Bentley Continental GT: In anderen Sphären

Luxus mit 575 PS

Luxus pur: der Bentley Continental GT.
Der Bentley Continental GT. © Bentley

Für die einen ist es ein Bentley eine fahrende Provokation, für die anderen schlichtweg das Maximum an Luxus. Was der Continental GT zu bieten hat, zeigt unser Fahrbericht.

Von Jens Meiners

Ein Bentley? In Krisenzeiten, in denen auf sozialadäquates Verhalten geachtet wird, ist ein derartiges Wohlstandssymbol eine schwer zu überbietende Provokation. Der einstige Hersteller glorreicher Sport- und Rennwagen jedenfalls, unter dessen Namen jahrzehntelang Derivate der Luxusmarke Rolls-Royce vertrieben wurden, symbolisiert Adel und altes Geld - nach landläufiger Ansicht auch Geld, das nicht unbedingt durch eigener Hände Arbeit akkumuliert wurde.

Während sich Rolls-Royce - inzwischen unter BMW-Ägide - in der althergebrachten Marktposition kommod eingerichtet hat, strebt die VW-Tochter Bentley in neue Richtungen. Beispielhaft dafür steht die Continental-Baureihe, deren Segment als Bindeglied zwischen der arrivierten Oberklasse und den in gänzlich anderen Sphären schwebenden Spitzenmodellen vom Schlage eines Rolls-Royce Phantom oder Bentley Mulsanne fungiert.

Behutsame Formensprache des Bentley

Basis dafür war die Architektur des Volkswagen Phaeton - verkürzt, mittels Biturbo-Aufladung in neue Leistungsregionen katapultiert, und seit der Einführung der zweiten Modellgeneration im vergangenen Jahr auch deutlich leichter. Dabei handelte es sich eigentlich nur um ein großes Facelift - mehr war in der Krisenzeit nicht drin. Und das sieht man dem Continental GT auch an: Die Formensprache wurde ausgesprochen behutsam weiterentwickelt. Akribisches Studium der Radien und Details offenbart zwar, dass kein Blechteil und keine Glasfläche dem Vorgänger entspricht - Besitzer der ersten Fahrzeuggeneration dürfen sich dennoch darüber freuen, dass ihr Fahrzeug kaum gealtert wirkt.

Innenraum des Bentley Continental GT.
Der Innenraum des Bentley Bentley

Auch unter dem Blech hat sich wenig geändert: Für Vortrieb sorgt weiterhin ein nunmehr 575 PS starkes Biturbo-Triebwerk, dessen sechs Liter Hubraum sich auf zwölf Zylinder in Form eines doppelten VR verteilen. Das Aggregat zeichnet sich durch ein wuchtig-voluminöses Klangbild aus, das am besten zur Geltung kommt, wenn man mit erhöhter Last aus niedriger Drehzahl herausbeschleunigt. Prächtig gelungen ist den Entwicklern außerdem das charakteristische Blubbern beim Gaswegnehmen.

Und der Motor leistet Gewaltiges: Im Express-Tempo von deutlich unter fünf Sekunden wird die 100-km/h-Schwelle überschritten, und der Vorwärtsdrang wird durch keine künstliche Begrenzung unterbrochen. Auch dann nicht, wenn der Continental sich eilig aus Geschwindigkeitsbereichen entfernt, die landläufig bereits als gehoben gelten. Erst bei 318 km/ gelangen die Fahrwiderstände zu Ausgleich. Abgeregelt wird hier nicht - König Kunde wählt das Tempo selbst.

Sechsgang-Wandlerautomatik

Die Gangwahl bleibt indessen einer Sechsgang-Wandlerautomatik überlassen, die über voluminöse, lenksäulenfeste Schaltpaddel allerdings auch manuelle Eingriffe gestattet. Sie überträgt die Kraft auf ein Allradsystem, mit dem die Plattform hochleistungskompatibel gemacht wird. Übrigens: Zu diesem Auto würde eigentlich auch ein manuelles Schaltgetriebe klassischer Bauart passen. Denn der Continental mag es gerne kernig. Jedenfalls dann, wenn das Fahrwerk elektronisch nachgeschärft wurde - vier Stufen sind einstellbar. In jedem Fall liegt der Grenzbereich hoch: im Extremfall untersteuert der Bolide, lässt sich bei ausgeschalteter Stabilitätskontrolle jedoch auch zum Ausschwenken des Hecks provozieren.

Ein derartiger Fahrstil wäre bei diesem eleganten Coupé allerdings unstatthaft. Obwohl die Bentley-Ingenieure ihr Bestes gegeben haben, um die auf dem Phaeton basierende Plattform zum Tanzen zu bringen - und dazu bei der Neuauflage ein paar Kilo Gewicht eingespart haben. Ein erheblicher Anteil ist dabei dem optimierten Interieur zu verdanken, das sich stilistisch mit Integralsitzen sehr sportlich präsentiert. Auch das Armaturenbrett wurde mit einem Flügelmotiv deutlich verjüngt, ohne allerdings auf klassische Reminiszenzen zu verzichten.

Edler Innenraum

Das Heck des Bentley Continental GT.
Das Heck des Continental von Bentley Bentley

Dazu zählen handschuhweiches Leder, edle Hölzer und Details wie die Bedienelemente für die Luftausströmer, die an die Registerzüge einer Orgel erinnern. Weniger schön ist die simple Zeituhr oberhalb der Mittelkonsole ausgefallen, die man - wäre sie nicht in ein teures Auto montiert - ihres "Breitling"-Logos wohl kaum für würdig erachtete.

Abgesehen davon suchen Verarbeitungsqualität und die Liebe zum Detail durchweg ihresgleichen; sie überschreiten das in der Oberklasse übliche Maß bei weitem. Überall werden edelste Materialien verwendet, die Liebe zum Detail drückt sich noch in der kleinsten Schraube aus. Das beruhigt, es vermittelt Freude und Gelassenheit - und gibt dem einen oder anderen potentiellen Kunden vermutlich Anlass, Überlegungen zur sozialen Adäquanz einmal zurückzustellen. Alternativen gibt es wenig: Eine ähnliche Kombination von Eleganz und Leistung bietet sonst nur noch Aston Martin, mit Abstrichen vielleicht Maserati. Eine Überlegung wert sein sollte allerdings die nachgereichte Variante mit V8-Biturbo-Motor. Sie ist kaum schwächer - und viel sparsamer. (SP-X)