23. Januar 2017

VW-Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann «Ich kann eine gewisse Enttäuschung der Kunden verstehen»

VW-Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann.
VW-Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann. © VW

VW schaut zuversichtlich ins neue Jahr. Im Interview mit der Autogazette spricht Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann darüber, weshalb es keine Kunden zweiter Klasse gibt, der Diesel in den USA nicht abgeschrieben wird und wie es gelingen soll, dort zu einer relevanten Marke zu werden.




Volkswagen schließt nach dem Abgasskandal in den USA eine Rückkehr zum Diesel nicht aus. «Wir werden den Diesel in den USA nicht komplett abschreiben, da es durchaus Konzepte wie einen großen SUV geben kann, bei denen ein Dieselantrieb auch zukünftig sinnvoll sein könnte», sagte Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann im Interview mit der Autogazette. Allerdings werde es für die «kommenden ein bis zwei Jahre» keine Rückkehr zum Selbstzünder geben, kündigte der Manager an. «Eines ist aber klar: Wir werden nicht wieder zu einem Dieselanteil wie vor der Dieselthematik zurückkommen.»


Dieselgeschäft in USA mit Benzinern kompensiert

Dass VW im Vorjahr in den USA trotz des Abgasskandals nur auf einen Absatzrückgang von 7,6 Prozent kam, wertete Stackmann positiv. «Es ist uns im Privatkundengeschäft gelungen, einen großen Teil des weggefallenen Diesel-Geschäfts, das vorher ungefähr ein Viertel unserer Zulassungen ausmachte, durch Fahrzeuge mit Benzinmotoren zu kompensieren. Das stimmt uns zuversichtlich, dass wir in 2017 gut unterwegs sein werden.»

Dabei komme es in diesem Jahr in den USA nicht primär auf das Volumenwachstum an, vielmehr müsse die Marke in die Relevanz geführt werden. «Wir wollen Volkswagen zu einer relevanten Marke für den Durchschnittsamerikaner machen.» Dabei müsse man «als Alternative zu GM, Chrysler und Ford, aber auch den asiatischen Herstellern, wahrgenommen werden». Gelingen solle dies mit den beiden neuen SUVs Atlas und der Langversion des Tiguan. «Unsere beiden neuen SUV werden einen wichtigen Beitrag leisten, um auf den Einkaufszetteln der US-Neuwagenkäufer wieder stärker vertreten zu sein und damit auch zum Volumenwachstum beitragen.»

«Ein Jahr der großen Umstellung»

VW-Markenchef Diess bei der Vorstellung von Transform 2025+
VW-Markenchef Diess bei der Vorstellung von Transform 2025+ © dpa

Autogazette: Herr Stackmann, sind Sie sehr froh, dass das vom Dieselskandal bestimmte Jahr 2016 endlich vorbei ist?

Jürgen Stackmann: Natürlich hat uns das Dieselthema im zurückliegenden Jahr stark beschäftigt. Doch es war auch ein Jahr der großen Umstellung, indem wir mit unserer Strategie „Transform 2025+“ wichtige Weichen für die Zukunft der Marke Volkswagen gestellt haben.

Autogazette: Das Jahr 2017 ist also das Jahr des Neubeginns der Marke?

Stackmann: Es ist das Jahr, in dem wir die Umsetzung dieser neuen Strategie starten. Wenn Sie so wollen, dann ist 2017 ein Neubeginn für uns.

Autogazette: Die Kernmarke VW hat das Jahr mit einem Plus von 2,8 Prozent beendet. War es für Sie ein gutes oder ein schlechtes Jahr?

Stackmann: In der Summe sind wir mit 2016 zufrieden, denn wir konnten trotz herausfordernder Rahmenbedingungen wachsen. Das zeigt, dass die Attraktivität der Marke Volkswagen nach wie vor hoch ist. Das ist eine gute Ausgangsbasis für das neue Jahr. Mit Blick auf die verschiedenen Regionen können wir mit Südamerika im zurückliegenden Jahr sicher nicht zufrieden sein.

Autogazette: ...in Brasilien lag das Minus bei satten 35 Prozent...

Stackmann: Der Grund dafür liegt in einem schwierigen Marktumfeld, in dem wir mit einer wirtschaftlichen und politischen Krise zu kämpfen hatten. Der gesamte Markt ist dort um gut 25 Prozent gesunken. Wir sind jedoch auf einem guten Weg, unsere Modellpalette aufzufrischen und besser auf die Marktbedürfnisse abzustimmen. Dazu gehört auch, dass wir eine neue Produktfamilie launchen werden.

«Teil des Rückgangs bewusst in Kauf genommen»

Autogazette: In Deutschland ist der Gesamtmarkt gestiegen, doch für VW gab es einen Rückgang von 4,3 Prozent. Liegt das auch daran, dass die Kunden wegen des Dieselskandals das Vertrauen verloren haben, weil sie keine Entschädigung bekommen?

Stackmann: Einen Teil des Rückgangs haben wir ganz bewusst in Kauf genommen, weil wir für die Marke Volkswagen die Fahrzeughaltedauer beim Mitarbeiter-Leasing deutlich angepasst haben. Der bisherige Wechselzyklus sah vor, dass die Leasing-Fahrzeuge nach sechs Monaten getauscht wurden. Im vergangenen Herbst haben wir die Haltedauer auf zwölf Monate verdoppelt. Damit haben wir im Vorjahr rund 20.000 Fahrzeuge aus dem Markt herausgenommen. Darüber hinaus haben das hohe Incentiveniveau des Wettbewerbs und anstehende Modellwechsel eine Rolle gespielt. Ebenfalls richtig ist, dass das mediale Interesse wegen des Dieselthemas in keinem anderen Land so hoch ist wie im Heimatmarkt Deutschland.

Autogazette: VW lehnt Entschädigungsforderungen europäischer Kunden mit der Begründung ab, man hätte mit seiner Abschalteinrichtung bei Motoren des Typs EA 189 nicht gegen europäisches Recht verstoßen. Gewinnt man mit einer solchen Argumentation das Vertrauen der Kunden zurück?

Stackmann: Wir kommen in der Abarbeitung der Dieselthematik mit großen Schritten voran. Die Kunden stehen loyal zur Marke, wir haben eine sehr hohe Zufriedenheitsquote mit der Umrüstung. Die Kunden wollen an erster Stelle, dass wir das Problem lösen. Sie wollen, dass wir das Vertrauen, das sie in uns gesetzt haben, rechtfertigen. Die überwiegende Mehrzahl unserer Kunden können die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen zwischen den USA und Europa nachvollziehen und verstehen, dass eine Kompensation außerhalb der USA und Kanada vor diesem Hintergrund nicht geleistet wird.

«Es geht um Vertrauen»

Autogazette: Offenbart eine Aussage, man habe nicht gegen europäisches Recht verstoßen, nicht ein geringes Unrechtsbewusstsein?

Stackmann: Für unsere Kunden geht es in der Regel nicht um juristische Aspekte, sondern um ein zwischenmenschliches Verhältnis: es geht um Vertrauen. Die Kunden haben sich für uns entschieden, weil sie von uns das beste Preis-Leistungsverhältnis bekommen. Jetzt erwarten sie, dass wir das Dieselproblem lösen - und das tun wir.

Autogazette: In der Schlussfolgerung bedeutet der Verzicht auf Entschädigungen doch, dass es für VW Kunden zweiter Klasse gibt - und die kommen aus Europa?

Stackmann: Unsere europäischen Kunden sind keinesfalls Kunden zweiter Klasse. Jedoch kann ich eine gewisse Enttäuschung der Kunden verstehen. Ich kann mich nur entschuldigen, dass möglicherweise ein solcher Eindruck entstanden ist. Ich bin aber auch davon überzeugt, dass man verloren gegangenes Vertrauen nicht zurückkaufen kann - man muss es sich erarbeiten.

«In Nordamerika haben wir positiv überrascht»

Der Atlas wurde für den US-Markt entwickelt
Der Atlas wurde für den US-Markt entwickelt © AG/Mertens

Autogazette: In den USA mussten Sie ein Minus von 7,6 Prozent hinnehmen. Ist der Verlust dort geringer ausgefallen als erwartet?

Stackmann: In Nordamerika haben wir positiv überrascht. Es ist uns im Privatkundengeschäft gelungen, einen großen Teil des weggefallenen Diesel-Geschäfts, das vorher ungefähr ein Viertel unserer Zulassungen ausmachte, durch Fahrzeuge mit Benzinmotoren zu kompensieren. Das stimmt uns zuversichtlich, dass wir in 2017 gut unterwegs sein werden. Wir wollen Volkswagen zu einer relevanten Marke für den Durchschnittsamerikaner machen. Wir sind momentan eine Marke mit kleinen Modellen mit dem Fokus auf die West- und Ostküste. Jetzt kommen wir mit Produkten, die uns in jedem US-Haushalt auf den Kaufzettel bringen kann. Noch ist Volkswagen in den USA eine Nischenmarke mit einem Marktanteil von zwei bis drei Prozent.

Autogazette: In den USA halten Sie an einem Verkaufsstopp für Dieselfahrzeuge fest. Wann verabschieden Sie sich in den USA offiziell von dieser Technologie?

Stackmann: Wir werden den Diesel in den USA nicht komplett abschreiben, da es durchaus Konzepte wie einen großen SUV geben kann, bei denen ein Dieselantrieb auch zukünftig sinnvoll sein könnte. Für die kommenden ein bis zwei Jahre schließen wir die Rückkehr zum Diesel aus. Eines ist aber klar: Wir werden nicht wieder zu einem Dieselanteil wie vor der Dieselthematik zurückkommen.

«Marke in die Relevanz führen»

Autogazette: Auf der Automesse Detroit wurde der Atlas und die XL-Version des Tiguan vorgestellt. Sind das die Modelle, die sie bereits 2017 in den USA zurück in den Plusbereich bringen werden?

Stackmann: Das Volumenwachstum in den USA ist nicht unsere oberste Priorität. Unsere Aufgabe für 2017 wird sein, die Marke in die Relevanz zu führen. Wir müssen als Alternative zu GM, Chrysler und Ford, aber auch den asiatischen Herstellern, wahrgenommen werden. Unsere beiden neuen SUV werden einen wichtigen Beitrag leisten, um auf den Einkaufszetteln der US-Neuwagenkäufer wieder stärker vertreten zu sein und damit auch zum Volumenwachstum beitragen.

Autogazette: Der Atlas wird für einen Kampfpreis von 30.000 US Dollar angeboten. Mussten Sie lange rechnen, um ein solches Angebot machen zu können?

Stackmann: Es ist kein Kampfreis, doch wenn man in diesem Markt stark werden will, dann muss man akzeptieren, dass es Preisgrenzen gibt. Die Kunden hier sind sehr preissensibel und kämpfen quasi um jeden Dollar.

«Wir werden keine SUV-Marke»

Jürgen Stackmann zeigt in Detroit den I.D. Buzz
Jürgen Stackmann zeigt in Detroit den I.D. Buzz © VW

Autogazette: In den kommenden vier Jahren bringen Sie jährlich zwei neue SUVs auf den Markt. Entwickeln sie sich zur SUV-Marke?

Stackmann: Wir orientieren uns an der Nachfrage unserer Kunden und Märkte. Allerdings werden wir keine SUV-Marke, aber wir werden unseren Kunden eben auch attraktive SUVs anbieten.

Autogazette: Wo soll denn der Anteil der SUVs bis 2020 am Modellangebot liegen?

Stackmann: Wir gehen von einem Anteil von 40 Prozent aus. Wir werden hier ebenfalls zu einem Vollsortimenter wie wir es bereits in anderen Segmenten sind.

Autogazette: Sie haben in Detroit auch den I.D. Buzz gezeigt. Wird dieser elektrische Micro-Bus denn kommen?

Stackmann: Wir zeigen damit, dass wir neben dem I.D. weitere attraktive elektrische Modelle anbieten werden. Doch wir bauen keine Autos für die Nische. Ob er kommt, entscheidet sich in den nächsten Wochen. Die erste Reaktion auf der Messe in Detroit war: Dieses Auto ist ein Hammer.

«Das Wachstum in China wird anhalten»

Autogazette: Das Absatzplus in diesem Jahr wird von China mit einem Plus von 14 Prozent getragen. Sind Sie sehr besorgt ob der Abhängigkeit von einem Markt?

Stackmann: Der Erfolg der Marke Volkswagen freut mich zunächst und besorgt mich nicht. Die Marke hat in China eine herausragende Rolle. Jeder Hersteller auf der Welt beneidet uns um diese Position in China. Wir haben es in China geschafft - einem Markt, der auf SUVs steht - mit nur einem SUV, unserem Tiguan, die Marktposition zu halten. Es geht nicht darum, die Stärke eines Marktes zu kritisieren, sondern die Potentiale anderer Regionen zu heben und zu entwickeln.

Autogazette: Gehen Sie mit Blick auf China auch für das neue Jahr von einem zweistelligen Wachstum aus?

Stackmann: Das Wachstum in China wird anhalten, auch weil nach wie vor Millionen Chinesen erstmals in ihrem Leben ein Auto kaufen. Erst so langsam erreichen wir eine Phase, in der ein zweites oder drittes Auto oder ein Markenwechsel eine Rolle spielen. Wie stark wir in China wachsen, wird sich zeigen. Doch wir gehen weiter von einem spürbaren Wachstum aus, weil wir mit weiteren SUVs in den Markt kommen.

«Die Kaufprämie ist nur ein Baustein»

Der VW I.D. hat eine Reichweite von bis zu 600 Kilometer
Der VW I.D. hat eine Reichweite von bis zu 600 Kilometer © VW

Autogazette: Mit 887 Anträgen liegt VW im Ranking bei der Kaufprämie gerade einmal auf Platz vier, vor Ihnen rangiert an zweiter Stelle mit Renault und 1658 Anträgen sogar ein Importeur. Bieten Sie Ihren Kunden die falschen Modelle an?

Stackmann: Die Nachfrage nach E-Mobilität in Deutschland liegt aktuell trotz Kaufprämie bei allen Herstellern auf einem niedrigen Niveau. Regulierungen können helfen, doch die Rahmendaten müssen passen. Das Fahrzeug muss begeistern, die Reichweite stimmen, die Infrastruktur da sein. Das ist die Arbeit, die alle Hersteller gemeinsam vor sich haben. In Norwegen sieht man, dass es zehn Jahre gedauert hat, die E-Mobilität dort zum Erfolg zu führen. Dieselben Modelle, die dort gut angenommen werden, sind hier weniger gefragt. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Schaffung von Wechselanreizen für die Kunden. Die Kaufprämie ist nur ein Baustein auf diesem Weg, andere wie verbesserte Infrastruktur oder kostenloses Parken müssen folgen. Wir werden aber nicht zehn Jahre brauchen, weil wir attraktive Produkte in der Pipeline haben und sie ab 2020 mit dem I.D. auf den Markt bringen.

«Es ist die Frage, wer das beste Konzept hat»

Autogazette: Opel bringt den Ampera-E mit einer Reichweite von 500 Kilometern in diesen Wochen auf den Markt, sie bringen den I.D. mit einer Reichweite von 600 Kilometern erst 2020. Sind Sie angesichts der Marktgegebenheiten froh zu den Nachzüglern zu gehören?

Stackmann: Es ist nicht die Frage, wer als Erster auf dem Markt ist. Es ist die Frage, wer das beste Konzept hat und da sehe ich uns mit unserem Gesamtkonzept gut aufgestellt.

Autogazette: Wer bei der E-Mobilität erfolgreich sein will, der muss seinen Kunden mehr bieten als attraktive Modelle. Es bedarf auch intelligenter Mobilitätsdienstleistungen. Kommt die Gründung ihrer Mobilitätstochter Moia da nicht arg spät?

Stackmann: Wir werden unseren Kunden mit dem Marktstart auch die entsprechenden Mobilitätsdienstleistungen anbieten, daran arbeiten wir mit Nachdruck. Aus der Marke Volkswagen heraus werden wir bei den Mobilitätsthemen ebenso wichtige Schritte unternehmen.

Das Interview mit Jürgen Stackmann führte Frank Mertens



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