15. Februar 2016

Fahrbericht Satter Preis für einen Dreizylinder MV Agusta Brutale 800: Das Paket passt

Die MV Agusta Brutale 800
Die MV Agusta Brutale 800 © Milagro

Sie ist teuer. Viel teurer als die Konkurrenzmodelle. Doch die MV Agusta Brutale 800 bringt alles mit, ein Erfolg zu werden. Der wird auch benötigt, denn der Absatz der Marke soll deutlich steigen.




Eine MV Augusta ist keine Alltagsware. Gerade mal 9000 Stück – und das ist schon ein Produktionsrekord - wurden 2015 im Vareser Ortsteil Schiranna hergestellt. Gut 1000 davon wurden in Deutschland abgesetzt. Und billig ist sie natürlich auch nicht: 12.590 Euro wie für die neue Brutale 800 – wir sprechen von einer Achthunderter mit Dreizylinder-Reihenmotor – traut sich kein anderer Hersteller für eine Mittelklasse-Naked zu nehmen.

Nicht Ducati (die Monster 821 Stripe ist bei geringfügig weniger Leistung und etwas magererer Ausstattung rund zehn Prozent günstiger), nicht BMW und auch nicht Aprilia. Von den Japanern ganz zu schweigen, aber die sind ja für die Italiener ohnehin nur „Entry“, also eine Art Unterstufe. Ist das schon Hochmut?


Klassenbeste Ausstattung

Nicht wirklich. Denn die neue MV Agusta Brutale 800 vermag bis auf Kleinigkeiten rundum zu überzeugen. Ein Sahne-Motor, ein präzises, agiles Fahrwerk, tolle Bremsen, die eindeutig klassenbeste Ausstattung mit einwandfreier Fahrbarkeit, dazu ein Hingucker-Design – das Paket passt.

Der nach der ab 2017 gültigen Emissionsnorm Euro 4 abgestimmte Dreizylinder-Reihenmotor der Brutale 800 glänzt rundum: Geschmeidig dreht er blitzschnell hoch und nimmt zugleich bei niedrigsten Drehzahlen ruckfrei Gas an. Die 86,5 kW/116 PS Spitzenleistung scheint er nachgerade aus dem Ärmel zu schütteln. Bestens dosierbar ist die Kraft, der Motorlauf ist fast frei von Vibrationen. Auch der Sound überzeugt: kernig, aber nicht lästig. Nein, diesem Triple macht aktuell niemand etwas vor, auch nicht die leistungsstärkeren Achthunderter aus Schiranna in Brutale 800 RR, F3 800 oder auch Stradale 800, denn die sind biestiger. Aufs Feinste ergänzt wird das Triebwerk vom feinfühlig arbeitenden Schaltassistenten, der beide Richtungen beherrscht und damit weitestgehend kupplungsloses Schalten ermöglicht, fast frei von Zugkraft-Unterbrechung.

Grundeinstellung straff ausgefallen

Der Dreizylinder in der Brutale 800
Der Dreizylinder in der Brutale 800 © Milagro

Die früheren Brutale-Modelle waren berüchtigt für ihre Ultra-Handlichkeit, sprich Nervosität. Die hat man der dritten Modellgeneration durch technische Kniffe abgewöhnt, ohne dass das Bike nun weichgespült wirken würde. Die Grundabstimmung der Federn und Dämpfer – natürlich sind die Elemente voll einstellbar – ist straff; Komfort ist nicht die Paradedisziplin, sollte es aber bei einem Motorrad namens „Brutale“ auch nicht sein. Jetzt ist genussvolle Agilität gegeben, ohne jeden Anflug schlechter Manieren wie beispielsweise einer Aufstellneigung beim Bremsen in Kurven. Die Dreischeiben-Bremsanlage von Brembo agiert vorbildlich, das Bosch-ABS gleichermaßen; es zwingt notfalls das aufsteigende Hinterrad zuverlässig wieder zu Boden.

Überzeugend ist die Elektronik-Ausstattung: Drei Fahrmodi („Rain“, Leistung und Drehmoment reduziert, dazu „Normal“ und „Sport“ mit voller Leistung, aber unterschiedlichem Ansprechverhalten des Gasgriffs) sind normiert. Zusätzlich gibt es einen in sämtlichen Parametern (Ansprechverhalten, Traktionskontrolle, ABS ja/nein, Schaltassistent ja/nein, Drehzahlbegrenzereingriff hart/weich etc.) individuell konfigurierbaren Fahrmodus („Custom“). Das Menü des Bordcomputers ist logisch strukturiert, die Bedienung deshalb unproblematisch. Das gilt für das gesamte Motorrad, ungewöhnlich schwergängig ist lediglich die neue hydraulische Kupplung. Die Sitzposition ist einem sehr sportlichen Nakedbike angemessen unverkrampft.

Ausdrucksstarkes Design

Sehr fahrdynamisch - die Brutale 800
Sehr fahrdynamisch - die Brutale 800 © Milagro

Ein wesentlicher Aspekt bei jeder MV Agusta ist das stets extrovertierte, ausdrucksstarke Design. Neben hochwertiger Technik und reichlich Leistung ist dies sicher ein weiterer Punkt, der einen MV-Besitzer mit Stolz und Freude auf sein teures Motorrad blicken lässt. Uneingeschränkt gilt das auch für die jüngste Brutale-Generation: Die Front blickt gierig, das Heck wirkt luftig – nur wenige Motorräder können eine ähnlich attraktive Heckpartie bieten. Der neue, seitlich am Hinterradantrieb angeschlagene Kennzeichenträger passt prima dazu. Auch Leuchten und Blinke – bis auf Abblend- und Fernlicht durchwegs LED-Produkte – erscheinen wertig, wie auch das Finish von Lackierung oder Aufklebern. Bei der Isolierung von Elektrokabeln und -steckern gibt es allerdings noch Verbesserungspotenzial.

MV Agusta ist mit der dritten Generation der Brutale 800 auf gutem Weg. Sie ist teuer, wirkt aber gediegen und fährt sich freudvoll. Ab März sollen die deutschen Händler mit Probefahrten dienen können. Sie scheinen der Sache zu trauen: 100 Festbestellungen soll es schon geben. (SP-X)






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