24. März 2016

Neuer Passat-Rückruf VW mit Rückstand beim Rückrufplan

Auch neuere Modelle des VW Passat müssen in die Werkstätten.
Auch neuere Modelle des VW Passat müssen in die Werkstätten. © VW

VW hinkt bei den Rückrufen der von der manipulierten Diesel-Software betroffenen Fahrzeuge hinterher. Hinzu gesellen sich jetzt noch weltweit rund 177.000 Passat hinzu.




Drei Monate nach dem Start ins «Jahr des Rückrufs» kommt Volkswagen bei der Bewältigung der Diesel-Manipulationen noch immer nicht wie gewünscht in Fahrt. Wegen einer fehlenden Freigabe durch das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) kann die eigentlich schon für Ende Februar erhoffte zweite Rückrufwelle für die 2,0-Liter-Motoren in Deutschland nach wie vor nicht beginnen. «Die Gespräche und Messungen werden nach Ostern fortgesetzt», sagte ein Sprecher des Konzerns am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur in Hannover.

Damit ist für die Besitzer der von den Abgas-Manipulationen betroffenen Autos weiter Geduld gefragt. Die nun zur Diskussion stehende Rückrufwelle umfasst in Deutschland neben rund 160.000 VW Passat auch knapp 90.000 Fahrzeuge von Audi und Skoda.


Probleme mit höheren Verbrauchswerten

Was genau sind die Gründe für die Verzögerung und den anhaltenden Gesprächsbedarf mit dem KBA? VW will sich offiziell nicht äußern. Dem Vernehmen nach gibt es laut dpa-Informationen aus Konzernkreisen Probleme mit möglicherweise höheren Kraftstoff-Verbrauchswerten.

Grundsätzlich sollen sich die Eigenschaften des Fahrzeugs nach den Vorgaben des KBA mit dem Update der Motorsoftware nicht ändern. Selbst ein minimal höherer Verbrauchswert könnte VW so einen Strich durch die Rechnung machen - es gilt eine «Null-Toleranz-Linie».

Die Flensburger Behörde legt bei den seit Wochen laufenden Nachmessungen die EU-Verordnung 715/2007 zugrunde. Darin sind - je nach Fahrzeugklasse - Grenzwerte für zulässige Emissionen definiert, unter anderem zum Ausstoß von Kohlenmonoxid und Stickoxiden.

VW sieht sich im Plan

Im Konzern und im Aufsichtsrat gibt man sich trotz der Verzögerungen betont gelassen. Sicher habe man sich einen anderen Start ins «Jahr des Rückrufs» gewünscht - aber letztlich sei man weiterhin im Plan, heißt es aus dem Kontrollgremium. Bisher gebe es keine Anhaltspunkte, dass sich der Rückruf bis 2017 hinziehen könne. «Wir gehen davon aus, dass der Rückrufprozess den weiteren Jahresverlauf 2016 in Anspruch nehmen wird», heißt es auch aus der Wolfsburger Konzernzentrale.

Also eigentlich alles gut? Fest steht, dass mit jedem verstrichenen Tag der ohnehin hohe Termindruck in den Werkstätten steigen dürfte. Fahrzeugbesitzer müssen sich also darauf einstellen, dass sie bei der Vereinbarung eines Rückruftermins erst einmal länger warten müssen.

Immerhin sollen in Deutschland rund 2,5 Millionen Autos in die Werkstatt. In ganz Europa sind es etwa 8,5 Millionen Wagen. Branchenexperten sprechen vom größten Rückruf der europäischen Autogeschichte, der Konzern blickt auf eine Riesen-Herausforderung.

VW-Händler ungeduldig

VW-Werkstätten sind vorbereitet
VW-Werkstätten sind vorbereitet © AG/Flehmer

«Das Ganze ist natürlich sehr ärgerlich», sagt etwa der VW-Händler Ernst-Robert Nouvertné aus Solingen. Bislang seien die Kunden aber ruhig. Um die Autos schnell und gesetzeskonform umrüsten zu können, hätten sich die Werkstätten gut vorbereitet. «Wir haben ein Team für den Rückruf gegründet: ein Meister und drei Mechaniker. Haben zusätzliche Geräte angeschafft. Wir sind bereit», betont er.

Ob die verbleibenden neun Monate ausreichen, um die gesamte Aktion abzuschließen, bezweifelt Nouvertné. «Die Zeit, die uns vorne fehlt, muss hinten wieder dran», erklärt er. Vom Konzern selbst gebe es auf Rückfragen von seiner Seite längst keine konkreten Zeitangaben mehr. «Abwarten. Wir arbeiten dran», laute die Antwort aus Wolfsburg.

Holpriger Rückruf-Start mit dem Amarok

Probleme gab es schon beim Amarok-Rückruf
Probleme gab es schon beim Amarok-Rückruf © VW

Für Volkswagen hatte die erste kleine Tranche des Rückrufs schon holprig begonnen. Ende Januar legte der Pick-up Amarok einen ungewollten Frühstart hin. Von den rund 8400 Autos konnten bislang immerhin etwa 75 Prozent überarbeitet werden, teilte der Konzern mit. In absoluten Zahlen heißt das aber auch: Von den rund 2,5 Millionen betroffenen deutschen Autos sind gerade erst einmal 6300 fertig.

Um den organisatorischen Aufwand zu bündeln, hat Volkswagen die Rückrufe nicht nach Fahrzeugmodellen, sondern nach Motoren geordnet. In einem Kundenbrief nannte der Konzern Mitte Februar für die Wagen mit 1,2 Litern Hubraum einen Beginn ab dem 30. Mai (Kalenderwoche 22). Die mittelgroßen Motoren mit 1,6 Litern Hubraum sind dann ab dem 5. September (Kalenderwoche 36) an der Reihe.

Bei den Letztgenannten muss nicht nur eine Software überspielt, sondern auch ein neues Gitternetz eingebaut werden. Europaweit sind rund 3,7 Millionen der kleinen Kunststoffrohre bestellt. Wie im aktuellen Fall muss Volkswagen aber auch bei den anderen Rückrufwellen immer die Erlaubnis des KBA abwarten. Im Aufsichtsrat und im Konzern gibt man sich optimistisch, dass die Freigaben «aufgrund der bisherigen Lerneffekte» schneller vonstatten gehen.

Passat mit Problemen an der Zentralelektrik

Neben den wegen Dieselgate betroffenen Fahrzeugen gesellen sich in Deutschland rund 63.000 jüngere Exemplare des Passat hinzu, die nichts mit dem Abgas-Skandal zu tun haben. Probleme an der Zentralelektrik sind der Auslöser der von VW bereits am Mittwoch bestätigten Aktion, die weltweit 177.000 Passat der Baujahre 2014/2015 trifft.

Am Donnerstag konnte Volkswagen nun auch die Zahl der betroffenen Wagen in Deutschland nennen. Von diesen 63.000 Fahrzeugen seien jedoch etwa 15.000 Stück schon im Rahmen der üblichen Inspektion auf das Problem geprüft worden, sagte ein Sprecher. Eine womöglich nicht korrekt sitzende Steckverbindung kann zum Ausfall des Motors führen.

Weltweit 750.000 VW Passat betroffen

Im Ernstfall erlischt dann möglicherweise nachts auch das Licht. Unfälle seien dem Autobauer im Zusammenhang mit dem Qualitätsproblem aber nicht bekannt. Der Leistungsabfall bei Bremskraftverstärker und Servolenkung sei nicht so eklatant, dass der Rückruf akut sicherheitsrelevant sei. Betroffene Halter bekommen bald Post, sie können auch vorher ihre Werkstatt kontaktieren. Das Auto müsse nicht stehengelassen werden, Fahrer sollten das Problem aber rasch klären.

Das Überprüfen der Steckverbindung in der Werkstatt dauere rund 20 Minuten. Die österreichische Nachrichtenagentur APA berichtete, dass dort 3270 Autos betroffen sind und davon bereits 70 Prozent in den Werkstätten waren. Betroffene Kunden erhielten vor zwei Wochen Post. 2014 verkaufte VW weltweit rund 750.000 Fahrzeuge der Passat-Familie. (dpa)



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