29. September 2017

Friedhelm Engler, Design-Vorausentwicklung Opel «Für junge Designer ist das wie Candy-Shop»

Friedhelm Engler vor dem Opel Grandland X
Friedhelm Engler vor dem Opel Grandland X © AG/Flehmer

Der Wandel der Automobilindustrie in Richtung Elektromobilität verschafft den Designern einen enormen Freiraum. Im Interview mit der Autogazette spricht der Opel-Design-Direktor Friedhelm Engler über die Priorität des Innenraums und unspannende Leistungsgedanken.




Der Weg in die Elektromobilität und zum autonomen Fahren beschert den Designern der Hersteller neue gestalterische Freiräume. «Die Möglichkeiten sind immens. Es ist spektakulär. Das Klavier hat auf einmal viel mehr Tasten. Und ich kann es ganz anders spielen, allein oder zu zweit», sagt Friedhelm Engler im Interview mit der Autogazette. Der Manager ist Direktor Design-Vorausentwicklung und Forschung bei Opel/Vauxhall und verantwortlich dafür, Zukunftstrends in neue Mobilitätskonzepte umzusetzen.

Im Gegensatz zum BMW i-Designchef Domagoj Dukec, der trotz neuer Technologien kaum grundlegende Änderungen am Package erkennt, freut sich Engler über die neuen Freiheiten. «Bisher war die Technik relativ fix und der Designer versuchte, an jedem Stellrädchen zu drehen. Es war ein Kampf um Millimeter», so Engler, «die Möglichkeiten für die nächsten zehn Jahre sind schon so immens, dass es mir fast den Atem nimmt. Als Designer: Jetzt oder nie! Für einen jungen Designer ist das wie im Candy Shop. Ich kann so viel naschen, bis ich nicht mehr kann, bis ich komplett überzuckert bin.»


Klassische Merkmale weniger relevant

Dabei kommt der Innenraumausstattung die höchste Priorität zu, da sich mit dem technischen Wandel auch ein kultureller Wandel vollziehen werde, der den Insassen neue Möglichkeiten der Raumnutzung bietet. «Die Nutzung des Fahrzeugs – ob ich jetzt hintereinander oder gegenüber sitze, ob ich stehe oder liege, ob ich mich bewegen kann und da rede ich nicht vom Stadtbus – wird die externe Fahrzeugarchitektur stärker bestimmen, als es in der Vergangenheit der Fall war.»

Engler, der die aufregende GT-Studie vor eineinhalb Jahren verantwortete, steht das Autonicht allein für sich («Das würde mir weh tun»), sondern im Zusammenhang des städtebaulichen und kulturellen Wandels. «Die klassischen Merkmale wie Geschwindigkeit und Technik sind weniger relevant als heute. Der Leistungsgedanke ist gar nicht mehr relevant und vielleicht sogar das Unspannendste am neuen Konzept. Ob das Auto nun mehr Kilowatt hat oder weniger, ist mir als Designer zunächst egal. Mich interessiert viel mehr, was das Konzept vermittelt.»

Kein Kampf mehr um Millimeter

Autogazette: Herr Engler, die Automobilindustrie befindet sich im Wandel – und zwar sehr schnell. Ist damit den Designern Tor und Tür geöffnet?

Friedhelm Engler: Ich denke, das ist noch eine große Untertreibung. Ich würde es noch einen Schritt extremer verbalisieren wollen: Für einen Designer war in den letzten 30 bis 40 Jahren der Spielraum der Fahrzeugkonzepte relativ klein, auch wenn man viel umsetzen konnte. Doch wenn ich heute einen Umbruch im Kulturellen, in Technik und in der Kundenerwartung habe, kann ich jetzt Dinge in Frage stellen, die vorher keine Relevanz hatten.

Autogazette: Zum Beispiel?

Engler: Bisher saßen vier oder fünf Personen hintereinander in Fahrtrichtung. Allein diesen Aspekt kann ich nun in Frage stellen: Muss ich so sitzen, will ich so sitzen? Oder gibt es andere Möglichkeiten? Ich habe also einen viel größeren Fundus, an dem ich mich bedienen kann. Ob der Kunde das auch möchte, muss natürlich erforscht und ausprobiert werden. Das geht sicher nicht sofort auf einem Schlag, sondern stufenweise. Aber die Technik gibt es her. Bisher war es eher anders herum. Die Technik war relativ fix und der Designer versuchte, an jedem Stellrädchen zu drehen. Es war ein Kampf um Millimeter. In dem neuen Kontext, das ich vielleicht in zehn, fünfzehn Jahren komplett nutzen kann, ist das keine Frage mehr. Die Möglichkeiten sind immens. Es ist spektakulär. Das Klavier hat auf einmal viel mehr Tasten. Und ich kann es ganz anders spielen, allein oder zu zweit.

Autogazette: Das heißt, in zehn, fünfzehn Jahren wird das Auto ganz anders aussehen als heute?

Engler: Würde ich nicht unbedingt so formulieren. Ich glaube nicht, dass sich das in fünf Jahren ändert, da es auch ein evolutionärer Schritt ist. Ich muss ja den Kunden oder Benutzer dementsprechend mitnehmen, der seine eigenen Vorstellungen und Wünsche hat. Aber ich habe die technischen Möglichkeiten. Ich habe keine Grenzen mehr, die mich limitieren nur noch meine Kreativität.

Autogazette: . . . das heißt, die Evolution der letzten 50 Jahre wird sich in den nächsten 50 Jahren ganz anders gestalten . . .

Engler: . . . kann ich mir kaum vorstellen, was da alles machbar wäre. Und das, obwohl man als Designer recht frech unterwegs ist. Die Möglichkeiten für die nächsten zehn Jahre sind schon so immens, dass es mir fast den Atem nimmt. Als Designer: Jetzt oder nie! Für einen jungen Designer ist das wie im Candy Shop. Ich kann so viel naschen, bis ich nicht mehr kann, bis ich komplett überzuckert bin.

Autogazette: Was für Zuckerstückchen werden wir dann erleben?

Engler: Über das automatisierte Fahren als technischem Aspekt müssen wir nicht reden. Die Frage ist: Was möchte ich in dem Fahrzeug tun? Was möchte der Kunde erleben?

«Inside-out-Denken bestimmt Design der Zukunft»

Der Opel-Stand auf der IAA
Der Opel-Stand auf der IAA © VDA

Autogazette: Auf dem Innenraum liegt die höhere Priorität?

Engler: Absolut. Das Exterieur ist natürlich immer noch ein Gradmesser für ein gutes Design, das ansprechen soll. Aber letzten Endes wird das Inside-out-Denken, also die Entwicklung von innen nach außen, in der Zukunft garantiert das Design bestimmen. Der Innenraum wird das Exterieur-Design auch treiben. Und das ist auch gut so.

Autogazette: In welche Richtung geht das Treiben?

Engler: Die Nutzung des Fahrzeugs – ob ich jetzt hintereinander oder gegenüber sitze, ob ich stehe oder liege, ob ich mich bewegen kann und da rede ich nicht vom Stadtbus – wird die externe Fahrzeugarchitektur stärker bestimmen, als es in der Vergangenheit der Fall war.

Autogazette: Wie groß muss denn ein Auto sein, dass man darin stehen oder sich bewegen kann?

Engler (lacht): Ganz ehrlich, ich kann mir sogar bei einem 2,50 Meter langen Auto vorstellen, dass ich innen stehen oder mich bewegen kann, wenn ich mich an der Geschwindigkeit eines Stadtbusses orientiere.

Autogazette: Wird es eine Zweigleisigkeit geben? Für die einen ist der Innenraum wichtig, die anderen schauen aufs Datenblatt?

Engler: Das liegt auch am kulturellen Hintergrund. Es gibt Nationen, die eher auf Lifestyle stehen. Es gibt andere Nationen oder Käufergruppen, die eher technikaffin sind. Da gibt es große Unterschiede. In Japan oder China gibt es eine hohe Technik-Affinität, Nordamerika ist dagegen sehr klassisch und auch ganz extrem futuristisch denkend unterwegs.

«Mehr Möglichkeiten mit gemäßigten Geschwindigkeiten»

Friedhelm Engler vor dem Opel GT
Friedhelm Engler vor dem Opel GT © AG/Mertens

Autogazette: Ist ein Tempolimit, das es fast nur bei uns nicht gibt, hinderlich für die Entwicklung neuer Fahrzeuge?

Engler: Es würde viele Dinge viel einfacher machen, wenn ich ein Auto nicht mehr für höhere Geschwindigkeiten konzipieren muss, sondern nur für den urbanen Kontext mit gemäßigten Geschwindigkeiten. Dann habe ich viel mehr Möglichkeiten, weil die Fahrwerks- und Antriebstechnik anders ausgelegt werden kann.

Autogazette: Also keine klassischen Einteilungen mehr?

Engler: Die Denkweise ändert sich. Ich habe auf einmal nicht mehr die klassischen Gerichte, sondern ein Buffet zur Auswahl. Also nicht mehr à la Carte oder – noch schlimmer – nur ein Gericht auf der Tageskarte. Ich habe Wahlmöglichkeiten als Kunde, als Designer oder Hersteller. Das hat es in diesem Kontext noch nie gegeben.

Autogazette: Geben die derzeitigen recht trendigen Individualisierungsprogramme wie Opels „Exclusive Line“ dabei eine Richtung vor?

Engler: Es sind Themen, die zusammenspielen, Komponenten, die zusammenpassen, die auf einem Gesamtkonzept basieren, das aber im Hintergrund bleibt.

Autogazette: Wird es dann eigene Plattformen zum Beispiel für den Innenraum geben?

Engler: Am Anfang steht die Frage, was der Kunde vom Fahrzeug erwartet. Daraus ergibt sich eine gewisse Innenraum-Konstellation, die bestimmte technische Randbedingungen erfordert. Danach muss untersucht werden, ob diese Anforderungen mit einem traditionellen Ansatz erfüllt werden können, oder ob neue Module oder Komponenten oder gar etwas ganz Neues entwickelt werden soll.

«Mich auf ein Auto zu beschränken kann mir echt wehtun»

Die Studie Opel Monza Concept prägte das spätere Design der Marke
Die Studie Opel Monza Concept prägte das spätere Design der Marke © AG/Mertens

Autogazette: Avanciert der Designer zum wichtigsten Teilchen der Entwicklung und Produktion von Autos?

Engler: Das denke ich nicht. Wir haben schon immer im Team zusammengearbeitet und werden das auch in Zukunft tun. Ich glaube nicht, dass sich da irgendetwas ändert. Das Produkt selber ist anders, nicht nur evolutionär, sondern vielleicht auch absolut revolutionär.

Autogazette: Wie äußert sich das?

Engler: Die klassischen Merkmale wie Geschwindigkeit und Technik sind weniger relevant als heute. Der Leistungsgedanke ist gar nicht mehr relevant und vielleicht sogar das Unspannendste am neuen Konzept. Ob das Auto nun mehr Kilowatt hat oder weniger, ist mir als Designer zunächst egal. Mich interessiert viel mehr, was das Konzept vermittelt, was kann ich mit dem Bewegungsmittel, mit der Mobilität tun. Und das muss nicht mal unbedingt ein Objekt, sondern kann auch ein Bewegungskonzept sein. Mich auf ein Auto zu beschränken, das kann mir echt wehtun. Da würde ich schon zwei, drei Schritte weitergehen wollen.

Autogazette: Auf was beziehen Sie sich außerhalb des Autos?

Engler: Wenn mir jemand sagen würde: Engler, du bist ein Autodesigner, du machst jetzt ein Auto mit vier Rädern mit ein bisschen Blech und Glas drum herum, würde ich antworten, dass das viel zu kurz geschossen wäre. Unsere Visionen zur Mobilität gehen deutlich weiter.

Autogazette: Das heißt?

Engler: Mobilität ist der Moment, an dem ich mich entschließe, etwas zu unternehmen bis zu dem Moment, an dem ich den nächsten Zielort erreiche. Dazwischen ist Bewegung. Und dafür gilt es, das richtige Fortbewegungsmittel, die richtige Mobilität zu finden.

«Ganz neue Möglichkeiten für den Benutzer»

2011 hatte Opel den kleinen Stadtflitzer Rak e als Zukunftsstudie vorgestellt
2011 hatte Opel den kleinen Stadtflitzer Rak e als Zukunftsstudie vorgestellt © Opel

Autogazette: Also ein Wohnraumkonzept? Zuhause wird geduscht, gefrühstückt oder Frühsport getrieben. Was geschieht auf dem Weg zur Arbeit?

Engler: Das könnte ich mir alles vorstellen. Das war bisher nicht möglich. Aber auf den Strecken, auf denen das Auto den Input des Fahrers nicht benötigt, hätte ich genau diese Möglichkeiten. Und wenn ich im Fahrzeug nicht nur sitzen kann, wie heute im Auto, sondern mich auch drehen oder bewegen kann, werde ich das auch so nutzen. Es ergeben sich ganz neue Möglichkeiten für den Benutzer.

Autogazette: Welche?

Engler: Gerade im kulturellen Bereich gibt es diesen Umschwung. Es sind nun Dinge denkbar, die bis vor kurzem noch mit «Ach, das ist ja Zukunft» abgetan wurden. Das ist der Ruck, den wir Designer spüren. Die Umstellung in den Köpfen passiert jetzt. Und bei den Herstellern ist diese Umstellung schon länger auf der Tagesordnung. Die Konzepte, die auf der IAA zu sehen waren, sind ja nur die Spitze des Eisbergs der Entwicklung. Und das Spannende daran . . .

Autogazette: . . . verraten Sie es . . .

Engler: . . . es gibt kein richtig oder falsch. Es gibt kein Korsett mehr, in das ich hineinpassen muss, keine Schuhgröße, in die ich mich reinzwängen muss. Ich kann frei wählen . . .

Autogazette: . . . das ist ja Anarchie . . .

Engler: . . . nein, es ist mehr als Evolution. Es sind mehrere Möglichkeiten zeitgleich denkbar. Und keine davon ist falsch. Das ist das Tolle daran. Nach 30 Jahren im Designgeschäft geht jetzt die Post ab. Und da muss ich sagen: Wir sind dabei!

Autogazette: Und wenn sich dann noch die Innenstädte verändern . . .

Engler: . . . die werden sich verändern müssen. Das Verkehrsaufkommen, wie wir es jetzt haben, wird es in Zukunft so nicht mehr geben. Morgens im Stau, abends im Stau, kein Parkplatz. Das kann es nicht sein. Da gibt es andere Möglichkeiten. Natürlich nicht von jetzt auf übermorgen.

Autogazette: Werden Sie diesen Zeitpunkt im Beruf noch erleben?

Engler: Ich habe schon noch vor, ein bisschen aktiv zu bleiben (lacht). Ich habe zwar schon graue Haare . . .

Autogazette: ich wollte für Sie auch keinen frühzeitigen Abschied von der Erde herausfordern. . .

Engler: . . . Da wette ich darauf. Was wir die letzten fünf Jahre angedacht haben, werden wir dann nutzen können. Es bleibt spannend. Jetzt geht die Post ab und wir werden mit dabei sein.

Das Interview mit Friedhelm Engler führte Thomas Flehmer



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