Husqvarna Norden 901: Auch für neben der Spur

Husqvarna Norden 901: Auch für neben der Spur
Mit 889 Kubikzentimetern Hubraum und 105 PS ist der Norden-Twin identisch mit dem KTM-Triebwerk. © Husqvarna

Die technische Basis stammt von KTM. Dennoch verfügt die Reise-Enduro Husqvarna Norden 901 über einen ganz eigenen Charakter.

Auf der EICMA 2019 hatte der Husqvarna-Prototyp bereits stark beeindruckt. Jetzt beginnt die Produktion der Serienfahrzeuge – mit lediglich wenigen optischen Änderungen. Das technische Gerüst der Norden 901 stammt von der vor Jahresfrist auf den Markt gekommenen KTM 890 Adventure R. Wirklich neu ist aber nicht bloß das Design des Motorrads – auch die Abstimmung der verwendeten Komponenten wurden teils stark verändert.


Mit einem Hubraum von 889 Kubikzentimetern und einer Maximalleistung von 105 PS ist der Norden-Parallel-Twin in allen Details identisch mit dem KTM-Aggregat. Es erstaunt also nicht, dass das Triebwerk sowohl besten Durchzug wie auch hohe Drehfreude liefert. 100 Nm maximales Drehmoment sichern souveräne Fahrleistungen. Angesichts dessen registriert der Fahrer schnell, dass noch mehr Leistung im praktischen Leben auf Land-, Berg- und zumeist tempobeschränkten Schnellstraßen angesichts des vorteilhaft geringen Gewichtes von 219 Kilogramm außer Überfluss nichts bringen würde. Auf nicht asphaltierten Straßen, Wegen und Pfaden ist das Leistungsangebot ohnehin üppig. Prima, dass der Quickshifter zum kupplungslosen Schalten serienmäßig geliefert wird. Gangwechsel im Stehen und in kniffligen Offroad-Situationen fallen dadurch deutlich leichter.

Regel-Elektronik von der Konzernmutter KTM

Die Traktionskontrolle arbeitet in den beiden Straßenmodi „Street“ und „Rain“ schräglagenabhängig. Foto: Husqvarna

Husqvarna verlässt sich voll und ganz auf das elektronische Regelwerk der Konzernmutter KTM und setzt auch auf ein prima ablesbares TFT-Display im Cockpit. Die Traktionskontrolle arbeitet in den beiden Straßenmodi „Street“ und „Rain“ neigungsabhängig, das ABS verdaut selbst starke Schräglagen. Im Offroad-Modus erhält der Fahrer mehr Kompetenzen, die Systeme halten sich stärker zurück. Noch mehr Eingriffsmöglichkeiten gewährt der aufpreispflichtige „Explorer“-Modus; nur in ihm lässt sich beispielsweise die Traktionskontrolle in neun Stufen einstellen. Zugriff hat der Fahrer auch auf die ABS-Einstellung; eifriges Knöpfchendrücken links am Lenker ermöglicht beispielsweise den Wechsel zum Offroad-ABS, in dem der Regeleingriff am Vorderrad später erfolgt und das Hinterrad sogar frei blockieren darf. Wer freilich im Lauf des Tages mehrfach von Straße auf Offroad wechselt und jedes Mal die passende ABS-Einstellung parat haben will, ist gezwungen, entsprechend oft die Einstellungsprozedur zu absolvieren. Es ist nämlich unmöglich, das Offroad-ABS alleine mit dem Explorer- oder dem Offroad-Modus zu verknüpfen.

Ohne Elektronik kommt das Fahrwerk aus. Schon die Serieneinstellung gefällt, wer spezielle Wünsche an das Ansprechverhalten hat, findet viele Möglichkeiten. 22 Zentimeter Federweg sind eine Menge, so dass auch grobes Geläuf mit anständigen Reserven absolviert werden kann. Der an den Flanken tief nach unten gezogene Tank trägt zum niedrigen Schwerpunkt der Maschine bei. Der gebotene Fahrkomfort ist dank einer softeren Fahrwerksabstimmung merklich höher als auf der KTM-Schwester.

Hilfreich sind natürlich auch die Rad-Dimensionen: Das 21-Zoll-Speichenrad vorne ist schmal gehalten, das 18-Zoll-Hinterrad ebenfalls nicht überbreit. Die montierten Universalpneus überzeugen bei Trockenheit wie Nässe auf Asphalt als auch mit ihrem relativ groben Profil auf losem Untergrund. Lediglich die Seitenführung gerät auf Sand und Geröll oder im Schlamm schnell an ihre Grenzen. Für noch bessere Leistungen auf solchem Untergrund bedarf es aber der Montage von Spezialgummis. Der Höchstgeschwindigkeit der Norden 901 in Höhe von 200 km/h stehen die im Gelände bemerkenswert leistungsfähigen Reifen nicht im Wege – ein erstaunlicher Spagat.

Hervorragender Sitzkomfort

Das Sitzpolster ist voluminös, die Sitzhöhe von 85 (wahlweise 87) Zentimetern absolut angemessen. Foto: Husqvarna

Ebenfalls erstaunlich ist der Sitzkomfort: Das Sitzpolster ist nachgerade voluminös, die Sitzhöhe von 85 oder wahlweise auch 87 Zentimetern absolut angemessen. Weniger gut ist die Leistung des dunkel getönten Windschilds. Hier könnten Zubehörlösungen hilfreich sein. Ansonsten ist die Ausstattung der Norden insgesamt gut, aber nicht ohne Widersprüche: So sind zwar die wichtigsten Lenkerschalter hinterleuchtet, auch die beiden Zusatzscheinwerfer sind serienmäßig – aber es gibt keine Warnblinkanlage. Die Sozius-Haltegriffe sind großzügig dimensioniert, es gibt einen Tempomat und zahlreiches Zubehör wie Softbags und Alukoffer.

Der Anspruch der Entwickler war es, ein dynamisches, handliches und zugleich komfortables Reise-Motorrad sowohl für weite Strecken auf als auch jenseits des Asphalts zu erschaffen. Das ist gelungen: Motorleistung, Fahreigenschaften und auch die Reichweite bremsen den Fahrer nicht ein. Als Normwert für den Verbrauch gibt der Hersteller 4,5 Liter pro 100 Kilometer an, im sehr fahraktiven Modus kamen wir nach 360 gefahrenen Kilometern laut Bordcomputer im Schnitt auf 4,7 Liter. Dank 19 Liter-Tank sind selbst unter diesen Umständen etwa 350 Kilometer ohne Nachtanken möglich.

Wer ein robustes Motorrad mit Nehmerqualitäten sucht, vor der schwergewichtigen als auch leistungsmäßig extremen Oberklasse aber zurückschreckt, findet nun eine weitere Alternative. Bislang hält sich der Vertrieb bei der Preisfindung noch bedeckt, aber die Komponenten sind hochwertig, die Ausstattung ebenfalls. Und die Produktion in Mitteleuropa will ebenfalls bezahlt sein. Das KTM-Schwestermodell kostet rund 14.300 Euro. (SP-X)

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