7. September 2015

Smart-Chefin Annette Winkler «Erfolg ist relativ, nicht absolut»

Annette Winkler ist seit fünf Jahren Smart-Chefin. Fotos ▶
Annette Winkler ist seit fünf Jahren Smart-Chefin. © Daimler

Smart ist in den ersten acht Monaten des Jahres um fast 30 Prozent gewachsen. Marken-Chefin Annette Winkler spricht im Interview über den Absatz, China und darüber, weshalb man die Produktion des E-Smart unterbrochen hat.




Die Daimler-Tochter Smart zeigt sich trotz der Konjunkturschwäche in China mit Blick auf seine dortigen Absatzziele weiterhin optimistisch. Wie Markenchefin Annette Winkler im Interview mit der Autogazette sagte, halte sie nach wie vor an ihrem Ziel fest, dass China in zwei bis drei Jahren Deutschland als wichtigsten Markt abgelöst haben wird. «Wir haben nichts zurückzunehmen. Wir spüren von dieser Kaufzurückhaltung bislang nichts. Deshalb bleibt es bei meiner Aussage», sagte die Managerin.


Kleine Delle in China erwartet

Winkler rechnet nach den 17.800 im Vorjahr abgesetzten Einheiten in China in diesem Jahr aber «mit einer kleinen Delle bei den Absatzzahlen». Dies liege aber nicht an der Kaufzurückhaltung, sondern am Modellwechsel. «Die Markenkraft und die Zielgruppe für Smart ist vorhanden. Die Marke passt super nach China. Der neue Fortwo ist dort gerade auf den Markt gekommen, danach folgt der Forfour, voraussichtlich Anfang kommenden Jahres», sagte Winkler.

«Die dreimalige E-Marktführerschaft ist ein Fakt»

Die Produktion des E-Smart wurde unterbrochen
Die Produktion des E-Smart wurde unterbrochen © Daimler

Autogazette: Frau Winkler, Smart hat sich in den zurückliegenden drei Jahren gelobt, in Deutschland Marktführer bei den vollelektrischen Autos zu sein. Nun haben Sie die Produktion des Smart electric drive still und leise beendet. Waren die Verkaufszahlen zu ernüchternd?

Annette Winkler: Still und leise? Davon kann keine Rede sein. Wir haben immer gesagt, dass wir den neuen Elektro-Smart erst Ende 2016 bringen, weil wir in unserer Fabrik im französischen Hambach die volle Konzentration auf den Produktionsanlauf unserer zwei neuen Modelle, Fortwo Coupé und Cabrio, richten müssen. Die Unterbrechung der Produktion wurde notwendig, um den Anlauf der neuen Baureihe 453 in den wichtigen Überseemärkten China und USA sicherstellen zu können. Das haben wir immer offen kommuniziert. Und was heißt da übrigens «wir hätten uns gelobt»: die dreimalige E-Marktführerschaft ist ja ein Fakt.

Autogazette: Aber Sie unterbrechen die Produktion bereits fast eineinhalb Jahre, bevor der neue Elektro-Smart auf den Markt kommt...

Winkler: . . . genau deshalb haben wir elektrische Smart vorproduziert.

«Eine vierstellige Stückzahl auf Vorrat gebaut»

Autogazette: Wie viele Autos haben Sie denn vorproduziert?

Winkler: Wir haben die zu erwartenden Bedarfe vergangenes Jahr in unseren Märkten abgefragt und dementsprechend dieses Jahr eine vierstellige Stückzahl an Fahrzeugen auf Vorrat gebaut, die sehr stark nachgefragt werden.

Autogazette: Was sagen Sie Kunden, die jetzt einen E-Smart haben wollen?

Winkler: Neufahrzeuge gibt es – wie gesagt - nur noch vorkonfiguriert. Bestandskunden versuchen wir, eine großzügige Übergangslösung für die Verlängerung ihres Leasings anzubieten; eventuell kann das für eine Übergangszeit auch ein Smart mit Verbrennungsmotor sein.

Autogazette: Laufen Sie nicht Gefahr, Kunden zu verlieren? Sie können Ihnen derzeit bis auf einige vorproduzierte Autos keine E-Smarts anbieten.

Winkler: Wenn der Kunde ausschließlich ein elektrisches Fahrzeug haben will, haben wir neben den vorproduzierten Autos zusätzlich noch die Möglichkeit, ihm mit einem unserer jungen gebrauchten Smart ed zu helfen. Es gibt viele Möglichkeiten, die aktuelle Aufregung kann ich nicht nachvollziehen. Vom Erfolg des jetzigen Elektro-Smart hätte ich gern genauso viel gelesen, wie in den letzten Wochen über die Produktionsunterbrechung.

«Waren drei Jahre in Folge Marktführer in Deutschland»

Der Smart Fortwo
Der Smart Fortwo © Daimler

Autogazette: Dann lassen Sie uns über den Erfolg sprechen: 2014 wurden in Deutschland 1665 Elektro-Smart neu zugelassen, seit Start der ersten Generation im Jahr 2007 waren es 4700 Einheiten. Sehen so Erfolgsgeschichten aus?

Winkler: Wenn ein Markt massiv zurück geht oder nicht so in die Gänge kommt, wie das vor ein paar Jahren vorausgesagt wurde und ich setze dennoch die prozentual höchste Stückzahl ab, dann war ich erfolgreich. Erfolg ist relativ, nicht absolut. Wir waren drei Jahre in Folge Marktführer in Deutschland. Natürlich haben wir alle erwartet, dass sich die Elektromobilität schneller entwickeln wird. Aber mit unserem Fahrzeug konnten wir mehr Kunden überzeugen als es manchem Wettbewerber gelungen ist.

Autogazette: Vor einigen Wochen ist in Berlin der Elektro-Gipfel ohne Ergebnis zu Ende gegangen. Eigentlich hatte die Autobranche eine Sonder-Afa für gewerblich genutzte E-Autos erwartet, sie kommt vorerst nicht. Sind Sie arg von der Politik enttäuscht?

Winkler: Ich bin immer noch davon überzeugt, dass sich die Elektromobilität in der Stadt durchsetzen wird, ganz einfach weil immer mehr Menschen eine gesunde Umwelt fordern und nicht akzeptieren werden, wenn sich in großen Städten die Luftqualität immer weiter verschlechtert. Politik sollte dem folgen, was die Menschen sich wünschen. Man sieht ja in Ländern wie Norwegen, dass es anders geht, dass Elektromobilität an Fahrt aufnimmt, wenn eine aufgeschlossene Haltung besteht, die mit vielen kleinen und großen, konkreten Aktivitäten erlebbar wird.

«Die Sonder-Afa wäre ein wichtiger Baustein»

Das Cabrio des Smart Fortwo
Das Cabrio des Smart Fortwo © Daimler

Autogazette: Niedersachsen genauso wie Baden-Württemberg haben gerade eine Gesetzesinitiative für eine Sonder-Afa im Bundesrat auf den Weg gebracht. Glauben Sie, dass es zu einer Sonder-Afa kommen wird?

Winkler: Da wage ich keine Prognose, auch wenn eine solche Sonder-Afa sehr wünschenswert wäre, um die Elektromobilität endlich voranzubringen. Wenn man ein Ziel erreichen will, kann man es auf mehreren Wegen erreichen. Deshalb will ich nicht alles nur an der Sonder-Afa fest machen. Es geht um eine Haltung. Wenn die Menschen spüren, dass dieses Land, die Politik, die Elektromobilität haben will, entwickelt sich etwas. Die Sonder-Afa wäre ein wichtiger Baustein, doch auch die Infrastruktur muss weiter ausgebaut werden, es muss die Möglichkeit geben, Busspuren zu nutzen, es muss kostenlose Parkflächen geben usw. usw.

Autogazette: Trotz eines Elektromobilitätsgesetzes kommen aber auch selbst diese Dinge nicht ins Laufen...

Winkler: Oh doch, sie kommen in verschiedenen Ländern und Regionen sehr stark ins Laufen. Schauen sie sich doch nur Norwegen an. Dort wird Elektromobilität gelebt – und das nicht nur mit Blick auf finanzielle Fördermaßnahmen. Ich komme gerade aus den USA, war in Portland. Unser Händler dort berichtete mir, dass ein Drittel seines dortigen Absatzes Smart electric drive waren. In den USA haben wir im Vorjahr vom Gesamtabsatz von 10.453 Einheiten allein ein Viertel Smart ed abgesetzt. Welcher Hersteller kann schon von sich behaupten, ein Viertel seines Gesamtabsatzes in einer Region mit E-Autos bestritten zu haben?

Autogazette: Sehen Sie einen ernsthaften Willen der Regierung, das Ziel von einer Million E-Autos bis 2020 erreichen zu wollen?

Winkler: Es ist nie zu spät! Wenn man eine Million Elektroautos bis 2020 haben will, dann muss ein Land auch spüren, dass man ein solches Ziel wirklich erreichen will. Wie gesagt: Natürlich ist die Sonder-Afa wichtig, aber genauso wichtig ist der Ausbau der Ladeinfrastruktur, die Schaffung und Bereitstellung ausreichend grünen Stroms und vieles mehr. Aber ich würde es nicht nur auf die Bundesregierung schieben, ebenso wichtig ist das Engagement der Gemeinden, der Kommunen. In Stuttgart gibt es bereits positive Tendenzen: hier können E-Autos in der Stadt frei parken.

«Wir glauben an die Elektromobilität»

Der Forfour von Smart
Der Forfour von Smart © Daimler

Autogazette: Welche Absatzplanungen haben Sie mit Blick auf den neuen E-Smart?

Winkler: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Aber wir glauben an die Elektromobilität und haben deshalb unsere Fabrik in Hambach darauf ausgerichtet: Der Smart mit Verbrennungsmotor und der Smart mit Elektroantrieb werden auf dem gleichen Band gefertigt, wir können die Stückzahlen sehr kurzfristig zwischen beiden Antriebsarten verteilen. Damit können wir äußerst flexibel auf Marktentwicklungen reagieren.

Autogazette: Und das nicht nur mit Blick auf Deutschland...

Winkler: Genau. Wenn wir beispielsweise in China nur in einer der Millionen-Städte die Genehmigung bekommen würden, unseren Smart electric drive mit den Sondervorteilen für « New Electric Vehicle» anbieten zu können, dann kann man sich vorstellen, welche Stückzahlen auf einmal benötigt werden. Doch bisher ist es so, dass diese Sondervorteile nur lokal produzierten Fahrzeugen zu Gute kommen.

Autogazette: Dass der E-Smart in China produziert wird, dürfte allein schon wegen der geringen Stückzahlen nicht geplant sein?

Winkler: Nein, das bleibt alles in Hambach bzw. für den Forfour in Slowenien. Wir werden aber der einzige Hersteller sein, der sein gesamtes Produktportfolio auch elektrisch anbieten wird – Fortwo Coupé, Fortwo Cabrio und Forfour.

Autogazette: Sie dümpelten in den Vorjahren bei einem Absatz um die 100.000 Einheiten dahin. Jetzt liegt Smart nach acht Monaten mit einem Zuwachs von 29,4 Prozent bei 77.768 Einheiten. Wie deutlich über 120.000 Einheiten wollen Sie das Jahr beenden?

Winkler: Von «herumdümpeln» kann ja wohl überhaupt keine Rede sein. Wie Sie wissen, waren die stabilen Absätze der letzten Jahre ein wirklich guter Erfolg für unseren Smart Fortwo, der praktisch keinen Lifecycle-Effekt gezeigt hat. Unsere aktuellen Absatzzahlen sehen klasse aus, insbesondere in Europa, wo wir die neuen Zwei- und Viersitzer-Smart nun komplett eingeführt haben, bereiten diese uns Freude. Man sieht, dass die neuen Modelle bei den Kunden ankommen. Wir sind zuversichtlich, mit einem sehr guten Ergebnis das Jahr zu beenden. In China wurde der Smart im August eingeführt, die USA folgen im September. Diese beiden wichtigen Märkte werden uns zusätzlich beflügeln. Aber konkrete Absatzerwartungen nenne ich, wie Sie das von uns kennen, nicht.

«Wir haben nichts zurückzunehmen»

Annette Winkler auf den Smart Times in Budapest
Annette Winkler auf den Smart Times in Budapest © Daimler

Autogazette: Sie gehen davon aus, dass China in zwei bis drei Jahren Deutschland als wichtigsten Absatzmarkt für Smart abgelöst haben wird. Müssen Sie dieses Ziel angesichts des Konjunktureinbruchs in China zurücknehmen?

Winkler: Nein, wir haben nichts zurückzunehmen. Wir spüren von dieser Kaufzurückhaltung bislang nichts. Deshalb bleibt es bei meiner Aussage.

Autogazette: In 2014 lag der Absatz in Deutschland bei 22.400 Einheiten, in China bei rund 17.800 Einheiten. Werden Sie diese Absatzzahl in China auch angesichts des Modellwechsels erneut erreichen können?

Winkler: Sicherlich nicht. Aber das liegt nicht an der Kaufzurückhaltung, sondern am bevorstehenden Modellwechsel. Hier rechne ich mit einer kleinen Delle bei den Absatzzahlen. Die Markenkraft und die Zielgruppe für Smart ist vorhanden. Die Marke passt super nach China. Der neue Fortwo ist dort gerade auf den Markt gekommen, danach folgt der Forfour, voraussichtlich Anfang kommenden Jahres

Autogazette: Sie haben bei den Smart Times 2015 in Budapest gerade das neue Cabrio präsentiert. Mit welchem Anteil an den Verkäufen rechnen Sie?

Winkler: Wir sprechen ja nicht über Verkaufsprognosen. Was ich Ihnen sagen kann: wir haben bisher über 220.000 Smart Cabrios verkauft, das sind rund 15 Prozent unseres Absatzes. Und das neue Cabrio ist so schön geworden, dass ich davon ausgehe, es wird sich ähnlich gut verkaufen wie seine Vorgänger.

Autogazette: Sie stehen jetzt fünf Jahre an der Spitze von Smart. Gibt es etwas, worauf Sie besonders stolz sind?

Winkler: Ich bin stolz darauf, dass wir, wie angekündigt, zwei neue Modelle mit den typischen Smart-Genen auf den Markt gebracht haben. Da gab es Fragezeichen, ob uns das gelingen wird. Doch noch ein wenig mehr bin ich stolz darauf, wie wir es geschafft haben, den berühmten „Smart Spirit“ zu stärken. Das konnte man gerade jetzt bei den Smart Times sehen, wie begeistert die Menschen von dieser Marke und ihren Fahrzeugen sind.

Autogazette: Welche Vision haben Sie für die Marke Smart?

Winkler: Smart soll DAS Auto für die urbane Mobilität sein: es ist vernetzt, wir wollen um das Auto herum weitere Services bieten, die den Menschen in den Städten mehr Lebensqualität bringen.Wir haben noch so viele Ideen, mit denen wir das Auto in ein Ökosystem von Services integrieren werden. Vielleicht gibt es in sehr ferner Zukunft ja sogar einmal autonom oder teilautonom fahrende Flotten in unserem Carsharing-Unternehmen car2go. Die Menschen sollen sagen, dass kein anderer Autohersteller das Leben in der Stadt so gut versteht und so stark erleichtert wie Smart. Das ist meine Vision.

Das Interview mit Annette Winkler führte Frank Mertens



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