Harley-Davidson Road Glide Special: Hubraum gewinnt

Die Harley-Davidson Road Glide Special bietet gute Fahreigenschaften. © Harley-Davidson

Harley-Davidson hat die Road Glide Special zum neuen Modelljahr mit einer Vielzahl von Nettigkeiten ausgestattet. Dazu zählt auch RDRS. Doch gänzlich überzeugen kann das Bike nicht.

RDRS? Dahinter steckt das serienmäßige Fahrsicherheitssystem „Reflex Defense Rider System“ oder eben kurz RDRS. Trotz der Limitierungen der Corona-Zeit haben wir ihr die Road Glide ausführlich getestet.


Mit ihrem überaus stimmigen Bagger-Design, ihrem in punkto Leistung wie auch Laufkultur überzeugenden, luft- und wassergekühlten Zweizylinder-V-Motor und ihrer insgesamt gediegenen Ausstattung sowie dem neuen RDRS überzeugt das rund 29.000 Euro kostende Schmuckstück im rabenschwarzen Outfit auf ganzer Linie. Wäre da nur nicht ein Detail, das so gar nicht zu einem Bike dieser Klasse passt.

Nur eine Leistung von 90 PS

Zwar stehen für die Beschleunigung der inklusive Fahrer knapp eine halbe Tonne schweren Road Glide Special nur 90 PS zur Verfügung, doch kommt dank des enormen Drehmoments von 163 Newtonmetern kaum der Wunsch nach mehr Leistung auf. Hubraum, in diesem Fall sagenhafte 1868 Kubikzentimeter, ist eben durch nichts zu ersetzen.

Bereits aus 1.500 Touren schiebt die mit einer fantastischen Gasannahme gesegnete Road King davon, dass es eine Freude ist. Nur selten ertappt man sich dabei, die 3.000er Marke zu überschreiten – wozu auch, denn unterm Fahrer werkt das mächtige Triebwerk wie Arnold Schwarzenegger in seinen besten Terminator-Zeiten.

Gute Verbrauchswerte

An der Harley-Davidson Road Glide Special gibt es ein nicht ganz überzeugendes Navigationssystem. Foto: SP_X

Wer mal Kilometer fressen will und dazu auf der Autobahn dem Tempomat 145 Sachen vorgibt, liest auf dem Drehzahlmesser gerade mal 3.500 U/min. ab. Trotz ihrer Schrankwandfront säuft die Fuhre erstaunlicherweise nicht: Mehr als 5,9 Liter pro 100 Kilometer schafften wir im gemischten, stets zügig absolvierten Betrieb nicht, immerhin ein halber Liter weniger als der Normwert. Man kann also leicht 350 Kilometer ohne Tankstopp fahren.

Nicht wirklich Spaß macht dieses Tun allerdings jenseits von Tempo 120. Zwar ist der Windschutz dank der voluminösen Shark-Nose-Verkleidung („Haifisch“) besser als auf der ähnlich konzipierten Street Glide, aber richtig gut ist er nicht. Autobahn-Richtgeschwindigkeit erscheint auf Dauer anstrengend und zu laut. Zwar können die zwei 25 Watt starken Riesen-Boxen des Boom Box GTS-Infotainmentsystems erstaunlich gut gegenhalten, aber lange Strecken ziehen sich dann doch. Das ist schade, denn Sitzposition, Sitzqualität und auch die Armhaltung am breiten, griffigen Lenker sind für durchschnittsgroße Fahrer perfekt. Vielleicht sollte Harley doch einmal über einen elektrisch verstellbaren Windschild nachdenken.

Nicht nachdenken sollten die Amis über eine wirksamere Federung; sie sollten sie einfach liefern, und zwar schnellstens. Denn das Ansprechverhalten der montierten Federelemente wie auch die Absorption von Stößen und sogar Stößchen ist miserabel. Mal fährt eine Brückenfuge ins Kreuz, mal zucken und wackeln die Unterarme am Lenker, wenn das Vorderrad auf unebenem Asphalt unterwegs ist.

Gute Fahrwerksauslegung

Dabei ist die Fahrwerksauslegung ganz und gar nicht übel: Die Road Glide zieht auf Feinasphalt souverän ihre Spur, lässt sich leicht in Kurven einlenken und hält stabil den gewählten Radius. Man muss sich schon anstrengen, um die Kurven im Wortsinne „kratzen“ zu können. Ein dickes Lob ist auch der sehr leistungsfähigen, bestens ansprechenden Bremsanlage zu zollen. Das Fahrvergnügen auf perfektem Untergrund ist fulminant. Doch das Absolvieren nicht-perfekter Strecken gerät zum Härtetest; leider kommt das häufiger vor als man es als Reiter dieses monströsen Eisenrosses gerne hätte.

Dass das Rangieren einer Road Glide Special keine Freude ist, überrascht wohl niemanden. Doch dank des guten Bodenkontakts lässt sich bei kernigen Manövern auf engem Raum gut mitfußeln, und mit der Zahl der bestandenen Prüfungen wächst auch das Selbstvertrauen des Fahrers oder auch der Fahrerin. Zum Glück. Insofern ist die niedrige Sitzhöhe von 69,5 Zentimetern ein Segen, wobei der Sitzkomfort, wie oben gesagt, ausgezeichnet ist. Obwohl die Füße relativ weit vorne ruhen dürfen, ist die Fahrer-Haltung nicht inaktiv, eine ausgezeichnete Lösung also.

Schaltwippe zu empfehlen

Für die Beschleunigung der Harley-Davidson Road Glide Special stehen nur 90 PS zur Verfügung. Foto: SP-X

Schon seit Jahrzehnten bietet Harley-Davidson umfangreiche Möglichkeiten, reichlich Geld in Zubehörteile zu investieren; zu den besonders empfehlenswerten Teilen zählt die Schaltwippe, mit deren Hilfe die Gangwechsel beim Hinaufschalten lässig per Hacke erfolgen können. Ansonsten ist alles Wichtige an Bord: Das wohltuende Sicherheitsnetz des RDRS mit Kurven-ABS, elektronischer Bremskraftverteilung, dynamischer Traktionskontrolle, Antriebsschlupfregelung sowie dem Fahrzeughalteassistenten. High-Tech, wie andere Hersteller sie auch nicht besser beherrschen.

Harleys automatische Blinkerrückstellung ist unübertroffen. Zudem gibt es eine sehr leistungsfähige LED-Doppelscheinwerferanlage, das leider nicht intuitiv bedienbare Navigationssystem und einen Haufen (leider nicht hinterleuchteter) Bedienungsknöpfe, –tasten und Joysticks; wer seine Harley aber oft genug fährt, wird’s wohl lernen.

Bedeutsam sind bei der seit 117 Jahren bestehenden Kultmarke Harley-Davidson die Punkte Design und Verarbeitung. Letztere ist bis ins Detail tadellos; auch ist das Design der prächtig motorisierten Road King Special absolut stimmig. Nicht auszudenken, wie genussvoll sich eine Road Glide Special fahren ließe, wenn ihr Fahrkomfort auf dem Niveau des Designs läge. (SP-X)

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