Pan America 1250: Reiseenduro mit Eroberungspotenzial

Harley-Davidson

Pan America 1250: Reiseenduro mit Eroberungspotenzial
Die Spitzenleistung der Harley-Davidson Pan America1250 liegt bei 152 PS. © Harley-Davidson

Reise-Enduros sind gerade in Deutschland bei den Kunden beliebt. Nun gibt es mit der Harley-Davidson Pan America 1250 ein neues Modell.

Auf dem heimischen Markt werden so viele Reise-Enduros verkauft wie sonst nirgends. Dabei sehen die wenigsten von ihnen jemals Schotter oder noch Gröberes. Im Segment der hochpotenten Alleskönner gibt nach wie vor die BMW R 1250 GS den Ton an. Sie ist in 32 Märkten der Welt die meistverkaufte Reiseenduro, in Deutschland gar seit 20 Jahren das meistverkaufte Motorrad überhaupt.


Starke Mitbewerber kommen von Ducati, Honda, KTM und Triumph. In dieses Feld will die neue Harley-Davidson Pan America 1250 eindringen, die es ab Juni in zwei Versionen ab 16.000 Euro geben wird, nämlich als Standard und als Special.

Entsetzen über Design ist verflogen

Das bei der Vorstellung des Prototyps im November 2019 allgemein vorherrschende Entsetzen über das Design ist verflogen, auch wenn es nach wie vor ungewöhnlich ist. Mittlerweile sehen wir die Formgebung als markant an. Sie ist eigenständig und ausgesprochen funktional. Die Pan America 1250 hat das Zeug, wie einst der Jeep und längst auch die GS, zur Marke zu werden.

Die Harley-Davidson Pan America1250 hinterlässt einen guten Eindruck. Foto: Harley-Davidson

Der quer eingebaute V2-Motor mit 60 Grad Zylinderwinkel ist ein Hochdrehzahl-Aggregat; die Spitzenleistung von 152 PS wird bei 8.750 U/min. realisiert, die Maximaldrehzahl liegt bei 9.500 Touren. Doch zugleich ist der mit variabler Ventilsteuerung und Vierventil-Zylinderköpfen topaktuelle V2 ein braves Arbeitstier; er beherrscht für Geländeausflüge auch den Tuckermodus mit niedrigen Drehzahlen und glänzt mit starker Leistungsentfaltung im Drehzahlbereich zwischen 3000 und 7000 Umdrehungen.
Zudem ist er drehfreudig und elastisch; die Übersetzungen der sechs Gänge passen nahtlos. Schon der Normverbrauch von 5,5 Litern pro 100 km deutet an, dass der V2 kein Sparwunder ist. Mit sechs bis 6,5 Litern könnte man auf längere Sicht vermutlich auskommen. Laufgeräusch und Auspuffsound sind der Honda Africa Twin ähnlich; deren 1100er Motor ist das US-Aggregat allerdings deutlich überlegen.

Unterschiede beim Fahrwerk

Ebenso gut wie der Motor samt Kupplung und Getriebe funktioniert das Fahrwerk. Hier liegt der wichtigste Unterschied zwischen Standard- und Special. Die Basis-Pan America muss sich mit gut abgestimmten und in allen Parametern einstellbaren Showa-Federelementen begnügen, während die Special eine elektronisch arbeitende semiaktive Radführung desselben Lieferanten aufweist; in der Praxis die überlegene Lösung. Fünf vorwählbare Fahrwerksprofile sind üppig. Ihre Spreizungen sind gut fühlbar, zudem gibt es eine Auto-Nivellierung. Besonders überzeugend auf den Landstraßen ist der schärfste Modus (S wie Sport); hier ist das Fahrwerk straff abgestimmt. Als „fliegender Teppich“ geht die Special aber in keinem der fünf vorkonfigurierten Fahrprogramme (Rain, Road, Sport, Off-Road, Offroad-Plus) durch. Drei weitere Modi erlauben individuelles Programmieren.

Fürs Geländefahren stand ausschließlich die Special zur Verfügung. Mit Geländebereifung beherrscht sie alles, was ein Fünfzentner-Bolide abseits des Asphalts können muss, ist aber nicht zuletzt wegen ihres doch recht hohen Schwerpunkts keine Gams. Auffällig ist, dass der serienmäßige, nicht einstellbare Lenkungsdämpfer bei Niedrigtempo ein etwas träges Einlenkverhalten zur Folge hat. Nach einiger Gewöhnung verliert sich dieses Empfinden. Die Basisversion ohne Lenkungsdämpfer ist zugänglicher. Eine Fahrwerks-Instabilität konnten wir auch bei ihr nie feststellen, selbst bei Höchstgeschwindigkeit – Tacho 227, vermutlich elektronisch abgeregelt – nicht.

Gute Komforteigenschaften

Die Komfort-Anforderungen an eine Reiseenduro erfüllt die Harley problemlos: Sitz, Fußrasten, Lenker, Windschutz – alles top. Auch das große TFT-Display samt allen Konnektivitäts-Finessen erfüllt europäische Vorstellungen. Die Bedienung des umfänglichen Bordcomputers ist verständlich, das Ertasten des Blinkerknöpfchens links am Lenker wegen des großen Computer-Bedienungsknubbels aber nicht ideal. Zwar gibt es eine Restreichweitenanzeige, aber keine Angabe über den Verbrauch. Ein enganliegendes Gepäcksystem findet sich, wie auch weitere Gepäckbehältnisse, im Zubehörangebot.

Für die Special gibt es zwei Optionen: Kreuzspeichenräder (500 Euro), vorteilhaft im Offroad-Einsatz, sowie eine adaptive Fahrwerksabsenkung (660 Euro), die beim Anhalten wirksam wird. Dadurch sinkt die Sitzhöhe um bis zu fünf Zentimeter. Beim Losfahren fährt das Chassis in drei wählbaren Programmen wieder nach oben. Die Eigenentwicklung von Harley-Davidson entfaltet ihren Charme allerdings nur unterwegs: Beim Auf- und Absteigen ist das System nicht verfügbar.

Kein Quickshifter im Angebot

Mit der Harley-Davidson Pan America bieten die Amis eine überzeugende Reiseenduro. Foto: Harley

Klar gibt es auch an der funktional insgesamt attraktiven Pan America 1250 ein Optimierungspotenzial. So hat man noch keinen Quickshifter zum kupplungslosen Schalten; auch sollten Tankdeckel und Lenkschloss konsequenterweise ins schlüssellose Startsystem integriert sein. Radarbasierte Assistenzsysteme, bei BMW, Ducati und KTM bereits im Angebot, sucht man ebenfalls vergeblich. In punkto Handhabung sind die etablierten Wettbewerber oftmals weiter, gut zu sehen an der hakeligen Windschild-Verstellung und daran, dass sich Haupt- und Seitenständer in bestimmten Situationen in die Quere kommen. Zudem sind die Wartungsintervalle von 8.000 Kilometer für ein Reisemotorrad zu kurz; Wettbewerber bieten schon 16.000. Dass man im Werk in Thailand, wo die Pan America gebaut wird, bis zum Serienanlauf die Verarbeitung noch optimieren wird, setzen wir bei einem Premium-Anbieter voraus.

Motor und Fahrwerk der US-Alleskönnerin überzeugen, die Ergonomie ist genauso gut wie der Fahrkomfort. Die Ausstattung inklusive der Fahrassistenzsysteme ist der Fahrzeugklasse adäquat, die der Special-Version sogar sehr gut. Bei alledem liegt das Fahrzeuggewicht im üblichen Rahmen. Dass auch der Preis von 18.000 Euro für die bei uns wohl besonders wichtige Special absolut konkurrenzfähig ist, zählt ebenfalls. Erhält die Pan America 1250 schon in den nächsten beiden Jahren eine gezielte Überarbeitung in den (wenigen) relevanten Details, könnte sie ihren Weg machen und die derzeit heftig kränkelnde Motor Company aus Milwaukee in eine hellere Zukunft führen. (SP-X)

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