«Auch als Nischenmarke gehören wir zu den Vorreitern»

Interview mit Jaguar-Geschäftsführer Peter Modelhart

«Auch als Nischenmarke gehören wir zu den Vorreitern»
Jaguar/Land Rover-Geschäftsführer Peter Modelhart © Land Rover

Jaguar und Land Rover wollen den im Vorjahr begonnenen Erfolgszug 2011 fortsetzen. Doch bei angepeilten 15.000 Verkäufen pro Jahr werde das Unternehmen trotz neuer Modelle «eine Nischenmarke bleiben», sagte Geschäftsführer Peter Modelhart der Autogazette.

Jaguar/Land Rover setzt sich für die kommenden vier Jahre ambitionierte Ziele . «Wir wollen von 10.000 auf etwa 15.000 Verkäufe pro Jahr wachsen», sagte Geschäftsführer Peter Modelhart im Interview mit der Autogazette. «Das wäre für uns ein Riesenschritt.» Nach dem erfolgreich abgelaufenen Jahr soll 2011 dabei zunächst die 10.000-Grenze fallen. Dabei kommt dem Start des Range Rover Evoque eine besondere Bedeutung zu, denn dieses neue Modell soll künftig das stärkste Volumen innerhalb der gesamten Modellpalette des britischen Unternehmens ausmachen.

Trotz der angepeilten Ziele glaubt der gebürtige Salzburger nicht, dass der zum indischen Tata-Konzern zugehörige Premiumanbieter den deutschen Konkurrenten das Wasser abgraben kann. «Der Abstand wird noch lange sehr groß bleiben. Wir werden in Deutschland nie im Konzert der Großen mitspielen. Wir sind eine Nischenmarke und werden eine Nischenmarke bleiben.»

Standortlücken werden Schritt für Schritt geschlossen

Neben dem Verkauf muss die Traditionsmarke gut zwei Jahre nach der Kroymans-Pleite das Händlernetz neu strukturieren. Rund 130 Standorte sollen entstehen, 96 sind es derzeit. «Schritt für Schritt schließen wir diese Lücken. Die Bewerber, die in unser Netz wollen, sind wieder da», so Modelhart.

Die Händler werden dann in zwei, drei Jahren auch einen Range Rover Diesel-Hybrid im Showroom zeigen können, ehe das Elektrozeitalter und das der Brennstoffzelle angepeilt wird. «Wir haben schon in der Vergangenheit gezeigt, dass wir technologisch fortschrittlich arbeiten», so der Österreicher, «wir waren zum Beispiel im SUV-Bereich die ersten, die eine Stopp-Start-Technik angeboten haben. Auch wenn wir eine Nischenmarke sind, gehören wir in vielen Bereichen zu den Vorreitern.»

Rekordmarke wird «defintiv» fallen

Flaggschiff bei Jaguar ist der XJ Jaguar

Autogazette: Jaguar und Land Rover hatten ein hervorragendes Jahr 2010. Gibt es da überhaupt noch Steigerungsmöglichkeiten in diesem Jahr?

Peter Modelhart: Natürlich, wir erwarten besonders mit dem neuen Range Rover Evoque weiteres Wachstum und zudem sind wir in das Jahr gut gestartet. Auch bei Jaguar wird es neue Modelle geben, deshalb sind wir guter Dinge, dass wir unsere Verkaufszahlen in 2011 weiter steigern können.

Autogazette: Sie wollten im letzten Jahr mit Jaguar Land Rover 8800 Verkäufe erreichen. Letztendlich haben Sie über 9600 Einheiten verkauft. Soll dieses Jahr die 10.000er Marke fallen?

Modelhart: Das wird sicherlich passieren, definitiv.

Autogazette: Ohne Wenn und Aber?

Modelhart: Ohne Wenn und Aber.

Autogazette: Welches Modell der soll dazu beitragen, der neue Evoque und das neue neue Modell von Jaguar?

Modelhart: Ich sage mal Modellerweiterung innerhalb der bestehenden Modellpalette, die wir im Herbst vorstellen werden.

Fünfjahresplan für Riesenschritte

Autogazette: Wann sehen Sie anhand des Wachstums den Zeitpunkt für gekommen, in die deutsche Premium-Phalanx von Audi, BMW oder Mercedes einzudringen?

Modelhart: Der Abstand wird noch lange sehr groß bleiben. Wir werden in Deutschland nie im Konzert der Großen mitspielen. Wir sind eine Nischenmarke und werden eine Nischenmarke bleiben. Wir wollen von 10.000 auf etwa 15.000 Verkäufe pro Jahr wachsen. Und dann sind wir immer noch in der Nische. Es ist aber für uns ein Riesenschritt, diesen Weg zu gehen.

Autogazette: Gibt es – wie bei anderen Herstellern auch - einen Fünfjahresplan?

Modelhart: Ein Fünfjahresplan, der mehrere Elemente beinhaltet, von der Produktentwicklung bis zum Händlernetz. Gerade da müssen wir uns strukturell aufstellen, um das Wachstum bewältigen zu können.

Ziel sind 130 Standorte

Die Marke Jaguar wird für Händler wieder interessanter Jaguar

Autogazette: Sie haben durch die Pleite der Kroymans-Handelskette einige Lücken im Händlernetz. Wie sollen die wieder aufgefüllt werden?

Modelhart: Schritt für Schritt schließen wir diese Lücken. Wir haben sehr, sehr schnell Düsseldorf geschlossen und Nürnberg und sind in finalen Gesprächen in Essen. Die Attraktivität des Franchises hat für Händler deutlich an Zugkraft gewonnen. Die Bewerber, die in unser Netz wollen, sind wieder da. . .

Autogazette: . . . das war vor Jahren noch anders . . .

Modelhart: . . . 2008 und 2009 war diese Nachfrage sehr zurückhaltend, aber jetzt nimmt die Qualität der Marken zu und das sieht man nach außen am Erfolg. Das macht die Marken interessanter, vor allem in den offenen Punkten, die wir noch immer haben. Wir haben derzeit 96 Händler und wollen das Netz auf 130 Punkte aufstocken.

Autogazette: Wo sehen Sie noch die größten Lücken?

Modelhart: Die größten Lücken sind in den großen Städten wie Essen, Frankfurt oder Ulm.

Autogazette: Ulm ist eine große Stadt?

Modelhart (lacht): Die andern großen Städte haben wir ja alle .

«Evoque wird volumenstärkstes Modell der Palette»

Der Range Rover Evoque kommt im Sommer 2010 Land Rover

Autogazette: Wie viel Prozent der Verkäufe soll der Evoque nach seiner Markteinführung dabei einbringen?

Modelhart: Auch wenn ich noch keine Zahlen nennen werde, wird der Evoque das volumenstärkste der Palette werden.

Autogazette: Zur Zeit sind der Freelander mit 2200 und der Jaguar XF mit rund 2000 Verkäufen die stärksten Modelle. Der Evoque soll dann 2500 Verkäufe ausmachen?

Modelhart: Ich will keine Zahlen nennen, aber er wird definitiv das volumenstärkste Modell.

Autogazette: Wie viele weitere Baureihen sind bis 2015 geplant?

Modelhart: Auf der Jaguarseite werden wir das Modellprogramm erweitern. Was für Modelle kommen werden, kann ich noch nicht sagen. Wir werden im Jahr 2015 anders aufgestellt sein, mit mehr Modellen und mehr Varianten, neuen Einstiegsvarianten bei Jaguar, bei Range Rover passiert dies schon mit dem Evoque.

Neuer Defender bis 2015

Den Land Rover Defender wird es in seiner aktuellen Form bald nicht mehr geben Land Rover

Autogazette: Bei derzeit sechs Modellreihen bei Land Rover gibt es mit dem Defender einen Wackelkandidaten, dem immer wieder das Aus prophezeit wird. . .

Modelhart: . . .die Modellreihe wird schon weiterbestehen . . .

Autogazette: . . .aber anders gestaltet als jetzt?

Modelhart: Irgendwann können wir den Defender – so schwer uns das auch fallen wird – nicht mehr weiterbauen. Aber das ist noch ein paar Jahre hin. Uns bis dahin wird der Defender das sein, was er bisher für viele Kunden ist: Ein völlig einzigartiges Fahrzeug, was es so nirgendwo auf der Welt gibt.

Autogazette: Aber bis zum Jahr 2015 müssen sich die Kunden von dem bisherigen Defender-Modell verabschieden?

Modelhart: In diesem Zeitrahmen wird der Wechsel wohl stattfinden.

«Hybrid auch eine Technology-Story»

Der Range Rover erhält einen Dieselhybrid Land Rover

Autogazette: Ein Wechsel steht auch bei den Antrieben an. Es wurde angekündigt, einen Diesel-Hybrid zu entwickeln. Vor einem Jahr sagten Sie noch, dass Hybrid der soziale Fußabdruck der Oberklasse sei. Mussten Sie Ihre Ansichten ändern?

Modelhart: Nein, wir sehen im Hybrid auch eine Technology-Story. Wenn sich jemand einen Range Rover mit Hybrid kauft, dann passiert in einer Klasse über 100.000 Euro. Er möchte dann das absolut technische Highlight besitzen. Wir bieten das bei Range Rover mit vielen technischen USP permanent an - Ausstattungen, die man nur in einem Range Rover findet. Die Hybridisierung wird der nächste Schritt sein. Unsere Kunden erwarten fast schon herrschaftliche Atmosphäre im Innenraum, sie wollen aber auch die neueste Technologie haben. Deshalb ist ein Diesel-Hybrid die logische Konsequenz, vom CO2-Fußabdruck abgesehen.

Autogazette: Dann ist der Hybridantrieb aber eher ein Imageträger als dass etwas für die Umwelt getan wird?

Modelhart: Nein, nein, er wird deutlich CO2 reduzieren. Man muss aber sehen, wie viel Prozent diese Antriebsform ausmachen wird. Es kommen ja auch Mehrkosten auf den Einzelnen zu. Für uns ist es aber eine logische Ergänzung an den Technologieanspruch, den wir haben.

Autogazette: Mit wie viel Prozent rechnen Sie beim Hybridabsatz?

Modelhart: Da ist es noch zu früh, um Zahlen zu nennen.

«Gehören in vielen Bereichen zu den Vorreitern»

Der Hybrid-Sportwagen Jaguar C-X75 wird gebaut.
Der Jaguar C-X75 ist zunächst lediglich Technologieträger Jaguar

Autogazette: Wann wird der Diesel-Hybrid angeboten werden?

Modelhart: Es wird noch zwei, drei Jahre bis zur Marktreife brauchen.

Autogazette: Ist Jaguar Land Rover dann nicht reichlich spät dran mit dieser technologischen Errungenschaft?

Modelhart: Wir haben schon jetzt einen äußerst sparsamen 4,4 TDV8-Diesel. Damit ist er attraktiver im CO2-Ausstoß als viele Hybridfahrzeuge in dieser Klasse. Wir sind sehr gut aufgestellt, um den Kunden ein wirtschaftliches Fahrzeug anbieten zu können. Und der Dieselhybrid wird das noch toppen. Die heutigen Kombinationen von Benzinern mit Hybrid, die oft auch noch sehr teuer sind, erreichen in vielen Fällen nicht unsere verbrauchsgünstigen Dieselmotoren.

Autogazette: Und dann steht noch ein Range Extender, ein Elektroauto mit Reichweitenverlängerer, zur Debatte . . .

Modelhart: . . .da geht sicherlich die technologische Forschung hin. Wir zeigen das ja auch wie jüngst bei den Konzeptfahrzeugen Jaguar Limo-Green und C-X75 . . .

Autogazette: . . .welches mit Turbinen angetrieben wird . . .

Modelhart: . . . und zeigen soll, dass wir an verschiedenen Technologien arbeiten. Und auch, dass diese Konzepte keinen Widerspruch zu den Sportwagen darstellen. Wir sehen uns auch von der technologischen Seite gut gerüstet für die Zukunft.

Autogazette: Das heißt, dass eine Brennstoffzelle auch schon in der Pipeline ist?

Modelhart: Wie weit es in der Pipeline ist, kann ich nicht sagen, aber wir haben schon in der Vergangenheit gezeigt, dass wir technologisch fortschrittlich arbeiten. Wir waren zum Beispiel im SUV-Bereich die ersten, die eine Stopp-Start-Technik angeboten haben. Auch wenn wir eine Nischenmarke sind, gehören wir in vielen Bereichen zu den Vorreitern.

Das Interview mit Peter Modelhart führte Thomas Flehmer

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Der diplomierte Religionspädagoge arbeitete neben seiner Tätigkeit als Gemeindereferent einer katholischen Kirchengemeinde in Berlin in der Sportredaktion der dpa. Anfang des Jahrtausends wechselte er zur Netzeitung. Seine Spezialgebiete waren die Fußball-Nationalelf sowie der Wintersport. Ab 2004 kam das Autoressort hinzu, ehe er 2006 die Autogazette mitgründete. Seit 2018 ist er als freier Journalist unterwegs.

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