Motorradbranche entdeckt die Elektromobilität

Die Harley-Davidson LiveWire ist das erste E-Bike des US-Motorradherstellers. © Harley-Davidson

Das Elektroauto wartet nach wie vor auf seinen Durchbruch. Ähnlich ergeht es den Elektro-Motorrädern. Aber die Motorradbranche entdeckt so langsam die Elektromobilität.

Viele Jahre schon bieten diverse Start-ups emissionsfreie Leisetreter, während BMW, Honda oder Aprilia unbeirrt ihre Verbrenner auf immer höhere Leistungsniveaus trimmen. Mittlerweile mehren sich jedoch die Zeichen, dass große Konzerne, wohl auch in Hinblick auf strenger werdende Abgas- und Lärmvorschriften, sich dem Thema ernsthaft nähern. Einige Branchengrößen haben sich bereits offen zu einer „Roadmap E“ bekannt, andere hingegen planen noch im Geheimen.


Die Zeit scheint jedenfalls reif, auch bei den Motorradkunden, denn obwohl E-Motorräder oft als zu schwer, zu teuer, zu leise und ob der für den Alltagseinsatz zu kleinen Reichweite kritisiert wurden, scheinen viele Biker den Einspurstromern gegenüber durchaus positiv gestimmt zu sein. In einer im Mai 2019 vom Onlineableger der Zeitschrift Motorrad veröffentlichten Umfrage kam für knapp über 50 Prozent der Befragten ein E-Motorrad trotz der vielen Einschränkungen in Frage.

Harley-Davidson kommt mit Livewire

Dass ausgerechnet Harley-Davidson, eine Ikone lauter und nach Benzin dürstender V2-Motorräder, der erste große Hersteller sein wird, der elektroaffinen Bikern ein entsprechendes Objekt der Begierde anbietet, dürfte viele überraschen. Doch in den USA, das zeigt auch das Beispiel Tesla, ist man in puncto E-Mobilität bereits ein Stückchen weiter. Noch in diesem Jahr bringt die V2-Schmiede die Livewire auch in Europa auf den Markt. Bereits 2014 hatte das Projekt konkrete Formen als fahrbarer Prototyp angenommen.

Die dabei geweckten Erwartungen kann das Serienmodell sogar übertreffen. Optisch kommt die Livewire eher wie ein klassisches Motorrad daher, das immerhin bis zu 225 Kilometer weit stromern kann. Auch die Fahrleistungen – die Sprintzeit dauert rund drei Sekunden, maximal sind 177 km/h möglich – überzeugen. Selbst der Preis von 33.000 Euro dürfte einige Harley-Fans nicht abschrecken, wird doch für so manches klassische Modell der Marke deutlich über 20.000 Euro aufgerufen. Die Livewire wird wohl kein Freak im Harley-Portfolio bleiben, denn Anfang 2019 haben die Amerikaner Konzepte minimalistischer E-Zweiräder für den urbanen Einsatz vorgestellt. Harley hat jedenfalls gezeigt, dass Konzepten auch Serienmodelle folgen.

Auch bei der US-Konkurrenz von Zero Motorcycle hat man längst erkannt, dass auch bei E-Bike die Zukunft liegt – hier bietet man nur rein elektrisch angetriebene Maschinen an.

Japaner mit etlichen Konzepten

Die Premium-Variante der Zero SR/F kostet 22.690 Euro. Foto: Zero

Ein wenig anders verhält sich das bei den japanischen Herstellern, die 2013 mit einem regelrechten Feuerwerk elektrisch angetriebener Bike-Konzepte beeindruckten. J Concept, G Strider oder PES1 hießen die zum Teil recht futuristischen Entwürfe von Kawasaki, Suzuki oder Yamaha. Yamaha kündigte sogar an, die PES1 bis 2016 auf den Markt bringen zu wollen. Doch seither wurde es Still um die E-Ambitionen der großen Vier aus Fernost. Erst allmählich deutet sich an, dass sich dies bald ändern könnte.
Honda zeigt Scooter

Honda hat in den vergangenen Monaten zumindest einige konkrete Schritte in Richtung E-Mobilität unternommen. So wurde Ende 2018 der 60 km/h schnelle Scooter PCX Electric samt eines neuen Wechselakkusystems vorgestellt. Dabei kommen gut 1 kWh große Batterien zum Einsatz, die rund 40 Kilometer Reichweite erlauben. Allerdings ist die Jahresproduktion des PCX auf 250 Exemplare beschränkt. Zunächst will man Kunden in Japan und später auch in Südostasien beliefern, die Erfahrungen in der Praxis sammeln sollen. Im März wurden zudem ein Liefer-Scooter mit PCX-Antrieb und mit der CR Electric ein fahrbereiter Motocross-Prototyp gezeigt. Mit diesem Crooser wollen die Japaner praktische Erfahrungen sammeln, die in die Entwicklung künftiger EV-Motorräder einfließen sollen.

Ähnlich dürften die Ambitionen bei Yamaha aussehen, wo das E-Zweirad nur in der Nische existiert, wohl auch, um mit diesen Erfahrungen für künftige Serienprojekte zu generieren. Ein erstes Modell ist die TY-E, bei der es sich um ein reines Sportgerät für Trial-Wettbewerbe handelt. Doch Yamaha sei dran an E-Motorrädern, heißt es auf Nachfrage beim deutschen Pressesprecher. Auch bei Kawasaki gibt es E-Projekte, von denen allerdings keine spruchreif sind. Dass sich die japanischen Hersteller dem Thema angenommen haben, deuten auch jüngere Medienberichte an, laut denen die großen Vier gemeinsam daran arbeiten, künftige Standards der einspurigen E-Mobilität zu definieren.

BMW und KTM mit Maxi-Scooter

Die BMW C 400 GT kostet 7800 Euro. Foto: SP-X

Und in Europa? BMW und KTM halten derzeit mit Nischenprodukten die E-Fahne hoch. Seit nunmehr fünf Jahren produzieren die Münchener den Maxi-Scooter C Evolution, der bis 130 km/h schnell und bis 160 Kilometer weit fahren kann. Eine größere Verbreitung blieb dem City-Stromer mit Überlandqualitäten verwehrt. Gleiches gilt für die KTM Freeride E-XC, bei der es sich vornehmlich um ein Sportgerät handelt, das mit seinem starken und sofort verfügbaren Drehmoment allerdings Suchtpotenzial bietet. Die Österreicher scheinen jedenfalls Gefallen an elektrischen Antrieben gefunden zu haben, denn nach eigenen Bekunden plant man eine Reihe von elektrisch angetriebenen Bikes.

Demnach wolle man bis 2025 verstärkten Fokus auf Modelle mit 250 Watt bis 11 kW legen. Allerdings ist KTM-Chef Stefan Pierer sicher, dass E-Zweiräder nur im Leichtkraftrad-Segment eine reelle Marktchance haben. In einem Interview mit Zeit Online erteilte der Österreicher im Herbst 2018 großen Motorrädern mit E-Antrieb jedenfalls eine Absage.

Bei Ducati in Italien scheint man hingegen dem Elektromotorrad gegenüber positiver gestimmt zu sein. Firmenchef Claudio Domenicali hat Anfang des Jahres angekündigt, dass die Zukunft elektrisch wird. Bereits 2017 haben die Italiener verraten, dass sie an einem E-Motorrad und einem E-Roller arbeiten. Ein Marktstart wird aber nicht vor 2021 erfolgen. Ähnlich dürfte das Timing bei Triumph aussehen, die erst vor wenigen Tagen ein staatlich gefördertes Entwicklungsprojekt namens TE-1 angekündigt haben. In der auf zwei Jahre angelegten Kooperation mit Partnern wie Williams Advanced Engineering will man am Ende die Grundlagen für ein künftigen Elektro-Modell von Triumph schaffen. Gerüchten zufolge soll dieses dann den Namen des historischen Verbrenner-Modells Trident bekommen. (SP-X)

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein
Bitte geben Sie Ihren Namen ein