28. Februar 2007

«Unsere beste Antwort ist der Logan»

Jacques Rivoal
Jacques Rivoal © Foto: dpa

Jacques Rivoal hat für das zweite Halbjahr eine Produktoffensive angekündigt. Im Interview mit der Autogazette spricht der Vorstandsvorsitzende von Renault Deutschland über neue Modelle, Absatzziele und den Erfolg des Dacia Logan.




Der Dacia Logan übertrifft alle Absatzerwartungen. «Wir haben das Jahr schon mit dem Dacia Logan sehr erfolgreich gestartet. Schon im Januar haben wir 4000 Kaufanträge geschrieben. Beim Logan haben wir schon unsere Prognose nach oben hin geöffnet. Wir hatten mit 9000 Einheiten geplant, jetzt gehe ich von mindestens 15.000 Verkäufen aus», sagte Renault-Deutschlandchef Jacques Rivoal im Interview mit der Autogazette.


«2006 war kein schlechtes Jahr»

Autogazette: Herr Rivoal, Sie hatten 2004 als schlechtes Jahr für Renault bezeichnet. 2006 verlor Frankreich die WM, Formel-1-Weltmeister Alonso wechselte den Rennstall und weltweit wurde Ihr Unternehmen von Fiat überholt. War das vergangene Jahr noch schlechter als 2004?

Jacques Rivoal: Wir müssen zwischen Vertriebsergebnissen und finanziellen Ergebnissen trennen. Es stimmt, dass wir Marktanteile bei den Zulassungen in Europa verloren haben. Wir haben absichtlich bei den Kurzzulassungen und Autovermietungen auf ein paar Vertriebskanäle verzichtet, die wir als am wenigsten rentabel betrachtet haben. Dafür haben wir bei den Privatkunden zugelegt. Es war kein schlechtes Jahr.

Der Renault Clio
Der Renault Clio © Foto: Werk

Autogazette: In Deutschland ist der Marktanteil im vergangenen Jahr mit 173.000 verkauften Fahrzeugen von 5,0 auf 4,3 Prozent gesunken. Sie haben im vergangenen Jahr schon befürchtet, dass sich der Markt in Deutschland aufgrund der Erhöhung der Mehrwertsteuer nicht erholen wird. Im Januar ist der Marktanteil in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr bereits um weitere 0,5 Prozent gesunken. Ist es realistisch, in diesem Jahr überhaupt eine Trendwende zu schaffen?

Rivoal: Wir gehen von einem schwierigen ersten Halbjahr aus. Letztes Jahr hatten wir einen Vorziehungseffekt. Ich rechne damit, dass sich der Markt ab April positiv entwickelt und mit 3,3 oder 3,4 Millionen verkauften Einheiten in Deutschland insgesamt dann am Ende auf dem Niveau des Vorjahres bewegt. In diesem Umfeld wollen wir uns dann auch bewegen und ebenfalls das Vorjahresergebnis bestätigen.

Dacia Logan übertrifft Erwartungen

Autogazette: Mit dem neuen Twingo und dem neuen Laguna, die erst in der zweiten Jahreshälfte kommen werden, wollen Sie in Deutschland eine Trendwende auf dem für Renault zweitwichtigsten Markt nach Frankreich herbeiführen. Kommen die beiden Modelle für diese Ziele nicht etwas zu spät?

Rivoal: Wir haben das Jahr schon mit dem Dacia Logan sehr erfolgreich gestartet. Schon im Januar haben wir 4000 Kaufanträge geschrieben. Beim Logan haben wir schon unsere Prognose nach oben hin geöffnet. Wir hatten mit 9000 Einheiten geplant, jetzt gehe ich von mindestens 15.000 Verkäufen aus.

Autogazette: Das Einführungswochenende des Logan Kombi war im Januar. Stimmt es, dass an diesem Wochenende alle zur Verfügung stehenden Logan Kombi verkauft wurden?

Rivoal: Nicht ganz, aber die Dimension hat unsere Erwartungen übertroffen. Wir hatten erst nur mit 1000 Verkäufen geplant. Dass Erwartungen über 400 Prozent übertroffen werden, ist selten in der Automobilbranche. Und das macht Spaß. Wir sind dabei, zusätzliche Kontingente zu bekommen, um die Autos ausliefern zu können.

«Mehr Limousinen als im Vorjahr»

Der Dacia Logan MCV
Der Dacia Logan MCV © Foto: Werk

Autogazette: Wird der Dacia Logan Kombi die Limousine nicht verdrängen und den Kannibalismus im eigenen Hause fördern?

Rivoal: Sicher werden mehr Kombis verkauft. Die Überraschung ist, dass die Limousine ebenfalls vom Erfolg profitiert. Das hatten wir nicht erwartet, aber wir verkaufen jetzt mehr Limousinen als im Vorjahr.

Autogazette: Der Logan hatte einen sehr schwierigen Start in Deutschland. Ist die Marke knapp zwei Jahre später der große Hoffnungsträger für Renault?

Rivoal: Am Anfang hatte der Logan stark unter dem ungerechten Test des ADAC gelitten, den der Automobilclub aber später zurückgezogen hat. Der ADAC hatte sich daraufhin entschuldigt und zugegeben, einen Fehler gemacht zu haben. Heute ist es umgekehrt, Sie lesen nur positive Berichte. Und innerhalb von zwei Jahren bis zu 15.000 Autos pro Jahr zu verkaufen, das ist ein Erfolg. Wir werden sehen, wie sich die Marke mit der Ausweitung der Produktpalette entwickelt. Aber ich glaube, der Logan ist das richtige Auto zum richtigen Zeitpunkt. Das Auto passt heute in das wirtschaftliche Umfeld in Deutschland.

Haben neues Businessmodell erfunden«

Autogazette: Toyota plant jetzt ebenfalls ein Billigauto. Haben Sie mit dem Logan ein neues Segment erfunden?

Rivoal: Ja, ich glaube, wir haben ein neues Business-Modell erfunden. Mit dem Logan sprechen wir Leute an, die eine vernünftige Entscheidung beim Autokauf treffen wollen. Wir haben fast 80 Prozent neue Kunden für den Logan. Viele von diesen Kunden hatten sich zuvor noch nie einen Neuwagen gekauft. Und das sind nicht nur Menschen mit wenig verfügbarem Einkommen und sich deshalb für einen Logan entscheiden. Dabei war das Auto anfänglich gar nicht für diesen Markt vorgesehen, sondern nur für die Schwellenländer geplant. Aber wir sehen: Es gibt auch in Westeuropa eine Kundschaft für dieses Auto.

Autogazette: Während der Dacia Logan gefeiert wird, hat der Laguna immer noch ein Imageproblem, auch wenn die Qualität schon mit der letzten Generation gestiegen ist. Wie wollen Sie das Image im Bewusstsein der Kunden und Neukunden ändern?

Rivoal: Es stimmt, dass wir in der Vergangenheit Probleme hatten. Beim heutigen Laguna ist alles in Ordnung, er gehört zu den besten Fahrzeugen in seinem Segment. Der neue Renault Laguna ist der Beweis des Aufbruchs von Renault in punkto Qualität. Qualität gehört neben Profitabilität und Wachstum zu den drei Bausteinen des «Vertrags 2009». Wir wollen mit dem Laguna unter die Top drei in Bezug auf die Qualität.

»Natürlich wollen wir Volumen machen«

Der Renault Laguna
Der Renault Laguna © Foto: Werk

Autogazette: In Deutschland muss sich der Laguna mit einer sehr starken Konkurrenz auseinandersetzen. Mercedes hat die C-Klasse gerade neu eingeführt, im nächsten Jahr wird es einen neuen Audi A4 geben. Hinzu kommt noch der Passat. Da müssen doch die Erwartungen klein gehalten werden ...

Rivoal: ...es ist noch zu früh, um über konkrete Absatzziele zu reden. In guten Jahren hatten wir 30.000 alte Laguna verkauft. Natürlich wollen wir auch mit dem neuen Laguna Volumen machen.

Autogazette: Wie hoch schätzen Sie die Chancen ein, in diesem Jahr zum 16. Mal in Folge seit 1991 auch wieder stärkster Importeur in Deutschland zu werden, und nicht von Toyota überholt zu werden?

Rivoal: Das ist kein Ziel an sich. Wir wollen profitabel wachsen. Natürlich hat die Position als stärkster ausländischer Anbieter einen gewissen Wert, den wir aber nicht um jeden Preis erreichen wollen. Zudem haben wir in diesem Jahr ein Übergangsjahr. Wir werden im zweiten Halbjahr unsere Produktoffensive starten und 2008 ein Neuheiten-Feuerwerk abfackeln.

Autogazette: Ist dann 2007 im Hinblick auf den «Vertrag 2009» ein wichtigeres Jahr als das kommende, oder ist der Erfolg in 2008 wichtiger?

Rivoal: In punkto Stückzahlen wird 2008 wichtiger sein als 2007, und 2009 wichtiger als 2008. 2007 ist aber trotzdem ein entscheidendes Jahr, weil wir unsere Produktoffensive starten. Es ist aber auch das schwierigste Jahr im Rahmen des »Vertrages 2009«, da wir spät starten.

26 Modelle bis 2009

Carlos Ghosn
Carlos Ghosn © Foto: dpa

Autogazette: Renault-Nissan-Chef Carlos Ghosn hat bis zum Jahr 2009 die Devise ausgegeben, 800.000 Einheiten pro Jahr zu verkaufen. Im vergangenen Jahr sank der Absatz um 100.000 Fahrzeuge. Ist dieses Ziel nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt?

Rivoal: Das Ziel bleibt. Wir werden bis 2009 insgesamt 26 neue Modelle eingeführt haben. Einen wichtigen Teil wird der Logan weltweit beitragen.

Autogazette: Ghosn erklärte den Rückgang mit einem schwachen europäischen Markt und hohen Rohstoffkosten. Beide Umstände werden sich auch in diesem Jahr nicht ändern. Dann muss sich also bei Renault etwas ändern, um die Wende einzuleiten...

Rivoal: ...wir leiden natürlich an diesen externen Faktoren, aber es ist unmöglich, gestiegene Rohstoffpreise weiterzugeben. Wir müssen intern die Kosten im Griff behalten. Dabei können wir beim Einkauf bereits gute Ergebnisse vorweisen.

»Logan verkauft sich ohne Rabatt«

Autogazette: Sie setzen dabei in Zukunft verstärkt auf Privatkunden. Wollen Sie dieses Klientel mit Rabatten locken oder reicht die Qualität der Modelle aus?

Rivoal: Wir setzen auf gute und attraktive Autos, die den Geschmack der Kunden treffen. Trotzdem müssen wir agieren. Wir sind aber schon seit Jahren mit Leasing-Aktionen aktiv und bieten diverse Finanzierungen mit Versicherungen - zum Beispiel bei einer eintretenden Arbeitslosigkeit - an. Unsere beste Antwort ist der Logan: Das Auto verkauft sich ohne Rabatt.

Autogazette: Ist unter den angekündigten 26 neuen Modellen bis 2009 auch ein neuer Vel Satis?

Rivoal: Wir werden neue Modelle in dieser Preiskategorie ab 27.000 Euro anbieten. Acht von den 26 Modellen liegen in diesem Segment. Da aber die deutschen Modelle im Premiumbereich dominieren, werden wir keinen klassischen Nachfolger anbieten, sondern mehrere Nischenmodelle.

»Schnelle Entscheidungen möglich«

Autogazette: Nissan und Renault hatten im vergangenen Jahr zum Teil starke Absatzverluste hinnehmen müssen. Wie bewerten Sie die Doppelrolle von Ghosn? Ist sie in diesen Zeiten eher hinderlich oder förderlich?

Rivoal: Es ist eine Frage des Managements und der Organisation. Die Tatsache dass Carlos Ghosn beide Unternehmen führt, macht schnelle Entscheidungen möglich. Es hat Vorteile für die Allianz.

Autogazette: Erst wurde die Verschmelzung mit GM versucht, ein knappes halbes Jahr später erklärt Ghosn, dass »jedes Unternehmen zuerst auf sich schauen« müsse. Konzeptionell klingt das nicht…

Rivoal: Die Initiative zu einer Allianz mit GM kam seinerzeit nicht von uns. Grundsätzlich sind wir der Meinung, dass die Idee einer Allianz mit einem amerikanischen Partner sinnvoll sein könnte. Aber zurzeit müssen wir uns auf die Erreichung unserer Ziele konzentrieren.

Autogazette: Wäre nicht gerade der Einstieg in den US-Markt und in den Boommarkt China ein Baustein, den »Vertrag 2009« zu erfüllen, zumindest was das Wachstum betrifft?

Rivoal:

Der Megane
Der Megane © Foto: Werk

Wir waren früher in Nordamerika vertreten, derzeit aber nicht. Es gibt aber keine kurzfristige Absicht, nach Amerika zurückzukehren. In China sind wir gerade dabei, zu analysieren und zu sondieren. Da wollen wir hin, haben aber durch Nissan bereits einen Fuß in der Tür. Wir haben aber noch andere Prioritäten wie Indien und Südamerika, sowie Korea und Russland. Auch der Iran ist ein wichtiger Markt.

Im SUV-Segment Präsenz zeigen

Autogazette: Renault hat für das kommende Jahr einen Crossover angekündigt. Sie erreichen mit Ihrer Flotte fast den Grenzwert von 140 Gramm CO2-Ausstoß pro gefahrenen Kilometer. Passt ein solches Fahrzeug in die Firmenideologie?

Rivoal: Mit 148 Gramm CO2-Ausstoß pro Kilometer sind wir einer der führenden Hersteller. Damit beweisen wir unsere Verantwortung für diesen Bereich. Auf der anderen Seite explodiert zurzeit der Bedarf an SUV und 4 x 4 in Europa. Es ist das Segment, das sich am meisten entwickelt hat. Da müssen wir dabei sein.

Autogazette: Ist es nicht gar kontraproduktiv, einerseits zu sagen, wir möchten ab 2008 eine Million Fahrzeuge mit einem CO2-Ausstoß von 140 Gramm pro Kilometer verkaufen, von dem ein Drittel gar nur bis zu 120 Gramm CO2 ausstoßen soll. Auf der anderen Seite wird ein Spritschlucker angekündigt...

Rivoal: ...da wir nach allen Mitbewerbern mit einem SUV kommen, wollen wir versuchen, einen sauberen 4 x 4 anzubieten.

Autogazette: Wie kann diese saubere Lösung aussehen?

Rivoal: Das werden wir im nächsten Jahr beweisen.

Autogazette: Wie schaut es mit einem Hybridantrieb aus?

Rivoal: Hybrid ist eine Möglichkeit als Beitrag zum Umweltschutz. Wir versuchen aber, Hybrid nicht zu fokussieren, sondern sehen mehrere Möglichkeiten. Wichtig ist die bezahlbare Technologie. Ein Hybridauto kostet drei- oder viertausend Euro mehr. Die Kunden sind zumeist nicht bereit, diesen politischen Preis zu zahlen. Wir sind aber bereits vorbildlich in der effizienten Dieseltechnologie. Das ist die beste kurzfristige Antwort. Der günstigste Dieselmotor von Renault weist 115 Gramm CO2-Ausstoß auf, der Toyota Prius mit Hybrid 104 Gramm, kostet aber viel mehr. Unsere besten Dieselmotoren sind effizienter als ein Hybridauto.

Autogazette: Sie setzen also auf Dieseltechnologie bis irgendwann die Brennstoffzelle kommt?

Rivoal: Wir setzen auf alle Technologien, weil wir nicht wissen, welche Technologie sich kurz- und mittelfristig - auch durch gesetzliche Vorgaben - durchsetzt.

Autogazette: Fernando Alonso hat Renault verlassen. Sicher gab es durch die beiden Weltmeisterschaften einen positiven Effekt auch für den Verkauf…

Rivoal: …dieses eins zu eins zu messen ist unmöglich. Es gibt aber eine langfristige Resonanz für das Image der Marke zum einen in der Sportlichkeit, zum anderen in der Anerkennung der Technologie. Es ist aber auch wichtig für unsere Präsenz in den Ländern, in denen wir gerade starten. Das ist die beste Werbung. Die Leute kennen Renault zuerst durch den Erfolg in der Formel 1.

Das Interview mit Jacques Rivoal führte Thomas Flehmer



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