Mercedes S-Klasse: Doppelter Espresso inklusive

Modellpflege für Topmodell

Die neue S-Klasse von Mercedes erhielt 6500 neue Teile. © Daimler

Audi startet mit dem A8 einen neuen Angriff auf die Mercedes S-Klasse. In Stuttgart gibt man sich davon unbeeindruckt. Dort zeigt sich Entwicklungschef Ola Källenius zuversichtlich, dass man auch mit einer modellgepflegten S-Klasse seinen Spitzenplatz halten kann.

Von Frank Mertens

Gerade hat Audi die neue Generation des A8 vorgestellt. Es ist ein komplett neues Auto, es hat mit dem Vorgänger des Topmodells der VW-Tochter nicht mehr viel gemein. Mit dem neuen von Kai Lichte designten A8 wollen die Ingolstädter die S-Klasse von Mercedes mächtig unter Druck setzen. Die Schwaben stellen seit Jahren mit der Mercedes S-Klasse das erfolgreichste Modelle in der Luxusklasse - und dabei soll es bleiben.

Trotz der erstarkten Konkurrenz aus Ingolstadt zeigt sich Daimler-Entwicklungschef Ola Källenius unbeeindruckt. "Ich bin zuversichtlich, dass wir unsere Spitzenposition halten werden", sagte Källenius bei der Vorstellung der neuen S-Klasse in Zürich. Doch was heißt schon neu: der S-Klasse wurde eine Modellpflege zuteil. Modellpflege? Das greift für Källenius zu kurz. Angesichts von 6500 neuen Teilen könne man getrost von einem neuen Modell sprechen, sagte der Entwicklungschef selbstbewusst.

China wichtigster S-Klasse-Markt

Zufrieden verweist er auf vier Millionen verkaufte Einheiten seit dem Marktstart der S-Klasse 1972 und dem Run auf das Topmodell in China. "Allein 33 Prozent unserer S-Klassen gehen nach China, beim Maybach sind es sogar 66 Prozent." So soll es weitergehen. Zwar verfügt die S-Klasse von außen bis auf eine neue Kühlerverkleidung mit neuen LED-Leuchten über keine signifikanten optischen Änderungen, dafür hat man im Innenraum und unter dem Blechkleid einiges getan.

Da ist zum einen ein neues Lenkrad: mit ihm kann man nun beispielsweise auch die Distronic steuern (der Hebel unterhalb des Blinkers entfällt) oder auch die Optik des Cockpits über zwei Wischtasten (Mercedes nennt sie Touch Control Buttons) ändern. Beim ersten Ausprobieren und Ansteuern der Vielzahl der Funktionen wie Navigation, Telefon oder auch Assistenzsystemen wie der Distronic wirkt das zunächst irritierend. Doch wenn man es ein, zweimal ausprobiert hat, hat man sich daran gewöhnt und lernt die Benutzerführung schnell zu schätzen. Natürlich kann man das Gros der Funktionen auch über die Tasten und/oder Drehknopf bzw. Touchpad in der Mittelkonsole ansteuern.

Nun mit Energizing-Funktion

Das neue Lenkrad in der S-Klasse Daimler

Darüber lässt sich auch das neuste Feature ansteuern: die so genannte Energizing Komfortsteuerung. Dahinter verbergern sich Funktionien zur Aktivierung beziehunsgweise Entschleunigung des Fahrers. Je nach Empfinden kann man Farben, Sounds und Düfte einspielen.

Unterstützt wird das von unterschiedlichen Massagefunktionen in den Sitzen. Sechs Programme (Frische, Wärme, Vitalität, Freude, Behaglichkeit, Training) sorgen für das Wohlbefinden der Passagiere. Ihnen bietet die S-Klasse entweder "innere Ruhe oder auch einen doppelten Espresso", wie Källenius verspricht. Hört sich etwas arg überdreht an? Nun ja. Man muss sich auf dieses Systeme einlassen können, sich offen zeigen. Und ja, wenn man es tut, kann man sich entspannen, auch wenn man sich an die hinterlegte Musik erst einmal gewöhnen muss und sich von einer Stimme sagen lassen muss, dass einige Funktionen während der Fahrt nicht nutzbar sind. Schöne neue Welt.

Das sind Nettigkeiten. Doch ans Eingemachte geht es unter der Karosserie. So kommen in der neuen S-Klasse drei neue Motoren zum Einsatz. Ein Reihensechszylinder-Diesel mit 286 bzw. 340 PS, und ein Reihensechszylinder-Benziner mit 367 und 435 PS und ein V8-Biturbo mit 469 PS. Im S 600 wird es wie im Maybach einen V12 mit 530 bzw. 630 PS geben. Die AMG-Varianten leisten beim S 63 612 (+ 21 PS) und im S 65 630 PS. Besonders zufrieden zeigt sich Daimler mit seinen neuen Dieselaggregaten. Nachdem man in der E-Klasse bereits den OM 654 zum Einsatz bringt, werkelt in der S-Klasse der OM656. Wie sein kleiner Bruder erfüllt dieses Aggregat bereits heute die Grenzwerte des RDE, der Real Driving Emissions, wie Källenius zufrieden feststellte.

Unterwegs mit 48 Volt

Für alle die, die Wert auf Sportlichkeit legen, ist natürlich AMG die erste Wahl. Wir waren bei den Testfahrten mit dem S 63 4Matic (ab 160.293 Euro) unterwegs. Der V8 sorgt für beeindruckende Fahrleistungen. Er sorgt nicht nur dank eines maximalen Drehmoments von 900 Nm für einen ausgesprochen kraftvollen Antritt in Kombination mit der neuen 9-Gang-Automatik, sondern weist Beschleunigungswerte auf, die man sonst nur von reinrassigen Sportwagen kennt. So vergehen bis Tempo 100 gerade einmal 3,5 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit wird bei 250 km/h abgeregelt. Das ist alles eine feine Sache.

Doch eine Nummer kleiner geht es auch. Natürlich. Beispielsweise im neuen Reihensechszylinder, der im S 450 und im S 500 verbaut ist. Es sind die Modelle, in denen erstmals neben einem integriertem Startergenerator auch ein 48 Volt-Bordnetz zum Einsatz kommt. Der Generator sorgt nicht nur dafür, dass der Verbrennungsmotor kurzfristig mit bis zu 250 Nm zusätzlichem Schub versorgt werden kann, sondern versorgt beim Bremsen auch dafür, dass rekuperiert und die Batterie geladen wird. Vor allem wird dadurch das Segeln ermöglicht.

Das Heck der S-Klasse Daimler

Sprich: Verfügt die Batterie über ausreichend Energie, wird der Motor vom Antriebsstrang abgekoppelt und rollt entsprechend vor sich hin. Das sorgt in Kombination mit dem so genannten Eco-Assistenten dafür, dass sich der Reihensechszylinder besonders effizient bewegen lässt. Bei dem von uns gefahrenem S 450 liegt der Verbrauch bei sieben Litern. Theoretisch natürlich. Denn bei unseren Testfahrten lag der Kombi-Verbrauch bei 8,9 Litern. Allerdings auch bei teilweise etwas sportlicherer Fahrweise. Und sportlich kann man auch den S 450 bewegen: 5,1 Sekunden braucht das rund zwei Tonnen schwere Auto bis Tempo 100 und die Höchstgeschwindigkeit ist bei 250 km/h erreicht. Und das maximale Drehmoment von 500 Nm reicht auch, um ausreichend kraftvoll auf Touren zu kommen.

Komfort als Referenz

Ohnehin steht die S-Klasse ja nicht primär für Topspeed, sondern für Komfort. Deshalb wird die S-Klasse auch bei einer Gesamtlänge von 5,12 Metern mit kurzem (3,03 Meter) und langem Radstand (3,16 Meter/5,25 Meter) angeboten. Hinzu kommen der Maybach (3,36/5,46) und der Pullman (4,41/6,49). Damit die Herrschaften im Fond auch nicht zu klagen haben, gibt es übrigens auch ein Chauffeurs-Paket. Damit lässt sich der Beifahrersitz um bis zu 7,7 Zentimeter nach vorn fahren.

Doch das ist noch nicht alles. Das Fahrwerk wurde nochmals verbessert – und dafür sorgt der so genannte Road Surface Scan. Es erkennt Bodenunebenheiten schon im Vorfeld und stellt das Fahrwerk vorausschauend darauf ein, damit die Insassen davon möglichst wenig spüren. Doch wer mindestens 88.446 Euro für eine S-Klasse ausgibt (dafür bekommt man den 350 d), der erwartet auch solche technischen Finessen. Nun bleibt es abzuwarten, wie sich die S-Klasse gegen den A8 behauptet. Wer macht am Ende des Rennen beim Kunden: das Facelift der Stuttgarter oder die neue Generation der Ingolstädter? Sorry, aber von einer bloßen Modellüberarbeitung spricht man bei Mercedes ja nicht.

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