BMW R18: Sehnsucht nach Mechanik

Ein Hingucker: die BMW Concept R18. © BMW

Jeder redet über Digitalisierung. BMW nicht, zumindest nicht bei der R18. Mit dem Konzeptbike setze man ein analoges Statement in einer digitalen Welt.

Es sind nur noch Details, die bis zur Serienreife des seit Jahren in Entwicklung befindlichen BMW Cruisers erledigt werden müssen. „Im zweiten Halbjahr 2020 wird die R18 erscheinen und zu fahren sein“, sagte Markus Schramm, Leiter von BMW Motorrad, bei der Präsentation der „Concept R18“ im Rahmen des Concorso d’Eleganza Villa d’Este in Cernobbio am Comer See.


Herzstück des neuen Motorrads, das als Plattform für eine ganze Baureihe fungieren wird, ist ein vollkommen neu entwickelter Zweizylinder-Boxermotor mit 1800 Kubikzentimetern Hubraum. Er wird, der BMW-Tradition folgend, luft-/ölgekühlt sein und Stösselstangen zur Ventilbetätigung aufweisen, wie das bei BMW jahrzehntelang üblich war. Ebenfalls an frühere Jahre erinnert die offen rotierende Kardanwelle, die das Hinterrad antreibt. Überhaupt weist das Conceptbike keinerlei Abdeckungen auf; BMW will so die Technik bewusst sichtbar machen und in Szene setzen.

Einige Änderungen notwendig

„Natürlich brauchen wir noch Spiegel und Anzeigeinstrumente im Cockpit sowie einen Kennzeichenträger“, räumte Motorrad-Chef Schramm ein. Gemeint war mit dieser Aussage, dass die Mehrzahl der Bauteile am Conceptbike bereits so gestaltet ist wie es beim Serienbike der Fall sein wird. Das gilt beispielsweise auch für die Form der Schalldämpferanlage; technisch wird man da noch tätig werden müssen, weil das Conceptbike wegen zu geringer Schalldämpfung nicht zulassungsfähig wäre.

Auch bei den außen angeschlagenen Handhebeln für Kupplung und Frontbremse wird man wohl auf eine konventionelle Lösung wechseln müssen, weil sonst größere Homologationsprobleme drohen. Zudem wird die Solex-Doppelvergaseranlage für die Serie einer Benzineinspritzung weichen. So wird dann auch die eine oder andere Abdeckung den Weg in die Serie finden und auch der hintere Kotflügel wird wohl etwas länger werden.

Ungewöhnliche Dimensionen

Ein Boxer, was sonst: die BMW Concept R18. Foto: BMW

Die Concecpt R18 weist gleich eine ganze Reihe technischer Besonderheiten auf. Der Stahlrahmen ist im Stil historischer BMWs der 1930er Jahre als Doppelschleifen-Konstruktion ausgeführt, das Hinterrad wirkt optisch ungefedert. Das Cantilever-Federbein befindet sich, auf den ersten Blick kaum sichtbar, unter dem Fahrersitz. Ungewöhnlich sind auch die Dimensionen der Speichenräder: Das vordere weist einen Durchmesser von 21 Zoll auf und trägt einen Reifen des Formats 120/70-21, das hintere ist mit einem Metzeler-Pneu im Format 180/55-18 besohlt. Der relativ schmal gehaltene Hinterreifen deutet darauf hin, dass BMW trotz des wohl etwa 1,70 Meter langen Radstandes stets den Blick für bestmögliche Kurvenagilität bewahrt hat.

Die Entwicklung der BMW R18 begann 2015; das Conceptbike „R5 Hommage“, im Mai 2016 ebenfalls auf dem Concorso d’Eleganza präsentiert, wies bereits einige Merkmale der Concept R18 und des auf diesem beruhenden Serienmodells auf. Patin der neuen R18 ist demnach die BMW R5 des Jahres 1936. Ganz der BMW-Tradition der 1930er Jahre entspricht die schwarze Lackierung mit zwei unterschiedlich breiten handgezogenen Dekor-Linien auf Tank und Gabelholmen. Die Tankflanken des Concept-Bikes sind mit einem extrem aufwändigen Effektlack verziert. „Es wird für die Serie später auch andere Farben als Schwarz geben“, versprach Dr. Schramm.

Selbstverständlich wird die Serienversion zwei Sitze aufweisen; eine Soloversion dürfte leicht zu gestalten sein.

Zurück zu den Wurzeln

Auch die Scheinwerfer der BMW Concept R18 sind ansprechend. Foto: BMW

„Anstelle von Technologie als Innovationstreiber steht bei der R18 Simplifizierung, Authentizität und Nachvollziehbarkeit im Vordergrund“, sagte Designchef Edgar Heinrich bei der Vorstellung; er beobachte eine fast romantische Sehnsucht vieler Motorradfahrer nach Mechanik, sagte er. „Mit diesem Conceptbike setzen wir ein analoges Statement in einer digitalen Welt.“ Die R18 wird aber ein technisch hochmodernes Motorrad sein, mit USD-Gabel, Kurven-ABS und diversen Assistenzsystemen.

Warum der Motor der R18 über einen Hubraum von 1800 Kubikzentimetern verfügt, erläuterte Heinrich ebenfalls: „In Amerika verlangen Kunden bei den großen Cruisern zwingend einen dreistelligen Hubraum.“ Der wird jenseits des großen Teichs in Kubik-Inches gemessen. Die 1800 Kubikzentimeter des neuen Boxermotors entsprechen annähernd 110 Kubik-Inches. Die aktuellen V2-Motoren der großen Harley- und Indian-Modelle haben ebenfalls Hubräume in dieser Dimension. Zur Leistung des neuen Triebwerks machte BMW bisher keine Angabe; man wies lediglich auf die Wichtigkeit von „genügend Drehmoment“ hin. Vermutlich wird die Leistung des neuen Boxermotors trotz der Luft-/Ölkühlung höher liegen als bei den US-Marken.

Erste Variante der R18 wird ein unverkleideter Cruiser sein, der mit dem am Comer See gezeigten Conceptbike viele Gemeinsamkeiten haben wird. Aber es ist naheliegend, dass in der Folge auch Modelle mit unterschiedlich voluminöser Verkleidung vorgestellt werden, die dann auch für längere Reisen geeignet sind. (SP-X)

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Nach dem Sport- und Publizistikstudium hat er sein Handwerk in einer Nachrichtenagentur gelernt. Danach war er Sportjournalist und hat drei Olympische Spiele (Sydney, Salt Lake City, Athen) als Berichterstatter begleitet. Bereits damals interessierten ihn mehr die Hintergründe als das Ergebnis. Seit 2005 berichtet er über die Autobranche. Neben der Autogazette verantwortet er auch das Magazin electrified.