1. Mai 2015

Exakte Karten für autonomes Fahren Das Navigationsgerät schaut um die Ecke

Ohne exakte Karten kein autonomes Fahren
Ohne exakte Karten kein autonomes Fahren © Nokia Here

Ohne exaktes Kartenmaterial ist autonomes Fahren nicht möglich. Hersteller wie TomTom oder Nokia Here arbeiten mit Nachdruck an exakte Karten – und kooperieren eng mit den Autobauern.




Autonomes Fahren ist ein ganz großes Zukunftsthema der Autoindustrie. Alle wollen dabei sein. Selbst artfremde Konkurrenz wie Google oder vielleicht sogar Apple, werfen ihre speziellen Kompetenzen in die Waagschale. Auch wenn Kritiker einwenden mögen, hier werde gerade wieder um das robotorisierte Fortkommen ein Hype entwickelt, wie noch vor ein paar Jahren um die erwarteten Segnungen der Elektromobilität.

Fakt ist, dass alle wichtigen Hersteller Fahrzeuge im Versuch haben, bei denen der Fahrer künftig die sichere Fortbewegung der Technik überlassen kann. Nicht zuletzt, weil durch die immer erschwinglicher werdenden Fahrerassistenzsysteme die dafür notwendigen Bausteine bereits vorhanden sind. Aber selbst dann, wenn ein Fahrzeug umsichtig selbst lenkt, bremst, überholt und abbiegt: Es muss immer noch wissen, wo es hin will und wie es effizient dahin kommt.


Genaue Straßenkarten ein Muss

Hier kommen die Experten für Navigation wieder ins Spiel. Nach Jahren der Stagnation und sinkender Umsätze bei den einst so begehrten tragbaren Navigationsgeräten - auch, weil sich immer mehr Autofahrer von der Navi-Anwendung ihres Smartphones lotsen lassen -, schlägt nun die Stunde der Hersteller exakter, ständig aktualisierter Straßenkarten. Außerdem bieten Branchengrößen wie Garmin, TomTom oder Nokia Here zusätzlich Stauwarnungen mit alternativen Routenvorschlägen sowie lokale Wetterberichte, die sich in die Algorithmen, die das autonome Verhalten des Autos steuern, zukünftig einarbeiten lassen.

So entstehen auch neue Partnerschaften unter den Zulieferern wie zwischen Continental und Nokia. Am Beispiel des niederländischen Unternehmens TomTom lässt sich beobachten, wie ein Navigationsspezialist mit seinen Lösungen auf den zukünftigen Kurs der Mobilität einschwenkt.

Strategische Allianzen

TomTtom gehört zu einem der größen Navi-Anbieter
TomTtom gehört zu einem der größen Navi-Anbieter © TomTom

Auch TomTom schließt strategische Allianzen. Nicht nur werden die Niederländer künftig ihre Verkehrsinformationen den Marken Volkswagen und Audi zur Verfügung stellen. Auch die neuen Smarts werden mit diesem Navigationssystem unterwegs sein. Mehr noch: mit den Forschern des VW-Konzerns hat man einen Kooperationsvertrag geschlossen, um gemeinsam ein digitales Kartenwerk zu schaffen. Die Lotsen stellen ihr Know-how über Kartenherstellung zur Verfügung, der Automobilhersteller seine Entwicklungen im Bereich automatisiertes Fahren oder Highly Automated Driving (HAD) wie es die Fachleute nennen.

Auch mit Bosch wurde kürzlich eine Partnerschaft vereinbart. Hier wird TomTom seine Navigationstechnologie in den Dienst der Entwicklung hochautomatischer Fahrerassistenzsysteme (Advanced Driver Assistance System/ADAS) stellen. Dazu gehören als Ziele beispielsweise ein intelligenter Tempomat, Warnungen vor Staus oder voraus liegenden Kurven, die an Hand von Echtzeit-Daten noch mehr Unterstützung für den Fahrer bieten sollen.
Im Vergleich zu den Roboterautos, die gerade selbst fahren lernen, blicken die Navi-Profis auf mittlerweile 25 Jahre Erfahrung zurück. Neben der Fülle digitalisierter Karten und der Nutzung satellitengestützter Navigation seit 2000 sammeln Hersteller wie TomTom auch laufend enorme Datenmengen über Verkehrssituationen. Der jährlich erscheinende Verkehrsindex vergleicht die Auswirkungen der Verkehrsbelastung in über 200 Städten weltweit. Die Daten zeigen, dass der abendliche Berufsverkehr zu einer Verdoppelung der Fahrzeit führt.

Im letzten Jahr hat beispielsweise ein durchschnittlicher Pendler mit einer einfachen, täglichen Strecke von 30 Minuten zusätzlich 100 Stunden in der abendlichen Rushhour ausharren müssen. Metropolen wie Istanbul und Los Angeles führen diesen Negativindex an, in Deutschland steht Stuttgart an der Spitze des Rankings. Die Situationsdaten, die Tomtom von Millionen von Fahrzeugen erhält, belegen aber auch am Beispiel München wie der Lokführerstreik Anfang November 2014 den Pendlern an neuralgischen Punkten noch mehr Geduld abverlangte.

Fünf Milliarden Verkehrsmessungen täglich

Natürlich ist der Zugriff auf diese Datenbank ebenso attraktiv wie Verkehrszeichen- und Ampelerkennung oder das rasche Errechnen von sinnvollen Stauumfahrungen und ihrer Dauer. Fünf Milliarden Verkehrsmessungen werden pro Tag erstellt, dazu kommen noch 200.000 Kartenänderungen pro Monat.

Doch für Jan-Maarten de Vries, Automotive-Geschäftsführer bei Tomtom, liegt der Vorteil der hauseigenen Technologie vor allem im Nutzen für die Zukunft des automatisierten Fahrens. Neben Fragen der Haftung und des Datenschutzes, die es zügig zu klären gilt, steht für de Vries fest, dass autonome Fahrzeuge, die von modernen Navigationssystemen geleitet werden, den Verkehr sicherer und wirtschaftlicher machen: „Jeder vermeidbare Stau erhöht den CO2-Ausstoss."

Details, die TomTom mit seinen Messgeräten zur Verfügung stellen kann, spielen hier ebenfalls eine wesentliche Rolle wie zum Beispiel die 3D-Geometrie von Straßen, die exakte Berechnung der Breite einer Fahrspur und die kontinuierliche, präzise Lokalisierung eines Fahrzeugs auf seiner Strecke. Wichtige Etappen auf dem noch langen Weg zum völlig selbstständig fahrenden Auto sind für den Manager nicht nur der intelligente Abstandsregler und der Stauassistent.

„Die Krux ist der Moment der Übergabe zwischen Fahrer und Fahrzeug. Obwohl er von dem künftigen Technologienmix immer mehr Unterstützung erhalten wird, muss der Fahrer weiterhin nicht nur unmittelbare Verkehrssituation kontrollieren können." Den Horizont des Autolenkers nach vorne durch zusätzlich eingespielte Verkehrs- und Wetterinformationen zu erweitern, gehört ebenfalls zum neuen Geschäftsfeld von TomTom. „Wir erleben gerade ein Paradigmenwechsel, der ganz neue Fragen aufwirft. Sind Computer die besseren Autofahrer? Was ist mit der individuellen Freude am Autofahren? Und was machen wir beim Fahren, wenn wir uns dereinst ablenken lassen dürfen?" (SP-X)



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