«Von einem Anarchoprojekt kann keine Rede sein»

Interview mit Audi-Chef Rupert Stadler

«Von einem Anarchoprojekt kann keine Rede sein»
Audi-Chef Rupert Stadler © dpa

Audi plant für 2011 mit einem Rekordabsatz von 1,2 Millionen Autos. Im Interview mit der Autogazette spricht Vorstandschef Rupert Stadler über China, die Elektromobilität und neue Mobilitätskonzepte.

Audi befindet sich in der Erfolgsspur. Nach einem Rekordabsatz von 1,092 Millionen Autos im Vorjahr soll der nächste Rekord fallen. «Wir werden 2011 die 1,2 Millionen Einheiten knacken und befinden uns auf dem richtigen Weg. Das beweist auch der Absatz von über 100.000 Autos in den USA, der für uns ein historischer Rekord ist», sagte Audi-Chef Rupert Stadler im Interview mit der Autogazette.

«Erwarten in USA weiteren Wachsstumsschub»

Mit Blick auf die USA geht Stadler davon aus, dass sich dort die Verkaufszahlen weiter steigern lassen. «Wir erwarten angesichts unseres guten Modellangebots in den USA einen weiteren Wachstumsschub von über zehn Prozent, und wir wollen stärker als der Markt wachsen. »

«Meine Gedanken sind schon im nächsten Jahr»

Der Audi A6 Hybrid wurde in Detroit präsentiert AG/Mertens

Autogazette: Herr Stadler, mit 1,092 Millionen Fahrzeugen hat Audi einen neuen Rekordabsatz aufgestellt. Wie fühlt man sich auf der Überholspur?

Rupert Stadler: Gut, aber meine Gedanken sind schon im neuen Jahr.

Autogazette: Haben Sie keine Angst, dass Ihnen auf dem Weg zum erfolgreichsten Premiumhersteller bis 2015 die Luft ausgeht?

Stadler: Nein, überhaupt nicht. Wir haben in den vergangenen Jahren viel in die nachhaltige Entwicklung von neuen Technologien und Produkten investiert. Diese Investitionen zahlen sich aus. Wir werden in den nächsten fünf Jahren zusätzlich rund 12 Milliarden Euro investieren. Das ist der Treibstoff für weiteres Wachstum.

«Es gibt keinen Grund, an unserem Ziel zu rütteln»

Audi erwartet sich weiteren Aufschwung vom A7 Sportback.
Der Audi A7 Sportback Audi

Autogazette: Ihnen sind aber auch die Zahlen der Mitbewerber bekannt. So hat Mercedes 1,167 Millionen Autos abgesetzt, ein Plus von 15 Prozent. Ist Ihr Ziel noch erreichbar?

Stadler: Es gibt keinen Grund dafür, an unserem Ziel zu rütteln: Wir wollen bis 2015 erfolgreichster Premiumhersteller der Welt sein.

Autogazette: Bislang sagten Sie immer, dass Sie bis 2015 1,5 Millionen Autos verkaufen wollen. Mit dieser Absatzzahl dürften Sie Ihr Ziel aber nicht erreichen können.

Stadler: Wir haben immer gesagt, dass es eine Reihe von Kennzahlen gibt, nach denen sich bemisst, wer erfolgreichster Premiumhersteller ist. Dazu gehören neben dem Volumen zum Beispiel auch die Profitabilität, die Kundenzufriedenheit und vieles mehr. Vor diesem Hintergrund gibt es nichts zurückzunehmen. Audi hat einen Lauf – und so soll es bleiben.

Autogazette: Werden Sie angesichts der bisherigen Performance 2015 mehr als die besagten 1,5 Millionen Einheiten absetzen können?

Stadler: Wir werden 2011 die 1,2 Millionen Einheiten knacken und befinden uns auf dem richtigen Weg. Das beweist auch der Absatz von über 100.000 Autos in den USA, der für uns ein historischer Rekord ist. Zugleich haben wir in den USA das bisher beste Geschäftsergebnis hingelegt.

«Wollen stärker als der Markt wachsen»

Rupert Stadler an der Seite eines Audi e-tron Spyder Audi

Autogazette: Wie schaut für 2011 die Absatzplanung in den USA aus?

Stadler: Wir erwarten angesichts unseres guten Modellangebots in den USA einen weiteren Wachstumsschub von über zehn Prozent, und wir wollen stärker als der Markt wachsen.

Autogazette: Jeder Hersteller jubelt über die Wachstumsraten in China, doch niemand spricht über die Gefahren. Sie auch nicht. Sehen Sie keine Gefahren, dass sich das Wachstum spätestens nach dem Auslaufen des staatlichen Konjunkturprogramms abschwächt?

Stadler: Die chinesische Volkswirtschaft wird bestimmt durch die Fünfjahrespläne der Regierung. Blickt man zurück, dann sind diese Pläne bisher exakt umgesetzt worden. Der neue Fünfjahresplan sieht ein volkswirtschaftliches Wachstum zwischen sieben bis neun Prozent vor. Es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, dass das so kommen wird. Möglicherweise wird die Regierung mit der einen oder anderen Maßnahme regulierend ins Marktgeschehen eingreifen. Das ändert aber nichts an der Langfristperspektive eines Marktes, der über eine Milliarde Menschen beheimatet, die den Wunsch haben, mobil zu sein.

«Werden Händlernetz in China weiter ausbauen»

Autogazette: In China konnten Sie 2010 fast 228.000 Autos verkaufen. Mit welcher Zielsetzung gehen Sie in dieses Jahr?

Stadler: Auf jeden Fall weiteres Wachstum. Aufgrund der steigenden Nachfrage in China werden wir unsere Produktionskapazitäten in unserem Werk in Changchun weiter anpassen. Wir werden weitere Modelle nach China bringen. Und wir werden unser Händlernetz weiter ausbauen.

Autogazette: Bei vorsichtiger Schätzung erscheint ein Absatz zwischen 260.000 und 270.000 Autos aber vorstellbar?

Stadler: Wir haben Ende letzten Jahres den einmillionsten verkauften Audi in China gefeiert. Innerhalb von drei Jahren wollen wir die zweite Million schaffen.

Autogazette:Wo liegen derzeit die Produktionskapazitäten im Werk Changchun?

Stadler: Zusammen mit den bereits erwähnten Ausbaumaßnahmen sind sie derzeit ausreichend. Darüber hinaus wollen wir unser Importgeschäft deutlich steigern. Im vergangenen Jahr konnten wir die Zahl der importierten Automobile bereits auf rund 30.000 Einheiten verdoppeln.

Autogazette: Welche Kapazitäten benötigen Sie, um den Gesamtmarkt befriedigen zu können?

Stadler: Das hängt von der weiteren Entwicklung des Premiummarktes ab.

«Haben alle Themen sauber geregelt»

Der Audi A1 e-tron Audi

Autogazette: Wer baut im VW-Konzern derzeit eigentlich die sportlichsten Autos?

Stadler:Das kommt immer auch auf die Interpretation an. Spricht man über ein Geschäftsmodell mit 100.000 Autos oder eines mit einer Million Autos? Sportlichkeit ist ganz klar einer der Markenwerte von Audi, und diesen Markenwert erfüllen alle unsere Autos. Es ist aber auch klar, dass Sportlichkeit bei einem R8, einem TT RS oder einem RS 5 mehr im Vordergrund steht als etwa bei einem SUV oder einer Limousine. Aber insgesamt bauen wir über unsere gesamte Modellpalette hinweg Autos, die in ihrem Segment Maßstäbe bei der Sportlichkeit setzen.

Autogazette: Wie sehr schmerzt es Sie, dass die Entwicklungshoheit für Sportwagen bei Porsche und nicht bei Audi liegt?

Stadler: Wir haben innerhalb des Volkswagen-Konzerns alle Themen sauber geregelt, und alle Marken profitieren von der Baukastenstrategie und den klaren Zuständigkeiten im Konzern. Audi hat die Verantwortung für den modularen Längsbaukasten inklusive der SUVs, und auch die Entwicklung des R8 bleibt in der Verantwortung von Audi. Und wir haben immer gesagt, dass Audi keinen Porsche und Porsche keinen Audi entwickelt. Jede Marke entwickelt ihre eigenen Automobile, hat aber eine Grundlage, auf der sie aufsetzen kann.

«Glaube nicht, dass Mitbewerber weiter sind»

Autogazette: Während ausländische Hersteller Ende 2010 die ersten Elektroautos auf den Markt gebracht haben, startet Audi mit dem A1 e-tron erst in diesem Jahr zu einem Flottenversuch. Sieht so Vorsprung durch Technik aus?

Stadler: Wenn wir ein Konzept auf den Markt bringen, dann ist es ein durchdachtes. Und das Konzept eines Range Extenders ist ein sehr interessantes und durchdachtes. Selbst wenn Mitbewerber derzeit bereits mit Flottenversuchen am Start sind, glaube ich nicht, dass sie weiter sind als wir.

Autogazette: Seit wann neigt man in Ingolstadt eigentlich zu solchen Anarchoprojekten?

Stadler: Wir haben im Konzernvorstand entschieden, dass wir mit dem Flottenversuch des A1 e-tron starten. Das wird von allen mitgetragen. Von einem Anarchoprojekt kann also keine Rede sein.

«Der Q5 kommt mit überlegener Technik»

Der Audi Q5 erhält einen Vollhybrid Audi

Autogazette: Audi bringt in der zweiten Jahreshälfte den Q5 als Vollhybriden auf den Markt. Ist das für eine Marke mit Ihrem Anspruch nicht arg spät?

Stadler: Der Q5 kommt als Hybrid mit überlegener Technik auf den Markt. Das ist unser Anspruch, und dafür haben wir uns die nötige Zeit genommen.

Autogazette: Bei Mercedes-Benz gibt es seit längerem bereits den S400 BlueHybrid.

Stadler: Was Effizienztechnologien angeht, müssen wir uns wirklich nicht verstecken. Wir haben etwa ein Start-Stopp-System und Rekuperation in Serie, auch bei Automatikgetrieben. Und der Q5 ist ein echter Vollhybrid, der bis zu drei Kilometern und bis zu einer Geschwindigkeit von 100 km/h rein elektrisch fahren kann. Das kann sich sehen lassen.

«Wichtig ist, was beim Verbrauch rauskommt»

Autogazette: Auch wenn Sie den Mild-Hybrid im Mercedes S400 BlueHybrid nicht ernst nehmen, Ihr Flaggschiff, der A8, ist noch immer nicht mit einem Hybriden zu bekommen.

Stadler: Dafür machen wir mit dem A8 ein Angebot mit einem Verbrauch von 6,2 Litern. Wichtig ist für den Kunden doch, was beim Verbrauch rauskommt und nicht, mit welcher Technologie das erreicht wird. Und abgesehen davon, den A8 Hybrid werden unsere Kunden wie übrigens auch den A6 Hybrid Ende diesen Jahres bestellen können.

Autogazette: Sie ließen unlängst wissen, dass sie nichts von Car-Sharing und Car-on-Demand halten. Warum wollen Sie nicht wahrhaben, dass es zukünftig auch andere Mobilitätskonzepte im Premiumbereich geben wird?

Stadler: Ich habe gesagt, dass es sich erst zeigen müsse, ob ein Geschäftsmodell in diesem Bereich erfolgversprechend ist. Dass heißt ja nicht, dass wir uns keine Gedanken darüber machen. Wir kümmern uns zum Beispiel sehr intensiv um alles, was mit dem Themenfeld Elektrifizierung zu tun hat. Wir arbeiten sehr intensiv am Thema Car to X-Kommunikation. Auf der Consumer Electronic-Show in Las Vegas haben wir gezeigt, was wir bei der Vernetzung des Internets mit dem Fahrzeug anzubieten haben. Wir haben beispielsweise Google Earth-Navigation, das MMI Touch oder einem WLAN-Hot-Spot beim A8, beim A7 und beim A6 im Angebot. Dies sind wichtige technische Voraussetzungen, wenn man neue Mobilitätskonzepte anbieten möchte.

Das Interview mit Rupert Stadler führte Frank Mertens

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