In Feindes Land

Lamborghini Gallardo LP 550-2 Balboni

Der Lamborghini Gallardo LP 550-2 Balboni © Foto: Lamborghini

In diesen Tagen gibt es in Maranello nur ein Thema: Michael Schumacher kehrt doch nicht ins Formel-1-Cockpit zurück. Die norditalienische Kleinstadt steht Kopf. Die rechte Zeit für einen Ausflug der besonderen Art. In einem Lamborghini Gallardo.

Von Stefan Grundhoff

Mit einem Lamborghini nach Maranello zu fahren ist in etwa so, als ob ein Schalke-Fan die blau-weißen Vereinsfarben über den Eingang des Dortmunder Westfalenstadions hängt. So etwas macht man einfach nicht. Doch es geht noch schlimmer. Der nagelneue Gallardo LP 550-2 Balboni erstrahlt in einem kräftigen gelb. Auf einmal dreht sich selbst in Maranello niemand mehr nach einem roten Renner aus heimischer Produktion um. Der Star an diesem sonnigen Nachmittag ist der Lamborghini Gallardo LP 550-2. Genauso schnell wie die bekannten Ferrari-Modelle und noch ein gutes Stück lauter. Vor dem Ferrari-Firmengelände in Maranello reiben sich Arbeiter verdutzt die Augen, Fotografen und Fans kommt länger als einen Augenblick nicht Schumachers überraschenden Rücktritt vom Formel-1-Comeback in den Sinn. Der Lambo wird beäugt wie ein Ufo. Denn einen gelben Gallardo auf Ferraris heiligem Firmenparkplatz hatte es hier noch nicht gegeben. Selbst der schläfrige Pförtner am Ferrari-Tor blickt ungläubig nach oben. Dass sich seine Miene verfinstert und die Schranke zubleibt, versteht sich von selbst.

Präzision und Verlässlichkeit

Dabei gibt es keinen Grund, die Nase zu rümpfen. Lamborghini hat sich mit Audi-Hilfe längst in die erste Liga der Superrennwagen hinaufgearbeitet. Und dieser grell-gelbe Gallardo ist kein Sportwagen von der Stange. Valentino Balboni, jahrzehntelang Cheftestfahrer im Hause Lamborghini, gab dem Gallardo seinen Namen. Balboni ist nicht nur in Sant’ Agata, der Heimat der Stiermarke, eine lebende Legende. Auch bei exklusiven Oldtimer-Veranstaltungen und auf den Rennstrecken dieser Welt hört man zumeist ein freudiges „Ciao“, wenn der sichtliche ergraute Balboni sich zurückhaltend im Schatten der Boliden aus Sant’ Agata sehen lässt. Der bärtige Balboni hat seit den 60er Jahren alles gefahren, was bei den Sportwagen Rang und Namen hat. Kennt nicht nur die Konkurrenz, sondern jeden Lamborghini wie seine eigene Hosentasche.

Valentino Balboni sitzt hinter dem Steuer. „Es kommt darauf an, einen Kompromiss zu finden zwischen den spezifisch rennwagenhaften Fahreigenschaften, die diese ‚macchine’ aufgrund ihrer Fahrwerksstruktur nun einmal haben und haben müssen und alltäglicher Beherrschbarkeit auch durch Nicht-Rennfahrer. Dem entsprechend müssen wir unsere Autos abstimmen. Ein Mindestmaß an Federungskomfort ist trotz Priorität in puncto Straßenlage unerlässlich.“ Gefahren hat er sie alle. Hunderttausende von Kilometern. Eingestellt wurde Balboni 1967 vom Firmengründer Ferruccio Lamborghini persönlich. „Ein Lamborghini muss immer die Präzision eines Rennwagens mit der Verlässlichkeit eines Freundes verbinden“, erzählt der wortkarge Balboni.

Eine Schau nicht nur in gelb

Edler Glanz am Heck Foto: Lamborghini

Seit knapp zwei Jahren ist er in Pension. Doch noch immer ist er für viele Lambo-Besitzer die Marken-Inkone schlechthin. Er kennt und versteht Kunden und ihre Probleme, hat zugehört und versucht, die Schwierigkeiten auszumerzen. Die Wichtigkeit der Person ist auch der Sportwagenmarke mit dem Stier nicht entgangen. So gibt es jetzt in der Auflage von 250 Stück eine speziellen Lamborghini Gallardo. Seit 1973 saß er hinter dem Lenkrad jedes Prototypen der Marke, aber auch die meisten Serienautos gingen vor der Auslieferung an die Kunden durch seine Hände - nicht selten saß schon der neue Besitzer auf dem Beifahrersitz.

Der neue Lamborghini Gallardo LP 550-2 Balboni ist eine Schau; nicht nur in knalligem Gelb und nicht nur in Feindes Land Maranello. Doch welche man der acht möglichen Lackierungen auch ordert. Immer tragen die limitierten Versionen das schwarz-weiße Interieur, weiß-schwarzen Zierstreifen und Heckantrieb. Balboni, anerkannter Liebhaber der Fahrdynamik wird es freuen, dass seine auf ihn zugeschnittene Edition auf den sonst üblichen 4x4-Vortrieb verzichtet. Wieso der Gallardo LP 550-2 Balboni im Gegensatz zum normalen Modell nicht nur keinen Leistungsfluss zu den Vorderachsen, sondern auch zehn PS weniger hat, dürfte jedoch ein Geheimnis der hauseigenen Marketingstrategen bleiben. Fest steht, dass dieser Gallardo genauso auch aus Maranello kommen könnte. Zwar rümpfen die meisten Ferraristi nur müde die Nase, wenn sie einen der Konkurrenten aus dem nur 60 Kilometer entfernten Sant’ Agata beäugen, doch beide Marken rasen gerade bei Gallardo und F 430 längst auf Augenhöhe.

Vorgänger mit Hippie-Qualität

Puristischer Innenraum Foto: Lamborghini

Dabei präsentiert sich der LP 550-2 auch in Feines Land bissiger denn je. Auf welliger Fahrbahn hat er bei allem Tatendrang spürbar mehr Schwierigkeiten, die 550 Pferde auf den Asphalt zu bekommen. Haben die wuchtigen Hinterräder mit Hilfe der 45-Prozent-Sperre jedoch erst einmal gegriffen, gibt es kein Halten mehr. Brachial schiebt der Gallardo bis in den Begrenzer. Dass die Vorderräder nur lenken und rollen müssen - jedoch auf eine Kraftübertragung verzichten - macht sich im Lenkverhalten nur im Grenzbereich angenehm bemerkbar. Trotzdem fährt sich der Gallardo als 560-4 eine Spur souveräner und allemal noch spitz genug, um damit Spaß zu haben.

Balboni blickt zurück: „Die ersten Miuras hatten eine Straßenlage, vor der es einem heute graut. Aber darauf kam es nicht so an. Dieses Auto kam zu einer Zeit - 1967 - heraus, als man einfach fröhlich und gut drauf sein und das auch zeigen wollte. Oder glauben Sie, dass Dean Martin oder Farah Dhiba mit 200 in die Kurve gingen?“ Es sei schon etwas von einer Hippie-Mentalität zu spüren gewesen, erinnert sich Balboni.

Auf Ferrari-Niveau

Alles auf das Heck abgestimmt Foto: Lamborghini

Auf der Rennstrecke - und hier ist Valentino Balboni besonders gerne unterwegs - spricht jedoch vieles für den etwas leichteren Hecktriebler. So wurde nicht nur der Antrieb auf die Hinterachse verlagert, sondern Federn, Dämpfer, Stabilisatoren und auch die Reifen neu auf den Heckantrieb abgestimmt. Zwar ist der LP 550-2 auch mit dem sequentiellen Schaltgetriebe E-Gear zu bekommen, doch dürfte nicht nur für Puristen das manuelle Sechsgang-Schaltgetriebe die bessere, weil authentische Wahl sein.

Die Fahrleistungen des Gallardo LP 550-2 Balboni liegen auf bekannt hohem Lamborghini-Niveau. Der Zehnzylinder mit Benzindirekteinspritzung und 5,2 Litern Hubraum leistet 405 kW / 550 PS und 540 Nm maximales Drehmoment. Den Spurt 0 auf 100 km/h schafft der 1,4 Tonnen schwere Hecktriebler in 3,9 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 320 km/h. Wenig interessant ist in diesen Regionen der Verbrauch, den Lamborghini mit 14,4 Litern auf 100 Kilometern angibt. Auch beim Preis ist Lamborghini längst auf Ferrari-Niveau. Die Sonderedition des LP 550-2 kostet 192.780 Euro. Wer E-Gear oder eine Karbonbremsanlage will, muss noch zwei Unterarme tiefer in die eigene Tasche greifen. Aber immerhin kann man so einen echten Kindheitstraum Realität werden lassen. Einmal so wie Lamborghini-Testfahrer Valentino Balboni - zumindest ein bisschen.