Greenpeace: Bärendienst der Bundesregierung

Im Streit um CO2-Grenzwerte

CO2-Protest der Umweltverbände vor dem Kanzleramt
Unterschiedliche Meinungen gibt es beim CO2-Grenzwert. © VCD

Umweltschutzverbände sehen bei einer Verschiebung des CO2-Grenzwerts von 95 g/km bis zum Jahr 2020 nicht nur die Klimaschutzziele in Gefahr. Vielmehr würde die Blockadehaltung der Bundesregierung der Modernisierung der Autoindustrie und denen der Zulieferer schaden.

Von Thomas Flehmer

Nach der am vergangenen Freitag erneut verschobenen Festlegung neuer CO2-Grenzwerte in der EU hat die Umweltschutzorganisation Greenpeace das Verhalten der Bundesregierung scharf kritisiert. "Es ist peinlich, was die Bundesregierung auf EU-Parkett anrichtet", sagte Greenpeace-Verkehrsexperte Daniel Moser der Autogazette. "Damit leistet die Regierung der Autoindustrie einen Bärendienst, denn Hersteller und Autozulieferer möchten endlich Planungssicherheit." Ursprünglich war von der EU im Juni ein Kompromiss ausgehandelt worden, dass ab dem Jahr 2020 ein CO2-Grenzwert von 95 Gramm pro Kilometer gelten solle, Deutschland will diesen Grenzwert indes erst 2024 einführen. Nach der Sitzung am Freitag sollen sich nun am 14. Oktober die EU-Umweltminister mit dem Thema befassen.

Grenzwert sorgt für Investitionen und Modernisierungen

Sollte sich bei der Sitzung der Umweltminister der deutsche Vorschlag durchsetzen, wären laut Moser neue Probleme vorprogrammiert. "Dann müsste wieder neu verhandelt werden, denn die anderen Staaten würden für das Zugeständnis der späteren Einführung des 95-Gramm-Grenzwertes Zugeständnisse auf anderem Gebiet einfordern." Eine mögliche Verschiebung auf das Jahr 2024 würde zugleich auch den für 2025 vorgesehen Grenzwert, der sich nach dem bisherigen Vorschlag des EU-Umweltausschusses in einem Zielkorridor zwischen 68 bis 78 g/km bewegen soll, gefährden. "Das wäre dann kaum zu erreichen", so Moser.

Eine Verschiebung des für 2020 geplanten Grenzwertes würde zudem dazu beitragen, dass die Autoindustrie ihre Anstrengungen zur Verringerung des Flottenverbrauchs deutlich zurückfahren würde mit entsprechend negativen Auswirkungen auf das Klima. "95 Gramm für 2024 wäre ein Wert weit unter den Möglichkeiten der Autoindustrie", sagt Greenpeace-Experte Moser. "Ein früherer Grenzwert würde zudem zu stärkeren Investitionen und Modernisierungen in der Automobilindustrie führen." VW und Ford haben sich bereits dazu bekannt, den CO2-Grenzwert von 95 g/km bis 2020 zu erreichen. Auch Autozulieferer sprechen sich für dieses Ziel aus. So sieht Bosch die Erreichung des 95-Gramm-Ziels bis zum Jahr 2020 als "machbar" an, wie Sprecher Udo Rügheimer sagte.

Premiumhersteller auf gutem Weg

Dabei weist der Sprecher darauf hin, dass die Premiumhersteller es aufgrund ihrer Fahrzeugflotte es ungleich schwerer haben als ein Volumenhersteller, einen derartigen Grenzwert zu erreichen. Bei den Premium-Herstellern "steuern die Kunden nicht unbedingt ein CO2-Wunder an, sondern setzen zum Beispiel auf erhöhte Sitzpositionen", sagt Rügheimer, "und die Hersteller können sich nicht von ihren wichtigsten und zahlungskräftigen Kunden verabschieden."

Das Verbesserungspotenzial für Verbrennungsmotoren wird bis 2020 mit rund 20 Prozent eingeschätzt. Bei Flottenverbräuchen der Premiumhersteller von derzeitig rund 140 Gramm pro Kilometer würden bis 2020 rund 30 Gramm noch wegfallen. Rechnet man eine verstärkte Hybridisierung hinzu, könnten die 95 Gramm erreicht werden. Bereits jetzt sind können Premiumhersteller wie Mercedes beispielsweise gute CO2-Werte mit einigen ihrer Modelle aufweisen: So verbraucht der neue S 300 Bluetec-Hybrid von Mercedes lediglich 4,4 Liter Diesel. Das entspricht einem CO2-Wert von 115 g/km.

Undiplomatisches Vorgehen der Bundesregierung

Doch die Angst, diesen Flottenwert nicht zu erreichen, ist bei den Premiumherstellern groß. Bei einer Nichterreichung des Grenzwertes müssten diese Strafzahlungen leisten, die dann an die Kunden weitergereicht werden müssten. Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) sieht die Blockadepolitik der Bundesregierung skeptisch. "Es ist ein sehr ungewöhnlich harter Auftritt der Bundesregierung", sagt die VCD-Verkehrsexpertin Kerstin Meyer. "Das EU-Parlament fühlt sich durch ein solches Auftreten sehr auf die Füße getreten."