BMW R 18: Ein Cruiser auf Retro-Kurs

Mit der R18 will BMW auch in den USA Erfolg haben. © BMW

BMW unternimmt mit der R 18 einen neuen Versuch, einen mit einem Boxer angetriebenen Cruiser zum Erfolg zu verhelfen. Diesmal stehen die Chancen nicht schlecht.

Eigentlich hätte das neue Modell der Münchner am 3. April in Austin/Texas vorgestellt werden sollen. Doch wegen der Corona-Pandemie kam es nicht dazu. Der Ort der Präsentation war bewusst gewählt, denn Cruiser sind gerade in den USA beliebt, wo Harley-Davidson dieses Segment bestimmt. Das soll mit der BMW R 18 anders werden.


Es ist nicht der erste Versuch der Bayern, mit Hilfe eines Boxer-angetriebenen Cruisers die Neue Welt zu erobern. Der erste Schuss, 1997 abgefeuert, war ein Rohrkrepierer: R 1200 C hieß das nur 61 PS leistende Cruiserchen – sowohl Hubraum wie Drehmoment und Leistung waren viel zu gering für das von Harleys riesigen V2-Motoren verwöhnte Publikum. Bis 2004 versuchte BMW, das hohe C zu treffen, indem man diverse Varianten des Cruisers auflegte – keine schaffte den Durchbruch. Das bayerische Cruiser-Buch wurde 2005 geschlossen, die Produktion eingestellt.

Geringer Marktanteil in USA

Doch wie gute Boxer nach einem bösen K.o. wieder aufstehen und eine Revanche anstreben, so stand auch BMW wieder auf. Freilich dauerte es gut zehn Jahre, bis man in München wieder Maß nahm. Denn lediglich fünf Prozent beträgt der Marktanteil der bayerischen Bikes in den USA im Marktsegment über 500 Kubik. „Da ist doch noch was drin für uns!“ wurde zum Credo in München.

Dazu kam das 2014 vom damaligen Motorrad-Chef formulierte Ziel, im Jahr 2020 volle 200.000 Motorräder absetzen zu wollen. Und dazu brauchte es, ganz klar, auch einen Cruiser, nicht nur die in Indien gefertigten Modelle G 310 R und GS mit mikroskopisch kleinem Einzylindermotor. Und so schuf man ein Monument von Boxermotor, im hauseigenen Jargon „Big Boxer“ genannt. 1.802 Kubikzentimeter Hubraum weist er auf, also 901 Kubikzentimeter pro Zylinder, ungefähr so viel Hubvolumen also, wie in einer normalen Wies’n-Maß enthalten ist.

Das klassische Rundinstrument an der BMW R 18 . Foto: BMW

Mit 91 PS liegt die Leistung um 50 Prozent höher als seinerzeit, das Drehmoment liegt im Bereich zwischen 2.000 und 4.000 U/min nie unter 150 Newtonmeter. Ein echter Bullen-Boxer, und zwar mit klassischer Luft-/Ölkühlung und sichtbaren Chromhülsen für die vier Stößelstangen. Sie sind nötig, um die zwei obenliegenden Nockenwellen anzutreiben, die jeweils vier Ventile betätigen. Ein Bild von einem Motor. Bestimmt auch einer mit Hubraum-Reserven, für den Fall des Falles.

Aus Erstversuch gelernt

Aber nicht nur im punkto Motorgröße hat BMW aus dem misslungenen Erstversuch gelernt. Auch der Stil des neuen Boxer-Cruisers ist ein gänzlich anderer: Die Bayern haben sich nämlich an ihre bald 100 Jahre währende Historie erinnert und sich daran gemacht, diese ins rechte Cruiser-Bild zu rücken. Als Vorlage diente die 1936 erschiene R 5; sie wies einen wunderbar anzuschauenden Starrrahmen auf und brachte deshalb notabene keine Hinterradfederung, aber dafür ein durch und durch stimmiges Äußeres mit.

Nun ging es bei der R 18 natürlich nicht darum, eine R 5 nachzubauen; vielmehr lautete der Auftrag an die Entwickler, einen ebenso faszinierenden Cruiser der Jetztzeit auf die Räder zu stellen, wie es die R 5 seinerzeit war. Ein modernes Motorrad also mit fast allen technischen Finessen, die der Markt aktuell bereithält, die aber dezent verpackt sind und die ausgewogene Linie mit ihren historischen Anklängen nicht stören.

Einstellbare Hinterradfederung

Selbstverständlich gibt es bei der R 18 auch eine einstellbare Hinterradfederung; sie ist aber versteckt unter dem Sitz montiert. Die von der R 5 abgeleiteten Stilzitate sind mannigfaltig: Erwähnt werden sollen nur die offen rotierende, verchromte Kardanwelle; sie überträgt eindrucksvoll die Kraft vom mehr als nur ansehnlichen Big Boxer zum scheinbar ungefederten Hinterrad.

Dann der schwarz lackierte Doppelschleifenrahmen aus Stahl, der 16-Liter-Tropfentank, die Verkleidung der Telegabel-Standrohre mit Gabelhülsen, das klassische Rundinstrument mit integriertem Display oder die Lackierung mit Doppellinierung; serienmäßig wird letztere nur in der First Edition geliefert, die in ganz Europa ab dem Herbst erhältlich sein wird. Hierzulande beträgt ihr Preis 22.800 Euro. Zur Markteinführung wird es darüberhinaus ab sofort in bestimmten Märkten ein Standardmodell geben; Deutschland gehört nicht dazu.

Drei Scheibenbremsen mit mächtigen Bremssätteln, eine Motorschleppmoment-Regelung, die Automatische Stabilitätskontrolle ASC, drei Fahrmodi mit den hübschen Bezeichnungen „Rain“, „Roll“ und „Rock“ sowie ein schlüsselloses Startsystem sind im Serienumfang enthalten, eine Rückfahrhilfe wie auch eine Berganfahrhilfe oder ein im LED-Rundscheinwerfer integriertes adaptives Kurvenlicht werden als Sonderausstattung geliefert.

Verschiedene Radgrößen im Angebot

Die Liste der möglichen Extras zum Zwecke individuellen Customizings scheint endlos zu sein: Erstmals werden sogar verschiedene Rädergrößen angeboten. Auch die serienmäßig schwarze „Heldenbrust“ – das ist der große vordere Motordeckel – kann durch ein verchromtes Exemplar zur Glanzheldenbrust aufgewertet werden. Dazu kommen diverse Lenker, Spiegel, Zylinderhauben, und, und, und.

Als Krone des Ganzen hat BMW mit Stardesigner Roland Sands auch noch zwei Design-Kollektionen entwickelt, und es gibt auch feine Extra-Auspuffanlagen von Vance & Hines, einer US-Marke. Auch höchst spezielle, handgefertigte Sitze sowie Sitzbänke des US-Herstellers Mustang finden sich im Sonderausstattungs-Wälzer. Ein Soziuspaket für die einsitzige „First Edition“ ist auch dabei, für bescheidene 250 Euro.

345 Kilogramm Lebendgewicht

Die R 18 startet in der First Edition ab 22.800 Euro. Foto: BMW

Bleibt noch das nach einem ausreichend üppigen Motorvolumen zweite entscheidende Cruiser-Kriterium, damit dieser Boxer auch in Amerika zu einer Erfolgsgeschichte wurd: Die lässige, dabei aber tiefenentspannte Sitzposition. Hier birgt der Boxermotor mit seinen beiden weit abstehenden Zylindern eine Gefahr. Doch BMW schwört, dass die „mid-mounted-footpeg“-Position nicht nur beste Fahrzeugkontrolle, sondern eine absolut stimmige Cruiser-Ergonomie ermögliche.

In Serienauslieferung liegt die Sitzhöhe des 345 Kilo wiegenden Bayern-Kolosses bei nur 69 Zentimetern. Wer will, kann Sitzfleisch, Beine und Füße ganz nach Gusto platzieren: Es gibt nicht nur höhere Sitze, sondern auch Trittbretter sowie zusätzliche Fußstützen. Man scheint also an alles gedacht zu haben in München, damit der infolge der Corona-Pandemie sicher nicht einfacher gewordene Schritt über den Großen Teich auch erfolgreich wird und dieser Boxer weltweit Raum greifen kann. (SP-X)

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