VW-Chef Müller: «Krise als Chance für die Zukunft»

Kein Marken-Verkauf geplant

Hans Dieter Pötsch (l.) Matthias Müller vor der VW-Pressekonferenz
Hans Dieter Pötsch (l.) Matthias Müller vor der VW-Pressekonferenz © dpa

Die lückenlose Aufklärung des Abgas-Skandals besitzt bei Volkswagen höchste Priorität. VW-Chef Matthias Müller will dabei den Führungsanspruch nicht aufgeben, ihn aber neu definieren.

Volkswagen will durch eine schonungslose Aufklärung des Abgas-Skandals neu aufgestellt in die Zukunft starten. „Es ist die größte Herausforderung, das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen“, sagte der VW-Vorsitzende Hans Dieter Pötsch auf einer Pressekonferenz am Donnerstag in Wolfsburg, „zugleich müssen wir unsere Machtposition verteidigen und die Zukunftssicherung des Konzerns sichern.“

Schonungslose Aufklärung

Neben den technischen Lösungen der manipulierten Fahrzeuge, die laut VW-Chef Matthias Müller das gesamte nächste Jahr in Anspruch nehmen werden, sollen „die verantwortlichen Personen zur Rechenschaft gezogen werden“, wie Pötsch ausführte. Der Aufsichtsratsvorsitzende geht dabei von einem kleinen Personenkreis aus und schloss dabei zwei Gremien aus. „Wir haben derzeit keine Erkenntnisse, dass Aufsichtsrat und Vorstand involviert sind.“

Allerdings müssen die zur Aufklärung beauftragten Unternehmen zunächst noch riesige Datenmengen sichern und analysieren. Pötsch sprach von Daten mit einer Größe von 102 Terrabyte, bisher 87 geführten Interviews sowie 1500 ausgewerteten elektronischen Datenträger. Insgesamt sind 450 Experten damit beschäftigt. Zur Hauptversammlung im April sollen Ergebnisse folgen. „Heute machen wir noch keine Aussagen über Personen. Bis zur Hauptversammlung gilt die Unschuldsvermutung.“

Führungsanspruch wird nicht aufgegeben

Müller zieht aus der Krise sogar positive Aspekte. „Die Krise ist definitiv auch eine Chance, die wir nützen werden. Die Neuausrichtung wäre früher oder später notwendig gewesen, denn wir müssen Volkswagen auf neue Anforderungen einstellen.“ Dabei soll die Strategie 2018, die vorsah, dass Volkswagen zum größten Autohersteller weltweit aufsteigt, durch die neue Strategie 2025 modifiziert werden. „Der Führungsanspruch wird nicht aufgegeben, aber anders definiert. Wir werden uns mächtig strecken müssen, haben aber das Potenzial dazu.“

Als wichtigste Punkte sieht Müller dabei die Digitalisierung, die Müller zur „Chefsache“ erklärte, und die Elektromobilität an. „Wir werden bis 2020 20 Plugin-Hybride und Elektrofahrzeuge auf den Markt bringen.“

Liquidität bei VW gegeben

Durch die zu erwartenden Schadenersatzforderungen und Strafen in den USA hat Volkswagen bereits ein Sparprogramm eingeleitet, dass unter anderem Einsparungen von einer Milliarde Euro pro Jahr vorsieht. „Zudem werden wir den Airbus verkaufen und mehr Bescheidenheit bei Messeauftritten vorleben. Auch die Gremien werden entschlackt. Wir werden uns aber nicht auf Kosten der Zukunft kaputtsparen“, sagte Müller.

Trotz der bevorstehenden Einbußen in Milliardenhöhe sieht sich Volkswagen gut aufgestellt. „Die Lage ist nicht dramatisch, aber angespannt“, so Müller. Über einen Verkauf von Marken wurde bisher nicht nachgedacht. „Wir sehen auch keine Notwendigkeit, uns mit dieser Frage zu beschäftigen.“ Allerdings schränkte der ehemalige Porsche-Chef ein, dass sie die zu erwartenden Strafzahlungen „erst einmal auf uns zukommen lassen.“ Die Liquidität sei aber gewährleistet.

Kritik an Winterkorn und Piech

Müller hatte bereits vor Wochen die Neuausrichtung eingeleitet, die auch vorsieht, dass den einzelnen Marken mehr Eigenständigkeit und Verantwortung übertragen wird. Zugleich bemüht sich Müller um eine neue Unternehmenskultur.

„Den Mutigen gehört die Zukunft bei Volkswagen“, sagte Müller und kritisierte damit indirekt die Führungskultur seines Vorgängers Martin Winterkorn sowie des ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piech. „Wir müssen offener diskutieren und auch streiten. Und wir als Verantwortliche müssen die neue Offenheit vorleben.“ (AG/TF)

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Der diplomierte Religionspädagoge arbeitete neben seiner Tätigkeit als Gemeindereferent einer katholischen Kirchengemeinde in Berlin in der Sportredaktion der dpa. Anfang des Jahrtausends wechselte er zur Netzeitung. Seine Spezialgebiete waren die Fußball-Nationalelf sowie der Wintersport. Ab 2004 kam das Autoressort hinzu, ehe er 2006 die Autogazette mitgründete. Seit 2018 ist er als freier Journalist unterwegs.