Greenpeace-Protest bei Premierenfeier des VW Golf VII

Klimaziel angeblich verfehlt

Präsentation des neuen VW Golf VII in Berlin.
Der VW Golf hat sich durchgesetzt. © AG/Mertens

VW hat den Golf VII mit viel Brimborium in Berlin vorgestellt. Doch nicht jeder wollte die Euphorie um das „Umwelt-Auto“ teilen. Die Weltpremiere wurde von Protesten von Greenpeace begleitet.

Von Frank Mertens

Der Star des Abends ließ endlos lange auf sich warten. Es dauerte fast eine Stunde, bis am Dienstagabend der neue VW Golf VII auf die Bühne in der Neuen Nationalgalerie in Berlin rollte, die Europas größter Autobauer extra für die Präsentation seines wichtigsten Modells ausgewählt hatte.

Doch bevor die 700 geladenen Gäste endlich den Siebener zu Gesicht bekamen, mussten sie sich noch einmal vorführen lassen, wie die sechs Generationen des seit 1974 gebauten Kompaktklassemodells aussahen. Ob das eine wirklich gute Idee war, sei dahingestellt. Denn der Betrachter konnte dabei erkennen, dass sich die ersten vier Generationen des Golfs recht deutlich voneinander unterschieden. Seit dem Golf V ist das anders. Seither muss man zweimal hinschauen, was sich denn nun zum Vorgänger verändert hat. "Der Golf bleibt halt der Golf", sagte VW-Designchef Walter de Silva.

Der Golf bleibt das wichtigste Auto

Zuviel gestalterischen Mut hat man sich beim Siebener dann halt wieder nicht getraut. Schließlich ist der Golf ein Absatzgarant für die Wolfsburger, die bis zum Jahr 2018 zum weltgrößten Autobauer aufsteigen wollen. Auf dem Weg dorthin soll der neue Golf mächtig Absatz machen. So, wie er es in den zurückliegenden 38 Jahren getan hat, in denen er sich weltweit mehr als 29 Millionen Mal weltweit verkauft hat. Die Generation Golf, die mittlerweile auch in die Jahre gekommen ist, will man nicht mit expressiven Design verschrecken. Dieses Auto soll sich auch weiter Generationen übergreifend verkaufen.

Angesichts dieser Absatzzahlen verwundert es nicht, dass VW sein neues Modell mit derart viel Brimborium in der Hauptstadt mit einiger Prominenz vorstellte. Darunter befand sich neben VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piech auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Trotz der Pleiten-, Pech- und Pannenserie um den neuen Hauptstadtflughafen ließ es sich der SPD-Politiker nicht nehmen, zu so etwas profanem wie einer Autovorstellung zu kommen.

Profan? Aber nein doch. "Die gesamte Automobilwelt schaut heute Abend hier nach Berlin", sagte VW-Chef Martin Winterkorn. Natürlich, so sagte Winterkorn weiter, stehe der Konzern mit seinen zwölf Marken auf vielen Standbeinen. Doch eines sei klar: "Das mit Abstand wichtigste Auto ist und bleibt der Golf." Dieses Auto müsse das Beste von Volkswagen verkörpern, sagte der VW-Boss und bezeichnete den neuen Golf dann auch als "technologische Speerspitze" und als "das Umwelt-Auto".

Protest von Greenpeace

Greenpeace protestierte bei der Weltpremiere des VW Golf 7. Er hätte seine Klimaziele verfehlt.
Greenpeace-Protest bei Premierenfeier dpa

Beim Gewicht sei er gleich um 100 Kilogramm leichter geworden und auch der Verbrauch konnte bis zu 23 Prozent im Zusammenspiel aller Spritsparmaßnahmen wie beispielsweise einer verbesserten Aerodynamik, Rekuperation und einem serienmäßigen Start-Stopp-System gesenkt werden. Das bedeutet, dass der neue Golf als 105 PS starker Diesel zum Marktstart auf einen Verbrauch von 3,8 Liter kommt, was einem CO2-Ausstoß von 99 g/km entspricht. Der zum Start verbrauchsgünstigste Benziner mit der 85 PS starken Basismotorisierung kommt auf 4,9 Liter (112 g/CO2).

Das sind Werte, die nicht schlecht sind. Aber nicht gut genug, wie die Umweltschutzorganisation Greenpeace findet. Deshalb haben am Dienstagabend rund 50 Aktivisten mit Plakaten ("Der neue Golf: Klimaziel verfehlt") vor der von der Polizei gut abgeschirmten Neuen Nationalgalerie demonstriert. "Dass das Einstiegsmodell des neuen Golf fast auf einen Verbrauch von fünf Litern kommt, ist ein kläglicher Wert", sagte Greenpeace Verkehrsexperte Wolfgang Lohbeck vor der Veranstaltung zur Autogazette. Ein Hersteller, der sich als Innovationsträger wie VW versteht, müsse Maßstäbe beim Klimaschutz sorgen. Dieses Ziel habe der Konzern trotz anderweitiger Beteuerungen mit seinem wichtigsten Modell nicht erfüllt. Bereits Wochen vor der Weltpremiere hatte Greenpeace vorgerechnet, dass es dem Konzern nach Auffasung der Klimaschützer beim Einbau der vorhandenen Technik möglich gewesen wäre, den Golf als Dreiliter-Auto mit einem CO2-Ausstoß von 80 g/km zu bauen.

VW von Wunschwert nicht weit entfernt

VW-Chef Martin Winterkorn bei der Weltpremiere des VW Golf VII.
VW-Chef Martin Winterkorn dpa

Dass VW von dieser Maximalforderung mit dem BlueMotion-Modell – es verbraucht 3,2 Liter und kommt auf einen CO2-Wert von 85 g/km – gar nicht so weit entfernt ist, hat auch Greenpeace erkannt. Aber gerade dieses Spritsparmodell wird erst im Frühjahr des kommenden Jahres auf den Markt kommen. "VW hätte sein Spritsparmodell gleich zum Marktstart anbieten müssen, nicht erst im kommenden Jahr. Ebenso wenig kann der Kunde ein Erdgasfahrzeug zum jetzigen Zeitpunkt bestellen, auch das wird es erst später geben", kritisierte Lohbeck. Warten ist auch beim sparsamsten Benziner im Golf angesagt, dem 1.4 TSI mit 140 PS und Zylinderabschaltung, der 4,8 Liter (CO2-Ausstoß 112 g/km) verbraucht.

Greenpeache fordert VW zudem auf, auch seine Basismodelle mit der besten Spritspartechnik auszurüsten, sie also als komplett BlueMotion-Fahrzeuge anzubieten und nicht nur in der abgespeckten Version als BlueMotionTechnology. An Europas größtem Autobauer müsse man besonders hohe Maßstäbe anlegen, wenn es um den Klimaschutz gehe, sagte Lohbeck. "Vor allem dann, wenn ein Unternehmen sich als großer Innovator hinstellt."

Länger und breiter geworden

Doch von der Kritik der Umweltschützer ließ sich die versammelte VW-Führungsspitze die Stimmung nicht verderben. Hier freute man sich vielmehr darüber, dass man ein Auto präsentieren konnte, dass auf dem Modularen Querbaukasten (MBQ) des Unternehmens basiert, dass dem Konzern deutliche Kosteneinsparungen beschert. Entsprechend kann der neue Golf auch zum gleichen Einstiegspreis wie der Vorgänger von 16.975 Euro angeboten werden. Ohne auf die Kritik von Greenpeace einzugehen, stellte Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg zufrieden fest, dass es gelungen sei den Verbrauch in der Baureihe um fast 14 Prozent zu reduzieren.

Dadurch würde europaweit der CO2-Ausstoß um 119.000 Tonnen pro Jahr gesenkt werden. Dass das noch viel mehr hätte sein können, wenn man gleich die ganze Bandbreite an alternativen Antrieben wie Hybrid, Elektro und Plug-in-Hybrid anzubieten hätte, sie dahingestellt. Dem Kunden dürfte das egal sein: er wird den Wolfsburgern auch diesen Golf wieder aus der Hand reißen, trotz der Absatzkrise in Europa. Er kann sich dabei auf einen Golf freuen, der zwar nicht großartig anders aussieht als sein Vorgänger, ihm dafür aber mehr Platz, Komfort und Sicherheit bietet. So wuchs der neue Golf in der Länge um 5,6 Zentimeter auf 4,255 Meter, in der Breite um 1,3 Zentimeter auf 1,799 Meter und auch der Radstand legte um 5,9 Zentimeter auf 2,637 Meter zu.

Vielzahl von Sicherheitssystemen

Das freut die Passagiere, die nun noch bequemer im Fond Platz nehmen können und über 1,5 Zentimeter mehr Kniefreiheit verfügen. Im Kofferraum lassen sich mit 380 Litern nun auch 30 Liter mehr Gepäck als beim Vorgänger unterbringen. Und wer im Golf Platz nimmt, erkennt am besten, dass seine Werte sich gerade im Innenraum wiederfinden. Die Verarbeitungsqualität und die Anmutung setzt hier durchaus Maßstäbe.

Und beim Thema Sicherheit sorgen eine Vielzahl von Fahrassistenzsystemen dafür, dass der Golf-Fahrer entspannter unterwegs sein kann. Da gibt es nicht nur einen Spurhalteassistenten, eine Müdigkeitserkennung, eine City-Bremsfunktion , einen proaktiven Insassenschutz (er spannt in einer Gefahrensituation die Sicherheitsgurte vor), sondern auch eine Adapative Cruise Control, die das Fahrzeug nicht nur automatisch abbremst, sondern bei Stop-and-Go selbsttätig anfahren lässt. Derartige Features finden sich mittlerweile aber teilweise auch bei den Mitbewerbern. Wie dem auch sei. Der neue Golf soll für den Konzern auf jeden Fall ein "weiterer Meilenstein auf unserem Weg an die Spitze" sein, wie VW-Boss Winterkorn sagte. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht, trotz aller Kritik an dem Bestseller aus Wolfsburg.