Mercedes G-Klasse: Kraxeln bis zum Gipfel

Neuer Geländewagen aus Graz

Die neue G-Klasse. Foto: Mercedes
Mercedes hat nach 40 Jahren die G-Klasse neu aufgelegt. © Mercedes

In der kommenden Woche feiert die neue G-Klasse von Mercedes Premiere auf der Automesse in Detroit. Zuvor zeigte der Geländegänger aus Graz schon seine Fähigkeiten bei der Befahrung des Hausbergs.

Wenn sich vor Erwin Wonich der Horizont öffnet und er am Morgen zum ersten Mal den Gipfel sieht, legt sich ein Lächeln auf das Gesicht des Österreichers. Zwar ist der grüne Monolith ein paar Kilometer nördlich von Graz gerade einmal 1445 Meter hoch und deshalb für ernsthafte Bergsportler kaum mehr als ein Hügel. Doch Wonisch ist nicht zu Fuß unterwegs oder auf dem Mountain-Bike. Der dienstälteste Testfahrer von Mercedes in Graz sitzt vielmehr am Steuer der neuen G-Klasse und vor seinem getarnten Prototypen liegt eine der härtesten Teststrecken der Welt: Der Pfad hinauf auf zum Gipfel des Schöckl.


SUV gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Aber wer am Schöckl scheitert, der hat es nicht verdient, „Geländewagen“ genannt zu werden: „Hier trennt sich die Spreu vom Weizen“, sagt Wonisch und weiß, dass sie mit der G-Klasse schon viel „Weizen“ angebaut haben. Schließlich wird das Auto jetzt seit bald 40 Jahren produziert. Und während vor gut zehn Jahren keiner mehr auf einen Nachfolger gewettet hätte, steht die G-Klasse längst nicht mehr zur Diskussion. Nicht umsonst jagt der Oldtimer Jahr für Jahr von einem Verkaufsrekord zum nächsten.

Unkaputtbare G-Klasse

Dass es überhaupt ein neues Auto braucht, liegt deshalb weniger an den Kunden als am Gesetzgeber, der nach Schadstoffen und Unfallschutz schaut und dem Klassiker bald den Garaus gemacht hätte. So dagegen ist die G-Klasse fit für Future – selbst wenn die neue Generation vielleicht keine 40 Jahre mehr laufen wird. Das Zeug dazu hätte der Wagen allerdings: „Die Beanspruchungen bei diesem Dauerlauf entsprechen im echten Leben etwa 300.000 bis 400.000 Kilometern. Was hier auf dem Schöckl hält, sollte deshalb auch in der Sahara oder in Sibirien nicht kaputt gehen.“ Kein Wunder, dass von den rund 300.000 bislang gebauten G-Klassen noch immer 80 Prozent im Einsatz sein sollen.

Während die Grazer ihren Hausberg zumeist als Naherholungsgebiet nutzen, wird der Schöckl für Wonisch regelmäßig zum Arbeitsplatz. Denn seit er vor bald 40 Jahren damals noch bei Steyr als Testfahrer anfing, hat er so ziemlich alle G-Klassen über den 5,6 Kilometer langen Klettersteig geprügelt, der für Geländewagen eine ähnliche Bedeutung hat wie für Sportwagen die Nordschleife.

Und das schon seit über 100 Jahren, sagt Wonisch und überbrückt in der gemütlichen Halterhütte, 45 Höhenmeter unter dem Gipfel, die Wartezeit auf das Wiener Schnitzel mit ein paar vergilbten Schwarzweiß-Fotos. Sie künden von der Erstbefahrung des Schöckl am 15. August 1909 mit einem Puch 18/22 HP, vom ersten automobilen Aufstieg ohne Hilfe von Ochsen oder Ketten im Puch-Alpenwagen im Sommer 1913 und vom Beginn der Erprobungsfahrten mit dem Pinzgauer und seinem kleinen Bruder Haflinger in den fünfziger Jahren, für die der Autohersteller dem Grafen zu Stubenberg damals eine Sondergenehmigung für die Nutzung seines Privatgrundes abgerungen hatte.

G-Klasse ohne Kompromisse im Gelände

Weil dieser Deal bis heute Bestand hat und weil die wirtschaftliche Bedeutung des Großkonzerns Magna nicht weniger zählt als Naturschutz und Naherholung, sind noch immer tagtäglich die Prototypen aus dem Werk auf der Strecke. Und in den letzten Monaten war besonders viel los. Schließlich hat Mercedes nach knapp 40 Jahren noch einmal eine völlig neue G-Klasse entwickelt. Und auch wenn der Vierkant unter dem Blech, das auch künftig eher gefaltet als gestaltet ist, tatsächlich zu einem halbwegs modernen und deshalb insbesondere auf Asphalt erstmals halbwegs komfortablen Auto werden soll, kann sich der Klassiker im Gelände keine Kompromisse erlauben.

Im Gegenteil, verspricht Baureihenchef Gunnar Güthenke, auch weiterhin die unschlagbare Kombination aus Leiterrahmen, Getriebeuntersetzung und drei Sperren. Beim Gipfelsturm im getarnten G erklärt er, weshalb auch das neue Modell gut 2000 strapaziöse Kilometer auf den Schöckl bestehen musste. Bei Wind und Wetter haben sich die Erlkönige dafür durch Staub, Schlamm oder zur Not auch durch den Schnee hinauf auf den Gipfel gekämpft. Feld- und Waldwege anfangs noch geteert, dann geschottert und zuletzt völlig unbefestigt mit Steigungen bis zu 60 Prozent, Schräglagen von 40 Prozent, mit tiefen Furchen, beängstigenden Bodenwellen, halsbrecherischen Verschränkungen und Waldstücken, in denen die Stämme so dicht stehen, dass Wonisch dankbar die neue 360-Grad-Kamera nutzt, die sie künftig in der G-Klasse einbauen.

Anstieg zur „Grünen Hölle“

Die Seitenansicht der neuen G-Klasse. Foto: Mercedes
Noch ist die G-Klasse verklebt. Foto: Mercedes

Natürlich gibt es überall auf der Welt herausfordernde Geländestrecken, räumt der Testfahrer ein, während er seinem Prototypen die Sporen gibt, der neue V8-Motor aus der S-Klasse aufbrüllt und sich der vermutlich um bis zu vier Zentner abgespeckte Wagen die steile Natursteintreppe zur nächsten Kehre hinauf schiebt. „Aber nirgendwo gibt es eine Strecke, die auf so kurzer Distanz alles vereint, was einem Geländewagen das Leben schwer macht“, parliert er und lenkt den dicken Brocken mit spitzen Fingern über das schwere Terrain. Kein Wunder, dass der Schöckl in der Offroad-Szene einen ähnlichen Ruf hat wie die Nordschleife des Nürburgrings in der Vollgasfraktion. Selbst den Spitznamen „Grüne Hölle“ könnte man durchaus von der Eifel in die Steiermark übertragen.

War der Berg früher den Testfahrern vorbehalten, sind mit der G-Klasse auch viele Prominente und zahlungskräftige Kunden nach Graz gekommen. Denn der Schöckl ist in der Mercedes-Welt so berühmt, dass die Schwaben sogar einen „Iron Schöckl“ entwickelt haben. Einen stählernen Abenteuerspielplatz, den sie bei Messen und Motorsportveranstaltungen aufbauen und damit die schlimmsten Passagen aus Graz simulieren. Weil aber nichts besser ist als das Original, chauffieren Wonisch und seine Kollegen immer mal wieder VIPs hinauf zu Schnitzel und Kaiserschmarrn in der Halter-Hütte. Oder sie führen einen Konvoi von Kundenfahrzeugen an, für die es gelegentlich eine Ausnahmegenehmigung gibt.

Strapazen auf der Rückbank

Das Cockpit der G-Klasse. Foto: Mercedes
Im Innenraum der G-Klasse herrscht Pkw-Atmosphäre vor. Foto: Mercedes

Und natürlich nutzt die Magna-Mannschaft den Bergausflug auch als taktisches Mittel im Ringen mit Zulieferern oder Auftraggebern aus der Automobilindustrie: „So eine Fahrt lockert auch die festgefahrensten Verhandlungen auf“, sagt Wonisch. Ein Blick in den Rückspiegel zeigt, wie recht er damit hat: Während die G-Klasse mal wieder über ein paar beindicke Wurzeln rumpelt und über kniehohe Steine springt, hüpfen die Fahrgäste hinten auf Rückbank wie beim Rodeo. Wenn man dabei das schelmische Grinsen in Wonischs Gesicht sieht, während seine Passagiere so langsam die Farbe verlieren, dann möchte man fast glauben, dass er bisweilen tatsächlich so oft rauf und wieder runter fährt, bis auch die letzte Vertragsklausel verabschiedet ist. Selbst wenn er das natürlich vehement bestreitet.

Was für seine Gäste ein Abenteuer ist, an das sie sich nicht nur wegen der blauen Flecken noch wochenlang erinnern, ist für Wonisch eine lieb gewordene Routine. Denn ein paar tausend Mal ist er bestimmt schon auf den Grazer Hausberg gefahren. Pünktlich zum Start der neuen G-Klasse hat er sich sogar die Hüftgelenke schnell noch erneuern lassen. Wenn man die Höhenmeter addiert, kommt da einiges zusammen. Selbst mit seinen mickrigen 1445 Metern bekommt der Schöckl dann plötzlich Übergröße. Und sogar der Mount Everest schrumpft zu einem besseren Hügel. (SP-X)

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein
Bitte geben Sie Ihren Namen ein