19. April 2017

Schaeffler Digital-Chef Gerhard Baum «Die Digitalisierung verändert für Unternehmen alles»

Gerhard Baum ist Digitalchef bei Schaeffler. Fotos ▶
Gerhard Baum ist Digitalchef bei Schaeffler. © Schaeffler

Der Zulieferer Schaeffler hat im Oktober eine strategische Partnerschaft mit IBM geschlossen. Was seither geschehen ist und was die Digitalisierung für das Herzogenauracher Unternehmen bedeutet, darüber sprach die Autogazette mit Digitalchef Gerhard Baum.




Der Zulieferer Schaeffler eröffnet sich mit der Digitalisierung neue Geschäftsfelder. «Wir sind durch die zunehmende Digitalisierung in der Lage, Daten zum Vorteil des Kunden zu nutzen. Daten allein zur Verfügung zu stellen bringt nichts. Es geht darum, dem Kunden durch die gesammelten Daten zu helfen, ihn bei seiner Wertschöpfung zu unterstützen», sagte Schaeffler Digital-Chef Gerhard Baum im Interview mit der Autogazette.


Lieferant komplexer mechatronischer Produkte

Wie Baum hinzufügte, würde Schaeffler seinen Kunden bereits heute komplexe mechatronische Produkte wie Wankstabilisatoren liefern, die beispielsweise im BMW 7er, im Bentley Bentayga oder bei Audi zum Einsatz kommen. «Was die Digitalisierung jetzt zusätzlich leisten kann, ist, dass diese mechatronischen Produkte, die bereits heute Daten generieren, digital erweitert werden, noch mehr Funktionen erhalten und über die Cloud zusätzlich den Einstieg in neue Geschäftsmodelle ermöglichen», so der Digitalchef.

«IBM ist der ideale Partner»

Autogazette: Herr Baum, im Oktober des vergangenen Jahres hat Schaeffler die strategische Partnerschaft mit IBM bekannt geben. Was wird dadurch für das Unternehmen möglich, was bisher nicht möglich war?

Gerhard Baum: Die Digitalisierung verändert für Unternehmen alles, nicht nur was sie tun, sondern auch wie sie es tun. Wenn man Kompetenzen oder Technologien selbst nicht besitzt, dann müssen sie überlegen, wie sie sie trotzdem nutzen können. Ein traditioneller Kauf war angesichts unserer strategischen Ausrichtung keine Option, sondern es ging uns von Anfang an um eine Kooperation.

Autogazette: Wie haben Sie diese Kooperation definiert?

Baum: Es sollte mehr sein als eine traditionelle Zulieferer-Beziehung, wir wollten uns in eine digitale Kooperation mit einem neuen Ökosystem begeben. Dafür ist IBM der ideale Partner, der uns Zugriff auf Technologien, neue Netzwerke und F&E gibt.

Autogazette: In welchen Bereichen ergeben sich für Sie Vorteile?

Baum: Ich denke beispielsweise an Machine Learning, kognitive Technologien, die wir dringend benötigen, aber auch Vorteile im Umfeld der Plattformtechnologien und an eine Open Standards-basierte Cloud für die weltweiten Schaeffler-Standorte. All das bietet uns die Möglichkeit, noch mehr Geschwindigkeit in diesen Bereichen aufzunehmen.

«Befinden uns in komplexen Produktionsprozessen»

Digitale Dienstleistungen ergänzen herkömmliche Geschäftsmodelle
Digitale Dienstleistungen ergänzen herkömmliche Geschäftsmodelle © Schaeffler

Autogazette: Welche Themen konnten Sie seit dem Start der Kooperation schon anschieben?

Baum: Wir konnten bereits eine Vielzahl von Dingen anschieben und sehen bereits Ergebnisse, weil die Kooperation bereits vor der offiziellen Ankündigung eine Probephase hinter sich hatte. Da ist beispielsweise unsere Schaeffler-Cloud unter Nutzung der IBM-Technologie zu nennen. Sie lief bereits schnell nach dem Start der Kooperation. Darüber laufen bereits eine Vielzahl von Projekten und Applikationen.

Autogazette: Können Sie ein Beispiel nennen, was Ihnen die Cloud ermöglicht?

Baum: Wir befinden uns in sehr komplexen Produktionsprozessen, bei denen es um eine Genauigkeit von wenigen Tausendstel Millimetern geht. Entsprechend können Sie sich vorstellen, wie sehr es uns die tägliche Arbeit erleichtert, diese Genauigkeit mit Big Data und neuronalen Netzen weiter optimieren zu können und über die Cloud zentral zu steuern.

Autogazette: Schaeffler stand bislang für seine Kompetenz bei Lagern und Getrieben. Die Digitalisierung gehörte nicht dazu. Wie lange braucht es, um hier eine Kernkompetenz aufzubauen?

Baum: Schaeffler macht bereits heute komplexe mechatronische Produkte wie Wankstabilisatoren im BMW 7er, im Bentley Bentayga oder bei Audi. Das gilt ebenso für das Thermomanagement Modul oder Kupplungen. Was die Digitalisierung jetzt zusätzlich leisten kann, ist, dass diese mechatronischen Produkte, die bereits heute Daten generieren, digital erweitert werden, noch mehr Funktionen erhalten und über die Cloud zusätzlich den Einstieg in neue Geschäftsmodelle ermöglichen.

«Digitalisierung ist das nächste Level der Innovation»

Sensoren in einer Windkraftanlage
Sensoren in einer Windkraftanlage © Schaeffler

Autogazette: Wieviel Geld aus dem Entwicklungsetat wird jährlich für die Digitalisierung ausgegeben?

Baum: Wir sind hier mit signifikanten Summen unterwegs. Es ist Teil der Firmenstrategie, mit der wir unser Unternehmen für die Zukunft wettbewerbsfähig halten werden. Digitalisierung ist keine Spielerei, Digitalisierung ist für uns das nächste Level der Innovation und Produktivität.

Autogazette: Schaeffler-Entwicklungschef Peter Gutzmer hat die Digitalisierung als wichtigen Business-Case bezeichnet. Wie bedeutend wird er perspektivisch für das Ergebnis des Unternehmens sein?

Baum: Wir machen Dinge nur, wenn sie auch unseren Umsatz und unsere Profitabilität positiv beeinflussen. Natürlich haben wir eine konkrete Planung. Details kann ich Ihnen leider nicht geben.

Autogazette: Was bedeutet die zunehmende Digitalisierung für den Werker? Muss er um seinen Job fürchten?

Baum: Wir versuchen Dinge frühzeitig zu erkennen und den Werker, die gesamte Mannschaft auf diesem Weg mitzunehmen. Wir definieren gerade, wie die Fabrik der Zukunft ausschaut, wie die Digitalisierung den Mitarbeiter entlasten kann. Wir definieren das Thema Digitalisierung dabei mit den Menschen. Es wird Veränderungen geben. Wichtig sind dabei Aus- und Weiterbildungsprogramm. Niemand muss um seinen Job fürchten. Natürlich setzen wir auch Robots ein, dort, wo es den Mitarbeiter entlastet. Mensch und Maschine werden dabei so kommunizieren, dass der Mensch versteht, welches Problem die Maschine hat und umgekehrt.

«Künstliche Intelligenz ist ein Buzz-Word»

Autogazette: Sie sprechen von selbstlernenden Systemen, künstlicher Intelligenz...

Baum: ...künstliche Intelligenz ist ein Buzz-Word, das falsche Assoziationen hervorruft. Ich nenne es „Machine Learning“. Wir nutzen Machine Learning, um neuronale Netze mit unseren Daten zu trainieren, um wiederum Prozessverbesserungen zu erreichen. Da sind wir gut unterwegs. Wir werden in naher Zukunft komplexe Themen mit mehr Daten angehen.

Autogazette: Bislang verkauften Sie an Ihre Kunden Komponenten wie Lager und Getriebe. Wird das zukünftig von Daten ergänzt?

Baum: Nur Daten an Kunden zu verkaufen wird meistens nicht funktionieren. Es geht um einen Business-Value. Wir sind durch die zunehmende Digitalisierung in der Lage, Daten zum Vorteil des Kunden zu nutzen. Daten allein zur Verfügung zu stellen bringt nichts. Es geht darum, dem Kunden durch die gesammelten Daten zu helfen, ihn bei seiner Wertschöpfung zu unterstützen.

Autogazette: Lassen Sie uns konkreter werden: Durch die gesammelten Daten können Sie beispielsweise dem Kunden sagen, dass das Bauteil XY bald ein Problem hat?

Baum: Ja. Das Thema der Gesamtanlageneffektivität, der Overall Equipment Efficiency, haben wir seit Jahren intensiv bearbeitet. Dadurch können wir für unsere Produkte die Qualität auf eine neue Ebene bringen. Wir können zugleich unseren Kunden sagen, wann eine Wartung, eine Instandhaltung nötig ist. Wir können dem Kunden helfen, seine Total-Cost-of-Ownership gering zu halten. Es geht nicht nur um Big Data, sondern die Verknüpfung mit der mechanischen Welt. Hier haben wir jahrelang in Simulationsmodelle investiert. Wenn wir die beiden Welten zusammen bringen, dann weiß ich nicht nur, dass es eine Korrelation gibt, sondern verstehe sie auch genau und kann sie optimieren.

«Schaeffler ist heute ein Systemlieferant»

Digitale Produktion bei Schaeffler
Digitale Produktion bei Schaeffler © Schaefller

Autogazette: Schaeffler entwickelt sich damit von einem klassischen Teilelieferanten zum Systemlieferanten?

Baum: Schaeffler ist heute ein Systemlieferant. Die Doppelkupplung, der Wankstabilisator oder das Thermomanagementsystem sind die besten Beispiele. Ich würde vielmehr sagen: Schaeffler geht vom Systemlieferanten in Richtung eines Lösungsanbieters – und das bei allen Mega-Trends wie vernetzte Produkte, autonomem Fahren und Elektromobilität.

Autogazette: Wie problematisch ist es, die von Ihnen gelieferten Komponenten mit Sensoren auszustatten, sie zu digitalisieren?

Baum: Wenn wir beispielsweise an Windturbinen, an die Schifffahrt oder auch den Schienenverkehr denken: dort gibt es bereits eine Sensorik, sodass es hier darum geht, diese Sensorik zu erweitern. Bereits heute überwacht Schaeffler Windturbinen – und auch in anderen Industrien sind wir tätig oder werden zukünftig noch intensiver tätig sein. Es gibt dabei eine Vielfalt von Sensorik die an die Cloud angebunden und gemanagt werden muss.

«Digitalisierung ist ein Moving Target»

Autogazette: Wir erleben bei der zunehmenden Vernetzung eine Diskussion um den Datenschutz. Sehen Sie das auch für die Einsatzbereiche bei sich als Problem?

Baum: Datenschutz und Datensicherheit sind wichtige Themen und werden von uns unter allen Aspekten bearbeitet. Das Thema Datenschutz ist vor allem bei personenbezogenen Daten relevant. Doch auch die Maschinendaten stellen ein Thema dar, weil laut Rechtsprechung demjenigen die Daten gehören, der den Vertrag dazu abschließt. Um sich da nicht gegenseitig zu behindern, ist es wichtig, in wertschöpfenden Eco-Systemen zusammenzuarbeiten.

Autogazette: Gibt es für Sie eine Zeitspanne, wo sie mit Blick auf die Digitalisierung glauben, den anvisierten Zielen näher gekommen zu sein?

Baum: Digitalisierung ist ein Moving Target, also wird man sein Ziel immer wieder neu und breiter definieren. Man muss sie immer wieder neu definieren. Doch ein Unternehmen, was sich nicht auf die Digitalisierung vorbereitet und diesen Weg nicht entschieden geht, wird in Zukunft ein Problem mit der Wettbewerbsfähigkeit haben. Zugleich müssen wir gesellschaftlich sicherstellen, dass die Wertschöpfung in diesem Bereich gerecht verteilt wird. Das ist nicht nur eine politische, sondern auch eine gesellschaftliche Herausforderung.

Das Interview mit Gerhard Baum führte Frank Mertens



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