«20 Millionen Tonnen CO2 Einsparpotenzial»

Interview mit Eco-Trainer Ulrich Pfeiffer

Ulrich Pfeiffer. © Privat

Ulrich Pfeiffer vermittelt Außendienstmitarbeitern eine neue Fahrkultur. Im Interview mit der Autogazette spricht der Eco-Trainer über das enorme Einsparpotenzial und spritverbrauchende Sonntagsfahrer.

Ulrich Pfeiffer leitet seit 1997 Mitarbeiter von Unternehmen zu einer besseren Fahrweise an. "Wir wollen zeigen, wie man zügig fahren kann, meistens etwas flotter sogar wie vorher, dabei entspannt, gelassen und ohne Stress. Durch weit vorausdenkendes Fahren kann dabei Kraftstoff eingespart werden. Wir nennen das Gesamtpaket 'neue Fahrkultur'", sagt der Ecotrainer im Interview mit der Autogazette.

Zwar seien die Schüler, es sind zumeist Außendienstmitarbeiter mit mehreren zehntausend Autobahnkilometern pro Jahr, zunächst skeptisch, doch nach dem Training überzeugt. "Im Training erzielen wir eine Einsparung zwischen 15 und 20 Prozent. Dauerhaft kommen rund zehn Prozent Einsparung zusammen. Neben den Einsparungen an Kosten verursachen die Mitarbeiter nach dem Training weniger Unfälle und haben weniger Verschleiß", sagt Pfeiffer.

Dabei seien die Trainingsinhalte nicht neu, werden aber laut Pfeiffer nicht konsequent angewendet. Pfeiffer, der sich zu Gründungszeit der Grünen auch politisch eingesetzt hatte, fordert seit Jahren staatliche Förderungen, damit jeder Autofahrer zur neuen Fahrkultur findet. Rund 20 Millionen Tonnen CO2 könnten pro Jahr eingespart werden. "Das entspricht in etwa der Wärmedämmung aller Wohngebäude in Deutschland. Man könnte also mit wenig Aufwand Gewaltiges erreichen." Zudem wäre das Feinstaubproblem erledigt, "da ja ein Großteil der Feinstäube durch das Bremsen verursacht wird, durch den Reifenabrieb", so Pfeiffer.

Eco- statt Spritspartraining

Autogazette: Herr Pfeiffer, Sie bieten Spritspartrainings an ...
 
Ulrich Pfeiffer: ...wir bieten keine Spritspartrainings-, sondern Eco-Fahrtrainings an. Das ist ein großer Unterschied.
 
Autogazette: Können Sie den erklären?
 
Pfeiffer: Beim Eco-Fahrtraining ist das Spritsparen gewissermaßen nur ein Nebeneffekt. Unser Hauptziel ist es, eine neue Fahrkultur zu vermitteln. Wir wollen zeigen, wie man zügig fahren kann, meistens etwas flotter sogar wie vorher, dabei entspannt, gelassen und ohne Stress. Durch weit vorausdenkendes Fahren kann dabei Kraftstoff eingespart werden. Wir nennen das Gesamtpaket 'neue Fahrkultur'.
 
Autogazette: Seit wann machen Sie das?
 
Pfeiffer: Wir haben offiziell 1997 in Baden-Württemberg begonnen und seitdem rund 80.000 Autofahrer geschult.
 
Autogazette: Das Eco-Fahrtraining ist aber nur für Unternehmen gedacht?
 
Pfeiffer: Ursprünglich wollten wir es für alle Autofahrer anbieten. Zu Anfang gab es auch Zuschüsse von Baden-Württemberg und Bayern. Da haben wir es dann auch über die Volkshochschulen angeboten. Aber kaum kein Bürger ist bereit, 80 Euro für ein Ecotraining anzubieten. Deswegen haben wir uns dann auf Firmen konzentriert.
 
Autogazette: Wie zahlt sich das Ecotraining bei den Mitarbeitern der Unternehmen aus?
 
Pfeiffer: Im Training erzielen wir eine Einsparung zwischen 15 und 20 Prozent. Dauerhaft kommen rund zehn Prozent Einsparung zusammen. Neben den Einsparungen an Kosten verursachen die Mitarbeiter nach dem Training weniger Unfälle und haben weniger Verschleiß. So kommen schnell 300 bis 1000 Euro pro Mitarbeiter an Einsparungen für das Unternehmen zusammen je nach Fahrleistung. Ein Training ist unheimlich schnell amortisiert.
 
Autogazette: Was müssen diese Mitarbeiter zum Training mitbringen?
 
Pfeiffer: Neugierde und die eine Bereitschaft zur Verhaltensänderung. Wir sitzen aber nicht daneben und erheben den Finger wie die Schulmeister. Wir bieten den Leuten ein Erlebnis.

Sparen und trotzdem schneller

Beim Ecotraining Foto: EcoConsult

Autogazette: Wie läuft ein Eco-Fahrtraining ab?
 
Pfeiffer: Die Teilnehmer fahren zunächst eine Rundstrecke, anschließend werden Verbrauch und Geschwindigkeit gemessen. Danach folgt eine kurze knackige Theorie, in der gemeinsam die Tipps erarbeitet werden. Das Meiste wissen die Teilnehmer schon. Wir systematisieren diese Tipps anhand von ein paar Folien. Dann macht der Ecotrainer eine praktische Vorführung im Fahrzeug. Dann fahren die Teilnehmer selbst wieder die Rundstrecke und versuchen die Ecotipps umzusetzen. Der Trainer gibt dabei noch sehr einfühlsam weitere Tipps. Es gehört schon eine Menge Erfahrung dazu, Autofahrer für die Eco-Fahrweise zu sensibilisieren.
 
Autogazette: Haben Sie explizit an den männlichen deutschen Autofahrer gedacht?
 
Pfeiffer: Frauen sind beim Thema Auto viel sachlicher und verursachen auch nicht so viele Unfälle. Und dennoch neunzig Prozent unserer Kunden sind halt Männer . . .
 
Autogazette: . . . die dann vom Ergebnis überrascht sind. . .
 
Pfeiffer: Sie sparen rund 20 Prozent Kraftstoff ein und sind trotzdem manchmal 5 km/h schneller. Das verblüfft die Männer. Sie haben den Eindruck, dass sie langsamer fahren. Dabei fahren sie jetzt nur gleichmäßiger und viel niedertouriger. Sie denken und schauen vier, fünf Ampeln voraus. Wenn sie sehen, dass in 400 Metern die Ampel auf Rot springt, gehen sie vom Gas und nutzen die Schubabschaltung. Vor dem Training wären sie noch am Gas geblieben. Die Tipps sind nicht neu und die Leute kennen sie auch, aber sie wenden es nicht konsequent an. Das kann man eben nur im Training vermitteln. Man muss die Leute im Auto trainieren. Werbeaktionen in den Medien und solche Sachen bringen überhaupt nichts. Bei guten Fahrlehrern lernen es die jungen Leute auch von Anfang an.
 
Autogazette: Das heißt, Sie müssen ein sehr einfühlsamer Mensch sein, um den Schülern die Verhaltensänderung zu vermitteln?
 
Pfeiffer: Ein Trainer muss sehr begeisterungsfähig sein, er muss das Thema natürlich kennen und Geduld haben.

Beratungsresistente Firmenchefs

Ulrich Pfeiffer beim theoretischen Teil Foto: EcoConsult

Autogazette: Gibt es auch beratungsresistente Teilnehmer?
 
Pfeiffer: Oft sind es leider die Firmenchefs. Die Geschäftsleitung muss aber hundertprozentig hinter dem Thema stehen und selbst an diesen Trainings teilnehmen und sich auch dieser Auswertung stellen. In Firmen, bei denen die Chefs mitmachen, schaffen wir wirklich eine nachhaltige Änderung. Macht die Geschäftsleitung nicht mit, versiegt der Gewinn ungefähr nach einem viertel Jahr. Es ist also auch wichtig, ein Stück neue Firmenkultur zu schaffen.
 
Autogazette: Also nicht nur einen neue Fahr-, sondern auch Firmenkultur?
 
Pfeiffer: Auf alle Fälle. Denn noch mehr als den Sparfaktor wird das gelassene Fahren geschätzt, weil der Stressfaktor im Alltag sehr hoch ist, besonders in dichtem Verkehr. Wir zeigen, dass man aber auch im dichten Verkehr sehr gelassen fahren kann.
 
Autogazette: Gehe ich richtig in der Annahme, dass es beim Eco-Fahrtraining keine Unterschiede gibt, ob ein Fahrzeug nun mit einem Verbrennungsmotor, Gas oder Hybrid betrieben wird?
 
Pfeiffer: Selbst bei Elektro- oder Hybridantrieben ist der Gedanke identisch. Bei Elektrofahrzeugen wirkt sich die Fahrweise wegen der geringen Reichweite positiv aus. Es gibt aber selbst bei den Verbrennungsmotoren noch weitere Vorteile. Nicht nur der Lärmschutz wird besser, würden alle sich der Eco-Fahrweise anpassen, wäre das Feinstaubproblem erledigt, da ja ein Großteil der Feinstäube durch das Bremsen verursacht wird, durch den Reifenabrieb.

Autogazette: Wie würde das entfallen?

Wenn die Autofahrer dagegen sehr gleichmäßig fahren würden, bewegen sie sich wie ein Radfahrer vorwärts, weit vorausschauend. Wenn die Ampel auf Rot springt, geht man vom Gas. Das Auto wird dadurch nicht langsamer, sondern rollt weiter. Deshalb versuchen wir die Leute dahin zu bringen, dass die Autofahrer so fahren wie die Radfahrer. Das ist natürlich zunächst eine Umstellung. Ein Fahrradfahrer lässt es bergab rollen, ein Autofahrer gibt noch Gas. Dabei könnte er es auch rollen lassen und im Verkehr mitschwimmen, ohne ein Verkehrshindernis zu sein. Diesen Kompromiss zu finden, trainieren wir in der Praxis.
 

Sonntagsfahrer verbrauchen viel Sprit

Ecotrainer nach der Schulung Foto: EcoConsult

Autogazette: Wie sieht das praktisch aus?
 
Pfeiffer: Wir sagen dem Teilnehmer nicht, wie viel Abstand er zum Vordermann lassen soll. Wir zeigen auf, dass er mit einem etwas größeren Abstand auch im dichten Verkehr gleichmäßig fahren kann. Die Teilnehmer sollen schauen, wie häufig die Bremslichter vor ihnen an- und ausgehen, auch auf der Autobahn zum Beispiel vor einer Baustelle. Mit etwas mehr Abstand braucht der Ecofahrer nicht bremsen, sondern geht einfach vom Gas. Die Teilnehmer atmen deshalb nach der zweiten Fahrt richtig auf und sind erstaunt, wie entspannt Autofahren sein kann.
 
Autogazette: Wie lange dauert ein Training?
 
Pfeiffer: 80 Prozent unserer Kunden buchen eine Kombination aus Sicherheits- und Eco-Fahrtraining., beide jeweils zu vier Stunden. Das führen wir auf allen großen Fahrsicherheitszentren in Deutschland durch.
 
Autogazette: Wer leitet die Trainings?
 
Pfeiffer: Wir haben viele Trainer, es sind alle zertifizierte Sicherheitstrainer. Manche kommen sogar vom Rennsport. Das ist auch sehr gut, weil viele denken, dass Eco-Fahrtraining eine langsame Fortbewegung beinhaltet und etwas für Sonntagsfahrer wäre. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall: Sonntagsfahrer brauchen viel Sprit, weil sie mit wenig Gas beschleunigen, dadurch hat der Motor einen schlechten Wirkungsgrad.
 
Autogazette: Was ist das Wichtigste am Eco-Fahrtraining?
 
Pfeiffer: Gänge früh hochschalten oder auch mal einen Gang überspringen, das kennt jeder. Das Wichtigste ist, nicht nur vorausschauend, sondern wirklich vorausdenkend fahren und sich zu zum Beispiel fragen: Was kommt eigentlich hinter der nächsten Kurve oder Kuppe?
 

Auffrischung nicht notwendig

Autogazette: Im Prinzip müsste Ihr Training jedem deutschen Autofahrer angeboten werden. . .
 
Pfeiffer: . . . ich kämpfe seit Jahren in der Landes- und Bundespolitik für ein Förderprogramm, wie es zum Beispiel in der Schweiz installiert ist oder es auch die Holländer haben. Da gibt der Staat 50 bis 60 Euro Zuschuss für diese Training.  Aber ich beiße bei der Politik – egal welche Partei - bei diesem Thema auf Granit. Man redet zwar viel von Bildung und Umwelt, aber es passiert nichts.
 
Autogazette: Können Sie beziffern, wie viel Einsparpotenzial vorhanden wäre, wenn jeder deutsche Autofahrer eine neue Fahrkultur im Straßenverkehr an den Tag legen würde?
 
Pfeiffer: 20 Millionen Tonnen Einsparung an CO2 wären locker drin, wenn diese Fahrweise eine bundesweite Verbreitung finden würde. Das entspricht in etwa der Wärmedämmung aller Wohngebäude in Deutschland. Man könnte also mit wenig Aufwand Gewaltiges erreichen. Man muss nur einmal ein solches Training machen, dass rund 90 Euro kostet, spart aber Jahr für Jahr je nach Kilometern bestimmt 300 Euro und mehr im Jahr. Und so ein Training muss man auch nur einmal machen im Leben, anschließend fahren die Leute immer so, wie sie es gelernt haben. Wenn es mal jemand verstanden hat, dann fährt er so und muss es nicht wiederholen.
 
Autogazette: Eine Auffrischung ist also nicht von Nöten?                             
 
Pfeiffer: Ein schlechter Spritspartrainer sagt, man sollte die Kurse immer mal wiederholen. Wir sagen, man muss es schaffen, in diesem einem Training die Teilnehmer so weit zu gewinnen, dass sie bereit sind, ihre Verhaltensweisen zu ändern. Das braucht natürlich ein paar Tage bewusstes Fahren , aber dann haben sie es drin. Für uns ist es mit die tiefste Befriedigung wenn Teilnehmer, die vor zehn Jahren mitgemacht haben, sagen, seit dem Training fahren sie mit der Tankfüllung 250 Kilometer weiter.

Das Interview mit Ulrich Pfeiffer führte Thomas Flehmer
 
 

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Der diplomierte Religionspädagoge arbeitete neben seiner Tätigkeit als Gemeindereferent einer katholischen Kirchengemeinde in Berlin in der Sportredaktion der dpa. Anfang des Jahrtausends wechselte er zur Netzeitung. Seine Spezialgebiete waren die Fußball-Nationalelf sowie der Wintersport. Ab 2004 kam das Autoressort hinzu, ehe er 2006 die Autogazette mitgründete. Seit 2018 ist er als freier Journalist unterwegs.