16. Februar 2017

Leiter Sonderprojekte Motorsport bei Schaeffler «Formel E keine direkte Konkurrenz zur Formel 1»

Simon Opel (Mitte) mit dem Abt Schaeffler Audi Sport-Team
Simon Opel (Mitte) mit dem Abt Schaeffler Audi Sport-Team © Schaeffler

Die Formel E absolviert bereits ihre dritte Saison. Vor dem dritten Lauf in Buenos Aires sprach Simon Opel, Leiter Sonderprojekte Motorsport bei Schaeffler, im Interview mit der Autogazette über die Aussichten der neuen Rennserie sowie deren Auswirkungen auf die Elektromobilität.




Vor dem dritten Lauf der Formel E in Buenos Aires am Samstag muss das Team Abt Schaeffler Audi Sport den Rückstand auf den bisher zwei Mal dominierenden Sebastien Buemi vom Team Renault verkürzen. «Wir haben die Technik und zwei starke Fahrer, die die Technik und das Energiemanagement verstehen. Darum werden wir in dem einen oder anderen Rennen dem Renault-Team Paroli bieten oder auch davon fahren», sagte Simon Opel, Leiter Sonderprojekte Motorsport bei Schaeffler, im Interview mit der Autogazette. Während Lucas Di Grassi der direkte Verfolger des amtierenden Weltmeisters ist, liegt Daniel Abt auf dem zehnten Rang der Gesamtwertung.

Mindestens ebenso wichtig wie die Jagd nach WM-Punkten ist laut Opel das Sammeln von Erfahrungen im Bereich der Elektromobilität. «Für uns war das von Beginn an die Motivation, Motorsport nicht nur als Marketing-Instrument zu betreiben sondern auch unsere eigene Entwicklung mit zu involvieren. So emotionalisieren wir das Thema Elektromobilität und bieten unseren Ingenieuren praktische Erfahrungen in diesem spanenden Umfeld.»


Wichtige Erfahrungen aus dem Motorsport

Opel betont aber, dass dabei Technologietransfer stets ein Thema im Motorsport sei, doch sei das heutzutage so gut wie nie direkt umsetzbar. «So muss das Getriebe eines Rennwagens beispielsweise nur ein paar Stunden halten, sein Serien-Straßen-Pendent hingegen ein ganzes Autoleben lang. Von daher ist der Transfer nicht eins zu eins übertragbar.»

Die Erfahrungswerte aus dem Motorsport sind aber trotzdem sehr wichtig. «Wenn man den Blick auf das Ansprech- und Schwingungsverhalten im Antriebsstrang, Rekuperation und Steuerung lenkt, dann werden die wertvollen Überträge für das Elektroauto von morgen größer. Insofern werden in der Formel E auch Entwicklungen getestet, die dann später in die Serie einlaufen.»

«Bedeutung der Formel E wird weiter wachsen»

Lucas Di Grassi im Formel E-Boliden
Lucas Di Grassi im Formel E-Boliden © Schaeffler

Autogazette: Herr Opel, die Formel E fährt mittlerweile in ihrer dritten Saison und erfreut sich zunehmender Aufmerksamkeit. War dieser Weg von Anfang klar oder gab es zu Beginn der ersten Saison Zweifel am Fortbestehen der damals neuen Serie?

Simon Opel: Zweifel hatten wir nicht, sonst hätte sich Schaeffler nicht in dem heute bekannten Umfang an der weltweit ersten Rennserie für Elektrofahrzeuge beteiligt. Für Schaeffler bietet diese vom Weltautomobilverband FIA ausgeschriebene Weltmeisterschaft eine ideale Möglichkeit die Kompetenzen zum Thema Elektromobilität weiter zu entwickeln und im Wettbewerb zu demonstrieren. Natürlich ist es für uns Pioniere ein schönes Zeichen, dass sich die Formel E heute zu der internationalen Rennserie mit der größten Zahl involvierter Automobilhersteller und Zulieferer entwickelt hat. Und die Bedeutung der Formel E wird in Zukunft mit Sicherheit weiter wachsen.

Autogazette: An Bedeutung gewinnt die Serie auch bei den Autoherstellern, die wie Mercedes oder Jaguar zur Serie dazu stoßen. Läuft die Formel E der Formel 1 den Rang ab?

Opel: Die Formel E möchte keine direkte Konkurrenz zur Formel 1 sein. Sie bietet eine andere Art von Motorsport. Austragungsorte für die spannenden Formel-e-Rennen sind die Innenstädte. Und auch das Publikum unterscheidet sich zu einem Gutteil von den Besuchern traditioneller Autorennstrecken. Die Regelmacher haben von Beginn an den technischen Fokus auf die Themen Elektromobilität, Software oder Energiemanagement gerichtet. Sie besitzen einen sehr hohen Stellenwert Ein weiterer sind die Attraktivität auf der Strecke und die Ansprache des Publikums über Social-Media.

Autogazette: Nach den in der ersten Saison verwendeten Einheitsautos werden die Elektromonoposti seit der zweiten Saison nun teamindividuell mit eigenentwickelten Antriebssträngen – sprich Motor und Getriebe – bestückt. Sehen Sie das als Vorteil an? Schaeffler ist auf diesem Gebiet ja bestens aufgestellt…

Opel: Die Entwicklung des Antriebsstranges freizustellen war von Beginn an der Plan der Formel E. Und hier liegt in der Tat eine der Kernkompetenzen von Schaeffler. Für uns war das von Beginn an die Motivation, Motorsport nicht nur als Marketing-Instrument zu betreiben sondern auch unsere eigene Entwicklung mit zu involvieren. So emotionalisieren wir das Thema Elektromobilität und bieten unseren Ingenieuren praktische Erfahrungen in diesem spanenden Umfeld. Natürlich war die reglementbedingte Freigabe zur Entwicklung eigener Antriebsstränge wichtig, um neben dem sportlichen auch einen technischen Wettbewerb zu generieren.

«Handvoll Teams relativ nahe beieinander»

Daniel Abt beim Saisonauftakt in Hongkong
Daniel Abt beim Saisonauftakt in Hongkong © Schaeffler

Autogazette: Verursacht der Wettbewerb einen besonderen Siegdruck?

Opel: Den Antrieb, zu den Gewinner zu zählen, haben wir immer. Das ist doch nahe liegend und menschlich. Aber sicher ist der Wille zu siegen, ist einmal ausgeprägter, wenn man es selbst in der Hand hat, beziehungsweise seinen Teil mit der eigenen Technologie dazu beiträgt.

Autogazette: Sind Sie nach den ersten Rennen dann etwas von den Ergebnissen enttäuscht?

Opel: Die Konkurrenz ist stärker geworden. Aber wir haben auch deutliche Fortschritte gemacht. In dieser Saison liegen nun eine Handvoll Teams relativ nahe beieinander. Dadurch wird der Wettbewerb stärker und deshalb sind wir grundsätzlich mit der Performance unserer Fahrzeuge zufrieden, auch wenn wir unser Potenzial in den ersten beiden Rennen noch nicht hundertprozentig zeigen konnten. Wir sind aber zuversichtlich, dass wir in dieser Saison noch den einen oder anderen Sieg einfahren werden.

Autogazette: Bisher ist es eine Ein-Mann-Show von Titelverteidiger Sebastien Buemi. Kann diese Dominanz gebrochen werden?

Opel: Ich hoffe (lacht). Wir haben die Technik und zwei starke Fahrer, die die Technik und das Energiemanagement verstehen. Darum werden wir in dem einen oder anderen Rennen dem Renault-Team Paroli bieten oder auch davon fahren…

«Fahrzeugwechsel ab fünfter Saison überflüssig»

Simon Opel (l.) mit Schaeffler-Technikvorstand Peter Gutzmer
Simon Opel (l.) mit Schaeffler-Technikvorstand Peter Gutzmer © Schaeffler

Autogazette: Noch werden die Fahrzeuge während eines Laufs gewechselt. Wann wird ein Auto reichen?

Opel: In der Roadmap der Formel E ist ab der fünften Saison eine neue Batterie vorgesehen. Diese Batterie wird dann über die Energiemenge verfügen, die einen Fahrzeugwechsel überflüssig macht. Auch diese Batterie wird dann wieder eine für alle Teams einheitliche Batterie sein, die aus den Händen eines Zulieferers kommt.

Autogazette: Wird es ab der fünften Saison dann auch einen vierten Gang für die Elektroboliden geben?

Opel: Was die anderen Teams bezüglich dieses Themas machen, erfragen Sie besser dort. Wir aber werden keinen weiteren Gang einlegen.

Autogazette: Es wird betont, dass vom Motorsport die Technologie in die Serie fließt. Gab es bisher schon Transfers?

Opel: Technologietransfer ist stets ein Thema im Motorsport, doch das heutzutage so gut wie nie direkt umsetzbar. Aber in der Formel E ist der Transfer deutlich prägnanter als in anderen Serien. So kommen in den Rennwagen sowohl Standard-Komponenten als auch eigens für den Rennsport konzipierte Bauteile zum Einsatz, die sich für einen Einsatz in einem Serien-Straßenfahrzeug gar nicht eignen.

Autogazette: Können Sie ein Beispiel nennen bitte?

Opel: So muss das Getriebe eines Rennwagens beispielsweise nur ein paar Stunden halten, sein Serien-Straßen-Pendent hingegen ein ganzes Autoleben lang. Von daher ist der Transfer nicht eins zu eins übertragbar. Aber wenn man dann den Blick auf das Ansprech- und Schwingungsverhalten im Antriebsstrang, Rekuperation und Steuerung lenkt, dann werden die wertvollen Überträge für das Elektroauto von morgen größer. Insofern werden in der Formel E auch Entwicklungen getestet, die dann später in die Serie einlaufen.

«Elektromobilität wird sich in den nächsten fünf Jahren stark verändern»

Mit dem Bio-Hybrid durch die Stadt
Mit dem Bio-Hybrid durch die Stadt © Schaeffler

Autogazette: Jetzt kommen elektrische Serienfahrzeuge mit gesteigerten Reichweiten zwischen 400 und 500 Kilometern, wie der Renault Zoe oder der Opel Ampera-e, auf den Markt. Sehen Sie einen Durchbruch der Elektromobilität?

Opel: Das Thema Elektromobilität wird sich in den nächsten fünf Jahren stark verändern. Das hat selbstverständlich auch mit dem Fahrzeugangebot zu tun. Natürlich ist die Tatsache, dass sich der durchschnittliche Autofahrer nur noch weniger Gedanken über die mögliche Reichweite machen muss einen entscheidender Punkt. Und auch durch die Veränderung der Infrastruktur wird die Elektromobilität künftig einen anderen Stellenwert genießen.

Autogazette: Die Formel E gewinnt konstant an Profil. Wann wird es denn so weit sein, bis elektrische Serienfahrzeuge sich auf Augenhöhe mit Verbrennern befinden?

Opel: Ich denke, da muss man zwischen urbaner und nicht-urbaner Mobilität entscheiden. In großen Städten wird sich das Bild wohl schneller verändern als im ländlichen Bereich. Deshalb finden die Rennen zur Formel-E-Weltmeisterschaft auch hauptsächlich in den Städten statt. Dort wo die Elektromobilität von Beginn an ihre Stärken ideal ausspielen kann.

Das Interview mit Simon Opel führte Thomas Flehmer



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