Donnerstag, 17.05.2012 - 10:29 Uhr
22. Juni 2010

Oldtimer im Alltagseinsatz Gelebte Geschichte

Nicht alle Oldtimer sind für die Fahrt zum Büro geeignet
Nicht alle Oldtimer sind für die Fahrt zum Büro geeignet © Foto: dpa

Mit einem Mercedes Strich-Acht zur Arbeit fahren oder Einkäufe erledigen? Kein Problem, sagen Experten. Denn die meisten Klassiker haben mehr Alltagsqualitäten als manch einer denkt. Doch Vorsicht: Der regelmäßige Oldtimer-Einsatz birgt auch Gefahren.


Von Thomas Geiger

An jedem Feiertag eine Ausfahrt und im Kalender mehr Rallyes als Wochenenden: Unter den Autofahrern in Deutschland grassiert das Oldtimer-Fieber. Die Zahl der Klassiker steigt scheinbar unaufhaltsam. Waren beim Kraftfahrtbundesamt (KBA) in Flensburg im Jahr 2001 etwa 60.000 Fahrzeuge mit H-Kennzeichen registriert, sind es nun bereits 210.000 Autos. All die «Youngtimer» oder Dauerläufer ohne offiziellen Oldtimer-Status sind dabei noch gar nicht mitgerechnet. Und längst begnügen sich viele PS-Nostalgiker nicht mehr mit Schönwetter-Fahrten. Immer häufiger nutzen sie ihren Klassiker als Alltagsauto.

Unterschiedliches Fahrverhalten

«Im Prinzip ist das kein Problem», sagt Florijan Hadzic, Pressesprecher bei Daimler Classic in Stuttgart: «Denn viele Fahrzeuge, die heute schon als Klassiker gelten, sind wie zum Beispiel der Strich-Acht oder der SL aus der Generation R 107 bei entsprechender Pflege absolut alltagstauglich und bewähren sich auf dem Boulevard genauso wie im Berufsverkehr.» Klassiker sind laut Hadzic ja nicht nur «Schnauferl aus der Vorkriegszeit», mit denen man nun wirklich nicht ins Büro fahren will.

Dennoch mahnen Experten zur Vorsicht. Denn das Fahrverhalten eines Oldtimers ist mit dem von neuen Autos nicht vergleichbar. «Man sollte sich bewusst machen, dass oft aufgrund fehlender Servounterstützung beim Lenken und Bremsen höhere Kräfte aufzuwenden sind», warnt Klassiker-Fachmann Dieter Ritter vom Automobilclub AvD in Frankfurt. Nicht vergleichbar mit modernen Fahrzeugen seien auch die in der Regel deutlich schlechtere Reifenhaftung, Bemsleistung und Straßenlage der Oldies. «Die Errungenschaften der modernen Technik verursachen eklatante Unterschiede» - von elektronischen Assistenzsystemen, modernen Scheinwerfern oder leistungsstarken Scheibenwischern ganz zu schweigen.

Unerfahrenheit und Selbstüberschätzung

Kein Wunder, dass es mit Klassikern im Straßenverkehr häufiger kracht, als es Kulturhistorikern lieb ist. Zwar liegt die Unfallquote nach einer Statistik der Allianz-Versicherung in München wegen der geringen Fahrleistung deutlich unter dem Schnitt, und meist bleibt es nur beim Blechschaden. Doch «Unerfahrenheit und Selbstüberschätzung verbunden mit mangelnder Fahrpraxis führen besonders bei sportlichen Klassikern immer wieder zu Unfällen», sagt Johann Gwehenberger, Leiter der Unfallforschung und Schadenverhütung beim Allianz Zentrum für Technik.

Vor allem Hobbyfahrer verursachen häufig Auffahrunfälle. «Sie kennen oft nicht das niedrige Verzögerungspotenzial der Bremsen oder bremsen in der Notsituation zu vorsichtig, um ihr Fahrzeug zu schonen», sagt Gwehenberger. Mindern lässt sich dieses Risiko durch Fahrertrainings für Oldtimer-Besitzer, die von einigen Automobilclubs angeboten werden.

Nachrüstlösungen für junge Klassiker

Besonders häufig führen technische Mängel zu Klassiker-Unfällen. Sammelt sich Wasser in der Bremsleitung, können die Bremsen versagen. Auch können in die Jahre gekommene Reifen platzen oder spröde Fahrzeugscheiben das Sonnenlicht brechen und den Fahrer blenden.

Für den Alltagseinsatz eines Klassikers gilt es aber nicht nur die Tücken der Technik zu berücksichtigen: Auch die Schadstoffgesetze zwingen zur Vorsicht. «Echte Oldtimer, also Fahrzeuge mit H- oder 07-Kennzeichen, benötigen keine Feinstaubplakette. Sie sind vom Fahrverbot in den Umweltzonen ausgenommen», gibt AvD-Experte Ritter zwar Entwarnung. Doch für «Youngtimer» gelten in der Regel die gleichen Bedingungen wie für alle anderen Kfz auch: Ohne entsprechende Plakette bleibt für sie die Umweltzone tabu. Deshalb bieten viele Hersteller mittlerweile Nachrüstlösungen für ihre jungen Klassiker an. Wo dies nachweislich nicht möglich ist, kann ein «Youngtimer»-Besitzer laut Ritter eine kostenpflichtige Ausnahmegenehmigung beantragen.

Tabus für 07-Kennzeichen

Weiterer Knackpunkt beim Alltagseinsatz sind die Zulassungsregeln: «Das H-Kennzeichen ist für den Dauerbetrieb vorgesehen, jedoch an die Bedingung geknüpft, dass die Fahrzeuge vornehmlich zur Pflege des kraftfahrzeugtechnischen Kulturgutes eingesetzt werden», sagt AvD-Experte Ritter. Deshalb könnte man auf dem Weg ins Büro in Erklärungsnotstände geraten.

Tabu für die Fahrt zur Arbeit sind Autos mit einem sogenannten 07-Kennzeichen: Sie dürfen nur für Probe- und Überführungsfahrten, für die Teilnahme an Veranstaltungen sowie für Fahrten zu Wartungszwecken genutzt werden. «Zur Werkstatt dürfen Sie also fahren, zum Einkaufen um die Ecke dagegen nicht.» (dpa/tmn)


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