24. September 2016

Renault-Deutschlandchef Uwe Hochgeschurtz «Beim Elektrofahrzeug ist der Bann gebrochen»

Uwe Hochgeschurtz, Vorstandsvorsitzender von Renault Deutschland
Uwe Hochgeschurtz, Vorstandsvorsitzender von Renault Deutschland © AG/Flehmer

Renault führt das Segment der Elektroautos in Deutschland und Europa an. Im Interview mit der Autogazette spricht Renault-Deutschlandchef Uwe Hochgeschurtz trotz der geringen Resonanz für den Umweltbonus von einem Durchbruch der neuen Technologie.




Die Resonanz auf die seit dem 2. Juli geltende Kaufprämie für Elektroautos und Plug-in-Hybride ist verhalten. Trotzdem sieht Uwe Hochgeschurtz einen Durchbruch für die neue Technologie. «Beim Elektrofahrzeug ist der Bann gebrochen. Wir sind über eine Schwelle hinausgegangen. Das Auto steht in der Öffentlichkeit. Die anderen Technologien befinden sich noch in einem Forschungs- oder Versuchsstadium. Das ist der große Unterschied zwischen einem Elektrofahrzeug und allen anderen Technologien. Der Durchbruch ist da», sagte der Vorstandsvorsitzende von Renault Deutschland im Interview mit der Autogazette. Renault ist Marktführer im Segment der Elektroautos in Europa und Deutschland.


«Eine Million Elektroautos absolut realistisch»

Dass die von der Politik ausgelobte Kaufprämie - bis Anfang September gingen gerade einmal 3027 Anträge für den Umweltbonus ein - auf dem Weg zu einem Misserfolg ist, sieht der Manager so nicht. «Es ist noch zu früh zu sagen, ob es ein Erfolg wird oder nicht. Wir bei Renault stellen schon fest, dass es mehr Interesse gibt. Und Kaufentscheidungsprozesse dauern zumeist etwas länger. Man sollte deshalb noch ein, zwei Monate warten, ehe man ein Urteil fällt.»

Auch die von Bundeskanzlerin Merkel geforderten eine Million Elektroautos bis zum Jahr 2020 sieht Hochgeschurtz als «absolut realistisch» an. «Ob schon im Jahr 2020 ist eine ganz andere Frage.» Der Renault-Manager rechnet aber damit, dass es langfristig zum Erfolg kommen wird, «da die Autohersteller – wie auch Renault - sehr viel Geld in die neue Technologie investiert haben. Jedes verkaufte Elektroauto wird diese Kosten amortisieren.» Zudem werde die Reichweite der Elektroautos in Zukunft ansteigen, sodass die Angst vor dem Liegenbleiben minimiert werde.

«Zeit für Elektroauto ist reif und Prämie richtig»

Mit dem Twizy stieg Renault in die Elektromobilität ein
Mit dem Twizy stieg Renault in die Elektromobilität ein © Renault

Autogazette: Herr Hochgeschurtz, nach dem ersten Monat ihrer bisherigen knapp 120 Tage als Vorstandsvorsitzender von Renault Deutschland konnten Sie einen Zuwachs von 13 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2015 verkünden. Am 2. Juli ging dann die Elektroprämie an den Start. Hätten Sie sich einen schöneren Beginn vorstellen können?

Uwe Hochgeschurtz: Auf alle Fälle ist ein Einstieg besser, wenn es gut läuft. Es ist auch gut, dass die Bundesregierung sich mit der Prämie am Aufbau der Elektromobilität beteiligt. Das gibt Rückenwind. Aber es ist auch vollkommen normal. Wenn etwas gefordert wird, muss man auch etwas dafür tun, damit es umgesetzt werden kann.

Autogazette: Wäre es nicht sinnvoller gewesen, erst in die Infrastruktur und dann in die Fahrzeuge zu investieren?

Hochgeschurtz: Der Kunde muss motiviert werden, in die neue Welt einzusteigen.

Autogazette: Die Nachfrage ist aber sehr zurückhaltend. Bis Anfang September waren gerade mal 3027 Anträge eingegangen. Ist die Zeit noch gar nicht reif für ein Elektroauto?

Hochgeschurtz: Die Zeit ist auf jeden Fall reif und die Prämie ist richtig. Es ist noch zu früh zu sagen, ob es ein Erfolg wird oder nicht. Wir bei Renault stellen schon fest, dass es mehr Interesse gibt. Und Kaufentscheidungsprozesse dauern zumeist etwas länger. Man sollte deshalb noch ein, zwei Monate warten, ehe man ein Urteil fällt. In Deutschland haben wir jedenfalls in den ersten sieben, acht Monaten so viele Elektrofahrzeuge verkauft wie im gesamten letzten Jahr. Das ist das am schnellsten wachsende Segment für uns.

«Angst, liegen zu bleiben ungerechtfertigt»

Der Renault Zoe ist die Nummer eins unter den Elektroautos
Der Renault Zoe ist die Nummer eins unter den Elektroautos © Renault

Autogazette: Aber in homöopathischen Dosen . . .

Hochgeschurtz: . . . über 2300 Elektroautos, wovon 1836 auf den Zoe entfallen. Wir sind Marktführer in Deutschland und Europa. Es geht aufwärts, das ist deutlich zu sehen. Und man darf nicht vergessen, dass es sich um eine neue Technologie handelt, bei der alles immer klein anfängt. Und die Steigerung ist überproportional im Vergleich zu den anderen Segmenten.

Autogazette: Rechnen Sie mit einer kontinuierlichen Verdopplung pro Jahr?

Hochgeschurtz: Über Zahlen zu sprechen ist relativ sinnlos. Erst müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Die erste Rahmenbedingung «finanzielle Unterstützung» ist da. Die Ladestationen müssen weiter ausgebaut werden. Die Angebote für das Laden daheim müssen transparenter gemacht werden.

Autogazette: Der große Knackpunkt zumindest in psychologischer Sicht ist immer noch die fehlende Reichweite der Elektroautos. Wie kann diese Angst potenziellen Kunden genommen werden?

Hochgeschurtz: In den meisten Fällen ist diese Angst ungerechtfertigt, weil die meisten gar nicht so weit fahren, ehe sie wieder eine Ladestation erreichen. Aber trotzdem müssen wir sie vor dieser Angst befreien. Ich denke, dass es in den nächsten Jahren höhere Reichweiten geben wird. Wir werden in dieser Beziehung zulegen und dann auch noch Käuferschichten erreichen, die wirklich mehr Reichweite pro Tag benötigen.

Autogazette: Opel will nächste Jahr ein Elektroauto mit einer Reichweite von 400 Kilometern anbieten. Dann muss Renault nachziehen.

Hochgeschurtz: Diese Reichweiten werden bald für alle Hersteller erreichbar sein. Aber viel wichtiger ist es, dass die Autos gefahren werden. Dann werden die Fahrer schnell merken, dass sie keine Angst vor einer fehlenden Reichweite haben müssen.

Keine Pläne für elektrischen Dacia

Die Dacia-Flotte wird erst einmal nicht elektrifiziert
Die Dacia-Flotte wird erst einmal nicht elektrifiziert © Dacia

Autogazette: Wird es denn so schnell aufwärts gehen, dass die von Bundeskanzlerin Angela Merkel geforderten eine Million Elektroautos für 2020 erreicht werden können?

Hochgeschurtz: Die Zahl ist absolut realistisch – ob schon im Jahr 2020 ist eine ganz andere Frage. Zudem haben die Autohersteller – wie auch Renault - sehr viel Geld in die neue Technologie investiert. Jedes verkaufte Elektroauto wird diese Kosten amortisieren.

Autogazette: Wird es denn noch neue Elektromodelle von Renault geben dürfen denn noch erwartet werden oder werden nun die bestehenden Baureihen elektrifiziert?

Hochgeschurtz: Wir sind mit dem Zoe, dem Twizy und dem Kango Z.E. extrem gut aufgestellt und sind Marktführer. Wir entwickeln natürlich die Technologien weiter. Aber heute ein neues Modell anzukündigen wäre verfrüht.

Autogazette: Wann kommt denn das erste Elektroauto von Dacia – als dann in Dacia-Tradition günstigstes Elektroauto überhaupt?

Hochgeschurtz: Solche Pläne kann ich nicht bestätigen. Wenn Sie ein günstiges Elektroauto kaufen wollen, kaufen Sie den Zoe.

«Der Durchbruch ist da»

Autogazette: Trotzdem muss doch die elektrische Flotte ausgebaut werden, da aus Frankreich zu hören ist, dass bei einer firmeninternen Sitzung der Renault-Manager Thierry Bollore die Zukunft des Dieselmotors in Frage gestellt habe . . .

Hochgeschurtz: . . . dazu kann ich konkret nichts sagen. Aber es ist vollkommen klar, dass es Verschiebungen geben wird. Die gab es in den letzten Jahrzehnten auch. Und das ist auch gut so! Nur wenn sie Alternativen haben, wird man den richtigen Weg finden. Gestandene oder bestehende Technologien müssen immer wieder durch neue Technologien herausgefordert werden. Das Elektroauto wird ganz klar die Benzin- und Dieseltechnologie herausfordern, um auch in den Innenstädten das Problem der Abgase zu schmälern. Aber zu sagen, die ein oder andere Technologie ist tot, halte ich für sehr gefährlich, da es immer auch verschiedene Einsatzbereiche gibt.

Autogazette: Das heißt auch, dass bei Renault demnächst auch eine Brennstoffzelle zu den neuen Herausforderern zählt?

Hochgeschurtz: Die Brennstoffzelle wird bei uns in der Forschung auch vorangetrieben. Man muss aber realistisch sein: Wir sind noch nicht bereit, die Technologie in einem großem Volumen anbieten zu können.

Autogazette: Also ein ähnlicher Vorgang wie beim Elektroauto?

Hochgeschurtz: Mit dem Unterschied, dass das Elektroauto schon auf dem Markt ist und in größeren Modell- und Volumenangeboten zur Verfügung steht. Und es ist technisch auf der Höhe der Zeit zu vernünftigen Preisen. Diese Technologie steht zur Verfügung. Alle Technologien, die danach kommen – und die werden kommen, vielleicht in zwei oder fünf Jahren oder gar nicht. Oder die nach einer kurzen Zeit wieder in der Versenkung verschwinden.

Autogazette: Kann das Elektrofahrzeug auch noch wieder verschwinden?

Hochgeschurtz: Beim Elektrofahrzeug ist der Bann gebrochen. Wir sind über eine Schwelle hinausgegangen. Das Auto steht in der Öffentlichkeit. Die anderen Technologien befinden sich noch in einem Forschungs- oder Versuchsstadium. Das ist der große Unterschied zwischen einem Elektrofahrzeug und allen anderen Technologien. Der Durchbruch ist da. Und wir haben das bestverkaufte Elektrofahrzeug nicht nur von den Importeuren, sondern von allen Herstellern.

Das Interview mit Uwe Hochgeschurtz führte Thomas Flehmer



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