«Neue Technologien für Kunden große Umstellung»

Hyundai-Deutschlandchef Jürgen Keller

Hyundai-Deutschlandchef Jürgen Keller. © Angelika Kemmerling/Hyundai

Hyundai kann seinen Kunden die gesamte Bandbreite an alternativen Antrieben bieten. Im Interview mit der Autogazette spricht Deutschlandchef Jürgen Keller über den Weg in die Elektromobilität und wie man auf die Coronakrise reagiert.

Der koreanische Autobauer Hyundai sieht sich mit Blick auf die Erreichung der strengen CO2-Grenzwerte gut aufgestellt. Deutschlandchef Jürgen Keller bezeichnete die Vorgaben aus Brüssel zwar als sehr ambitioniert, «doch wir fühlen uns darauf aufgrund unseres breiten Angebots an alternativen Antrieben gut vorbereitet».


Mit Blick auf die weitere Reduktion der CO2-Grenzwerte bis zum Jahr 2030 müsse jeder Hersteller bezüglich seines Portfolios umdenken.

Attraktives Angebot für Kona Elektro

«Wir bei Hyundai haben dies bereits sehr früh getan, wie der Blick auf unsere Antriebe zeigt. Wir sind der einzige Hersteller, der seinen Kunden die komplette Bandbreite bereits in Serie liefern kann. Für die Erreichung der CO2-Ziele ist es aber wichtig, dass die Kunden an die neuen Antriebe herangeführt werden», so Keller.

Der Importeur versucht dies derzeit beispielsweise mit einem attraktiven Angebot für den Hyundai Kona Elektro. Das City-SUV der Koreaner wird dabei nicht nur mit einer achtjährigen Garantie angeboten, sondern zugleich wurde die Kaufprämie auf 8000 Euro aufgestockt.

«In diesen Tagen heißt es, mit Besonnenheit zu handeln»

Autogazette: Herr Keller, die Coronakrise hat das Leben in Deutschland quasi zum Erliegen gebracht. Wie sehr bedroht das ihr Geschäft und das des Handels?

Jürgen Keller: Wir verfolgen und bewerten sehr aufmerksam die dynamische Entwicklung dieser außergewöhnlichen Situation. Dabei sind die Gesundheit und das Wohlbefinden unserer Mitarbeiter, Geschäftspartner und ihrer Angestellten für uns von größter Bedeutung. In diesen Tagen heißt es, mit großer Besonnenheit zu handeln und sich gegenseitig zu helfen.

Autogazette: Wie versuchen Sie Ihren Partnern zu helfen?

Keller: Wir analysieren derzeit die Verfahrensweise und Bewertung bei der Zielerreichung für den Monat März sowie für das 1. Quartal 2020. Konkrete Maßnahmen sind unter anderem die Verlängerung unterschiedlicher Fristen und zinsfreier Räume. Zum Beispiel gibt es einen Tilgungsaufschub für noch nicht abgelöste Fahrzeuge im Händlerlagerbestand. Darüber hinaus werden einzelne Prämien für Verkäufe an Privat- oder Gewerbekunden nicht mehr monatlich, sondern wöchentlich ausgezahlt. Zudem werden die bestehenden Regelungen für die Haltung von Lager- und Vorführwagen gelockert.

Autogazette: Die Autobauer müssen bis 2021 einen CO2-Grenzwert von durchschnittlich 95 g/km erreichen. Halten Sie diesen Grenzwert für zu ambitioniert?

Keller: Es ist sehr ambitioniert und stellt auch für Hyundai eine Herausforderung dar. Doch wir fühlen uns darauf aufgrund unseres breiten Angebots an alternativen Antrieben gut vorbereitet.

Autogazette: Es bleibt ja nicht bei den 95 g/km, sondern die Reduktion wird sich von 2025 bis 2030 nochmals auf 37,5 Prozent belaufen. Kann ein Autobauer wie Hyundai einen solchen Wert stemmen?

Keller: Jeder Autobauer muss hier im Hinblick auf sein Portfolio umdenken. Wir bei Hyundai haben dies bereits sehr früh getan, wie der Blick auf unsere Antriebe zeigt. Wir sind der einzige Hersteller, der seinen Kunden die komplette Bandbreite bereits in Serie liefern kann. Für die Erreichung der CO2-Ziele ist es aber wichtig, dass die Kunden an die neuen Antriebe herangeführt werden.

«Mit E-Mobilität nicht gleiche Profitabilität zu erzielen»

An einer Schnellladestation lässt sich der Hyundai Kona in knapp einer Stunde bis zu 80 Prozent laden. Foto: Hyundai

Autogazette: Hätte es ohne diese strengen Grenzwerte bereits heute eine derart starke Ausrichtung auf die E-Mobilität gegeben?

Keller: Ich glaube nicht, denn die neuen Technologien bedeuten für den Kunden eine große Umstellung. Sie müssen sich mit Antrieben auseinandersetzen, mit denen sie bisher nichts zu tun hatten. Das trifft ebenso auf neue Mobilitätslösungen zu. Es ist es zudem so, dass man mit der E-Mobilität bislang nicht die gleiche Profitabilität erzielen kann wie bei Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor. Von daher hätten die Hersteller wohl man den Umstieg auf die E-Mobilität ohne diese Grenzwerte nicht so stark forciert wie es heute der Fall ist.

Autogazette: Wie sehr steht Hyundai unter Druck, bis 2021 den CO2-Grenzwerte von 95 g/km zu erreichen? Ist es mit Ihrem Portfolio ein Selbstläufer?

Keller: Nein, es ist kein Selbstläufer. Es ist ein anspruchsvolles Ziel, doch wir sind zuversichtlich, es zu erreichen.

Autogazette: Sehen Sie Hyundai angesichts der Bandbreite des Angebots an alternativen Antrieben als einen der Profiteure dieser strengen CO2-Grenzwerte?

Keller: Profiteur hört sich zunächst etwas negativ an. Doch letztlich kann man sagen, dass wir davon profitieren, weil wir sehr frühzeitig unser Antriebsportfolio auf alternative Antriebe ausgerichtet haben.

«Werden Vielzahl von Lösungen rund ums Auto anbieten»

Autogazette: Sie wiederholen immer wieder, dass das Jahr 2020 das Jahr der E-Mobilität für Hyundai wird. Was hat der Kunde genau darunter zu verstehen?

Keller: Er kann darunter verstehen, dass er in diesem Jahr tolle Angebote im Bereich der alternativen Antriebe von uns erwarten kann. So werden wir ihm beispielsweise auch viele Lösungen rund um das Fahrzeug anbieten. Dazu gehört, dass wir ihm die komplette Ladeinfrastruktur inklusive der individuellen Betreuung anbieten. Außerdem stellen wir eine Ladekarte in Kooperation mit dem Energieversorger EnBW zu sehr attraktiven Konditionen bereit. Darüber hinaus haben wir eine Kooperation mit Shell getroffen, wodurch weitere Ladepunkte zur Verfügung stehen werden.

Autogazette: Bis Ende des Jahres will Hyundai bereits 75 Prozent seiner Modelle elektrifiziert haben. Wie viele davon entfallen auf reine E-Autos?

Keller: Das wollen wir jetzt noch nicht kommunizieren. Doch eines kann ich sagen, dass wir auf Basis der neuen Elektroplattform – auf der die Konzeptstudien Hyundai 45 und Prophecy basieren – in den nächsten Jahren E-Fahrzeuge auf den Markt bringen werden. In diesem Jahr hatten wir gerade einen wichtigen Meilenstein mit dem Start der Serienproduktion des Kona Elektro im Werk in Tschechien. Zudem haben wir neben dem Kona mit dem Ioniq schon heute ein zweites reines Elektroauto im Angebot.

«Haben im Vorjahr über 5000 Elektrofahrzeuge abgesetzt»

Der Hyundai Kona Elektro hat mit großer Batterie eine Reichweite von über 480 Kilometer. Foto: Hyundai

Autogazette: Wie wichtig ist für die Entwicklung der E-Mobilität in Europa der Produktionsstart des Kona Elektro im tschechischen Nosovice?

Keller: Sehr wichtig. Mit diesem Schritt haben wir die Produktionskapazitäten verdreifacht. Allein in Tschechien sollen noch in diesem Jahr 30.000 Kona Elektro vom Band laufen. Damit können wir dem Kunden deutlich kürzere Lieferzeiten von drei bis vier Monaten anbieten. Vereinzelt musste man im Vorjahr bis zu einem Jahr auf den Kona warten. Nun wird es für den Kunden noch viel interessanter, sich einen Kona Elektro zu bestellen.

Autogazette: Wegen der Coronakrise wird das Werk ab diesen Montag jetzt vorerst für zwei Wochen geschlossen. Wird das zu Problemen mit Blick auf die Lieferzeiten führen?

Keller: Vorerst nicht, da bereits Hunderte Autos für den deutschen Markt vorproduziert wurden. Den weiteren Werdegang muss man abwarten.

Autogazette: Bis Ende des Jahres will Hyundai europaweit 80.000 emissionsfreie Autos auf den Markt bringen. Wie viele davon werden auf Deutschland entfallen, nachdem es in 2019 bereits 10.000 Fahrzeuge waren?

Keller: Viel, viel mehr als diese 10.000 Fahrzeuge.

Autogazette: Innerhalb Ihres Angebots nimmt der Kona Elektro die wichtigste Rolle im Portfolio ein?

Keller: Absolut, er ist das wichtigste Fahrzeug, um die CO2-Grenzwerte zu erfüllen.

Autogazette: Sie bieten den Kona nicht nur mit einer achtjährigen Garantie an, sondern haben die Kaufprämie auf insgesamt 8000 Euro erhöht. Lassen sich E-Autos nur mit derart hohen Rabatten absetzen?

Keller: Nicht nur. Wie haben bereits im Vorjahr über 5000 Elektrofahrzeuge in dieser Preisklasse vermarktet. Und auch für dieses Jahr haben wir ambitioniertere Ziele. Mit diesen Maßnahmen glauben wir, dass wir uns zusätzliche Kunden erschließen. Bereits in den ersten beiden Monaten dieses Jahres liegen uns für den Kona 2000 Bestellungen vor.

«Verzögerung war für uns eine Vorlage»

Autogazette: Hätten Sie diese 8000 Euro auch in dieser Höhe ausgelobt, wenn sich die Erhöhung der Kaufprämie der Bundesregierung nicht verzögert hätte?

Keller: Ja, aber die Verzögerung war für uns eine Vorlage, die wir gerne genutzt haben.

Autogazette: Wie verärgert sind Sie über die Verzögerung? Es war deshalb bei den Kunden ja eine Kaufzurückhaltung feststellbar?

Keller: Es war ohne Frage positiv, dass im November eine Erhöhung beschlossen wurde. Das war ein gutes Signal an die Kunden. Dass es dann so lange mit der Umsetzung gedauert hat, war indes misslich.

Autogazette: Mit den 5000 im Vorjahr verkauften E-Autos erzielten Sie eine Steigerung von 140 Prozent im Vergleich zu 2018. Mit welcher Steigerungsrate wären Sie Ende des Jahres zufrieden?

Keller: Das hängt von der weiteren Marktentwicklung im Zusammenhang mit der Coronakrise ab. Vor zwei, drei Monaten hatte ich gesagt, dass die Marktentwicklung im ersten Quartal deutlich unter dem Vorjahr liegen wird und sich der Markt anschließend erholt. Für das zweite Halbjahr war ich vom Niveau des Vorjahres ausgegangen. Ob es dabei bleibt, wird sich aufgrund der sich verschärfenden Coronakrise erst in den kommenden Wochen weisen. Wirtschaftliche Folgen wird es aber auf jeden Fall geben.

«Brennstoffzellentechnologie nach wie vor wichtig»

Der Hyundai Nexo bringt es auf eine Maximalleistung von 163 PS. Foto: Hyundai

Autogazette: Mit dem Verkaufsstart des Hyundai i10 haben Sie im fränkischen Elsenfeld einen Online-Showroom eröffnet. Kunden können sich dort sieben Tag die Woche über ihre Modelle informieren. Haben Sie durch die Coronakrise schon eine stärkere Resonanz festgestellt?

Keller: Gerade in einer Phase wie jetzt sind wir froh darüber, dass sich die Kunden online im Showroom zu unseren Modellen beraten lassen können. Mit dieser Form der Präsentation steht uns ein Mittel zur Verfügung, mit dem wir in Zeiten der Coronakrise gut gewappnet sind. In den letzten Wochen hatten wir täglich ca. 1000 Besucher auf der Landingpage des Showrooms. Wir rechnen damit, dass diese Zahl in den nächsten Wochen noch ansteigen wird und sind darauf vorbereitet. Über 50 Prozent der Besucher verwenden das Mobiltelefon für ihre Informationstour. Aktuell können sich die Kunden den neuen i10, den Kona Elektro und den Ioniq Plug-in-Hybrid zeigen lassen. Gerade erst wurden wir auch von unseren italienischen Kollegen kontaktet. Sie wollen wegen der Coronakrise unseren Showroom für Beratungsgespräche nutzen. Hierzu befinden wir uns gerade in Abstimmung mit Hyundai Italien.

Autogazette: Hyundai besitzt eine große Kompetenz beim Wasserstoffantrieb. Spielt er für Sie mit Blick auf den deutschen Markt derzeit noch eine Rolle?

Keller: Natürlich ist die Brennstoffzellentechnologie nach wie vor wichtig. Aber wir haben derzeit nicht genügend Fahrzeuge zur Verfügung, um die hohe Nachfrage zu erfüllen. Deshalb stecken wir auch nicht viel Marketinggeld in die Werbung für ein Fahrzeug wie den Nexo.

Autogazette: In der Langfriststrategie von Hyundai spielt der Wasserstoffantrieb aber eine wichtige Rolle?

Keller: Absolut, wir glauben an die Technologie. Ich persönlich bin fest davon überzeugt, dass der Wasserstoffantrieb langfristig der Antrieb der Zukunft sein wird, insbesondere bei größeren Fahrzeugen wie den Lkws.

Das Interview mit Jürgen Keller führte Frank Mertens