«FAW ist für uns ein wichtiger strategischer Investor»

Byton-Chef Daniel Kirchert

Daniel Kirchert im Byton M-Byte. © Mertens

Nach dem Abgang von Carsten Breitfeld wurde viel über die Zukunft von Byton spekuliert. Doch Sorgen brauche man sich um das Unternehmen nicht machen, sagte Byton-Chef Daniel Kirchert im Interview mit der Autogazette.

Kirchert sieht das chinesische Elektroauto Start-Up trotz des Abgangs von Mitgründer Breitfeld nach wie vor auf Kurs. «In zwei Monaten fangen wir mit der Vorserienproduktion an, bevor wir Ende des Jahres mit der Serienproduktion starten», sagte Kirchert der Autogazette.


Wie der Byton-Chef sagte, wolle man bis Ende Juni die derzeit laufende C-Finanzierungsrunde abschließen. Kirchert zeigte sich zuversichtlich, dass man das auch schaffen werde.

«Wir müssen kostenbewusst agieren»

Dass es in der C-Runde dem Vernehmen nach um eine Summe von 500 Millionen US-Dollar geht, wollte der Manager nicht final bestätigen, «aber wir reden von dieser Größenordnung», so Kirchert.

«Angesichts der angespannten Lage auf den Finanzmärkten geht es jetzt auch darum, die operationale Exzellenz zu verbessern. Wir müssen mit Blick auf die Fixkosten kostenbewusst agieren, nicht zu schnell wachsen und dadurch die Vorteile eines Start-Ups bewahren», so der Byton-Chef.

«Wir werden einen Qualitätslaunch machen»

Das Byton-Werk in Nanjing. Foto: Byton

Autogazette: Herr Kirchert, wie zuversichtlich sind Sie angesichts der Turbulenzen der zurückliegenden Wochen, dass Byton Ende des Jahres mit der Serienfertigung des M-Byte beginnen kann?

Daniel Kirchert: Wir sind da sehr zuversichtlich, da wir unser Werk in Nanjing fast schon fertiggestellt haben. Die Kerntechnologie wie Presse und der Rohbau sind bereits im Testbetrieb. Die Lackiererei und die Montage liegen in den letzten Zügen. In zwei Monaten fangen wir mit der Vorserienproduktion an, bevor wir Ende des Jahres mit der Serienproduktion starten. Wir werden einen Qualitätslaunch machen, das Volumen Monat für Monat erhöhen. Wir sind im Plan.

Autogazette: Mit welchen Stückzahlen fangen Sie an, mit ein paar Tausend Einheiten?

Kirchert: Ja, es wird dann Schritt für Schritt nach oben gehen. Da gibt es kein festes Volumen. Aber das nächste Jahr wird im Zeichen des Launches stehen. Dann werden wir auch das Volumen nach und nach erhöhen. Wir starten in China, um dort die Pre-Orders zu erfüllen. Im zweiten Halbjahr kommen wir nach Nordamerika, dann nach Europa.

Autogazette: Werden Sie diese Serienfertigung denn auch als CEO dieser Marke erleben?

Kirchert: (lacht): Das hoffe ich sehr. Wieso nicht?

«Ich bin bis zum letzten Moment dabei»

Autogazette: Weil es in den zurückliegenden Wochen mit Carsten Breitfeld einen überraschenden Abgang gab. Er ist ja nicht der Einzige, der das Unternehmen verlassen hat.

Kirchert: Ich gehöre ja zu einem der Mitgründer des Unternehmens. Wir haben das Unternehmen damals mit einem Kernteam von zehn bis 15 Leuten gegründet. Ich bin auf jeden Fall bis zum letzten Moment dabei. Das Management-Team ist der größte und wichtigste Shareholder.

Autogazette: Sie sind nun seit Januar CEO der Marke. Hat sich seither an der strategischen Ausrichtung etwas geändert?

Kirchert: Seitdem ich den CEO-Job im Januar übernommen habe, hat sich absolut nichts an der strategischen Ausrichtung des Unternehmens geändert. Mein Schwerpunkt in der Arbeit liegt jetzt darin, dass wir Ende des Jahres mit der Serienproduktion den ersten Meilenstein erreichen und bis Mitte des Jahres das Fundraising sicherstellen. Bis dahin wollen wir die C-Runde abschließen und wir werden das auch schaffen. Ende Juni ist das Ziel. Angesichts der angespannten Lage auf den Finanzmärkten geht es jetzt auch darum, die operationale Exzellenz zu verbessern. Wir müssen mit Blick auf die Fixkosten kostenbewusst agieren, nicht zu schnell wachsen und dadurch die Vorteile eines Start-Ups bewahren.

Autogazette: Es war zu lesen, dass auch Marketingchef Henrik Wenders vor dem Abgang stehen würde. Können Sie das bestätigen?

Kirchert: Das kann ich nicht bestätigen.

Autogazette: Kurz vor dem Abgang von Herrn Breitfeld wurde auch dementiert, dass er geht.

Kirchert: Das war auch so. Deshalb sagte ich auch, dass uns das überrascht hat. Auf dem Excecutive-Level sind wir super aufgestellt. Im Juni werden wir zudem einen Chief Customer Officer berufen, vergleichbar einem Vertriebs- und Markenvorstand. Er wird für die drei Tochtergesellschaften in China, Nordamerika und Europa zuständig sein. Wir werden einen erfahrenen Kollegen benennen, der über jahrelange Vertriebserfahrung in Europa plus Erfahrungen mit neuen Mobilitätskonzepten verfügt. Ich kann aber nicht versprechen, dass wir nicht die eine oder andere Fluktuation haben werden, aber das Kernteam bleibt.

«Sind von seiner Entscheidung auch überrascht worden»

Carsten Breitfeld. Foto: Byton
Carsten Breitfeld hat das Unternehmen mittlerweile verlassen. Foto: Byton

Autogazette: Wenn Sie ein derart rosarotes Bild der Marke Byton zeichnen: Woran lag es dann, dass Carsten Breitfeld, wie Sie einer der Mitgründer, das Unternehmen verlassen hat?

Kirchert: Da müssen Sie ihn fragen. Wir sind von seiner Entscheidung auch überrascht worden. Er hat für sich persönlich diese Entscheidung getroffen. Wir hatten im Januar die Anpassung bei den Führungsstrukturen: Ich wurde CEO, er ist in den Aufsichtsrat aufgerückt. Seitdem war er auch nicht mehr ins operative Management involviert. Wir haben eine Kontinuität in der Führung. So haben wir Benoit Jacob als Designer und David Twohig als CTO bestätigt. Wir haben Jeff Chung, der das Digital Engineering leitet. Und wir haben beispielsweise Mark Duchsne, der das Werk aufgebaut hat und die Produktion hochlaufen lässt.

Autogazette: Ist das also eine normale Fluktuation, die wir derzeit bei Byton erleben oder ein Indikator dafür, dass einiges im Argen liegt?

Kirchert: Wenn ein Gründer geht, kann man nicht sagen, dass es eine normale Fluktuation ist. Das ist bedauerlich. Aber ich würde sagen, dass das Kernteam extrem stabil und committed ist. Dass es bei einem Start-up personelle Veränderungen gibt, ist normal. Doch wenn sie sich bei uns die Abgänge anschauen, liegen wir im Vergleich mit der Industrie weit unter dem Durchschnitt. Wenn wir die Finanzierungsrunde jetzt Ende Juni abschließen, sind wir auf einem guten Weg.

«Wir werden auch neue Investoren sehen»

Byton Concept. Foto: Byton
Im Byton geht das Display über die ganze Länge des Armaturenbrettes. Foto: Byton

Autogazette: In der C-Finanzierungsrunde geht es dem Vernehmen nach um eine Summe von 500 Millionen US-Dollar, 100 Millionen davon kommen von FAW?

Kirchert: Diese Zahlen basieren auf einem Zeitungsbericht, den ich so nicht bestätigen kann. Da wir in der finalen Phase sind, können wir die Zahlen auch noch nicht final bestätigen. Aber wir reden von dieser Größenordnung. Was ich aber sagen kann, ist, dass wir auch neue Investoren sehen werden, wobei uns auch Teile der bestehenden Investoren in der C-Runde weiter unterstützen werden.

Autogazette: Sie haben betont, dass das Management-Team die größten Shareholder sind. Also stimmt es nicht, dass FAW das Sagen übernommen hat.

Kirchert: (lacht): Das ist ein völlig falscher Eindruck. Es gibt keinen einziger Mitarbeiter von FAW bei uns im Hause. FAW besitzt einen Anteil von zwölf Prozent an Byton, hat einen von neun Boardsitzen. Selbst wenn sie wollten, wären sie nicht in der Lage zu sagen, was wir zu machen haben. FAW ist für uns ein wichtiger strategischer Investor. Wir streben mit FAW eine tiefe Kooperation in den Bereichen Technologie, Entwicklung, Produktion und Produktionslizenz an. Im Bereich Supply Chain kooperieren wir mit FAW. Das ist ein großer Vorteil, denn hier profitieren wir von den Ressourcen von FAW in diesem Bereich.

«Planen im dritten Quartal die Weltpremiere»

Erprobungsfahrt mit einem Nyton M-Byte im Winter. Foto: Byton

Autogazette: Die Kooperation mit FAW bringt also nur Vorteile?

Kirchert: Wir als Start-Up haben bislang noch kein einziges Auto verkauft, haben es als Start-up schwer, mit Zulieferern gute Preise zu verhandeln. Aber wenn wir die komplette Infrastruktur von FAW und deren Ressourcen nutzen können, eröffnen sich ganz andere Chancen. Byton ist eines der wenigen Start-ups, die sich eine Produktionslizenz sichern konnten. Die liegt bei uns, nicht bei FAW. Das haben wir der Kooperation mit FAW zu verdanken, das hätten wir sonst nicht geschafft. FAW hat von Anfang an bekräftigt, dass man auf keinen Fall ins operative Management wolle. Es ist definitiv nicht der Fall, dass FAW bei uns das Sagen übernommen hat.

Autogazette: Wie viele Reservierungen liegen Ihnen bisher vor. Es war vor einigen Monaten mal die Rede von 50.000 Einheiten?

Kirchert: Es sind über 50.000. Wir planen im dritten Quartal die Weltpremiere, werden dann die Preisinformationen für Vorbestellungen bekanntgeben und dann zunächst das Pre-Orderung für China und dann Europa eröffnen.

Autogazette: Stimmt es Sie nachdenklich, dass Tesla gerade große Probleme am Kapitalmarkt hat?

Kirchert: Es ist immer besser, wenn es auch Tesla gut geht. Denn darauf schauen auch die Investoren. Die Gesamtumgebung am Kapitalmarkt ist 2019 in der Tat nicht gut, aber wir sind gut aufgestellt, da wir über strategische Investoren haben, die uns weiter unterstützen. Gerade in einer solchen Situation wird es wichtig sein, dass man als Start-up beweisen kann, dass man nicht blind Geld verbrennt, sondern kostenbewusst mit dem Geld der Investoren umgeht. Wir dürfen nicht am Produkt sparen, doch wir können Dinge smarter, schneller, innovativer machen als OEMs.

Das Interview mit Daniel Kirchert führte Frank Mertens