Der ganz normale Wahnsinn

Autoland Argentinien

Verkehr in Buenos Aires © Press-Inform

In Argentinien gehen viele Uhren anders. Moderne Kleinwagen und betagte Klapperkisten aus längst vergangener Zeit beherrschen das Straßenbild – nicht nur in der Hauptstadt Buenos Aires.

Von Stefan Grundhoff

Kaum ein Staat außerhalb von Europa soll sich derart europäisch präsentieren wie Argentinien. „Kein Wunder, wurde die Geschichte unseres südamerikanischen Staates doch insbesondere von Einwanderern aus Spanien und Italien beeinflusst“, erzählt Fremdenführerin Valeria nicht ohne Stolz, „das sieht man an der Kultur, den Gebäuden, aber auch an den Autos.“ Den besten Eindruck vom Verkehr kann man sich in der Hauptstadt Buenos Aires, am Mündungsdelta des Rio Plata, machen. Hier kann man rund um die Plaza Mayo oder die Avenida des 9. Juli das ganz normale Verkehrschaos erleben während es in den verwinkelten Nebenstraßen von San Tempo, la Boca oder Palermo eher beschaulich zugeht.

Dekaden auf dem Buckel

Ist ein Auto jünger als 15 Jahre, ist es zumeist ein Kleinwagen; allenfalls ein Auto aus der Kompaktklasse. Die größeren Modelle sind zahlreich, haben jedoch durchweg schon ein paar Dekaden auf dem Buckel. Stoßstange an Stoßstange pressen sich klappernde Rostlauben vom Typ Peugeot 504, Ford Falcon, Renault 9 oder VW Magnum durch die zumeist überfüllten Gassen, Straßen und Prachtmeilen. Die Verkehrs- und Sicherheitskontrollen der Autos existieren allenfalls auf dem Papier und so ist all das unterwegs, was fahr- und rollfähig ist. Sogar ein wenig kritischer TÜV würde hier über Nacht mehr als zwei Drittel aller Autos stilllegen. Ein Fest für Schrottplätze und die zahllosen Autowerkstätten im Herzen der Stadt. Doch die Argentinier ficht das alles nicht an.

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Sie schimpfen über unpünktliche und überfüllte Busse und Züge. Die vier Linien der U-Bahn mögen nur wenige. Doch der Peso ist schwach und der Wirtschaft ging es in den letzten Jahrzehnten selten gut. Auf 1.000 Einwohner kommen nicht einmal 180 Autos. Argentinien ist ein automobiles Schwellenland; vielleicht ist die Liebe zum Auto deshalb so groß. Anders als in Brasilien sind die Fahrzeuge in Argentinien durchweg mit Benzin- oder Dieselantrieb unterwegs. Bioethanol oder E85-Kraftstoff konnte sich anders als in anderen südamerikanischen Ländern hier bisher nicht durchsetzen.

Wenn ein Fahrzeug neu gekauft wird, dann ist es ein Fahrzeug aus heimischer oder zumindest südamerikanischer Produktion. Rund eine halbe Stunde nördlich von Buenos Aires befinden sich große Fabriken von Herstellern wie Ford und Volkswagen. Hier entstehen unter anderem Ford EcoSport oder der neue VW-Hoffnungsträger Amarok. Die Bestseller in der Zulassungsstatistik heißen Chevrolet Corsa, VW Gol, Gol Trend oder Toyota Hilux, der als beliebtester Pick Up bereits Platz vier der Zulassungsstatistik belegt. „Rund 60 Prozent aller verkauften Neuwagen sind Kleinwagen“, erzählt Ernesto Baldassare, Presidente von Maynar Motor, eines der größten Autohäuser von Argentinien, „das ist bei uns nicht anders.

Der Gol ist seit Jahren der Publikumsrenner. Er kostet 35.000 Pesos. Der neue Gol Trend startet bei rund 50.000 Pesos.“ Heißt, die beliebten Volumenmodelle von Renault, Ford, Volkswagen, Fiat, Peugeot und Citroen kosten umrechnet zumeist zwischen 7.500 und 10.000 Euro. Fiat ist in Südamerika und insbesondere Argentinien ebenfalls eine große Nummer. Der Bestseller ist der alte Fiat, der in Europa schon vor vielen Jahren in die ewigen Jagdgründe verabschiedet wurde.

Nicht technikverliebt

Der argentinische Autokunde ist alles andere als technikverliebt und hat keinerlei Interesse an Sicherheitsausstattungen. Ernesto Baldassare: „Günstige Modelle wie Gol, Suran oder selbst den Golf IV verkaufen wir hier durchweg ohne ABS, elektrische Helfer oder Airbags. Die Leute wollen allenfalls eine Klimaanlage.“ Kein Wunder, in den Hauptsommermonaten Januar und Februar sind Temperaturen von weit über 35 Grad Celsius keine Seltenheit. Dazu kommt eine Luftfeuchtigkeit von mehr als 80 Prozent – wenn eine Hauptstadt ihren Namen zu Unrecht trägt, ist das Buenos Aires. Im vergangenen Jahr wurden in Argentinien 515.000 Neufahrzeuge zugelassen. Nicht viel bei 40 Millionen Einwohnern. „Dazu kommen rund 1,2 Millionen gebrauchte Auto“, so Presidente Baldassare, „aber das ist ein reines Geschäft zwischen den Privatkunden. Davon haben die Händler kaum etwas.“ Wer kein Geld hat, finanziert beim Händler, geht zur Bank oder spart in ein Modell ähnlich dem Bausparen ein. Wenn gut Kapital zusammengespart ist, gibt es den heiß ersehnten Peugeot 207 Stufenheck oder einen Citroen C4 – der Rest wird abgestottert.

Viel Schrott

Stottern tun eben aber auch die meisten Autos auf den Straßen. Ob nun der Kotflügel fehlt oder die Scheinwerfer abgefallen sind, interessiert weder Fahrer, noch Ordnungsbehörden. „Auch Geschwindigkeitsbegrenzungen werden kaum geahnt“, dafür fährt doch kein Polizist hinter einem her. Viele Autobahnen sind aber ganz gut ausgebaut“, lacht Ernesto Baldassare, „so ein Golf oder Passat schafft daher selbst als TDI locker seine 200 Sachen.“

Doch nicht nur in den Innenstädten von Mendoza, Buenos Aires oder Cordoba kommt es immer wieder zu stundenlangen Staus. Auch vor den Mautstationen kann man die ein oder andere Zigarettenlänge im Auto verbringen. Auf dem Land kommt es zudem häufig zu Polizeikontrollen, bei denen Insassen und Autos kontrolliert werden. In den größeren Städten setzen viele Argentinier statt auf Autos auf kleine Motorräder, Busse und Taxis. Die bahnen sich ihren Verkehr deutlich schneller das Verkehrschaos als gewöhnliche Fahrzeuge. Bestes Beispiel ist die Avenida des 9. Juli in Buenos Aires, die den Monolithen als Wahrzeichen von Buenos Aires umzieht. Hier gibt es unglaubliche 18 Fahrspuren. In der Hauptverkehrszeit zwischen und 10 Uhr morgens sowie abends nach 18 Uhr lässt einen jede Überquerung mit dem Leben spielen. Da ist es im Auto doch um einiges sicherer.

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Nach dem Sport- und Publizistikstudium hat er sein Handwerk in einer Nachrichtenagentur gelernt. Danach war er Sportjournalist und hat drei Olympische Spiele (Sydney, Salt Lake City, Athen) als Berichterstatter begleitet. Bereits damals interessierten ihn mehr die Hintergründe als das Ergebnis. Seit 2005 berichtet er über die Autobranche. Neben der Autogazette verantwortet er auch das Magazin electrified.