30. November 2016

Mehr Sicherheit im Straßenverkehr X2Safe: Die Gefahr erkennen, bevor sie eintritt

Das Auto warnt rechtzeitig vor Fußgängern.
Das Auto warnt rechtzeitig vor Fußgängern. © ZF

Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit – und schon ist der Unfall passiert. Doch wie können Unfälle zwischen Autos und schwächeren Verkehrsteilnehmern wie Fußgängern und Radfahrern vermieden werden? Dazu hat der Zulieferer ZF die Anwendung X2Safe entwickelt.




Von Frank Mertens

Es war im vergangenen Jahr. Malgorzata Wiklinska war am Bodensee wie so häufig mit ihrem Rennrad unterwegs. Da passierte es. Sie hatte einen Unfall mit einem BMW. Die Fahrerin hatte sie schlicht übersehen. Wiklinska, die beim Zulieferer ZF in Friedrichshafen die Denkfabrik verantwortet, kam bei Tempo 31 km/h nicht mehr rechtzeitig aus den Klickpedalen heraus - und rutschte mit ihrem Rad unter das Fahrzeug. Die Folge war eine schwere Beinverletzung – und die Frage, warum dieser Unfall nicht hätte vermieden werden können. „Warum hat die Fahrerin mich nicht gesehen?“, fragte sich die promovierte Computer-Spezialistin gleich nach dem Unfall.

Diese Frage ließ sie nicht los – auch vor dem Hintergrund, dass etwa 50 Prozent der weltweit rund 1,25 Millionen Verkehrstoten sogenannte schwächere Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger, Fahrrad- und Kraftradfahrer sind. Entsprechend forschte sie an einer Anwendung, die Unfälle wie den ihren vermeiden hilft.


Warnung vor Kollisionen

Am Ende ihrer Überlegungen steht nun X2Safe, eine Applikation, die mit Fahrzeugen, Smartphones und Smartwatches kommuniziert. Der dabei hinterlegte Algorithmus ist in der Lage, die verschiedenen Verkehrsteilnehmer zu vernetzen – und am Ende voreinander zu warnen. Das geschieht entweder akustisch, visuell oder auch per Vibration auf der Smartwatch oder dem Smartphone.

Dabei erfolgt eine Warnung vor dem anderen Verkehrsteilnehmer auch dann, wenn dieser noch nicht in Sichtweite ist und dann von den Kamera- und Radarsystemen des Fahrzeugs erfasst wird. Bei der Vorführung des Systems am gestrigen Dienstag in München erwies sich X2Safe als zuverlässig. Während eine Radfahrerin aus einer nicht einsehbaren Ausfahrt auf die Straße fuhr, wurde der Fahrer in einem heranfahrenden Tesla mittels einem visuellen Hinweis und einem Warnton auf die drohende Kollision aufmerksam gemacht, sodass er abbremsen konnte. Voraussetzung dafür ist indes, dass es ein intaktes Mobilfunknetz gibt. Bei 2G funktioniert es bereits, „doch hier würde ich nicht die Hand für das Funktionieren des Systems ins Feuer legen“; schränkt Wiklinska ein. Ideal sei eine 5G-Netzabdeckung.

Im Testfahrzeug warnt ein großes Display vor einer Gefahr
Im Testfahrzeug warnt ein großes Display vor einer Gefahr © AG/Mertens

Und was ist, wenn kein Netz vorhanden ist? Das erkennt der Fahrer auf der Anzeige seines Displays im Auto oder auf dem Smartphone. Zu einem späteren Zeitpunkt sei auch vorstellbar, dass er darüber auch beispielsweise per Warnton hingewiesen wird. Schließlich soll sich der Fahrer nicht in Sicherheit wiegen und denken, dass das System ihn schon vor möglichen Kollisionen bewahrt. Geplant ist, dass die Applikation Mitte kommenden Jahres auf den Markt kommen wird, möglicherweise zunächst als App, die man sich im App-Store herunterladen kann. Je mehr Nutzer es gibt, desto besser können Gefahrensituationen vermieden werden.

Integration ins Fahrzeug

In einem weiteren Schritt ist jedoch auch denkbar, dass die Applikation ins Fahrzeug integriert wird und beispielsweise auch selbsttätig in Gefahrensituationen Notbremsungen einleitet. Halt so, wie es ein Notbremsassistent tut, der mittels Kamera- oder Radarsystemen Hindernisse erkennt und reagiert, falls der Fahrer es nicht tut. Wiklinska glaubt, bei vorsichtiger Prognose, dass mit X2Safe die Zahl der Unfälle mit schwächeren Verkehrsteilnehmern um bis zu 50 Prozent reduziert werden können.

Doch da ist Potenzial nach oben. Vor allem dann, wenn die Car-2-X-Kommunikation Fortschritte macht; der Autofahrer und andere Verkehrsteilnehmer mit den Infrastruktur vernetzt sind. So weiß man nicht nur, dass hinter der nächsten Ecke eine Gefahr lauert, sondern auch, ob die Ampel rot oder grün ist, ob es Glatteis oder andere Beeinträchtigungen gibt. In die Cloud werden dann alle Infos in Realtime geschickt und können dort ebenso in Echtzeit abgerufen werden.

Das Auto schaut um die Ecke und erkennt mögliche Gefahren
Das Auto schaut um die Ecke und erkennt mögliche Gefahren © ZF

Mit Blick auf das autonome Fahren kann das System dazu beitragen, automatisch mit den gesammelten Daten aus der Cloud dazu beitragen, die Gefährdung im täglichen Straßenverkehr deutlich zu reduzieren. Dann muss nicht mehr der Fahrer auf Warnhinweise reagieren, sondern er überlasst das dem Auto. Das System erkennt die Gefahr nicht erst, wenn sie eingetreten ist, sondern sie antizipiert sie bereits im Entstehen. „Damit erreichen wir ein interaktives Level, das über die Car-2-X oder die X-2-Car-Kommunikation hinausgeht“, so Wiklinska.

So ist der Algorithmus von X2Safe in der Lage, aufgrund des mittels GPS gesammelten Bewegungsprofils nicht nur die Bewegungsinformationen des Nutzers zu sammeln, sondern sie in Verbindung zu setzen mit Gefahrenschwerpunkten wie beispielsweise Kreuzungen oder unübersichtlichen Straßenzügen. Mit dem ZF-System wird damit ein Schritt zu mehr Verkehrssicherheit und weniger Unfällen gegangen.



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