Nippon auf vollen Touren

90 Jahre Mazda

Der Mazda R360 war das erste vierrädrige Auto des japanischen Herstellers © Mazda

Vom Kork-Hersteller zur sportlichsten Automarke aus Japan: Mazda feiert seinen 90. Geburtstag. Eine Geschichte über Wankel, Cosmo, Jinba Ittai, faszinierende Designstudien und eingefleischte Fans aus aller Welt.

Von Sebastian Viehmann

Wenn Mazda eine Designstudie auf die Räder stellt, geraten Fans japanischer Gartenkunst ins Schwärmen. Ob Ryuga, Furai, Kazamai, Hakaze oder Kiyora – alle Show-Cars folgen der Designsprache Nagare, die natürliche Bewegungen und Muster der Natur ins Automobildesign überträgt. Dass Nagare mehr ist als nur ein Show-Effekt, werden die Japaner auf dem Genfer Salon im März zeigen, wenn der neue Mazda 5 Premiere feiert. Erstmals wurde die natürlich Formensprache mit Anlehnungen an die Elemente Sand und Wasser in ein Serienmodell getragen. Auch die Facelift-Version des Mazda 6 wird in Genf zu sehen sein.

Zwergenauto mit Heckmotor

Als Mazdas Geschichte vor 90 Jahren begann, war von Autos noch keine Rede. Das Unternehmen wurde 1920 in Hiroshima unter dem Namen Toyo Cork Kogyo Co. Ltd gegründet und stellte Korkersatz aus Pflanzen her. Firmenpräsident Jujiro Matsuda schwenkte bald auf Maschinenbau um und ließ 1930 das erste Fahrzeug entwickeln – das Lastendreirad Mazda-Go. Mazda steht dabei für Ahura Mazda, den altpersischen Gott des Lichts. Weil auch Matsudas Name im Japanischen ähnlich wie Mazda ausgesprochen wird, war der spätere Firmenname geboren. Die offizielle Umbenennung in Mazda Motor Corporation erfolgte übrigens erst 1984.

Den ersten vierrädrigen Wagen präsentierte Mazda 1960. Der R360 war ein Zwergenauto mit Heckmotor und zwei Sitzplätzen, angetrieben von einem Zweizylindermotor und 400 Kilogramm leicht. Etwas erwachsener wirkte da schon der Carol, der seine Passagiere mit barockem Design, viel Chromschmuck und 18 PS aus vier Zylindern erfreute. Es folgten größere Autos wie der Familia, und für die elegante Limousine 1500 holte sich Mazda sogar den Star-Designer Bertone ins Boot. Es war aber vor allem der Wankelmotor, der Mazda von anderen Nippon-Marken abhob. Modelle wie R100, RX-3 oder RX-4 waren mit dem Kreiskolbenmotor ausgerüstet. Die verschleißanfällige Technik und der hohe Verbrauch führten Mazda in den 70er Jahren schließlich in die Krise, und man schwenkte auf konventionelle Motoren um. Mazda gab den Wankel trotzdem nie ganz auf. Vor allem der Savanna RX-7 mit seiner eleganten Form, den Klappscheinwerfern und der gläsernen Heckklappe erwies sich in Europa und in den USA durch günstige Preise als harte Nuss für die Sportwagen-Konkurrenz.

Cosmo als erste Ikone

Alte Mazda-Ikone: Der Cosmo Sport Mazda

Der erste und auch berühmteste Wankel-Sportler war der Mazda Cosmo. Das traumhaft schöne Coupé kam 1967 auf den Markt und wurde insgesamt nur 1519-mal gebaut. "Viel mehr als 300 Autos haben die Zeit nicht überlebt", bedauert Senji Hoshino, ein weltweit bekannter Cosmo-Experte aus Japan, "und davon kenne ich jeden zweiten, der noch auf der Straße unterwegs ist". Der Werkstattmeister aus Maebashi nördlich von Tokio hat den Wankelmotor zu seinem Lebensinhalt gemacht. Hat jemand ein wirklich kniffliges Problem mit Cosmo, R100 oder RX-7, gibt es für die Mazda-Fans nur einen Namen: Senji Hoshino. Selbst der Mazda-Konzern fragt ihn regelmäßig um Rat.

Auch in Deutschland sind manche Leute dem Wankel verfallen. Im Museum Autovision bei Hockenheim findet man die weltweit erste ständige Sammlung von Wankelmotoren. Und jeder eingefleischte Mazda-Fan kennt Walter Frey aus Gersthofen, der mehr als 160 Mazdas sein Eigen nennt – darunter absolute Raritäten und 100 Wankel-Autos.

MX-5 meistverkaufter Roadster aller Zeiten

Seit 20 Jahren ist der MX-5 unterwegs Mazda

Für die jüngere Generation bleibt natürlich der MX-5 die Mazda-Ikone schlechthin. Mittlerweile ist er in der dritten Generation angekommen und hat sich mit mehr als 850.000 Exemplaren einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde als meist verkaufter Roadster aller Zeiten gesichert. "Jinba Ittai" nennen die Japaner ihre Fahrspaß-Formel, die "Einheit von Ross und Reiter". Und die hat sich der MX-5 bis heute bewahrt: Niedriges Gewicht, drehfreudige Motoren, eine knackige Schaltung mit extrem kurzen Wegen und ein simples Stoffdach, das sich mit einer Hand bedienen lässt – auch wenn es für bequeme Piloten längst ein optionales Stahldach gibt.

Im vergangenen Jahr feierte der Roadster sein 20-Jähriges. "Wir haben diverse Events organisiert, darunter auch das große Geburtstagstreffen in Le Mans. Es kamen Autos aus ganz Europa", sagt Serge Galonnier, Präsident des französischen MX-5 Passion Club. Der Ort der Party war mit Bedacht gewählt, denn die Marke schrieb 1991 in Le Mans Motorsport-Geschichte, als mit dem Mazda 787B erstmals ein Wankel-Fahrzeug das berühmte 24-Stunden-Rennen gewann.

Wankelmotor für die Zukunft

Der RX-8 Hydrogen RE Mazda

Im MX-5 arbeitet natürlich ein Vierzylinder-Benziner. Die Rennsemmel Mazda 3 MPS setzt ebenfalls auf einen branchenüblichen Antrieb mit vier Zylindern und Turboaufladung. Doch im Sportwagen RX-8 hält Mazda dem Wankel bis heute die Treue. Der ungewöhnliche Renner, bei dem der rote Bereich erst kurz vor 9000 Touren beginnt, ist ein Exot auf deutschen Straßen. Der hohe Öl- und Benzinverbrauch des drehfreudigen Motors ist daran nicht ganz unschuldig. Bei allen anderen Mazdas ist der Rotationskolbenmotor ohnehin modernen Direkteinspritzern gewichen. 2011 kommt eine neue Motorengeneration mit Start-Stopp-Automatik. Die Konkurrenz hat solche Systeme allerdings schon längst. Um die Durchschnittsverbräuche weiter zu senken, will Mazda das Gewicht jeder neuen Modellgeneration um 100 Kilogramm senken.

Für die Zukunft ist übrigens nicht ausgeschlossen, dass der Wankelmotor doch noch ein Revival erlebt. Nur noch wenige Hersteller setzen auf das Wasserstoffauto. Mazda gehört dazu – und verbrennt den Treibstoff direkt im Wankelmotor, denn der eignet sich dafür besser als Hubkolbenmotoren. Die Serienreife liegt aber noch in weiter Ferne.

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Der diplomierte Religionspädagoge arbeitete neben seiner Tätigkeit als Gemeindereferent einer katholischen Kirchengemeinde in Berlin in der Sportredaktion der dpa. Anfang des Jahrtausends wechselte er zur Netzeitung. Seine Spezialgebiete waren die Fußball-Nationalelf sowie der Wintersport. Ab 2004 kam das Autoressort hinzu, ehe er 2006 die Autogazette mitgründete. Seit 2018 ist er als freier Journalist unterwegs.