Porsche Targa 4S: Entdeckung der Langsamkeit

Porsche Targa 4S © Foto: Porsche

Die Kraft des Porsche Targa 4S muss nicht immer hundertprozentig umgesetzt werden. Thomas Flehmer machte bei einer ungewöhnlichen Testtour ebenso ungewöhnliche Erfahrungen.

Von Thomas Flehmer

Allein die reinen Zahlen reichen schon aus, um die Augen zum Leuchten zu bringen. 261 kW/355 PS und eine Beschleunigung auf 100 km/h in lediglich 5,4 Sekunden sind eine Aufforderung, den Porsche Targa 4S schnell über die Autobahn zu jagen. Interessante Erfahrungen kommen aber auch zu Tage, wenn man(n) sich in den normalen Verkehr hinter einem zehn Jahre alten Ford Escort Turnier einreiht, wie bei unserem Test.

«Wintergarten zum Verlieben»

Insgesamt 200 Kilometer durch Stadt, über Autobahn und Landstraße erfordern von dem Porsche-Piloten äußerste Disziplin. Während man sich in der Stadt noch bedenkenlos einreiht, muss man sich auf den Schnellstraßen mit maximal 130 km/h begnügen, anstatt den 2+2-Sitzer auf bis zu 288 km/h hochzureizen. Zum Glück lässt es sich im Innenraum, der den Schwester-Modellen der 911-Baureihe entspricht, gut leben. Die Sitze vereinen Sportlichkeit und Komfort miteinander, die Lederausstattung mit den sauber aneinander gereihten Nähten wirkt edel.

Im Gegensatz zum Coupé bietet der neu aufgelegte Targa ein 1,5 Quadratmeter großes Glasdach, das in Schiebedach und klappbare Heckscheibe unterteilt ist. Bei langsamer Fahrt kann die Sonne hineinscheinen. Ein ebenfalls verschiebbares Rollo hält zu starke Sonneneinstahlung ab. Porsche nannte den neuen Targa, der über 40 Jahre nach der Premiere seine Neuauflage erlebte, einen «Wintergarten zum Verlieben».

Gewinn durch Verzicht

Das Rollo schützt vor zu starker Sonneneinstrahlung Foto: Porsche

Interessant ist zudem, wie sich die Verkehrsteilnehmer auf der Autobahn beim Anblick des Targa verhalten. Wer wie ich für 200 Kilometer in gemächlichem Tempo hinter einem alten Ford Escort herfahre, in dem die Ehefrau sitzt, ist schon überrascht über die Zurückhaltung der Fahrer der nachfolgenden Autos. Statt locker an mir vorbeizuziehen, werde ich nur nach langem Überlegen und dann noch ausgesprochen zurüchhaltend überholt. Zu stark ist wohl die Annahme, der 4,43 lange Targa könnte das eigentlich Anzunehmende jederzeit ausführen - nämlich zu überholen.

Diese spezielle Situation vermittelt dem Porsche-Fahrer ein besonderes, erhabenes Gefühl: Die Macht, den Porsche in wirklich allen Geschwindigkeitsbereichen - egal ob schnell oder langsam - auszukosten. Gönnerhaft werden die zaghaft überholenden Fahrzeuge mit netten Wünschen für die Weiterfahrt bedacht, der Porsche-Lenker selbst heimst Gewinn durch Verzicht ein - «ich könnte ja, wenn ich nur wollte», heißt die Devise.

So kommen Verbrauchsangaben zustande

Voll edler Innenraum Foto: Porsche

Auf der Landstraße verstärkt sich dieses Gefühl um ein Vielfaches. Jeder, wirklich jeder, folgende Fahrer glaubt, der Porsche müsste bei freier Gegenspur an dem Kombi vorbeiziehen, was der Allradler aber nicht tut. Erst nach einigen Kilometern setzen die Verfolger zum Überholen an.

Weitere Freude bereitet natürlich der Verbrauch. 11,4 Liter SuperPlus zeigt der Bordcomputer an und verpasst damit den von Porsche angegebenen Verbrauch von 11,3 Litern denkbar knapp. 280 Gramm CO2 werden dabei pro Kilometer ausgestoßen. Neben dem Genuss, auf die zur Verfügung stehende Kraft nicht zurückgreifen zu müssen, kann man ersehen, wie die Verbrauchsangaben der Hersteller zustande kommen.

Schönster Motorensound

Auch von hinten eine Augenweide Foto: Porsche

Doch um der Wahrheit Rechnung zu tragen, muss man natürlich auch zugeben, dass diese Tourerei nicht unbedingt die Art und Weise ist, einen Porsche auf Autobahn und Landstraße zu bugsieren. Allein schon der Motorensound - und Porsche hat den schönsten unter den Sportwagen - lässt den rechten Fuß kontinuierlich kribbeln. Wie schön klingt es, wenn die Tiptronic nach einem Kickdown herunterschaltet und den Sechszylinder nach vorne katapultiert. Auf einer leeren Autobahn zeigt der Digital-Tacho dann auch mal 290 km/h an.

Angstschweiß kommt dem Fahrer dabei nicht auf Stirn und unter die Achseln. Denn das komfortabel abgestimmte Fahrwerk, die verbreiterte Spur an der Hinterachse, sechs Airbags, Keramik-Bremsen und die sichere Fahrgastzelle sind optimal aufeinander abgestimmt und sorgen für Sicherheit. Nicht nur auf der Autobahn bietet der Targa 4S Freude, auch auf kurvigen Landstraßen ist die absolute Sportlichkeit des «mobilen Wintergartens» deutlich zu spüren.

Getrübte Freude an der Zapfpistole

Das Glasdach im Heck lässt sich separat öffnen Foto: Porsche

Doch auch hier wird die Freude des 1,6-Tonners getrübt. Denn nach rund 350 Kilometern wird der Fahrspaß unterbrochen, um den Weg zur nächsten Tankstelle anzupeilen. Bis zu 17,5 Liter verspeiste der 3,8 Liter-Boxer-Motor pro 100 Kilometer bei sportlicher Fahrweise. Doch wer schaut bei einem Einstiegspreis von 108.855 Euro schon auf auf die Tankquittung?

Das Gefühl der Macht der Langsamkeit kann dann allerdings auch nicht ausgekostet werden, dafür fliegt der Porsche zu schnell an den anderen Verkehrsteilnehmern vorbei. Um so mehr leuchten die Augen. Und seien wir ehrlich: Wer fährt schon gerne freiwillig und dann auch noch über 200 Kilometer seiner Frau hinterher.