränkungen beschlossen. Jetzt müssen wir sehen, in welchem Umfang die OPEC-Staaten dies umsetzen oder umsetzen können.

Autogazette: Das heißt, dass Sie in nächster Zeit nicht mit einem signifikanten Preisanstieg rechnen?

Picard: Es gibt bestimmte Auguren im Markt, die Vorhersagen machen und auch kein Problem damit haben, eine Woche später von der Realität überführt zu werden. Es ist nicht seriös, eine Vorhersage zu machen, weil die zahlreichen Einflussfaktoren gar nicht bestimmt werden können. Wir wissen zum Beispiel nicht, wie sich ein Gaza-Konflikt langfristig auswirken wird. Wenn politisch motivierte Lieferkürzungen umgesetzt würden, würde das Angebot verknappt werden, dann würde dies eine Preisreaktion nach sich ziehen. Es sei denn, die Nachfrage geht noch stärker zurück. Es ist nicht möglich, diese viele Faktoren vorherzusehen. Man kann natürlich sagen, dass die 150 Dollar ein Extremfall gewesen sind. Aber der Ölpreis hat in der Vergangenheit immer enorme Schwankungen gezeigt, wie zum Beispiel Mitte der achtziger Jahre...

Einkaufspreise niedriger als vor 25 Jahren

Autogazette: ...als der Liter Superbenzin zwei D-Mark gekostet hatte...

Picard: ...damals war die Steuer noch relativ gering. Heute sind Einkaufspreise für Benzin sogar niedriger als in den achtziger Jahren. Der Benzinpreis an der Tankstelle ist trotzdem höher, weil die Steuern seitdem in zahlreichen Schritten in die Höhe getrieben wurden. Die Steuer hat ja immer neue Namen bekommen, zuletzt hießen die stufenweise Erhöhungen Ökosteuer. Während die Mineralöl- und Mehrwertsteuer kontinuierlich gestiegen sind, hat der Ölpreis immer große Schwankungen gezeigt, die Angebots- und Nachfrage bedingt waren.

Autogazette: Die Schwankungen werden uns demnach auch dieses Jahr begleiten?

Picard: Phasen mit gegenläufigen Bewegungen werden wir aus diesem Grund auch in Zukunft sehen. Das Auf und Ab kann auch erheblich schneller als in der Vergangenheit aufeinander folgen mit kurzen Phasen hoher sowie niedriger Preise. Aber da sich Angebot und Nachfrage nicht vorhersehbar bestimmt lassen, wird es immer Preisschwankungen geben. Der Verbraucher nimmt Preiserhöhungen stärker wahr als Preissenkungen. Deshalb sind Preisveränderungen ein Ärgernis. Das kann ich aus dieser Sichtweise verstehen. Sie sind auf der anderen Seite auch ein Beweis dafür, dass wir einen harten Wettbewerb haben.

USA-Defizit erhöht die Nachfrage

Die USA benötigen viel Kraftstoff für Ihre Fahrzeugflotte Foto: Press-Inform

Autogazette: Auf der anderen Seite ärgert es den Verbraucher, dass zu Hochfesten und Ferienzeiten Höchststände die Preisschilder zieren.

Picard: Über Weihnachten hatten wir doch eine Niedrigphase...

Autogazette: ...eine Ausnahme...

Picard: Das stimmt aber nicht.

Autogazette: Zu vielen Ferienzeiten steigt der Preis fast automatisch wieder an wie zum Beispiel im letzten Jahr im Sommer...

Picard: ...weil der Rohölpreis so hochgegangen ist. Aber der Rohölpreis orientiert sich nicht daran, wann in Deutschland Urlaubszeit ist. Der Höchstpreis an den Tankstellen war Anfang Juli. Seitdem sinkt der Ölpreis und die Tankstellenpreise - und das lag mitten in der Urlaubszeit. Wir wissen, dass Verbrauchervertreter mit den Hufen scharren, um auf steigende Preise wegen der Ostertage hinzuweisen. Doch das stimmt in diesem Sinne nicht, höhere Preise haben nichts mit Ostern zu tun. Aber sie haben sehr wohl etwas damit zu tun, weil in diesem Zeitraum die USA, die bislang ein Defizit an Benzin hatten, begonnen haben, sich auf den höheren Benzingbedarf in der Sommerfahrsaison einzustellen und in Europa Benzin dazugekauft haben, um die Lager zu füllen. Dadurch verknappt sich etwas mehr das Angebot und die Preise können steigen.

Preissenkungen werden nicht wahr genommen

Tiefststand um den Jahreswechsel Foto: dpa

Autogazette: Also steigen zu Ostern wieder die Preise?

Picard: Die Frage ist, in welchem Umfang es in diesem Jahr noch ein Defizit in den USA geben wird. Die USA hatte grob gerechnet einen Verbrauch von 400 Millionen Tonnen Benzin im Jahr und ein Defizit von rund 40 Millionen Tonnen. Die Raffineriekapazität ist ausgebaut worden, gleichzeitig ist der Verbrauch im letzten Jahr um rund drei Prozent zurückgegangen und Ethanol wird als Biokraftstoffersatz stärker eingesetzt. Dies könnte dazu führen, dass es dieses Jahr aufgeht und die USA sich nicht auf Europatournee begeben müssen.

Autogazette: Und die Tankstellenbesitzer können wieder an die Preistafel...

Picard: ...die Preisstrategie ist natürlich die Verantwortung und Entscheidung eines jeden Unternehmens. Sehr vereinfacht ist der Mechanismus aber folgender. Jeder Tankstellenbesitzer weiß, der Kunde ist sehr preissensibel. Wenn seine Tankstelle einen Cent billiger ist als der Nachbar, dann zieht er die Kunden auf seine Tankstelle. Da das Ergebnis nun mal das Produkt aus Marge mal Volumen ist, muss auch der Nachbar mit seinen Preisen runtergehen, um wieder mehr Kunden zu gewinnen. So schaukelt sich der Preis nach unten.

Autogazette: 2008 war aber für den Autofahrer das teuerste Jahr der Geschichte.

Picard: Wir hatten im vergangenen Jahr rechnerisch im Durchschnitt pro Tag eine Senkung von rund 1,5 Cent pro Liter. Irgendwann ist nach ein paar Tagen mit Senkungen eine Schmerzgrenze erreicht, zum Beispiel, wenn die Verlustzone erreicht wird. Dann folgt eine Preiserhöhung. Der Verbraucher nimmt aber die Preissenkung nicht so wahr, weil sie auch nicht in Sprüngen stattfindet, sondern eher schleichend ist. Die Preiserhöhungen sind dagegen umso sichtbarer. Diese Wettbewerbsbewegung ergibt eine Art Fieberkurve um den allgemeinen Trend der Weltmarktpreise für Rohöl, Benzin und Diesel.

Kraftstoffabsatz nicht zurückgegangen

Der Kraftstoffabsatz ist trotz hoher Preise nicht abgesunken Foto: dpa

Autogazette: Woran kann sich der Verbraucher am besten orientieren, wann er am günstigsten zu tanken hat?

Picard: Der Verbraucher in Deutschland ist preisbewusst und das ist auch die Ursache für den harten Wettbewerb. Dem stellen sich die Unternehmen und kämpfen täglich aufs Neue um jeden Kunden. Die Angebotsvielfalt ist größer denn je. Dies nutzt der Kunde und das ist völlig richtig - Wettbewerb eben.

Autogazette: Wenn dem Verbraucher der Kraftstoff aber zu teuer wird, wird er irgendwann auf das Auto verzichten...

Picard: ...der Absatz zeigt, dass dies nur begrenzt zutrifft. Das Auto ist ein notwendiges Verkehrsmittel. Allerdings ist der Benzinabsatz durch den Trend zum Diesel-PKW in den letzten Jahren jährlich um rund fünf Prozent zurückgegangen. Das Minus bei Benzin wurde wegen der effizienten Dieselfahrzeuge nur teilweise durch einen steigenden Dieselabsatz kompensiert. Einen signifikanten Rückgang der Fahrleistungen belegen die Zahlen eigentlich nicht.

Autogazette: Hat sich der Dieselpreis durch die gestiegene Nachfrage dem Benzinpreis angenähert?

Picard: Vereinfacht dargestellt sortiert die Raffinerie im ersten Schritt die im Rohöl enthaltenen Moleküle nach ihrer Länge. Aus dem Liter Rohöl können höchstens 40 Prozent zu Diesel, eben die längeren Kohlenstoffketten hergestellt werden. Trotz ausgelasteter Raffinerien übersteigt der Bedarf die Produktionskapazität. Große Menge an Diesel und Dieselvorprodukten müssen deshalb zum Beispiel aus Russland importiert werden, um den Bedarf zu decken. Gleichzeitig fällt bei der Raffination immer einer bestimmte Menge an Benzin an. Die rückläufige Inlandsnachfrage führt zu Benzinüberschüssen, die exportiert werden müssen. Angebotsknappheit bei Diesel und Nachfragerückgang bei Benzin haben deshalb dazu geführt, dass sich die Tankstellenpreise angenähert haben, obwohl die Mineralölsteuer für Benzin 19 Cent pro Liter über Diesel liegt.

Das Interview mit Klaus Picard führte Thomas Flehmer

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