Vernunft siegt über PS-Granaten

Europäische Motorrad-Trends

Die BMW R 1200 GS-Rallye. Foto: BMW
Die BMW R 1200 GS ist der Spitzenreiter in Deutschland. © BMW

Die europäischen Motorradfahrer setzen beim Bike ihrer Wahl zumeist auf die Vernunft. Allerdings haben die PS-Raketen in den letzten Jahren gut zugelegt.

Welche Art Motorrad stellen sich die deutschen Käufer – etwa 15 Prozent davon sind weiblich – in die Garage, den Carport oder auf den Gehweg vor dem Haus? Vorzugsweise die „PS-Granaten“ der Kategorie 160+, mit denen der Fahrspaß eine besondere Dimension erreichen soll? Weit gefehlt: Weder die BMW R 1200 GS, Dauer-Verkaufsspitzenreiter seit ihrer Markteinführung im Jahr 2004, noch die 75 PS leistende Yamaha MT-07 noch die Kawasaki Z 650 und auch nicht die Honda Africa Twin als Viertplatzierte der Top Ten glänzen mit Leistungs-Maxima noch fallen sie mit ihrer Optik ganz extrem auf.


Alle vier genannten Modelle dürfen trotz höchst unterschiedlicher Preise von unter 7000 bis rund 21.000 Euro als preiswerte Motorräder gelten. Das Fahrerlebnis mit allen steht auch über längere Zeiträume in einem guten Verhältnis zur Investition. Deutsche Käufer lassen auch bei einem emotionalen Kauf, den jedes Motorrad grundsätzlich darstellt, die Vernunft nicht außen vor.

Südeuropa steht auf Roller

Dieser Befund gilt nicht nur für Zweiradkäufer in Deutschland: In Spanien beispielsweise, von wo gefühlt 80 Prozent aller Spitzen-Rennfahrer stammen, sind 125er Roller die bei weitem meistverkauften Zweiräder; sie werden – total vernunftorientiert – für die Fahrt zum Arbeitsplatz eingesetzt. In Frankreichs großen Städten kommen ebenfalls Motorroller auf sehr hohe Stückzahlen, allerdings sind sie dort oftmals hubraumstärker als in Spanien. Und auch Italiener lassen beim Zweiradkauf nicht überwiegend nur ihr Herz sprechen, sondern kalkulieren sorgfältig, woraus sie – abhängig von den individuell unterschiedlichen Vorlieben und Anforderungen – den größten Nutzen ziehen können, was Spaß am Motorradfahren ja keineswegs ausschließt.

Wie also sieht der Trend auf dem deutschen Motorradmarkt aus? Er wird sich trotz der im Herbst erfolgten Vorstellung neuer 200 PS-Tiefflieger nicht stärker in Richtung Höchstleistung verändern. Bei Ducati wird man Dankgebete anstimmen, wenn die neue Panigale V4 (214 PS bei unter 195 Kilogramm Leergewicht) es unter die Top 50 schafft (da stand im November die gut 20 PS „schwächere“ Honda Fireblade mit rund 600 Einheiten als zweitplatziertes Superbike nach der BMW S 1000 RR (855 Stück, Rang 34).

Umdenken der Motorradhersteller

An einen solchen Erfolg für den neuen Kompressor-Supersport-Tourer Kawasaki H2 SX denkt man beim Hersteller noch nicht mal in den kühnsten Träumen; wahrscheinlich wird der Marktanteil weit unter einem Prozent liegen. Sowohl das genannte Kawa-Modell, wie auch manche ihrer Marken-Schwestern und auch die genannte Ducati stellen hohe Ansprüche an die Fähigkeiten der Piloten; wer diese nicht in längerer Fahrpraxis erworben hat, wird sich eher überfordert als befriedigt fühlen. Das gilt selbstverständlich auch für manches andere Modell, das technisch fasziniert und fahrphysikalisch top ist.

Es muss, wie in einer persönlichen Beziehung, im Idealfall „rundum“ passen: Leistung, Gewicht, Sitzhöhe, Preis sollten in einem guten Verhältnis zueinander stehen. Genau darauf richten mehr Hersteller als noch vor zehn Jahre heute einen Fokus. Das „Wir haben verstanden“ zeigt sich an der häufigeren Entwicklung von emotional ansprechenden Bikes. Diese zelebrieren nicht totalen Hightech-Standard, sondern weisen leichte Zugänglichkeit auf. Sehr gut repräsentiert diesen Ansatz die BMW R nineT eingeschlossen der mittlerweile vier Variationen dieses Typs. Sie hat der bayerischen Marke viele Kunden zugeführt, die vorher keine BMW gefahren sind oder schon viele Jahre nicht mehr auf eine aufgestiegen sind.

Retro-Feld im Aufwind

Die Z900 RS. Foto: Kawasaki
Neu im Programm ist die Kawasaki Z900-RS

Ganz neu in diesem Retro-Feld angekommen ist die Kawasaki Z900RS; an ihrem Markterfolg gibt es keinen Zweifel, auch wenn das Vierzylinder-Triebwerk „nur“ 111 PS leistet. Auch die Scrambler-Varianten von Ducati – das jüngste Modell heißt Scrambler 1100 – haben der Marke ganz neue Kundenkreise eröffnet.

Obwohl ganz ohne Retro-Schnörkel daherkommend, gehört auch die Yamaha MT-07 samt Schwester MT-09 und den tourentauglicheren Cousinen Tracer 700 und Tracer 900 in diese Kategorie der leichten Zugänglichkeit. Diese vier Japan-Bikes sind – verglichen mit einer MV Agusta 800 oder einer Ducati 821 weniger spektakulär, erzeugen aber dennoch eine größere Resonanz, ablesbar an den Verkaufszahlen.

PS-Raketen mit bedeutsamen Stückzahlen

Der Trend geht also – nimmt man den Verkaufserfolg zum Maßstab der Betrachtung – deutlich in Richtung Ausgewogenheit; sehr „spitz“ konfigurierte Motorräder finden zwar ihre Fans, werden aber trotz teils faszinierendem Design auch künftig stückzahlmäßig im Hintergrund bleiben. Auch die Leistungs-Kracher werden es nicht nach ganz vorne schaffen, fahren aber doch beachtliche Erfolge ein. Die 165 PS leistende BMW S 1000 R rangiert auf Rang 9 der Verkaufs-Hitliste, die noch geringfügig stärkere KTM 1290 Super Duke R folgt ihr unmittelbar.

Die 160 PS-Rakete KTM 1290 Super Adventure rast auf Rang 13, das BMW-SUV S 1000 XR mit 165 PS auf Rang 16, was immerhin gut 1300 Zulassungen bedeutet. Dass so viele so starke Motorräder so gut abgesetzt werden, war noch vor fünf Jahren nicht absehbar. Dank der mittlerweile finessenreichen elektronischen Assistenzsysteme sind sie aber so gut beherrschbar, dass sie auf bedeutsame Stückzahlen kommen. Dieser Trend wird auch 2018 unverändert gültig sein. (SP-X)