Mercedes X 350: Ein Pick-up auf Abschiedstour

Die X-Klasse von Mercedes. Foto: Daimler
Die Mercedes-Benz X-Klasse © Daimler

Noch gibt es sie. Doch das Ende der Mercedes X-Klasse dürfte bei Daimler kurz bevorstehen. Wir sind noch einmal das Pick-up als X350 gefahren.

Trotz aller Marketing-Mühen konnte sich der Pick-up in Deutschland bislang nicht wirklich als Lifestyle-Auto durchsetzen. Warum das so ist, zeigt beispielhaft die V6-Variante der X-Klasse von Mercedes. Der Pritschenwagen ist wuchtig, kraftvoll und sogar ein bisschen edel – seinen wichtigsten Wettbewerbern, den SUV, kann er trotzdem nicht das Wasser reichen.


Weltweit gesehen sind Pick-ups echte Erfolgsmodelle. Vor allem in den USA, aber auch in Südamerika und Asien, schätzt die Kundschaft schon lange ihre Robustheit und Geländegängigkeit nicht nur im gewerblichen, sondern auch im privaten Einsatz. Die Hersteller freut das, bieten die Pritschenwagen doch dank vergleichsweise günstiger Technik ordentliche Gewinnmargen. Warum also sollte das Geschäft nicht auch in Mitteleuropa zu beidseitigem Nutzen von Kunden und Herstellern laufen können?

Konkurrenz zu SUVs

Weil schlechtes Wetter und gute Straßen keine ideale Kombination für gewerblich genutzte Allrad-Pritschen ist, könnte man nun einwenden. Aus diesem Grund sollen die Pick-ups hierzulande nicht nur Handwerker und Landwirte locken, sondern auch an den Privatnutzer, der sie als kernige Alternative zu den zunehmend rundgelutschten SUV sieht. Kunden eben, die noch einen echten Truck nach traditioneller Nutzfahrzeug-Machart wollen, keinen hochgebockten Pkw mit Fahrdynamik-Allradantrieb.

Das Cockpit der Mercedes X-Klasse. Foto: Daimler

Die X-Klasse ist im Kern genau so ein kerniger Kerl: Ein fast unzerstörbares Leiterrahmen-Fahrgestell, vier angetriebene Räder dran, die von diversen Sperren am Durchdrehen gehindert werden und hinten auf der Hinterachse eine üppige Ladefläche mit ordentlich Nutzlast sind seine Hauptzutaten.

Die Technik stammt dabei vom Nissan Navara, einem der Klassiker im Segment. Und sie ist im Detail feiner als man auf den ersten Blick denken würde. So sind etwa die Hinterräder nicht an trampeligen Blattfedern aufgehängt, sondern wie beim Pkw an recht geschmeidigen Schraubenfedern, die schon beim Nissan für ein vergleichsweise komfortables Fahrverhalten sorgen.

Spur wurde gestreckt

Auf dieser guten Basis hat Mercedes noch einiges in Detailverbesserungen gesteckt. So haben die Stuttgarter etwa die Spur gestreckt, um eine souveränere Straßenlage zu erreichen, und den hemdsärmeligen Zuschalt-Allradantrieb durch einen permanenten ersetzt.

Dazu wurde die Karosserie offensichtlich noch einmal stark gegen Außengeräusche abgedämmt. Und nicht zuletzt präsentiert sich das Cockpit deutlich aufgemöbelt. Wer den Nissan kennt, entdeckt zwar an vielen Stellen seine Spuren, das Infotainment-System, das Design der Armaturen und das Multifunktionslenkrad stammen aber sichtbar von Mercedes und werten das klassentypisch eher zweckmäßige Interieur deutlich auf. Vom Niveau der Pkw dieser Marke ist die X-Klasse aber trotzdem noch weit entfernt.

Das gilt auch für das Fahrverhalten auf asphaltierter Straße. Im Vergleich mit älteren Pick-ups fährt die X-Klasse zwar deutlich verbindlicher, poltert vor allem weniger stark durch Kurven. Ein agiles und handliches Auto ist der 5,34 Meter lange und 2,4 Tonnen schwere Truck aber sicher nicht. Kein Wunder, muss er doch auf die Fahrwerks-Hightech verzichten, wie sie die ähnlich schweren und wuchtigen Pkw-SUV der Marke nutzen, um ihre überzähligen Kilos und den hohen Aufbau zu kaschieren. Wankstabilisierung, Luftfedern, flexible Stabilisatoren – all das gibt es für die X-Klasse nicht, weil sie nicht auf Pkw-, sondern auf Nutzfahrzeug-Technik basiert.

Souveräner Motor mit 258 PS

Das gilt allerdings nicht für den Motor: Das 258 PS starke V6-Glanzstück der X-Klasse kennt sonst man unter anderem aus Luxusmodellen wie der Oberklasselimousine CLS. Entsprechend ruhig und souverän geht das 3,0-Liter-Triebwerk in dem Pick-up zur Sache.

Wer entspannt cruist hört kaum etwas von dem Selbstzünder, wer aufs Gas tritt, erlebt, wie der tonnenschwere Laster zum Rennelefanten mutiert und eine wuchtigen Satz nach vorne macht. Zu oft sollte man den Sechsender aber nicht reizen, ansonsten zeigt der Bordcomputer schnell einen deutlich zweistelligen Verbrauchswert. Auch im Stadtverkehr langt er üppig zu, während er bei gleichmäßiger Fahrt auf Landstraße oder Autobahn auch mal mit gut neun Litern zufrieden ist – was nur knapp über dem Normwert von 8,8 Litern liegt.

Fehlende Dynamik als Manko

X-Klasse von Mercedes
Die Ladefläche der Mercedes X-Klasse. Foto: Daimler

Ganz retten kann der exklusiv für die Mercedes-Variante des Kooperationsmodells angebotene V6 das Lifestyle-Konzept für die X-Klasse jedoch nicht. Und das liegt nicht daran, dass der Pick-up ein schlechter Pick-up wäre. Doch vergleichbare SUV-Modelle wie Mercedes GLC und GLE sind deutlich handlicher, fahren viel dynamischer und bieten zudem das für Normalnutzer deutlich alltagstauglichere Gepäckabteil.

Denn bis auf grobes Schüttgut oder schwere Maschinen lässt sich kaum etwas sinnvoll auf der tiefen Pritsche mit ihrer extrem hohen Ladekante transportieren. Und wer das will, findet zahlreiche Konkurrenzmodelle mit weniger geschliffenem Charakter, aber deutlich günstigeren Preisen. Die als V6-Modell mindestens 48.790 Euro teure X-Klasse („Progressive Edition“) sitzt am Ende zu sehr zwischen den Stühlen: Sie ist zu edel für ein Nutzfahrzeug, aber zu prosaisch für einen Lifestyle-Allrader. (SP-X)

1 Kommentar

  1. Sah auch aus wie eine Spielzeugauto für viel Geld…konnte mit dem Amis von Funktion und aussehen einfach nicht mithalten. Konnte man den überhaupt als LKW anmelden? Oder sogar die Ladefläche zu kurz dafür..

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